Die Sage vom Otagraben

Einmal ging ein junger Mann von Meiselding heimwärts auf den Gunzenberg. Sein Weg führte über einen Graben, in welchem ein kleines Bächlein rinnt. Gerade, als er über den schmalen Steg ging, sah er eine grau gekleidete Frau am Wege sitzen und mit einem elfenbeinernen Spaten ein kleines Rinnsal graben. Er blieb vor ihr stehen und fragte sie, was sie hier schaffe. Sie blickte auf und gab zur Antwort, daß sie das Wasser vom Wege ableite, damit es nicht in ihre Wohnung dringe. Da er jetzt an ihrem Antlitz merkte, daß sie schon sehr alt war, wollte er ihr mitleidig die schwere Arbeit abnehmen und bat sie, ihm den Spaten zu geben. Stumm reichte sie ihm das kostbare Gerät und verschwand augenblicklich. Der arme Bauer staunte über die geheimnisvolle Frau, ging aber gleich mit vollem Eifer an die Arbeit und brachte das Wasser der ganzen Pfütze schön zum Abfließen. Kaum war dies getan, erschien die graue Gestalt wieder, ging auf ihn zu und forderte ihn auf, mitzugehen; sie wolle ihn für die Arbeit belohnen. Er verspürte jedoch wenig Lust dazu, weil er sich dachte: „Was wird sie mir geben können? Sie bedarf wohl selber einer Gabe.“ Da sie aber noch immer zu warten schien, entschloß er sich doch und ging mit ihr. Stumm schritten sie nebeneinander dahin, immer weiter in den Graben hinein, der von einem dichten Walde umgeben war. Bei dieser Wanderung wurde es dem Manne schon ganz unbehaglich und er sann darauf, wie er wieder glücklich heim gelangen könne. Auf einmal blieb die Frau vor einem hohen Felsen, der ein sonderbares Aussehen hatte, stehen. Sie murmelte einige Worte, die der Mann nicht verstand, da tat sich der Felsen auf und sie durchschritten einen langen, finsteren Gang, bis sie zu einer ehernen Tür kamen. Die Frau berührte sie mit dem Spaten, wobei diese aufsprang und eine herrliche Grotte zeigte, in welcher viele kostbare Sachen aufgehäuft lagen; auch Geld war darin in Menge vorhanden. Nun sprach das Weib zum Bauer, der seinen Augen nicht zu trauen schien: „Du darfst von allem, was da ist, nehmen, aber nur soviel du zum täglichen Leben brauchst. Damit du es täglich holen kannst, gebe ich dir diesen goldenen Schlüssel zum Tore. Den Weg zum Felsen will ich dich immer finden lassen. Sehe ich aber, daß du mein Gebot überschreitest, so verschwindet alles vor deinen Augen und du bist augenblicklich des gewonnenen Geldes los!“ Hierauf ging sie davon und ließ den Bauer allein in der Höhle. Da wußte er, daß er es mit einem Waldgeiste zu tun hatte, nahm von jedem Dinge nur ganz wenig und ging beglückt nach Hause.

Jeden Tag wanderte er jetzt zur Höhle und holte Geld, aber immer nur die erlaubte Menge, um die Gunst der Waldfrau nicht zu verscherzen. Allmählich aber regte sich in seinem Herzen die Gier nach Gold und fand täglich neue Nahrung in dem Anblicke der ungeheuren Schätze, welche in der Höhle aufgestapelt waren. Eines Tages konnte er der Versuchung nicht widerstehen und nahm so viel Gold mit sich, daß er es kaum tragen konnte. Zu Hause hatte er schon einen großen Haufen Goldes angesammelt, aber es steigerte seine Leidenschaft zu unersättlicher Habsucht. Eine Zeitlang lebte er in Saus und Braus, ohne die Wunderhöhle zu besuchen. Endlich trieb es ihn doch wieder hin. Da erschien ihm, als er eben die Tür zur Grotte öffnen wollte, die graue Frau mit dem elfenbeinernen Spaten in der Hand und blickte ihn lange schweigend an; dann schlug sie mit dem Spaten auf den Fels, und mit Donnerkrachen verschwand die geheimnisvolle Schatzkammer. Eine Weile stand der Wann wie betäubt da und glaubte zu träumen, da er sich mitten im Walde befand; als er nach Hause kam, sah er, daß seine Schätze zu Stein geworden und er wieder so arm war wie damals, als er die Gestalt am Wege antraf. Weder der Felsen noch die Frau ist seitdem wieder gesehen worden. Es heißt, daß sie bis dahin auch anderen Leuten oft erschienen und Ota (Otter, Schlange) genannt worden sei. Daher der Name Otagraben.

Quelle: Georg Graber, Sagen aus Kärnten, Graz 1941.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Harald Hartmann, Februar 2006.
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