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DER ORCO IN ENNEBERG UND ABTEI

Den eigentlich ennebergischen Lokalgeist, den Orco, stellen sich die meisten Leute als einen Teufel (le malang) in der Gestalt eines kleinen Vogels vor, der in der Nacht hinausjauchzt ungefähr wie ein Bäuerlein, wenn ihm der neue Wein einen Schwips angetan hat. Jui, jui, jui! tönt es oft durch den nächtlichen Wald. Wenn einer in seinem Übermut dieses Gejauchze nachahmt, so kommt der Vogel heran und näher und immer näher und wächst zu einem Riesenungetüm, das zuletzt dem Frevler auf den Rücken springt, und das er dann keuchend fortschleppen muß, bis er zu einem Wegkreuz oder zu einer Kirche gelangt. Da erst springt der Unhold ab und entfernt sich. Seine Last ist so schwer, daß der von ihm Besessene fürchten muß, jeden Augenblick unter dem entsetzlichen Gewichte zu erliegen. Manchmal ist der Vogel ganz feurig anzusehen, und ein feuriger Schweif hinter ihm bezeichnet seinen Flug.

Am Fuß des Kreuzkofels steht die vielbesuchte Wallfahrtskirche zum heiligen Kreuz, von welcher der trotzige Dolomitenfelsen dahinter seinen Namen trägt. Unweit dieser Kirche breiten sich mehrere Bergwiesen aus, die ob ihrer herrlichen Lage und ihres vorzüglichen Heues viel gepriesen werden. Wie überall, so versammeln sich zur Mahdzeit auch auf diesen Bergwiesen des Abends die Mahdleute in einer der Almhütten oder auch im Freien, wenn's nicht zu kalt ist, und vertreiben sich ein paar Stündlein mit allerlei Kurzweil, Sang, Spiel und Scherz.

So kamen auch vor ungefähr siebzig Jahren an einem prächtigen Sommerabend dort die Knechte und Mägde nach dem Nachtmahl in einer der größeren Sennhütten zusammen und erzählten alle möglichen Abenteuer, Räuber- und endlich Gespenstergeschichten, bis einer wohl richtig auf den Orco verfiel und von diesem eine Geschichte zum besten gab. Da war auch einer darunter, der gar an keine Gespenster glauben wollte und daher die Behauptung kecklich aussprach, es gäbe auch keinen Orco. Mehrere andere stimmten ihm bei, die übrigen, namentlich die Mägde aber meinten, er solle nicht allzu vorlaut sein mit seiner Rede, sonst könnt' er's noch erfahren, daß er gewiß daran glaube.

Dies reizte den ungläubigen Thomas zu noch kräftigerem Widerspruch, und er wollte gern den Mädchen seine Schneid zeigen. Daher hob er an, den Geist ein wenig zu föppeln. Die Mädchen fürchteten sich und gingen schlafen. Wie nun auch die Burschen aus der Hütte traten, um im Heustadel drüben ihr Nachtlager aufzusuchen, hörten sie von ferne, als käm's vom Kreuzkofel herab, das bekannte grauenerregende Jauchzen, und alle riefen sie, zu Tode erschrocken, mit einer Stimme: "Der Orco!"

Nur der eine, der Fürchtmichnicht, sagte, das wolle er ihnen jetzt zeigen, daß es gar keinen Orco gebe, und jauchzte dem auf dem Kreuzkofel oben nach, daß den übrigen ganz anterisch zumute wurde; er wollte ihn übertrumpfen. Da fuhr mit Blitzesschnelle ein großmächtiger Feuerschweif wie von einer Riesenrakete vom Kreuzkofel oben durch die Luft herüber und über ihren Köpfen hinweg und ließ sich als etwas Feuriges auf dem Dachfirst des Heustadels, dem sie zueilen wollten, nieder!

Alles rannte vor Entsetzen durch die offene Stadeltür auf den Heustock und verkroch sich dort, der eine wollte tiefer hinein als der andere. Oben aber über ihren Köpfen saß ein häßlicher, schwarzer Vogel, aus dessen Gefieder und Schnabel von Zeit zu Zeit ein sprühendes Feuer ausging wie von einem "Speibteufel", und der unter einem Gelächter, wie es nur der schadenfroheste Mensch, ein wahres Höllenbratel, herauszubringen vermag, auf die vor lauter Entsetzen völlig ohnmächtigen Mahder unten im Stadel hinabglotzte mit seinen feurigen Augen, daß einem das Herz zu Stein werden mußte. Denn, wie ein Unglück nie allein kommt, es hatte tags vorher ein Wirbelwind das Stadeldach arg zugerichtet und einen Teil gar mitgenommen, so daß der Himmel auf den Heustock herabsah, diesmal aber die Hölle. Denn auch jener kecke Knecht, der diesen Schrecken verursachte, war nun bekehrt und hielt den Orco für den Ausbund aller Satane der Hölle.

So hat der Orco seine Freude daran, wenn er die Menschen ein wenig zu erschrecken Gelegenheit hat; ein größeres Unglück indessen hat er wohl nur sehr selten über einen gebracht.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 616 f.