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DIE VERZAUBERTE JUNGFRAU AUF DER HOCHALPE

Von St. Vigil in Enneberg gelangt man über einen kleinen Paß, die Furkel, zum Bad Bergfall, das zu Geiselsberg gehört. Links von der Furkel erhebt sich der Kronplatz (plang de corones), der die herrlichste Aussicht über das Pustertal und die Dolomiten bietet; rechts beginnen die trotzigen Dolomiten. Der Wanderer, der über die Furkel nach Geiselsberg steigt, hat zuerst zu seiner Rechten den Steinkofel, der die Hochalm und die Außeralm trägt. Ungefähr eine halbe Stunde von der Furkel weg auf dem Nordabhang der Hochalmspitzen, dort, wo der Wald aufhört und den grauen Felsen Platz macht, zeigen die ladinischen Senner und Hirten eine Stelle, wo ein Schatz verborgen liegt.

Vor vielen Jahren hütete ein kleines Mädchen dort die Schafe. Es sah mehrere Tage nacheinander eine schöne, in weiße Seide gekleidete Jungfrau, die mit verweinten Augen unbeweglich auf einer großen Glocke saß. Endlich faßte die kleine Hirtin Mut und näherte sich der Jungfrau. Diese sprach mit trauriger Stimme: "Braves Kind, ich bin schon überaus lange Zeit hier und leide sehr, aber niemand gedenkt meiner; du kannst mich vom Zauber befreien, willst du?" Die Kleine erschrak anfangs, dann aber nahm sie sich zusammen und sagte schüchtern: "O gewiß will ich, wenn ich Euch nur helfen könnte!" Die Jungfrau lächelte erfreut und sprach: "Deine Aufgabe ist nicht klein, aber größer noch soll dein Lohn dafür sein. Fasse also Mut, denn nur, wenn du keine Furcht hast, kannst du mich erlösen. Höre, was ich dir sage! Es werden die abscheulichsten Tiere kommen und deinen Mut erproben, aber es ist alles nur Schein, und wenn du keinen Fuß breit zurückweichst, kann dir nichts geschehen. Als Lohn für dein mutiges Ausharren bekommst du sodann diese Glocke, mit Gold gefüllt, und viele andere kostbare Sachen."

Das Mädchen versprach, sich der Probe zu unterziehen, und sogleich krochen greuliche Ungeheuer aus dem Felsenloch und an ihrem Leibe empor, verschwanden aber bald wieder, als das Mädchen an keinem Gliede zuckte. Schon winkte ihr die schöne Jungfrau freudig zu, daß sie die Prüfung bald überstanden haben werde, als zuletzt noch eine häßliche Viper zischend hervorschoß und dem Mädchen in den Mund zu kriechen sich anschickte. Vor dem gräßlichen Anblick erschrak das Kind und wehrte die Schlange mit der Hand ängstlich ab. In diesem Augenblick verschwand die Jungfrau samt der Glocke, aber auch die Viper war weg, und noch lange hörte das Mädchen Jammertöne aus dem Berg und den Klang der Glocke. Das Kind fing an, bitterlich zu weinen, nicht so sehr, weil es des Schatzes verlustig ging, als vielmehr, weil es heftiges Mitleid mit der armen Jungfrau empfand.

Noch jetzt vernimmt man dann und wann das Weinen und Wehklagen der verzauberten Jungfrau, und die Leute pflegen bei Nacht dieser Stelle auszuweichen.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 628