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DIE WUNDERLICHE KATZE

Ein Bauer in Zwischenwasser (lungiöga) hatte eine Katze, die war kohlschwarz, und kein einziges weißes Haar war an ihr. Daher hieß er sie "Malang", d.h. Teufel.

Des Abends schlich die Katze immer vom Hause fort und kam immer erst am anderen Morgen wieder zurück. Weil sie aber gut Mäuse fangen konnte, behielt sie der Bauer doch; sie fing halt die Mäuse bei Tag.

Einmal mußte der Bauer einen nächtlichen Gang nach Piccolein tun, und wie er so durch den Plaieswald geht, in dem es nicht geheuer zu sein pflegt, und stockfinster ist es auch, da schlägt's gerade Mitternacht, und der Bauer zählt die Schläge, und wie's den letzten tut, hört er von weitem Lärm. Auf einmal sieht er unter dem Weg, wo es schwindelnd abwärts geht zum Talbach, ein wunderschönes Schloß, schöner, als er sein Lebtag eines gesehen hat. Das ist ein wunderliches Gebäude, dachte er sich, das da stehen kann und nicht abrutscht, ich habe doch noch nie da unten eines gesehen! Ich muß versuchen, ob's ein rechtes ist.

Und er krabbelte den Wald hinunter und sah die Fenster voll Lichter, und im Schlosse drinnen gab's herrliche Musik, als wäre Hochzeit. Er nimmt den Hut vom Kopf und blickt verstohlen durchs nächste Fenster hinein. Da war ein großer Saal drinnen, und tausend Kerzen brannten auf goldenen Leuchtern, aber die Leute, die im Saale tanzten, waren ihm unbekannt. Bedient wurden sie von lauter schwarzen Kätzchen, das eine schöner als das andere, die liefen im Saal hin und her und Treppen auf und Treppen ab und waren guter Dinge.

Nun wollte er sehen, wer die schöne Musik mache. Das waren wieder lauter schwarze Katzen, die auf einer hohen Bühne saßen und wacker darauf losstrichen und bliesen, eine den Baß, andere Trompeten und Hörner, wieder andere geigten, und dort, jetzt erfaßte ihn das Gruseln, dort in der Ecke saß seine eigene Hauskatze und blies auf einer kunstreichen Flöte und blies die Backen voll, so sehr sie nur konnte! "Du verwünschtes Vieh", brummte der Bauer in seinem Zorn, "jetzt weiß ich, wo du nachts immer steckst!"

Das aber hatten sie im Schloß gehört, und im Augenblick waren die Lichter ausgeblasen und alles stockfinster, und die Treppe herab kam's gepoltert, daß der Bauer sich auf die Beine machte und nimmer umschaute, sonst wär's ihm schlimm ergangen. Aber seine Katze kam auch nicht wieder in sein Haus, und er hat sie seither nie mehr gesehen.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 646