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DER ZAUBERER CHRISTL DA RAS

Südöstlich von St. Vigil in Enneberg zieht sich zwischen den trotzigen Dolomitriesen gute drei Wegstunden lang das Rautal bis zur Alpe Fodaravedla, über welche man nach Peutelstein und Ampezzo gelangt. Durch das Rautal gehen die Leute aber selbst bei Tag nicht gerne allein, denn das ganze Tal ist voll Ungeheuer und Gespensterspuk. In der Nacht laufen zwei gewaltige schwarze Hunde mit feurigen Augen durch das Tal, heraus bis zur altehrwürdigen Dorflinde in St. Vigil, unter welcher noch vor zweihundert Jahren die Enneberger Gerichtsschöffen auf Steinbänken saßen, Taiding zu halten und das Dorfrecht zu weisen, und von da wieder zurück hinein bis zum steinernen Mönch. Wenn einer den Weg durchs Rautal in unlauterer Absicht unternimmt, gleich sind die Hunde da und laufen mit ihm, einer rechts, der andere links, und sind nicht wegzubringen.

Ungefähr anderthalb Stunden hinter St. Vigil rauscht über Felsen ein Bächlein herab, das den Namen rii de würz oder zu deutsch Wurzbach führt. Von diesem Bach holte ein berüchtigter Zauberer und Hexenmeister, namens Christl da Ras, seine Wurzeln und Zauberkräuter. Christl war im Jahre 1809 noch am Leben, er wohnte zu Ras oder Rost, eine halbe Stunde von St. Vigil entfernt, in dem uralten Ansitz der Herren v. Rost.

Einmal trug es sich zu, daß der Christl alle Kräuter und Wurzeln, die er für seine Zauberei benötigte, aufgebraucht hatte und neue graben mußte. Damit aber das Kräuterwerk seine Zauberkraft nicht einbüße und der Zauberer selbst nicht den bösen Mächten verfalle, war es nötig, den Weg zum Wurzbach und zurück samt dem Geschäft des Ausgrabens zwischen elf und zwölf in der Nacht abzutun. Das war nun allerdings eine schwierige Sache, denn der Christl war nicht mehr jung, die siebzig Jahre hatten sein Haar gebleicht, und mit den Füßen ging es ebenfalls nicht mehr allzuflink vorwärts.

Aber einmal wollte er den Gang doch noch wagen. So machte er sich nun, als es auf dem Kirchturm elf schlug, auf den Weg, ganz splitternackt, wie es im Zauberbuche stand. Unten im Rautal warteten schon die zwei schwarzen Hunde auf ihn, die ihn stets auf diesem Gange begleiteten, einer rechts, der andere links. Alle drei liefen sie, was sie vermochten. Am Wurzbach angekommen, mußte er die Wurzeln und Kräuter mit den Zähnen aus dem Boden reißen, und hatte ihrer doch nicht mehr viel, aber so mußte es sein und stand es im Kapitel des Zauberbuches vom nächtlichen Wurzelgraben. Wie er eine Handvoll beisammen hat, macht er sich eilends auf den Rückweg, beständig von den Hunden bewacht. Etwa hundert Schritte sind es noch bis zu seiner Herberge, da hebt die Turmuhr in St. Vigil an, mit mächtigen Schlägen zwölfe zu schlagen. Der Christl rennt dem Hause zu, als hätte er Füße von einem Rehlein, und wirft eben seine Haustür hinter sich ins Schloß, da der letzte Glockenschlag heraufdonnert. Da poltert und rasselt es von außen an die Tür, als würde sie mit eisernen Ketten bestrichen, aber die Hunde waren draußen geblieben und er für diesmal noch gerettet. Würden ihn seine schwarzen Begleiter beim zwölften Glockenschlag noch außerhalb der Dachtraufe getroffen haben, so wäre er von ihnen in Stücke zerrissen worden.

Nicht lange darauf, als er noch mit den letztgeholten Kräutern seine Zauberkünste trieb, begab es sich, daß der Christl an einem Sonntag in der Kirche bei der Wandlung die emporgehobene hl. Hostie kohlschwarz sah. Dadurch wurde er so erschreckt, daß er sich zur Bekehrung entschloß. Er beichtete seine Sünden und gelobte, sich alles Hexenwerkes zu entschlagen. Zur Buße wurde ihm aufgetragen, die Zeit, die er noch lebe, nie mehr gegen Himmel zu schauen. Er trug das Bußwerk willig und senkte hinfür seinen Kopf zur Erde, so daß er nach ein paar Jahren einen Buckel bekam, daß man darauf hätte reiten können. Aber mehr als ein paar Jahre lebte der Christl nimmer, dann starb er eines auferbaulichen Todes.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 669