Ein sicheres Mittel die Gewinnnummern öfter zu wissen, ist folgendes:
Man suche auf der Agneswiese einen Stein, lege ihn in's Wasser des Brünnleins,
bete dabei und stecke dann den Stein hinter das Kopfküssen, so wird
man jede Woche 5 Nummern ablesen können, welche gezogen werden. Oder
man suche auf der Wiese einen Johanniskopf (d. i. ein Schwamm auf den
Wurzeln der Bäume), kratze mit dem Nagel des Daumens der rechten
Hand die obere Haut Weg, und lege ihn ebenfalls in das Wasser des Jungfernbrunnens.
Versteckt man ihn dann zu Hause unten im Bett, so wird man jene Nummern
sehen, die "kommen werden."
Die Geheimlehre der Lotterieschwestern ist sogar der Mode unterworfen.
In neuester Zeit z. B. halten viele auf "Begebenheiten" und
"Begebnisse", die übrigen Mittel sind nicht mehr vollgiltig.
Eine Frau begegnete zwischen Sivering und der Jägerwiese einem Soldaten,
der zwei Repphühner anhängen hatte. Sie wählte Nr. 2 und
gewann. Heißt einer der einem Glücksuchenden begegnet z. B.
Wilhelm, dessen Namenstag auf den 28. Mai (also den 5. Monat) fällt,
so wählt der begegnende Nr. 28, dazu 5 und noch eine dritte Nummer,
die sich auch leicht findet.
Andere nehmen gewisse Kräuter mit in's Bett; dann träumen sie
Glücksnummern. Im Walde stehen zwei Bäume die eine gemeinschaftliche
Wurzel zu haben scheinen, so daß sie einen bequemen Sitz bilden.
Hier sieht man häufig die Agnes sitzen. Deshalb schneiden die Besucher
3 Stückchen Rinde ab und legen sie unter das Kopfküssen. Dann
wird im Traume die Zukunft geoffenbart.
Das Jungfernbrünnlein und die Jägerwiese am Fuße des Hermannskogels
sind zugleich Mittelpunkte von Volkssagen, und man wird auch in dieser
Hinsicht erinnert an Dodona u.a. griechische Orakelorte, die freilich
eine nazionale Bedeutung halten. Auch Dodona lag am Fuße eines quellenreichen
Berges (tomaros). Die Hauptverehrung galt dem Zeus, an dessen heiligem
Baume der Wille des Gottes erkundet wurde; der Stamm war seine Wohnung,
und am Fuße der Eiche ergoß sich eine heilige Quelle. Auch
das Jungfernbrünnlein hat seinen Baum gehabt, und selbst die Weihgeschenke
sind nicht ganz verschwunden. Ebenso sind die weiblichen Peleiaden Dodona's
bei Sivering vertreten. Dort tronte Zeus und an seiner Seite Dione, als
weibliche Hälfte seines Wesens, hier wandern Karl und Agnes glückspendend
umher. Es fragt sich nun: Wer sind diese Personen? Und damit gehen wir
über zum Sagenkreise unseres Brünnleins.
Ich lege diese Reste schlicht und treu hier nieder, so vollständig
als möglich, und theile zugleich die jeder Volksdichtung eigenen
Abweichungen mit.
Quelle: Mythen und Bräuche
des Volkes in Österreich. Theodor Vernaleken, Wien 1859. S. 4ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Claudia Hackl, März 2005.