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DIE HEXE MIT DER HÖLZERNEN RIPPE

Es lebte einmal eine Bäurin in Enneberg, die eine Hexe war und in der Pfinztagnacht mit den Hexen ausfuhr. Hinter dem Kreuzkofel auf dem Hexenstein kamen sie zusammen und hielten ihr festliches Gelage mit Sang und Tanz.

Und weil sie gern Braten schmausten, wurde abwechselnd die Reihe herum eine von ihnen geschlachtet, gebraten und wohl zugerichtet. Die andern setzten sich um den Stein und aßen den Braten auf. Darnach sammelten sie die Knochen der gebratenen Hexe wieder ein, und der Satan, der immer fleißig dabei war, rief sie mit Fleisch und Bein wieder ins Leben zurück, so daß sie war wie vorher.

Da traf auch unsere Bäurin einmal die Reihe, geschlachtet zu werden; weil sie aber noch nicht lange bei der Hexengilde war, wollte es sie ein wenig gruseln, und sie nahm am folgenden Pfinztag ihren Knecht mit auf den Hexenstein, um ihn an ihrer Statt schlachten und braten zu lassen. Sie sagte ihm aber nichts davon. Um Mitternacht kamen sie beide auf den Berg, wo schon etliche Hexlein versammelt waren, und plauderten. Der Knecht ahnte nichts Gutes, und während seine Bäurin sich mit den andern unterhielt, machte er sich heimlich davon und kletterte auf den nächsten Baum.

Als nun alle beisammen waren, erschien auch Seine höllische Hoheit, der Herr Satan, in noblem Zweiggespann, und nun sollte der Schmaus hergerichtet werden. Die Bäurin sah sich erschrocken nach ihrem Knecht um, aber der war verschwunden und alles Suchen nach ihm vergeblich. Daher mußte sie nur selber herhalten und sich schlachten und zubereiten lassen. Nun wurde der Braten aufgetragen, und die Hexen setzten sich in einen Kreis und schmausten, die abgenagten Knochen aber warfen sie auf die Erde. Der Knecht, der vom Baum herab zugesehen hatte, rutschte verstohlen auf der andern Seite herunter, hob eine Rippe der gebratenen Bäurin vom Boden auf und steckte sie ein. Darauf kletterte er wieder auf den Baum, und die lärmenden und schmausenden Hexen hatten davon nichts gemerkt. Wie aber der Schmaus zu Ende ist und die Knochen der Bäurin gesammelt und dem Satan zugetragen werden, fehlt eine Rippe. Sie suchten und suchten, fanden sie aber nicht. Daher machten sie eine Rippe aus Holz, und der Satan machte die Bäurin wieder lebendig.

Am andern Tage waren die Bäurin und der Knecht wieder auf dem Hofe, keines sagte aber ein Wort zum andern über das Geschehene. Der Knecht trug jedoch die Rippe immerfort in seiner Tasche.

Später begab es sich einmal, daß die Bäurin den Knecht schalt und in Harnisch brachte. Da zog dieser die Rippe aus der Tasche und sprach: "Du willst maulen mit mir und hast doch nur eine hölzerne Rippe statt der da!" Nach diesen Worten fiel die Bäurin zu Boden und war augenblicklich eine Leiche.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 676