Jacob
Grimm, Wilhelm Grimm, ("Brüder Grimm"), DEUTSCHE SAGEN, 1816/18
Vorrede der Gebrüder Grimm zum zweiten Band
Eine Zusammenstellung der deutschen Sagen, welche vorliegenden Band ausmachen
und sich unmittelbar an die wirkliche Geschichte schließen, ist unseres
Wissens noch nicht unternommen worden und deswegen vielleicht verdienstlicher
aber auch mühsamer. Nicht allein haben die hauptsächlichsten gedruckten
Geschichtsbücher und Chroniken durchlesen werden müssen, sondern
es ist uns noch viel angelegener gewesen, handschriftliche Hilfsmittel,
soviel wir deren habhaft werden können, sorgfältig zu gebrauchen.
Die wenigsten der hier mitgeteilten Erzählungen waren aus mündlicher
Überlieferung zu schöpfen; auch darin unterscheiden sie sich von
den örtlichen, welche in umgekehrtem Verhältnisse gerade ihrer
lebendigen Fortpflanzung unter dem Volke zu verdanken sind. Nur zuweilen
berührt sich noch das, was die Lokalsage bedingt, mit der historischen
Anknüpfung; für sich betrachtet, gibt ihr jenes einen stärkeren
Halt, und um die seltsame Bildung eines Felsens sammelt sich die Sage dauernder
als um den Ruhm selbst der edelsten Geschlechter. Über das Verhältnis
der Geschichte zur Sage haben wir uns bereits im allgemeinen erklärt,
so gut es, ohne in die noch vorbehaltene Untersuchung und Ausführung
des einzelnen einzugehen, geschehen konnte. In bezug auf das Eigentümliche
der gegenwärtigen, die man Stamm- und Geschlechtssagen nennen
könnte, läßt sich hinzufügen, daß sie wenig wirkliche
und urkundliche Begebenheiten enthalten mögen. Man kann der gewöhnlichen
Behandlung unserer Geschichte zwei, und auf den ersten Schein sich widersprechende,
Vorwürfe machen: daß sie zu viel und zu wenig von der Sage gehalten
habe. Während gewisse Umstände, die dem reinen Elemente der letzteren
angehören, in die Reihe wirklicher Ereignisse eingelassen wurden, pflegte
man andere, ganz gleichartige schnöde zu verwerfen, als fade Mönchserdichtungen
und Gespinste müßiger Leute. Man verkannte also die eigenen Gesetze
der Sage, indem man ihr bald eine irdische Wahrheit gab, die sie nicht hat,
bald die geistige Wahrheit, worin ihr Wesen besteht, ableugnete und sich,
gleich jenen Herulern, als sie durch blaublühenden Lein schwimmen wollten,
etwas zu widerlegen anschickte, was in ganz verschiedenem Sinn behauptet
werden mußte. Denn die Sage geht mit ändern Schritten und sieht
mit andern Augen als die Geschichte tut; es fehlt ihr ein gewisser Beischmack
des Leiblichen oder, wenn man lieber will, des Menschlichen, wodurch diese
so mächtig und ergreifend auf uns wirkt 1), vielmehr weiß
sie alle Verhältnisse zu einer epischen Lauterkeit zu sammeln und wiederzugebären.
Es ist aber sicher jedem Volke zu gönnen und als eine edle Eigenschaft
anzurechnen, wenn der Tag seiner Geschichte eine Morgen- und Abenddämmerung
der Sage hat; oder wenn die menschlicher Augenschwäche doch nie ganz
ersehbare Gewißheit der vergangenen Dinge statt der schroffen, farblosen
und sich oft verwischenden Mühe der Wissenschaft, sie zu erreichen,
in den einfachen und klaren Bildern der Sage, wer sagt es aus, durch welches
Wunder? gebrochen widerscheinen kann. Alles, was dazwischen liegt, den unschuldigen
Begriff der dem Volke gemütlichen Sage verschmäht, zu der strengen
und trockenen Erforschung der Wahrheit aber doch keinen rechten Mut faßt,
das ist der Welt jederzeit am unnützesten gewesen.
Was unsere Sammlung jetzt noch enthalten kann, kündigt sich deutlich
als bloße, oft ganz magere und bröckelhafte Überbleibsel
von dem großen Schatze uralter deutscher Volksdichtung an, wie die
ungleich zahlreichere und besser gepflegte Menge schriftlicher und mündlicher
Überlieferungen des nordischen Stammes beweist. Die Unstetigkeit der
meisten übrigen Völkerschaften, Kriege, teilweiser Untergang und
Vermengung mit Fremden haben die Lieder und Sagen der Vorzeit gefährdet
und nach und nach untergraben. Wieviel aber muß ein Volk besessen
haben, das immer noch solche Spuren und Trümmer aufzuweisen vermag!
Die Anordnung derselben hat diesmal weniger zufällig sein dürfen,
sondern sie ist beides, nach den Zeiten und Stämmen, eingerichtet.
Wenige Erzählungen gehen voran, die wir der Aufzeichnung der Römer
danken und andere Sammler vielleicht ausgelassen oder vermehrt haben würden.
Inzwischen schienen uns keine anderen Züge sagenhaft, namentlich die
Taten des Arminius rein historisch. Von der Herrlichkeit gotischer Sage
ist auf eine nie genug zu beklagende Weise das meiste untergegangen; den
Verlust der älteren und reicheren Quellen kann man nach dem wenigen
schätzen, was sich aus ihnen bei Jornandes noch übrig zeigt. Die
Geschichte hat dem gotischen und den mit ihm verwandten Stammen große
Ungunst bewiesen; wäre der Arianismus nicht, dem sie ergeben gewesen,
und der mit dadurch begründete Gegensatz zu den Rechtgläubigen,
so würde vieles in anderm Lichte stehn. Jetzt läßt uns nur
einiges hin und wieder Zerstreutes ahnen, daß diese Goten milder,
gebildeter und edler begabt gewesen als ihre Feinde, die aufstrebenden,
arglistigen Franken. Von den Longobarden, die gleichfalls unterliegen mußten,
gilt fast dasselbe in schwächerem Maße; außer daß
sie noch kriegerischer und wilder äs die Goten waren. Ein besserer
Stern hat über ihren Sagen gewaltet, die ein aneinanderhangendes Stück
der schönsten Dichtung, von wahrem epischem Wesen durchzogen, bilden.
Weniger ist die fränkische Sage zu loben, der doch die meisten Erhaltungsmittel
zu Gebot gestanden; sie hat etwas von dem düsteren, tobenden Geiste
dieses Volkes, bei welchem sich kaum Poesie gestalten mochte. Erst nach
dem Erlöschen der Merowinger zieht sich um Karl den Großen die
Fülle des edelsten Sagengewächses. Stammüberlieferungen der
Völker, welche den Norden Deutschlands bewohnen, namentlich der Sachsen,
Westfalen und Friesen, sind beinahe ganz verloren und wie mit einem Schlage
zu Boden gedruckt; einiges haben die Angelsachsen behalten. Jene Vertilgung
wäre kaum begreiflich, fände sie nicht in der grausamen Bezwingung
dieser Völker unter Karl dem Großen Erklärung; das Christentum
wurde mit der Zerstörung aller Altertümer der Vorzeit zu ihnen
geführt und das Geringhalten heidnischer Sitten und Sagen eingeschärft.
Schon unter den sächsischen Kaisern mögen die Denkmäler früherer
Volksdichtung so verklungen gewesen sein, daß sie sich nicht mehr
an dem Glänze und unter dem Schütze ihrer für uns Deutsche
so wohltätigen Regierung aufzurichten imstande waren. Merkwürdig
bleibt, daß die eigentlichen Kaisersagen, die mit Karl anheben, schon
nach den Ottonen ausgehen, und selbst die Staufenzeit erscheint unmythisch;
bloß an Friedrich Rotbart, wie unter den Späteren an Rudolf von
Habsburg und Maximilian, flammen noch einzelne Lichter. Dieser Zeitabschnitt
bindet andere Sagenkreise so wenig, daß sie noch während des
zwölften und dreizehnten Jahrhunderts eben in ihrer Blüte stehn.
Unter allen einzelnen Geschlechtern aber, die in der Sage gefeiert worden,
ragen früher die Amaler, Gunginger und Agilolfinger, später die
Welfen und Thüringer 2) weit hervor. Es bleibt überhaupt
bei der Frage, auf welchem Boden die epische Poesie eines Volkes gedeihe
und fortlebe, von Gewicht, daß sie sich in urdeutschen Geschlechtsfolgen
am liebsten zeigt, hingegen auszugehen und zu verkommen pflegt da, wo Unterbrechungen
und Vermischungen mit fremden Völkern, selbst mit ändern deutschen
Stämmen vorgegangen sind 3). Dies ist der Grund, warum die
in Deutschland eingezogenen und allmählich deutsch gewordenen slawischen
Stämme keine Geschlechtssagen aufzuweisen haben; ja auch an örtlichen
gegen die ursprünglichen Länder entblößt dastehen.
Die Wurzeln greifen in das ungewohnte Erdreich nicht gerne ein, ihren Keimen
und Blättern schlägt die fremde Luft nimmer an.
Die äußere Gestalt, in der diese Sagen hier mitgeteilt werden
müssen, scheint uns manchem gegründeten Tadel ausgestellt, der
indessen, wo es so überwiegend auf Stoff und Inhalt ankam, schwer zu
vermeiden war. Sollten letztere als Hauptsache betrachtet und gewissenhaft
geschont werden, so mußte wohl aus der Übersetzung lateinischer,
der Auflösung gereimter und der Vergleichung mehrfacher Quellen ein
gemischter, unebener Stil hervorgehen. Eine noch strengere Behandlungsart
des Ganzen - so daß man aus dem kritisch genauen, bloßen Abdruck
aller, sei es lateinischen oder deutschen Quellen, mit Beifügung wichtiger
späterer Rezensionen einen förmlich diplomatischen Kodex für
die Sagendichtung gebildet hätte - würde mancherlei Reiz neben
unleugbarem Gewinn für die gründliche Forschung gehabt haben,
allein doch jetzt nicht gut auszuführen gewesen sein, schon der einmal
im Zweck hegenden gleichmäßigen Übersicht des Ganzen halben.
Am meisten geschmerzt hat es uns, die selbst ihren Worten nach wichtigen,
aus dem Heidelberger Kodex 361 Sagen von Karl und Adalger von Bayern in
einem geschwächten Prosaauszug liefern zu müssen; ohne Zweifel
hatten sie, zum wenigsten teilweise, altere deutsche Gesänge zur Unterlage.
So stehen andere Stellen dieser merkwürdigen Reimchronik in unverkennbarem
Bezug auf das Lied von Bischof Anno, und es bleibt ihr vollständiger,
wörtlicher Abdruck in aller Rücksicht zu wünschen.
Eine solche Grundlage von Liedern haben gewiß noch andere Stammsagen
gehabt. Bekannt sind die Verweisungen auf altgotische Lieder, für die
longobardische Sage läßt es sich denken 4). Einzelne
Überlieferungen gehen in der Gestalt späterer Volkslieder umher,
wie die von Heinrich dem Löwen, dem Mann im Pflug und so weiter; merkwürdiger
ist schon das Westfriesenlied der Schweizer. Andere sind im dreizehnten
Jahrhundert gedichtet worden, wie Otto mit dem Bart, und der Schwanritter,
Ulrich von Württemberg und so weiter. Möchten die damaligen Dichter
nur öfter die vaterländische Sage der ausländischen vorgezogen
haben! Auf eigentliche Volks- und Bänkelgesänge verweisen die
Geschichtschreiber bei den Sagen von Hattos Verrat und Kurzbolds Heldentaten
5). Andere Sagen sind mit den Liedern verschollen, wie die bayrische
von Erbos Wisentjagd, die sächsische von Benno, und was der blinde
Friese Bernlef besungen 6).
Es ist hier der Ort, ausdrücklich zu bemerken, welche deutsche Sagen
aus unserer Sammlung ausgeschlossen bleiben mußten, weil sie in dem
eigenen und lebendigeren Umfang ihrer Dichtung auf unsere Zeit gekommen
sind. Dahin gehören die Sagen: 1. Von den Nibelungen, Amalungen, Wolfungen,
Harlungen und allem, was diesen großen Kreis von ursprünglich
gotischen, burgundischen und austrasischen Dichtungen bildet, in deren Mitte
das Nibelungenlied und das Heldenbuch stehen. 2. Von den Kerlingern, namentlich
Karl, Roland, den Haimonskindern und anderen Helden, meist austrasischen
Ursprungs, doch auch in französischen, italienischen und spanischen
Gedichten eigentümlich erhalten. Einige besondere Sagen von Karl dem
Großen haben indessen, der Verbindung wegen, aufgenommen werden müssen,
und weil sie einigermaßen außerhalb des Bezirks jenes Hauptkreises
liegen. Mit der schönen (bayrischen) Erzählung von Karls Geburt
und Jugend war dies nicht völlig der Fall. 3. Die spätem fränkischen
und schon mehr französischen Sagen von Lother und Maller, Hugschapler
und Wilhelm dem Heiligen. 4. Die westgotischen von Rodrigo 7).
5. Die bayrische Sage von Herzog Ernst und Wetzel. 6. Die schwäbischen
von Friedrich von Schwaben und von dem Armen Heinrich. 7. Die austrasischen
von Orendel und Breite, desgleichen Margaretha von Limburg. 8. Die niedersächsische
von Thedel von Wallmoden 8).
Sind auf solche Weise die Grenzen unserer Unternehmung gehörig abgesteckt,
so glauben wir nicht, daß sich zu dem Inhalt des gegenwärtigen
Bandes bedeutende Zusätze ergeben können, es müßten
denn unverhofft ganz neue Quellen eröffnet werden. Desto mehr wird
sich aber für die Vervollständigung der örtlichen Sagen tun
lassen; wir haben zu dem ersten Teile glücklich nachgesammelt und so
erfreuliche Mitteilungen empfangen, daß wir diese zuvor in einem dritten
Teil herauszugeben wünschen, um uns dann desto ungestörter und
sicherer zu der Untersuchung des ganzen Vorrates wenden zu können.
Kassel, den 24. Februar 1818
1) Nur wenigen Schriftstellern des Mittelalters ist die
Ausführlichkeit, wonach in der Geschichte unser Herz begehrt, eigen,
wie dem Eckart von St. Gallen oder dem, der uns die rührende Stelle
von Kaiser Otto und den Tränen seiner Mutter aufbehalten (Vita Mathildis,
bei Leibniz, 1, 205). Dergleichen steht jede Sage nach, wie der Tugend des
wirklichen Leben, jede Tugend der Poesie.
2) Kein deutscher Landstrich hat auch so viel Chroniken als Thüringen
und Hessen für die alte Zeit ihrer Vereinigung. Es gibt deren gewiß
über zwanzig gedruckte und ungedruckte von verschiedenen Verfassern,
wiewohl sie auf ähnlicher Grundlage ruhen.
3) Wie die Liebe zum Vaterlande und das wahre Heimweh auf einheimischen
Sagen hafte, hat lebhaft gefühlt: Brandes: Vom Einfluß des Zeitgeistes,
erste Abteilung, Hannover 1810, S. 163-168.
4) Man beschränkt sich hier auf das Zeugnis von Alboin, bei Paulus
Diaconus, 1: 27. "Alboini ita praeclarum longe lateque namen, percrebuit,
ut hactenus etiam tam apud Bajoariarum gentem quam et Saxonum, sed et alios
ejusdem linguae homines, ejus liberalitas et gloria, bellorumque, felicitas
et virtus in eorum carminibus celebretur."
5) Eckehardus jun.: De casibus S. Galli (ap. Goldast, 1,15): "Hattonem franci
illi saepe perdere moliti sunt, sed astutia hominis in falsam regis gratiam
suasi; qualiter ad alpes (I. Adalpertus) fraude ejus de urbe Pabinberk detractus
capite sit plexus, quoniam vulgo concinnatur et canitur, scribere supersedeo."
Otto Frising., VI, 15: "Itaque ut non solum in regum gestis invenitur, sed
etiam in vulgari traditione in compitis et curiis hactenus auditur, praefatus
Hatto Albertum in Castro suo Babenberg adiit" etc. Eckehardus jun., I. c.,
pag. 29: "Chuono quidam regii generis Churzibolt a brevitate cognominatus
- de quo multa concinnantur et canuntur."
6) Chron. ursperg.: "Erbo et Boto, illius famosi Erbonis posteri, quem in
venatu a bisonte (die Ausg. 1540, p. 256, und 1609, p. 185, lesen: ab insonte)
bestia confassum vulgares adhuc cantilenae resonant."
Norberti vita Bennonis, ap. Eccard. C. Hist., II, S. 2165: "Quantae utilitati,
quanto honori, quanto denique vitae tutamini et praesidio fuerit, populares
etiam nunc adhuc notae fabulae attestari solent et cantilenae vulgares."
Vergl. Mösers Osnabr. Gesch., II, 32.
Vita Ludgeri (mehrmals gedr. hier nach einer alten Kasseler Handschrift):
"Is, Bernlef cognomento, vicinis suis admodum carus erat, quia antiquorum
actus regumque certamina more gentis suae non inurbane cantare noverat,
sed per triennium ita erat continua caecitate depressus" etc. etc.
7) Silva de romances viejos, pag. 286-298.
8) Eine besondere Sammlung dessen, was aus der Heiligenlegende zur deutschen
Sage gerechnet werden muß, schickt sich besser für ein eigenes
Werk.
Dahin gehört zum Beispiel die Geschichte von Zeno (lombardisch), von
Meinrad und Ottilie (alemannisch), von Elisabeth (thüringisch-hessisch),
und vorzüglich viel altfränkische; von Martin, Robert, Gregor
vom Stein, Gangolff und so weiter.