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DER MOSCA

Der Mosca war ein Räuber, der es besonders auf Vieh abgesehen hatte, und soll, wie man erzählt, aus dem Cembratal gewesen sein. Er kam oft auf die Grödner und Gadertaler Bergwiesen und trieb von hier das schönste Vieh weg und hinab nach Trient, um es dort zu verkaufen.

Alle hatten Angst vor diesem ebenso schlauen wie gewissenlosen Menschen, aber keiner konnte ihm etwas antun, da er nicht nur ein Zauberer war, sondern auch den ganzen Körper mit Eis gepanzert hatte. Dieser Eispanzer aber machte ihn unverwundbar.

So beschlossen die Grödner und Gadertaler gemeinsam, den Verbrecher zu fangen und dem Henker zu übergeben. Zum Zeichen dafür, daß der Mosca aufgetaucht war, sollte von der nächsten Kirche aus ein Glockenzeichen gegeben werden, und dieses Zeichen solle dann von den benachbarten Kirchtürmen aus übernommen und weitergegeben werden. So werde man den Mosca wohl in die Enge treiben und schließlich fangen können.

Lange Zeit gelang es nicht, den Mosca zu Gesicht zu bekommen, endlich aber sah ihn einer durch das Langental hinein und hinauf Puez-Alm gehen. Er meldete dies hinaus nach Wolkenstein, und von der dortigen Kirche aus wurde sofort Sturm geläutet. Dies muß der Mosca verstanden haben, denn eiligst ging er über das Joch hinüber nach dem Gadertal. Aber auch hier läuteten die Glocken schon Sturm, und so blieb ihm nur übrig, sich in einer der vielen Höhlen des Puezstockes zu verbergen. Hüben und drüben machten sich die Leute auf, um den Verbrecher einzufangen. Mit Flinten, Sensen, Gabeln und Beilen bewaffnet, eilten sie empor auf die Höhe und umstellten das Versteck des Viehdiebes. Dieser aber saß in seiner Höhle, und alle Kugeln, die man ihm vom Eingang aus auf den Leib schickte, prallten an seinem Eispanzer ab und sausten wieder zu den Schützen zurück. Keiner aber wagte es, in die Höhle einzudringen, in welcher der Mosca steckte.

Endlich schreit der Cir aus Kolfuschg: "Ich will ihn wohl enteisen, diesen Teufelskerl, diesen verfluchten! Aber etliche sollen mir nachgehen mit Seilen und Stricken!" Und sogleich läuft der Cir, ein bärenstarker Mensch von gewaltiger Körpergröße, hinein in die Höhle und wirft sein riesiges Beil dem Mosca an den Leib, daß der Eispanzer in Trümmer geht! Nun hatte der Mosca seine außergewöhnlichen Kräfte verloren, der Cir packt ihn und sagt zu seinen Genossen: "So, jetzt bindet mir ihn gut, und dann bringen wir ihn dorthin, wo er hingehört!"

Sie brachten ihn hinaus nach Wolkenstein, und dort wußte der Richter tatsächlich, wohin er den Mosca zu stecken hatte. Nämlich an den Galgen. Seitdem aber haben die Almen der Grödner und Kolfuschger wieder ihre heilige Ruhe.

Quelle: Alton, Giovanni. Proverbi, tradizioni ed aneddoti delle valli ladine orientali, con versione italiana. Innsbruck 1881. S. 84 f.