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DIE JUNGFRAU AUF DEM BAUME

Ein Bauersmann in Enneberg sagte zu sich: "Jetzt müssen die Nüsse reif sein, da will ich heut', weil gerade Feierabend ist, hinaufgehen, wo das alte Schloß steht, und für meine Buben recht ordentlich Nüsse dreschen, daß sie einen guten Tag haben." Darauf ging er fort und auf den Schloßhügel hinauf, und weil es sonst gerade nichts zu tun gab, drosch er bis zum Abend Nüsse herab.

Als er fertig war und nach Hause gehen wollte, schaute er noch einmal auf den Baum, ob noch viele Nüsse zu dreschen wären oder nur wenige. Da saß eine schöne Jungfrau auf dem Baum, die hatte er vorher nicht oben gesehen und war doch erst herabgestiegen! Die Jungfrau hob an, so schön zu singen, daß er meinte, solchen Gesang in seinem Leben nicht gehört zu haben, und daß es eine rechte Lust war.

Wie sie einmal innehielt, fragte er hinauf, was sie denn oben auf dem Baum so sitze und singe. Und die Jungfrau antwortete: "Jetzt darf ich froh sein, da ich bald aus dem Zauber erlöst werde. Ich saß auf dem Baum, als er noch klein und unansehnlich war, und muß so lange da sitzen, allem Wetter zum Trotze, bis der Baum umgehauen wird. Das wird nicht mehr lange dauern, denn er ist alt und morsch. Aus dem Holz des Baumes wird eine Wiege gemacht, darein sie ein neugebornes Kind legen, das, herangewachsen, als Geistlicher bei der Primizmesse mich aus der Pein zu erlösen bestimmt ist."

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 589