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DAS VENEDIGER MÄNNLEIN IN RAS

Eine kleine halbe Stunde ober St. Vigil in Enneberg steht der Edelsitz Ras oder Rost, den die Herren gleichen Namens sich im 14. Jahrhundert erbaut haben.

Unweit dieses Herrenhauses steht ein stattlicher Bauernhof. Dahin kam alle Jahre am Sonnwendabend im Sommer ein kleines, g'spassiges Bettelmännlein und blieb da über Nacht. Da wurden nach altem Brauch die ortsüblichen "Rusper" gebacken, das sind mit Luft gefüllte, längliche Krapfen, die auch im Pustertal gerne gegessen werden.

Die Bäurin stellte dem Bettelmännlein immer auch eine Schüssel voll Rusper auf den Tisch und gute Milch dazu, und das Männlein knusperte so an den Krapfen und steckte die übrigen für später in sein Ränzlein, denn es hatte noch einen weiten Weg. Des andern Tages füllte es dann immer noch sein Ränzlein mit Sand aus dem Hofbrunnen, bedankte sich höflich und ging über die Alm Sennes seiner Heimat zu.

Einmal war es wieder Sonnewend, doch das Bettelmännlein kam am Abend immer noch nicht. Und es kam auch die folgenden Jahre nicht und blieb ganz aus. Später trug es sich einmal zu, daß der Bauer von Rost, bei dem das Männlein übernachtet hatte, in Geschäften nach Venedig mußte. Da gab es viele Herrlichkeiten zu sehen, und das Bäuerlein riß den Mund auf und blieb vor jedem Laden stehen.

Endlich kam es bei einem Laden vorbei, in dem es von lauter Gold und Silber funkelte und glitzerte, Wie nun der Enneberger so davor steht und betrachtet und ratschlagt, was er von all den Kostbarkeiten so am besten seinem Weiblein verehren würde, wenn er ein reicher Mann wäre, da rief eine bekannte Stimme von oben herab seinen Namen. Er schaute hinauf und merkte erst, was für ein schöner Palast es war, vor dem er stand. Oben aber schaute einer beim Fenster heraus und zu ihm herab und winkte ihm, daß er hinaufgehe.

Das Bäuerlein schritt durchs Haustor und tat ganz verblüfft, als ihn zwei Bediente in silberstrahlenden Röcken unter vielen Bücklingen in Empfang nahmen und durch goldene Gemächer in einen hohen Saal führten, in dem lauter goldene Ampeln von der Decke hingen. Im Saal kam ihm ein vornehmer Herr entgegen, der ihm treuherzig die Hände schüttelte und ihn mit so ausgesuchter Freundlichkeit begrüßte, daß sich der Bauer aus Verlegenheit nicht zu helfen wußte.

"Kennst du mich nicht mehr?" sagte der Vornehme, "ich bin doch so oft im Sommer bei dir über Nacht gelegen! Sieh, hier diesen Reichtum verdanke ich dir und deinem Brunnen, aus dem ich so viel Goldsand eingefüllt habe, und der Goldader auf der Alm Sennes. Ich bin jetzt so reich, daß ich nicht mehr zu euch zu kommen brauche; aber wenn ihr euer Gold zu verwerten wüßtet, könntet ihr noch viel reicher werden." jetzt erkannte der Bauer wohl sein Bettelmännlein von ehemals, nur war es nicht mehr gebeugt und hatte kein schäbiges Röcklein mehr um, sondern war in lauter Seide und Gold gekleidet. Der Bauer mußte bei ihm übernachten, ging es, wie es wollte, und bewirtet wurde er wie ein König; dazu durfte er sich das Kostbarste aus dem Laden auswählen für sein Weiblein und obendrein noch die goldenen Löffel, Gabeln und Messer einstecken, mit denen er gegessen hatte.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 644