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LA CASCIARINA DE CUCA

Der alte Cristl da Coi war ein eifriger Jäger, und nichts machte ihm mehr Freude, als mit seiner Büchse durch die Wälder zu pirschen und über die weiten Hochafinen zu streifen.

Einmal im Spätherbst, als er auf der Aschgler Alm und auf Secëda gejagt hatte, wurde er auf dem Cuca-Sattel von der Dunkelheit überrascht, und so beschloß er, in einer der Heuhütten dort zu übernachten. Er machte sich ein Feuer auf dem Herd, nahm Speck und hartes Brot aus seiner Jagdtasche und schaute nach, ob die Leute, als sie abzogen, vielleicht irgend etwas zu essen hinterlassen hatten. Aber er fand alles leer: und so löschte er denn nach einiger Zeit das Feuer, verriegelte die Hüttentür und stieg auf den Heustock, um zu schlafen.

Als er schon halb eingeschlafen war, da hörte er draußen vor der Hütte jemand daherkommen, und schon öffnete sich knarrend die Tür - die er doch gut von innen verriegelt hatte - und herein trat ein schönes, fremdes Mädchen. Es ging schweigend zum Herd, machte dort Feuer, holte einen großen Schmalztiegel aus einem Wandkästchen - das er doch vorher geöffnet und ganz leer gefunden hatte - dazu etwas Mehl und auch Milch und begann, sich eine gute Schufa zu kochen.

Der Cristl auf dem Heustock kommt aus dem Staunen nicht heraus. Er duckt sich tief, um von der geheimnisvollen Casciarina (Sennerin) nicht entdeckt zu werden, beobachtet aber doch genau, was da unten vorgeht. Wie die Casciarina die Schufa fertig gekocht hat, holt sie die Pfanne vom Herd, stellt sie draußen vor der Hütte auf den Tisch und kommt zum Heustock her und sagt: "Vie a ceina, jeun!" Komm essen, jetzt! Cristl erschrickt und wagt keine Silbe zu antworten und duckt sich noch tiefer ins Heu. Doch das Mädchen bittet: "Um Gottes willen, steig vom Stock herab und komm essen!"

Nun getraut sich Cristl nicht mehr zu widerstehen, er steigt vom Heustock herab und geht vor die Hütte, wo die Casciarina die Schufa (Mus) auf den Brettertisch gestellt hatte. Er setzt sich hin und beginnt zu essen. Die Sennerin schaut ihm zu, und ihm schmeckt diese Schufa, die da in so außerordentlich rascher Zeit zubereitet worden ist, vorzüglich.

Wie er fertig ist, wagt er es immer noch nicht, das fremde Mädchen anzusprechen, er steht stillschweigend auf und steigt wieder auf seinen Heustock hinauf, wo er sich verkriecht.

Das Mädchen räumt alles weg, putzt den Tisch und spült die Pfanne, verräumt Mehl und Schmalz. Wie sie fertig hat, schaut sie zu dem Jäger auf dem Heustock hinauf und blickt ihn bittend an. Doch der sagt kein Wort. Dann geht die Casciarina zur Tür, bleibt dort stehen, beginnt auf einmal zu schluchzen und sagt: "Hättest du mir nur ein Wort des Dankes gesagt, ein einziges Wort, dann wäre ich jetzt erlöst - so aber muß ich weiterbüßen und hoffen, daß mir doch einmal jemand für mein Mus ein Vergelt's Gott gibt!"

Damit verschwand das schöne Mädchen in der Nacht draußen, und der furchtsame Jäger auf dem Heustock hörte ihre schluchzende Stimme noch lange durch die Dunkelheit heulen.

Quelle: Runggaldier, Leo, Stories i canties per kei de Gerdena. Innsbruck 1921. S. 384