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DER RITTER PRACK SPRENGT ÜBER DEN ABGRUND

Der Ritter Franz Wilhelm Prack zu Asch in Enneberg war mit den "Cadorini" (den Leuten in Cadore) in eine lange Fehde geraten. Der Ritter pflegte öfters nach der Feste Peutelstein in Ampezzo zu reiten, um seine Braut Sidonie von Winkelhofen zu besuchen, deren Vater Schloßhauptmann auf Peutelstein war.

Der Weg dahin führte durch rauhe Gebirge und über tiefe Schluchten. Dies benützten die Cadorini, und als einmal der Prack nach gewohnter Weise auf den Peutelstein geritten war, gingen sie aus, um ihn gefangenzunehmen, trugen die Brücke über die Travenanzes, welche über einen schauerlichen Felsenabgrund führte, ab und lauerten im Hinterhalt. Der Ritter kehrte von seiner Braut wieder zurück und kam vor den Abgrund. Die furchtbare Schlucht gähnt vor ihm, hinter ihm schließen sich in drohender Bewegung die Feinde zusammen und sperren ihm den Weg.

Aber der Prack war kurz entschlossen: Er zog seinen Schimmel mächtig zurück, drückt ihm die Sporen in die Weichen, und das starke Roß sprang tollkühn über den grausigen Schlund! Aber nur mit den Vorderfüßen hatte es den jenseitigen Felsen erreicht, doch hielt es sich, an den felsigen Rand festgeklammert, bis der Ritter abgesprungen war. An den Fels sich stemmend, faßt der Prack das treue Tier und hilft ihm mit seinen kräftigen Armen vollends herauf. jetzt ist er gerettet. Gerührt beugt er sich zur Erde nieder, küßt des Rosses treue Hufe und reitet wieder fort mit wildem Lachen. Drüben legte die stolze Kriegsschar, knirschend vor Zorn, die Speere ein und stürmt vor, allein es war zu spät, das edle Wild war ihnen entgangen und sie ritten fluchend zurück.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 578