VOM VERSUNKENEN HAUS AUF DEN PRÖSLER WIESEN

Ober dem Schloß Prösels auf den Prösler Wiesen ist ein Wassertümpel, neben welchem ein Kruzifix steht. Dieses wurde von Hirtenkindern geschnitzelt, aber sie hatten dem Bilde des Gekreuzigten keinen Bart gemacht. Siehe, eines Tages war demselben der schönste Bart gewachsen, und du magst wegschneiden, soviel du willst, Bart und Haar wachsen immer wieder nach, geradeso wie am bekannten Kruzifix zu Seefeld oder am altehrwürdigen Christusbild in der Pfarrkirche zu Mittenwald in Bayern und im Kreuzgang in Brixen und an zahlreichen anderen Kruzifixen in und außer Tirol.

Auf dem Boden nun, wo neben dem besagten Kreuz der Wassertümpel steht, war früher ein Haus gestanden, groß und schön und mit voller Scheune, denn der Besitzer gebot über ausgedehnte Güter. Allein die Bewohner dieses Hauses waren gottvergessen und tanzten und spielten, soffen und fluchten an Sonn- und Festtagen, anstatt in die Kirche zu gehen. Während sie nun einmal am Tage des Herrn wieder alles Böse trieben und über die Kirchenbesucher spotteten, versank plötzlich das Haus in die Erde, und an dessen Stelle entstand ein kleiner See. Noch sieht man oft an diesem Orte des Nachts gespenstige Flammen hin- und herfahren.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 398 f.