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DER ORCO IN ST. KASSIAN

Ein Bursche aus St. Kassian ging einmal an einem Abend zu einem entfernten Hof, um dort sein Mädchen zu besuchen. Es fing schon an zu dunkeln. Da hörte er von ferne den Orco einzelne Rufe tun, doch er achtete nicht weiter darauf und setzte seinen Weg fort.

Auf einmal sah er einen kleinen Wagen vor sich über den Weg fahren, an den vier Katzen gespannt waren; im Wagen selbst aber saß niemand.

Der Bursche stutzte, ging aber doch weiter. Mit einem Male kommt ein großer, schwarzer Hund daher mit glühenden Luchsaugen, der immer größer aufschwillt, je näher er kommt. Das ist der Orco! denkt sich der Bursche, bekreuzigt sich, kehrt um und läuft heim.

Der Hund hüpfte und sprang beständig hinter ihm her, etwa drei Viertelstunden weit, und hatte eine feurige Zunge, die wohl eine halbe Elle lang war, aus dem Rachen heraushängen. Sein Geifer, der zur Erde fiel, flammte blau, wie brennender Schwefel, und erfüllte die ganze Gegend mit entsetzlichem Gestanke. Der Fliehende erreichte zwar ungeschädigt sein Haus, aber er hatte seine Lunge so sehr überanstrengt, daß er krank wurde und siech blieb, bis ihn der Tod, der nicht lange auf sich warten ließ, hinwegraffte.

Quelle: Alpenburg, Johann Nepomuk Ritter von. Mythen und Sagen Tirols. Zürich 1857. S. 73