Der 1885 in Innsbruck gedruckte Bericht des Inzinger Kuraten Johann Schöpf gehört zu den wichtigsten Quellen für die frühe Geschichte der Wallfahrt zur Inzinger Muttergottes. Schöpf nennt zahlreiche Schriftstücke aus den Jahren 1686 und 1687, zitiert frühe Berichte über das weinende Mariahilfbild, behandelt die Reise nach Kaltenbrunn, den Bau der Gnadenkapelle, das geistliche Schauspiel und die Entstehung des Benefiziums und gibt mehrere schriftlich bezeugte Gnadenerweisungen wieder.
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Digitalisat der Landesbibliothek Dr. Friedrich Tessmann | Zur Dokumentation der Wallfahrt in Inzing
Kurzer Bericht über das Gnadenbild Maria-Hilf in Inzing zu dessen 200jähriger Säkularfeier.
Druck der Vereins-Buchdruckerei in Innsbruck.
Wahre Abbildung des uralten Gnadenbildes Maria Hilf in der Kirche zu Inzingen in Tirol.
Kurzer Bericht über das
Gnadenbild Maria-Hilf
in
Inzing
zu dessen 200jähriger Säkularfeier.
Innsbruck.
Druck der Vereinsbuchdruckerei, 1885.
Gemäß dem bekannten Dekrete Papstes Urbans VII, erklärt der Unterfertigte, dass er mit Allem, was dieser Bericht enthält, dem Urteile der heil. Kirche nicht vorgreifen wolle und für selbes mehr, als bloß menschliche Glaubwürdigkeit, nicht beanspruche
Der Verfasser,
Imprimi permittitur
F. h. Ordinariat Brixen am 21. Juli 1885.
Lorenz, m. p.
Kanzler.
Wir teilen diesen kurzen Bericht in drei Teile. Im ersten Teil berichten wir über die Urkunden oder schriftlichen Berichte, welche uns über besagtes Gnadenbild zu Gebote stehen. Im zweiten Teil sagen wir, was wir aus diesen Urkunden über dieses Gnadenbild erfahren. Im dritten Teil erzählen wir einige Gnadenerweisungen, welche solchen zu Teil geworden sind, die zu diesem Gnadenbilde ihre Zuflucht genommen haben.
Der schriftlichen Berichte über das wundertätige Mariahilfbild in Inzing stehen uns nur wenige zu Gebote.
Wie man aus den vorhandenen mit Recht schließen kann, gab oder gibt es davon viel mehrere, die entweder verloren gegangen sind oder in Archiven verborgen liegen.
Der erste schriftliche Bericht über dieses Gnaden-Bild ist ein Brief des Leopold Gaßler, eines Bauernmannes in Inzing, in dessen Behausung Nr. 20 dies Bild sich befunden hat, bevor es in die Kirche übertragen worden ist. Leopold Gaßler schrieb diesen Brief, datiert vom 31. Mai 1686, in Angelegenheit dieses Bildes an den damaligen Kuraten Michael Pult in Kaltenbrunn im Kaunertal.
Der zweite schriftliche Bericht ist ein Brief des hochw. Herrn Franz Oberberger, Pfarrers und Dekans in Telfs, wo sich damals das Dekanalamt befand. Franz Oberberger schrieb diesen Brief in Angelegenheit dieses Bildes gleichfalls an Michael Pult in Kaltenbrunn. Er ist datiert vom 3. Juni 1686.
Die dritte Urkunde ist ein schriftlicher Bericht über dieses Gnadenbild an das hochwürdigste Ordinariat in Brixen vom Dekan Franz Oberberger, datiert vom 24. Juli 1686.
Eine vierte Urkunde ist ein kurzer Bericht an das hochwürdigste Ordinariat in Brixen vom damaligen Pfarrer in Flaurling Johann Peißer, zu dessen Seelsorge auch die Gemeinde Inzing gehörte. Dieser Bericht ist datiert vom 10. August 1686.
Die fünfte Urkunde ist ein weitläufiger schriftlicher Bericht an das hochwürdigste Ordinariat in Brixen vom Kuraten Michael Pult in Kaltenbrunn, datiert vom 30. August 1686.
Eine weitere und sechste Urkunde, welche auf dieses Gnadenbild Bezug hat, ist ein schriftlicher Bericht an das hochwürdigste Ordinariat in Brixen vom damaligen Dekan in Imst Bartlmä Gschwenter, datiert vom 16. September 1686.
Ein siebenter schriftlicher Bericht an das hochwürdigste Ordinariat in Brixen ist ein Bittgesuch der gesamten Gaßler‘schen Freundschaft in Inzing, datiert vom 11. Juni 1687.
Eine achte Urkunde ist ein kurzer Bericht an das Ordinariat vom Dekan Franz Oberberger, datiert vom 4. September 1687.
Als neunte Urkunde, welche auf das Gnadenbild in Inzing Bezug hat, können wir füglich aufnehmen ein Schreiben an das Ordinariat vom ersten Kaplan und Benefiziaten bei diesem Gnadenbilde Franz Aigner, datiert vom 7. Dezember 1687.
Wir erlauben uns noch eine Quelle namhaft zu machen, aus welcher es immerhin erlaubt sein dürfte, manches das Gnadenbild in Inzing Betreffende zu entnehmen :
In seinem Schreiben vom 4. September 1687 an das Ordinariat meldet Dekan Oberberger, dass bei Gelegenheit der feierlichen Übertragung des Gnadenbildes aus der Kirche in die für dasselbe neuerbaute Kapelle am 14. September 1687 Nachmittag eine Prozession und "kleine Exhibition de Beatissima Virgine theatraliter vorbeigehen solle."
Es fand also an diesem Kreuzerhöhungstage irgendeine Darstellung auf dem Theater, ein geistliches Schauspiel statt, das die seligste Jungfrau zum Gegenstand hatte.
In Inzing ist ein solches geschriebenes geistliches Schauspiel noch vorhanden. Als Verfasser desselben wird genannt der hochgelehrte Herr Ignatius Zach, regulierter Chorherr des Prämonstratenser-Stiftes in Wilten.
Das Schauspiel wurde in Inzing aufgeführt in den Jahren 1720, 1723, 1724, 1751 und 1791. Dasselbe besteht aus drei Teilen : dem Vorspiel, Hauptspiel und Nachspiel.
Das Hauptspiel handelt von der in Frankreich entstandenen und kraft des hochheiligen Rosenkranzes endlich unterdrückten albigensischen Ketzerei [Anm.: bezeichnet die religiöse Bewegung der Katharer im Südfrankreich des 12. und 13. Jahrhunderts. Benannt wurden sie nach der Stadt Albi, einem ihrer Hauptzentren. Von der römisch-katholischen Kirche als radikale Ketzer verfolgt, führte der Konflikt schließlich zum blutigen Albigenserkreuzzug (1209–1229) und zur Gründung der Inquisition] nebst anderen nachfolgenden Guttaten, ist also ein geistliches Schauspiel von der Rosenkranz-Bruderschaft.
Dem Hauptspiel ging als Vorspiel voraus:
Der Ursprung einer gnadenreichen, weinenden und zu Inzing rastenden heiligen Maria-Hilfe- Bildnis, vorgestellt von einer ehrsamen Gemeinde zu gedachten Inzing.
Wenn nun bei Gelegenheit der Übertragung des Gnadenbildes aus der Kirche in die Kapelle ein geistliches Schauspiel aufgeführt wurde, das die seligste Jungfrau zum Gegenstand hatte: ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es eben dies Schauspiel war, welches den Ursprung dieses Gnadenbildes behandelt? — Ist dem also, dann wurde es vor einem Publikum aufgeführt, das die ganze bisherige Geschichte des Gnadenbildes mitgelebt hatte, dem alle Umstände bekannt waren.
Wenn der Dichter auch sein Schauspiel poetisch ausschmückte, geschichtlich Unwahres durfte er doch nichts vorführen, das Begebenheitliche musste er berichten, wie es den Zuschauern bekannt war; und so werden wir immerhin das, was uns in diesem Schauspiel über den Ursprung des Gnadenbildes berichtet wird, als wahr und tatsächlich annehmen dürfen.
Und fei es, dass nicht dies vorhandene geistliche Schauspiel am 14. September 1687 in Inzing aufgeführt wurde: sicher und gewiss wurde es daselbst aufgeführt im Jahre 1720, also 35 Jahre nach Auffindung des Gnadenbildes. — Gewiss lebten in diesem Jahr noch manche Personen in Inzing, welche die Geschichte des Gnadenbildes mitgelebt hatten, alles darauf Bezügliche gut wussten; ohne Zweifel spielten solche im Schauspiel eine Rolle; und gewiss hütete sich der Dichter, Unwahres und Erlogenes ihnen in den Mund zu legen.
Immerhin ist uns dies Schauspiel ein Bericht, dem wir gar manches, das Gnadenbild Betreffende, entnehmen mögen.
Endlich ist noch zu erwähnen ein schriftliches Dokument, welches im Kuratie-Archiv in Inzing aufbewahrt wird und den Titel führt: "Kurtzer, jedoch grindlicher Inhalt und wahrhafte Nachricht der Wunderthätigen heiligen Maria Hilf Bildnis, welche anno 1685 in der fürstlichen Grafschaft Tirol der Dorfschaft Inzing unweit der Residenz Statt Yhnsprugg Wunderbarlich geweint hat."
Gehen wir nun über zum zweiten Teil und hören wir, was wir über das Gnadenbild aus diesen aufgezählten Urkunden erfahren.
Leopold Gaßler sagt von diesem Bild einfach dass es ihm von seinen lieben Eltern hinterlassen worden sei.
Dekan Oberberger schreibt nach Brixen am 24. Juli 1686: "Euer Hochwürden und Gnaden mögen aus mitgeschickten Beilagen ersehen, was sich unlängst mit einem uralten, auf Tuch gemalten Maria-Hilfe-Bildnis — so in der Größe eines Regal-Bogens —, welches in das wohlgeachten Leopold Gaßlers Behausung zu Inzingen der Pfarre Flaurling vor vielen Jahren in der gemeinen Volksstube an der Wand in geringer Ehre und Beobachtung gehangen, teils zu Inzingen, teils zu Kaltenbrunn, in der Dechantei Imst zugetragen."
Im Schauspiel ist es Leopold Gaßler, der das Bild hinter einer Truhe in Staub und Koth liegend findet, es lebhaft bedauert, dass es in seinem Hause, wohl ohne sein Wissen, so sehr vernachlässiget worden sei, und heilig verspricht, es in Zukunft besser zu ehren und — so es an die Wand hängt.
Die allgemeine Sage im Volke behauptet, dass die Ehefrau des Leopold Gaßler, mit Namen Gertraud Hechenpergerin, eine Kammer im Hause ausgekehrt habe. Während sie dies tat, hörte sie ein Weinen hinter einer Truhe, sah nach und fand dort das Muttergottesbild, welches weinte. Mit Sicherheit wird angenommen werden können, dass dies Bild vielleicht seit langer Zeit unbeachtet und verwahrlost hinter einer Truhe gelegen, um die Weihnachtszeit des Jahres 1685 daselbst gefunden und an einem geziemenden Orte des Volksstube aufgehängt worden sei.
Was aber war die Veranlassung, dass diesem Bild eine besondere Beachtung und Aufmerksamkeit zu Teil wurde?
Als wunderbare Erscheinung an diesem Bild wird immer angegeben, dass es geweint habe.
So schreibt Leopold Gaßler am 31. Mai 1686 an den Kuraten in Kaltenbrunn:
"I kann nicht unterlaßen, Euer Hochwürden mit diesem Zettel zu berichten, wie und wasgestalt es sich in meinem Hause zugetragen mit einem Maria-Hilfbild, welches Bild zu der heiligen Weihnachtszeit die lichten Zähren vergossen, als wenn es natürlich geweint hätte, welches meine liebe Hausfrau augenscheinlich gesehen und mir dieselbe auch darnach solches gesagt hat. Den andern Tag zu morgen hab ich selbst geschaut, so hat dies Bild stark geschwitzt, dass es bis auf die Brust ganz nass geworden ist, und ich dasselbe unbesonnen mit einem Tüchlein abgewischt."
Der Kurat von Kaltenbrunn, von seinem Dekan Bartlmä Gschwenter zur Rede gestellt: warum er das Bild von Inzing ein "mirakuloses" nenne, gibt als Grund an, "weil es geweint hat."
Die kurze gründliche Nachricht sagt dasselbe mit den Worten:
"Die Hauswirthin Gerdrauth Hechenpergerin hat wargenommen, dass das Bildnis mit Zähren schweiße; und da sie nun solches zum öftern und heifiger gesehen, hat sie auch andere Benachbarte, umb der Begebenheit halber Kundschaft und Bericht einzuziehen und göben zu können, herzurberuffen."
Im Schauspiel ist Leopold Gaßler die Person, welcher dies wunderbare Weinen am Bilde beobachtet und die immer wieder hervorbrechenden Tränen mit einem Tüchlein abtrocknet, dass dasselbe ganz nass wird. Leopold hebt dies von den Tränen Mariens durchnässte Tüchlein als einen kostbaren Schatz sorgfältig auf, vermag es aber bald nicht mehr zu finden. — Ein Engel soll diesen Schatz, dessen die Erde nicht wert war, in den Himmel getragen haben.
Als Ursache der Tränen Mariens wird angegeben: Die sittliche Verdorbenheit der Menschen habe die Gerechtigkeit Gottes aufgefordert, mit schweren Strafen das Land heimzusuchen; aber aus Mitleid mit der unglücklichen Menschheit habe die Mutter der Barmherzigkeit geweint und mit ihren Tränen ihren erzürnten Sohn zur Erbarmung und Verschonung zu bewegen gesucht.
Eine Beschreibung der damaligen sittlichen Zustände im Schauspiel passt ganz gut für unsere Zeit.
Da spricht ein Geistlicher:
"Warum das Bild möcht' haben geweint,
Keine andere Ursache zu sein scheint,
Als weil die Laster groß und viel,
So etwa Gott nun strafen will.
Man es leider ja mit Augen sieht,
Wie viel auf Erden Übles geschieht;
Die Hoffahrt wächst jetzt so hoch an,
Dass sie kaum höher wachsen kann.
Was Neid, was Wucher, Hass und Geiz
Spürt man nicht jetzt und allerseits
Unlauterkeit — ist ja eine Schand —
Hat genommen dergestalt überhand,
Dass nun kein Mittel wird ergeben,
Dieß schändliche Laster aufzuheben.
Die Sonn- und Feiertage gleicher Gestalten
Werden in schlechten Ehren gehalten.
Wann einmal große Sünden geschehen,
Kann man es an Sonn- und Feiertagen sehen.
Beim Tag regiert Fressen und Saufen
Und bei der Nacht das Herumlaufen,
Der jungen Burschen auf Wegen und Gassen
Sich keiner ihm es will wehren lassen.
Was man durch Gottes Wort zuspricht:
Ist Alles vergebens, hilft Alles nicht.
Darum leider man muss ansehen,
Dass aus dem Gesetz viele Sünden geschehen.
Deswegen dann kein Wunder wär,
Wenn über das Land auch Gott, der Herr,
Die gerechten Strafen tät' ergießen,
Und die Bildnuß hätt' weinen müssen."
Das Marienbild blieb ohne Zweifel die Zeit über von Weihnacht 1685 bis. Ende Mai 1686 im Hause des Leopold Gaßler.
Was in dieser Zeit an und mit dem Bilde vorgegangen sei, darüber wissen wir nichts Bestimmtes.
Die "gründliche und wahrhafte Nachricht" sagt, dass das Bild öfters geweint habe, und man habe, da dies zum Öfteren und häufiger gesehen worden sei, auch andere Benachbarte herzugerufen, um der Begebenheit halber Kundschaft und Bericht einzuziehen und geben zu können. Darauf sei geschehen, dass dies Wunder sowohl geistlich- als weltlicher Obrigkeit angezeigt worden sei, welche alsbald nach erdeuten Inzing sich erhoben und erfunden, dass diesem an der Sach‘ und Wahrheit also sei."
Etwas wird am Bild sicher vorgegangen sein, wenn auch Leopold Gaßler in seinem Brief an den Kuraten von Kaltenbrunn vom 31. Mai 1686 schreibt, er habe vom wunderbaren Ereignis am Bild nichts geoffenbart bis zum 20. Mai.
Um diese Zeit, also in den letzten Tagen des Mai 1686, ist etwas geschehen, was eine sonderbare Episode in Betreff des Gnadenbildes zur Folge hatte.
Es befand sich damals in Inzing eine besessene Person mit Namen Ursula Egger. Es ist unbekannt, ob dieselbe daselbst zu Hause war, oder nur zeitweilig hier weilte.
Sicher war Leopold Gaßler neugierig zu erfahren, wie sich diese Besessene vor dem Bild benehmen, und was sie in Betreff desselben aussagen würde. — Man suchte also dieselbe in das Haus und in die Stube zu bringen, in welcher sich das Bild befand.
Wir wollen aus dem Bericht des Leopold Gaßler an den Kuraten Pult einiges diesen Vorgang Betreffendes hierhersetzen:
"Sobald sie in's Haus ist gekommen, hat sie der böse Geist angefangen zu martern, und wie sie zu der Stubentür ist gekommen, hat er das Erste Mal aufgeredet: man führe ihn da in die Hölle hinein. — Sobald sie vor das Bild gekommen, ist sie gewesen, als wenn sie ganz verzuckt wäre; sie hat die Augen ganz verwendet, dass man nichts Schwarzes mehr darin gesehen hat; und dies hat wohl drei oder vier Vaterunser lang gedauert. Endlich hat er angefangen, gegen das Bild hin zu reden."
Das Gesprochene bestand der Hauptsache nach in Folgendem: "Du hast geweint; du hast die Zähren vergossen; man hat aber nicht darauf geachtet; man hat dich nicht geehrt. Ich muss dich loben, obwohl ich der lebendige Teufel bin, du hochgebenedeite Königin. — In einer halben Viertelstunde müssen drei ausfahren vor dem wundertätigen Bilde!"
Darauf sei ein Gestank entstanden, und Ursula Egger habe frisches Blut ausgestoßen.
Wieder habe der Teufel gesprochen: er wolle seine Kreatur in kleine Stücke zerreißen; er wolle sie krank machen, dass man vermeinen würde, sie sei tot; — was bald darauf geschehen sei. —
Weiter berichtet Gaßler:
"Er hat auch lateinisch geredet, was unter uns zu hören Niemand verstanden. Darnach ist sie aufgesprungen, dass man sie kaum hat halten können. Darauf hat er wiederum geredet:
"Ich bin gebunden, als wie der arme Teufel in der Hölle vor diesem wundertätigen Bild."
Sodann hab’ er sich umgewendet und gesagt: "Ach wehe, ach wehe."
Nun ist die Person wieder zu sich selbst gekommen und hat begehrt von den Leuten, welche in der Stube gewesen, man solle beten ein Vaterunser und ein Ave Maria, und einen Glauben zu Ehren der Allerheiligsten Jungfrau und Mutter Gottes Maria, dass sie ihren lieben Sohn neun Monate unter ihrem jungfräulichen Herzen getragen hat. Dies ist geschehen in Beisein des Johann Fritz, Christian Fritz, Peter Windegger, Johann Dietrich und Leopold Gaßler, als Hauswirt selber."
Leopold Gaßler schließt seinen Brief an den Kuraten von Kaltenbrunn mit der Bitte, derselbe möge die Güte haben, wenn er den Exorzismus mit der Ursula Egger vornehme, den bösen Geist zu zwingen, dass er bekenne, ob das Bild ein Gnadenbild, ein mirakulöses Bild sei, oder nicht? Ersteres wäre der ganzen Gemeinde Inzing eine große Freude und es würde in großen Ehren gehalten werden.
Dies ist die Begebenheit im Gaßlerischen Hause bei der Anwesenheit der Ursula Egger in demselben und vor dem Mariahilfbild.
Leopold Gaßler sagt in seinem Schreiben nichts davon, dass die Besessene ausgesagt und behauptet habe, das Bild gehöre nicht nach Inzing, sondern nach Kaltenbrunn, und es müsse dorthin gebracht werden.
Es ist aber die allgemeine Sage, dass dies geschehen sei, und dass diese Behauptung der Besessenen die Ursache gewesen sei, warum das Gnadenbild nach Kaltenbrunn gebracht worden ist.
Dass das Bild in Kaltenbrunn gewesen sei, unterliegt keinem Zweifel.
Der Herr Dekan Franz Oberberger schreibt in seiner Eingabe nach Brixen vom 24. Juli 1686:
"Euer Hochwürden und Gnaden haben aus beikommenden Beilagen zu ersehen, was sich mit einer Mariahilfe Bildnis teils zu Inzingen, teils zu Kaltenbrunn zugetragen."
Dasselbe ist aus dem Bericht des Kuraten von Kaltenbrunn vom 30. August 1686 auf das Bestimmteste ersichtlich und Herr Michael Pult sucht nachdrücklich zu beweisen, dass das Bild nach Kaltenbrunn gehöre, widerrechtlich von dort wegebracht worden sei, und er bittet eine hochgeistliche Obrigkeit inständig, sie wolle allen Ernstes bewirken, dass das Bild wieder dahin gebracht werde.
Wahrscheinlich war es wohl der Eigentümer des Bildes, der in die Übertragung desselben nach Kaltenbrunn einwilligte, dieselbe verfügte und vielleicht in eigener Person dasselbe nach Kaltenbrunn brachte.
Herr Michael Pult scheint sich mehrmals mit besessenen Personen abgegeben zu haben, die zum Gnadenbild in Kaltenbrunn ihre Zuflucht genommen. Solcher Weibspersonen waren im Jahr 1686 mehrere in Kaltenbrunn anwesend.
In der Absicht, dort Hilfe zu erlangen, begab sich auch die Ursula Egger dorthin. Dieselbe mitgezählt waren damals sicher vier Besessene in Kaltenbrunn.
Im Pfarrarchiv von Flaurling befindet sich eine Urkunde, ein Bittgesuch an die durchlauchtigste Frau Eleonora Josefa, Königin von Polen, Großherzogin in Litau, Herzogin zu Lothringen und Laar, geborene Erzherzogin von Österreich, in welchem vier arme besessene Weibspersonen, welche sich schon zu vielen Wallfahrten begeben hatten, in Hoffnung, ihrer beschwerlichen Bürde erledigt zu werden, und die jetzt im Vertrauen zur gnadenreichen unser lieben Frau Bildnis Maria Hilf in Inzing ihre Zuflucht genommen, die Königin ersuchen, bei dem Bischof in Brixen zu erwirken, dass er Priestern seiner Diözese erlaube, und solche beordre, ihnen geistliche Hilfe zu spenden.
Sicher waren es die vier Besessenen in Kaltenbrunn, welche später zum Gnadenbild in Inzing ihre Zuflucht genommen haben.
Nebst der Behauptung der Ursula Egger, das Bild gehöre nach Kaltenbrunn, mag den Leopold Gaßler als Grund, es dahin zu bringen, wohl auch der Wunsch und die Hoffnung bewogen haben, dort eine bestimmte Erklärung zu erlangen, ob es ein Gnadenbild sei oder nicht, wie er dies in seinem Brief ausspricht.
Die Anwesenheit der Ursula Egger in Kaltenbrunn und die Übertragung des Bildes dahin wird in der ersten Hälfte des Juni 1686 stattgefunden haben.
Am 3. Juni dieses Jahres schreibt der Dekan Franz Oberberger an Michael Pult:
"Es wird sich zu Kaltenbrunn eine fremde besessene Weibsperson einfinden, welche nicht unlängst zu Inzing in des wohlgeachten Leopold Gaßler's Behausung vor einem alten Mariahilf-Bild soll ausgesagt haben, was beiliegende Copia enthält."
Michael Pult wird vom Dekan ersucht, mit dieser Person vor Zeugen eine genaue Untersuchung anzustellen, und ihre Aussage ihm zu berichten.
Aus dem Schreiben des Kuraten von Kaltenbrunn vom 30. August ersehen wir, dass das Gnadenbild nur einmal daselbst übernachtete. Am Tage nach seiner Ankunft fanden sich daselbst Deputierte von Inzing ein, um den kostbaren Schatz unverweilt in ihre Heimat zurückzubringen.
Ohne Zweifel wurde in Inzing sogleich Lärm als man erfuhr, das Bild sei aus der Gemeinde fortgebracht worden, und rasch wurde der Entschluss gefasst, dasselbe unverweilt zu hohlen.
Es mag sich in ähnlicher Weise zugetragen haben, was vor nicht langer Zeit in Seefeld geschehen ist.
Die Sache kam so:
Die Bewohner der Gemeinde Oberperfuss wünschten in ihrer Kirche ein großes Kruzifix vor Aller Augen aufgestellt zu haben.
In Seefeld befand sich ein hierzu passendes Kruzifix, welches in der oberen Sakristei neben dem Eingang in's Musikchor ganz unbeachtet an der Wand hing. Die Oberperfeser ersuchten, dass man ihnen dies Kruzifix überlasse, und da niemand desselben achtete, glaubte der Pfarrer, dieser Bitte willfahren zu dürfen. Somit kamen mehrere Burschen von Oberperfuss nach Seefeld, um den gekreuzigten Heiland zu holen und ihre Heimatkirche damit zu bereichern.
Schnell wurde es in Seefeld bekannt, dass das Kruzifix weggebracht worden sei, es entstand ein völliger Aufruhr im Dorf, ein Rudel: Mannspersonen tat sich zusammen, jagte den Oberperfesern nach, holte sie eine halbe Stunde außer dem Dorfe ein und nahm ihnen das Kruzifix mit Gewalt ab. Im Triumph wurde es in das Dorf zurückgebracht, und im Triumph von Alt und Jung empfangen. Auf dem Friedhof wurde für dasselbe eine passende Kapelle hergerichtet und der bisher ganz verwahrloste, gekreuzigte Heiland hatte die Freude, jetzt täglich oft zahlreiche andächtige Verehrer am Fuß seines Kreuzes knieend zu sehen.
Die Behauptung, das Bild gehöre nach Kaltenbrunn, wurde von der Ursula Egger auch daselbst aufrechterhalten und den Inzingern wurde gedroht, dasselbe werde immer schwerer und schwerer werden, wenn sie sich doch unterstehen würden, es fortzutragen.
Die Leute ließen sich nicht irre machen, man beschloss, den Versuch zu wagen, ob es denn also kommen werde, fand aber, dass das Bild auf dem ganzen Weg das gleiche Gewicht behalte.
Wie berichtet wird, war der Rückweg von Kaltenbrunn nach Inzing für das Gnadenbild ein wahrer Triumphzug, in allen Gemeinden durch das Oberinntal herab wurde es feierlich empfangen, von Priesterschaft und Volk, mit Kreuz, Fahnen und Glockengeläute.
Der feierlichste Empfang ward ihm ohne Zweifel in Inzing zu Teil.
Auf diese Weise wurde die Übertragung des Gnadenbildes nach Kaltenbrunn sehr Veranlassung, dasselbe dem Volk bekannt zu machen und dessen Verehrung und Vertrauen zu erwirken.
Nach seiner Ankunft in Inzingen wurde das Bild nicht mehr in die Behausung des Leopold Gaßler gebracht, sondern in die Peterskirche und daselbst auf den Hochaltar gestellt.
Dekan Oberberger berichtet hierüber nach Brixen folgendes:
"Demnach nun obbesagtes Gnadenbild — bei dessen Anblick nicht ohne großen Seelentrost in mir eigentümliche Gefühle erwachten — laut einhelliger Aussage der zu Kaltenbrunn sich befindenden besessenen Personen hinfüro [von jetzt ab] in keinem Privathaus, sondern zu Vermehrung der Ehre Gottes und seiner heiligsten Mutter in einem Gotteshaus bis zur Erbauung einer eigenen Kapelle solle aufbehalten und dem Volke vorgestellt werden, ist solches in S. Peterskirchen zu bedeuten Inzingen auf dem Hochaltar exponiert worden, allwo es nun täglich, und zwar je länger je mehr häufig von Kirchfahrtern [Wallfahrern] venerirt [verehrt oder angebetet] und mit ziemlichen Opfern beschenkt wird. Dass also große Hoffnung, es werde mit Beihilfe der löblichen gaßleriſchen Freundschaft und der gesamten ehrsamen Gemeinschaft zu Inzingen in kurzem allda ein Beneficium ausgerichtet werden, damit die Wallfahrer täglich mit einer hl. Messe und sehr verlangter Gelegenheit zu beichten mögen bedient werden."
Das Fest Mariä Heimsuchung wird in Inzing alljährlich als Festtag begangen.
Im Calendarium für Inzing stehen zum 2. Juli die Worte:
"Es war im Jahre 1686 den 26. Juli der Tag, an welchem die über glücklichen Inzinger ihren berühmtesten, heiligsten und kostbarsten Schatz im Haus des Leopold Gaßler gefunden haben, das wundertätige Mariahilfbild, welches bis auf den heutigen Tag leuchtet durch staunenswerte Wunder und zahllose Wohltaten. Das Andenken an dieses große Geschenk feiert die dankbare Gemeinde am heutigen Tage."
Was unrichtig ist in dieser Bemerkung, ist aus dem bisher Gesagten klar. Wenn das Gnadenbild am 26. Juli 1686 aufgefunden worden wäre, wie hätte Dekan Oberberger am 24. Juli die Worte schreiben können, die er geschrieben hat? Der Festtag am 2. Juli steht in nächster Verbindung mit dem Gnadenbild und wird wohl etwa deswegen feierlich begangen, weil er der erste Frauentag ist, der auf die öffentliche Aufstellung des Gnadenbildes in der Kirche folgte.
Maria hatte ja auch im Gnadenbild eine Reise über's Gebirge gemacht, und war eben wieder in ihre Heimat zurückgekommen.
Wenn nach der feierlichen Aufstellung des Bildes in der Peterskirche ein Priester die Kanzel bestiegen hätte, um eine Ansprache an die Gegenwärtigen zu halten, hätte er wohl füglich Ähnliches mit dem sagen können, was bei dieser Gelegenheit der Priester Karl im Schauspiel spricht :
Alle Auserwählte insgemein
Die hier in Gott versammelt sein,
Ein Jeder woll‘ bei sich erachten,
Was für ein Glück es sei zu achten,
Dass die jungfräuliche Mutter mild
Geweint hat durch dies Gnadenbild.
Nun wohlbedachtsam überlegt,
Was sie zum Weinen hat bewegt!
Die schwere Last so großer Sünden,
So aller Orten war zu finden,
Der Zorn, Geiz, Trägheit und Neid,
Unkeuschheit, Hass, Ungerechtigkeit,
Hochmuth samt eitler Kleiderpracht
Hat Maria weinen gemacht.
Gott wollte die Unbild nicht mehr tragen,
Mit wohlverdienter Strafe zuschlagen.
Tut Gott zur Rache nicht mehr bewegen,
Alle Sündenbürde von euch ablegen,
Nachgierigkeit [Habgier] und Hass legt ab,
Dass Gott zur Strafe nicht Ursach hab’;
Alle Geilheit und Unzucht abschaffet,
Denn Gott dies Laster schrecklich strafet,
Was wider Zucht und Ehrbarkeit,
Keinem eurer Dienstboten leidet,
Dass ihr, was sie Sündhaftes haben vollbracht,
Euch dessen nicht teilhaftig macht.
Hütet Euch vor aller Betrügerei,
Gedenkt, was für eine Sünd' es sei,
Da einer in seinem Hab und Gut,
Dem Nebenmenschen Unrecht tut.
Keine Gnade bei Gott zu hoffen hat,
Der ungerechtes Gut nicht erstattet,
Keinen Teil hat an dem ewigen Leben,
Der das ungerechte Gut nicht zurück tut geben.
Im Gleichen befleißet euch zu meiden
Das unverschämte Ehrabschneiden,
Der gute Name ist mehrer wert,
Als Geld und Geldeswert auf der Erd.
Dass ich mit Kurzem Alles sage,
Große Sorg und Fleiß ein jeder trage,
Dass, was Gott in der Schrift begehrt,
Auf's fleißigste erfüllet werd.
Lasset das Böse und tuet das Gut,
Der Herr durch David sagen tut.
Endlich zu uns’rer lieben Frauen
Ein Jeder setzt’ ein festes Vertrauen,
Tut sie in diesem Bild verehren,
Und was ihr werdet von ihr begehren,
Ihr werdet es sicherlich erlangen,
Und zugleich des Himmels Lohn empfangen.
Das Gnadenbild in Inzing und dessen Aufstellung in der Kirche hatte drei wichtige Dinge zur Folge, die Erbauung einer eigenen Kapelle für dasselbe, die Stiftung eines Beneficiums bei derselben, und eine vertrauensvolle, mehr und mehr zunehmende Verehrung des Gnadenbildes, worüber wir noch in Kürze berichten wollen.
Die Mitglieder der gaßlerischen Freundschaft fassten sogleich den Entschluss, für das Gnadenbild eine eigene Kapelle zu bauen.
Dekan Oberberger schreibt in dieser Angelegenheit am 24. Juli 1686 nach Brixen:
"Und weil die wohlgeachte gaßlerische Familie wirklich entschlossen, eine schöne Kapelle unweit von ihrem Ordinari-Gotteshaus an einem ganz sichern Ort diesem Gnadenbilde für eine Wohnung auf eigene Kosten erbauen zu lassen, haben sie zu gewisserer Erhaltung notwendiger, gnädigster Lizenz hochgeistlicher Obrigkeit, (um welche demütigst, untertänigst anzulangen Herr Jörg Gaßler im Namen der gesamten Freundschaft persönlich sich anmelden wird) mich liebreich ersucht, dero Vorhaben eifrigst dahin zu rekommandieren, welches ich hiermit aus besonders von mir getragenen Affektion zu diesem Gnadenbild und großem Schatz nicht abschlagen konnte, sondern die gesamte Freundschaft zu verlangter, gnädigster Willfahrung und beinebens mich zu beharrlichen Gnaden untertänigst empfehle."
Die Erlaubnis zu diesem Kapellenbau wurde von hochgeistlicher Obrigkeit am 14. August 1686 gegeben, jedoch mit der Zusage, dass die Kapelle keinen Zugang von außen haben dürfe.
Demgemäß wurde die rechte Seitenmauer der St. Peterskirche durchbrochen und die Kapelle in den Friedhof hinausgebaut.
Mit dem Bau wurde rasch vorwärts gemacht.
Schon am 11. Juni 1687 meldet die gaßlerische Freundschaft in einer Eingabe nach Brixen folgendes:
"Auf Gott Lob erfundenem Unser Lieben Frauen Mariahilf-Bildnis und unserm darum geschehenen gehorsamen Anlangen u. Bitten haben Ihre Hochwürden und Gnaden gnädig placedirt und gewilliget, dass wir Endsbenannten in S. Peters Gotteshaus allda zu Inzing können und mögen für dasselbe eine neue Kapelle ausbrechen, hinzubauen und darin einen Altar zurichten lassen, dessen wir uns jederzeit gehorsamblich bedanken.
Gestalten solche samt dem Altar inzwischen soweit dahin purifiziert, erbaut und aufgerichtet, dass an jener nichts mehr, an diesem aber noch die Fassung und Vergoldung ermangelt.
Über geführte Erbauung sind ungefähr 1600 Gulden aufgegangen und dazu kommt noch, was demjenigen geistlichen Herrn, der zu mehreren Lob Gottes und zu großen Nutzen und Andacht der die Kirchfahrt unternehmenden Personen auf unsere Unkosten gereicht worden ist.
Es sind aber bei vorgemeldeten Unser Lieben Frauenbild von sechs bis sieben hundert Gulden gefallenes Opfer vorhanden. Damit nun ferner die Ehre Gottes und seiner hochwerten Mutter gepflanzt und befördert, mancher arme Sünder und betrübte Christ, mittelst Mariä Fürbitte, getröstet, um Frieden und Einigkeit christlicher Potentaten gebittet, das angefangene Werk Gott wohlgefällig perfektioniert und vorgedachte Tranzferier- und Bildes-Übersetzung vorgenommen werden könnte, ist an Ihro Hochwürden und Gnaden unser gehorsamliches Suppliciren und Bitten, aus obtragender Macht und angeborner Gnad, von hochgeistlicher Obrigkeit wegen, gnädig zu geruhen, das angezogene, gefallene Opfergeld zu den Baukosten, vorab Fassung und Vergoldung des Altars und zu einem in der neuen Kapelle zu machen seienden Eisengitter zu applizieren, herdann zunehmens zu verwilligen.
Ferners iſt unſer Supplizieren, ad actum tranlationis und Übersetzung vorbestimmten wundertätigen Bildes einem Commissarium , (wozu wir, doch ohne gehorsame Maßvorschreibung, Ihro wohlehrwürden Herrn Franz Oberberger, der hl. Schrift Doktor, Dechant und Pfarrer zu Telfs vorschlagen und absonderlich gern hätten) gnädig zu verordnen, annebens auf sogesagten neuen Altar das hl. Messopfer zu zelebrieren gnädig zuzulassen, und zu dem Ende, bis zur Erfolgung ordentlicher Weihung desselben, ein Portatile gnädig zu verleihen zu verhelfen, und um Alles gnädige Signatur und Kommissions-Befehl abzugeben.
In welchem Ihro Hochwürden und Gnaden die Ehre Gottes und seiner übergebenedeitesten Mutter mit Vermehrung der Andacht befördern, manchen betrübten Sünder zur Verzeihung und uns zu größter Konsolation helfen, so der Allerhöchste auch reichlich belohnen wird."
Der Bescheid von Brixen bestand in dem, dass dem Dekan von Telfs die Kommission übertragen wurde, mit dem Pfarrer von Flaurling und Andern den Befund aufzunehmen, und dass das erbetene Opfer werde bewilligt werden, wenn es notwendig sei. Der Dekan erhielt den Auftrag, wieder zu berichten, wenn der Altar völlig aufgerichtet sei — dann werde endlich die Resolution erfolgen.
Dieser Endbescheid ist nicht vorhanden. Indes schreibt Dekan Oberberger am 4. September 1687 nach Brixen, dass Abgeordnete von Inzing dahin kommen werden, um das Portatile abzuholen, ferner, er und der Pfarrer von Flaurling trügen kein Bedenken, nachdem alles Notwendige fertig sei, mit gnädigster Erlaubnis hochgeistlicher Obrigkeit, am nächsten Sonntag, 14. September, das Bildnis vom Hochaltar in die neuerbaute Kapelle feierlich zu übersetzen, bei welcher Feier Vormittag Predigt und Amt, Nachmittag aber eine Prozession und kleine Exhibition de beatissima Virgine theatraliter vorbeigehen sollen, zu welchem Allem die Interessenten nochmals um die gnädigste Lizenz anhalten.
Die Übertragung fand wirklich am 14. September statt.
Der gründliche Bericht erzählt darüber: "1687 den 14. Tag September, den 17. Sonntag nach Pfingsten, als am Fest Kreuzerhöhung wurden von der wundertätigen Bildnis auf dem Hochaltar Amt und Brödig nebst 8 Heiligen Messen, um 12 Uhr Nachmittag bei einer großen Volksmenge eine ansehnliche Prozession mit herum-Tragung des Gnaden Bildnis nebst vielen auch benachbarten Kreuz und Fahnen, auch Absingung der Lauretanischen Litanei abgehalten. Worauf das Bildnis in die ihr zu Ehre neu erbauten Kapelle überführet und mit dem Ambrosianischen Lob Gesang: Te Deum laudamus die Andacht selbigen Tag beschlossen. Dem anderen Tag aber Sub portatili das erste Mal ein Levitirtes amt samt 6 hl. Messen gehalten auch der Altar 1688 dem 22. Okt. von obangedeuten Seiner Hochfürstlich Gnaden — Franziskus Johannes Graf Kuen — Solemnissime eingeweiht worden. Deo sint Laudes."
Eine sehr große Wohltat für die Gemeinde Inzing war die Errichtung, eines Benefiziums daselbst. Wenn auch die Seelsorge noch fortan von Flaurling aus verwaltet wurde, es war jetzt ein eigener Priester beständig im Ort, der täglich das hl. Messopfer feierte, zum Empfang der hl. Sakramente Gelegenheit bot und am Krankenbett und in der Schule erwünschte Aushilfe leistete. Der Stiftbrief des Benefiziums ist vom 31. Mai 1713, dessen damaliges Kapital waren 4000 Gulden.
Als erster Benefiziat kommt vor Franz Aigner, ein eifriger und gebildeter Priester; als Taufender ist er im Taufbuch in Flaurling zum ersten Mal eingetragen im November 1686.
Der merkwürdigste Benefiziat war Josef Strickner vom Jahr 1768 bis zum Jahr 1799.
Mit Erlaubnis des Pfarrers in Flaurling verwaltete er auch durch 20 Jahre die Seelsorge in Inzing.
Das Opfer von 600 bis 700 Gulden, welches im ersten Jahr bei dem Gnadenbild gefallen ist, gibt das beredtste Zeugnis von der großen und weitverbreiteten Verehrung des selben.
Schon am 10. August 1686 berichtet der damalige Pfarrer von Flaurling Johann Peißer nah Brixen:
"Der Zulauf dieses Trostbildes halber ist groß, auch deren Zahl nicht wenige, die bekennen, dass ihnen auf ihr dahin Rufen eilfertige Hilfe wiederfahren wäre."
Über solche und zwar schriftliche Bekenntnisse erlangten Hilfe wollen wir noch etwas Weniges berichten im
Solcher schriftlichen Zeugnisse — Attestationen, wie sie sich nennen — über erlangte Gnadenerweisungen stehen uns sieben zu Gebote. Es müssen aber deren viel mehrere vorhanden gewesen oder vielleicht noch vorhanden sein, denn vier der vorhandenen sind mit einer Nummer versehen und zwar mit Nro. 63, 74, 77 und 91.
Die zwei Eheleute Alexius Gritsch und Eva Reilin von Mötz bekennen, dass am 22. August 1686 ihr Sohn Andreas, 11 Jahre alt, aus Unbehutsamkeit unter zwei Ochsen gekommen sei, und zwar der Art, dass auch ein Rad des Wagens über ihn ausgegangen sei. Der Wagen war beladen mit 54 Staar Kranebittbeeren [1 Staar = 30,75 Liter, 54 Staar = 1,6 Tonnen] und 4 Bürden Galtheu [eine Bürde ist jene Menge, die eine Person auf einmal tragen kann].
Bei diesem Unglück ihres geliebten Kindes nahmen die bekümmerten Eltern, die am Leben desselben völlig verzweifelten, ihre Zuflucht zur allgemeinen Helferin der Christen, zur seligsten Jungfrau und Mutter Gottes Maria, bei dem Gnadenbild zu Inzing. Sie gelobten, mit dem Kind dahin eine Wallfahrt zu machen und eine Votivtafel dort aufzuhängen.
Das Kind kam ohne allen Schaden davon, und weder Arzt noch Arznei waren demselben nötig, was, wie die dankbaren Eltern bekennen, zweifelsohne auf sonderbare Interzession der hilfeleistenden Mutter Gottes zu Inzing beschehen.
Die Eltern erfüllten gewissenhaft ihr Gelübde und bauten zu Ehren der seligsten Jungfrau in Mötz eine Kapelle.
Im Wirtshaus in Dürsenbach [Anm.: Dirschenbach] drüben befand sich damals zugleich die Post.
Dort geschah am 5. Oktober 1687, dass das vierjährige Söhnlein des Postmeisters Lorenz Ampasser, namens Andreas, in aller Früh sein Bettlein verließ, das Fenster öffnete und hoch herab kopfüber auf das Steinpflaster fiel, so dass es ein großes Loch im Kopf erhielt und die linke Seite ganz blau war. Auf das Weinen des Kindes kamen die Eltern herbei und fanden, dass sich dasselbe ganz nicht rühren konnte, so dass sie glaubten, es habe sich Arme und Beine gebrochen. In dieser großen Not nahmen die Eltern ihre Zuflucht zur Mutter Gottes in Inzing und gelobten eine Kirchfahrt dahin mit ihrem ganzen Hause und die Opferung einer Votivtafel.
Das Kind wurde in's Bett gebracht und verbunden und die Kirchfahrt nach Inzing herüber mit allen Hausgenossen auf der Stelle angetreten, so dass sie noch zur Anhörung der hl. Messe zurechtkamen.
"Als wir nach vollendeter hl. Messe — so bezeugen die Eltern — wieder nach Haus zurückkehrten, haben wir mit sonderbarer Freude gesehen, dass das Kind ganz frisch und gesund, also zwar, dass man kein einziges Mal an dem Leib, noch Loch in dem Kopf mehr verspürt, welches ohne Zweifel aus sonderbarer Interzession der Hilfe leistenden Mutter Gottes zu Inzing geschehen."
Im Herbst des Jahres 1687 geschah es in Telfs, dass der siebenjährige Sohn des Elias Kluibenschädl derart auf ein Messer fiel, dass das Messer im Auge stecken blieb und von der Dienstmagd herausgezogen werden musste. Die gegenwärtige Mutter fiel in Ohnmacht. Das Auge blutete stark und schwoll der Art an, dass von demselben nichts mehr zu sehen war und Jedermann glaubte, es sei verloren.
Die Eltern verlobten eine Wallfahrt zur Mutter Gottes nach Inzing und trugen am nächsten Tag betend das Kind hinab. Eine Kleine Strecke vor dem Dorfe nahmen sie den Verband weg, um zu sehen, wie es mit dem Auge stehe und — wie sie bezeugen —
"Da war es, als wenn ihm nie nichts gewesen wäre, außer ein kleines Fleckl, als wie Krizl, über welches wir das Kind in den Telfer Widum tragen müssen, so Herr Dechant und Herr Antoni sich darüber verwundert. Gott und Unser lieben Frau sei herzlichster Dank."
Simon Pärtl aus dem Mühlfelde im Zillertal [Mühlfeld, Gemeinde Aschau im Zillertal in Tirol], der Pfarre Fügen, seines Handwerkes ein Tischlergeselle, war ungefähr zwei Jahre also am ganzen Leib erstarrt, dass er sich weder rühren noch regen, sogar keine Speise zu sich nehmen konnte. Aus besonderem Vertrauen ließ sich derselbe auf einem Karren nach Inzing bringen.
Die Attestation berichtet:
"Nachdem er eine geraume Zeit mit Andacht und voll Hoffnung die Mutter der Barmherzigkeit um die vorige Gesundheit angerufen, ist er bald hernach in etwas an den Gliedern gelaich worden, nachgehends, da er noch mehr in der Hoffnung verharret, auf die Krücken kommen, bis er endlich zu völliger Gesundheit und auf freien Fuß durch die Vorbitte Mariä gestellt worden, und dieses samt dem Geschwür, das er am Genick hatte, und die Barbierer solches nicht getrauten zu kurieren, ohne einiges angewandtes Mittel."
Diese Beweise erlangter Gnadenerweisungen mögen genügen, die große Verehrung des Gnadenbildes zu bezeugen und unser Vertrauen zur Mutter der Barmherzigkeit zu beleben.
Wir schließen unsern Bericht mit den Worten :
Warst zweihundert Jahre schon
Mutter uns bei deinem Sohn,
Sei, Maria! immerfort
Uns‘rer Noth ein Gnadenport.
Da mit der zweihundertjährigen Säkularfeier des Gnadenbildes auch die hundertjährige Säcularfeier der Erbauung der Kirche verbunden ist, erlauben wir uns etwas Weniges über das Gotteshaus in Inzing aus der Diözesanbeschreibung beizufügen.
Die Seelsorgskirche, mit ihrem weithin sichtbaren hohen Spitzturm, erhebt sich im oberen Teil des Dorfes gegen Südwesten, und zeichnet sich durch ihre Größe, gefällige Bauart und innere Ausschmückung in vorteilhaftester Weise aus. Sie ist, soweit beglaubigte Nachrichten reichen, die vierte Kirche, welche an dieser Stelle erbaut worden ist. Das älteste Kirchlein, das hier gestanden, soll um das Jahr 1260 von Bischof Bruno eingeweiht worden sein, wie eine in der alten Kirche gewesene Inschrift bezeugte. Nicht lange danach wurde sie vergrößert oder neu gebaut, und im Jahre 1310 vom Bischof Johann III. (Wulfing) eingeweiht. Die dritte Konsekration fand statt im Jahre 1451 durch den brixnerischen Weihbischof Andreas, Episcopus Sichariensis i. p., nachdem sie abermals vergrößert worden. Endlich in ihrer jetzigen Gestalt ist sie in den Jahren 1777 bis 1779 und zwar einzig durch Wohltäter aus der Gemeinde ganz neu erbaut (nur der alte Thurm blieb stehen) und am 8. Juli 1780 vom Fürstbischof Josef Graf von Spaur, samt ihren fünf Altären feierlich eingeweiht worden.
Die Säkularfeier hätte es demnach auf das Jahr 1880 getroffen. Da aber die Muhr im Jahr 1879 in Inzing so große Verwüstung anrichtete, konnte diese Feier im Jahre 1880 nicht wohl stattfinden.
Der Bau geschah unter dem Benefiziaten und Provisor Josef Strckner, der auch ein ausgezeichneter Wohltäter dazu war.
Baumeister war Franz Singer von Götzens, der auch die Kirche von Götzens in den Jahren 1772—1775 erbaut hat. Die Inzinger Kirche ist ein treues Ebenbild der Kirche in Götzens.
"Im gegenwärtigen Jahrhundert in den Jahren 1870 bis 1877 wurde die Kirche einer gründlichen Restauration unterzogen, wobei der kunstverständige Franziskaner Bertrand Schöpf durch seine reichen Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der kirchlichen Kunst bestens mitgewirkt hat.
Alle Altäre wurden neu gefasst, ebenso Kanzel und Beichtstühle und das ganze Mauerwerk im Innern glänzend dekoriert. Die Kirche erhielt einen neuen Fußboden aus weißen und grauen Platten.
Jeden der vier Seitenaltäre zieren nun neue hölzerne und sauber bemalte Statuen, auf dem Josefi-Altar — David und Johann der Täufer, auf dem Kreuz-Altar — Maria und Johannes.
Diese vier Statuen sind von Feuchtinger in München.
Auf dem Anna-Altar — Elisabeth von Thüringen und S. Agnes, auf dem Antoni-Altar Sebastian und Isidor.
Bildhauer Winkler aus Weerberg hat sie gemacht.
Der Hochaltar besitzt seit dem Jahre 1871 ein wertvolles Gemälde vom Kunstmaler Franz Hellweger; der göttliche Heiland und der heilige Petrus sind die Hauptpersonen desselben.
Von demselben Künstler ist auch das Altarblatt des oberen Seitenaltares auf der Epistelseite, den Tod Josefs vorstellend. Der andere Altar auf der Evangelienseite hat ein gutes Gemälde — Christus am Kreuz — von einem älteren unbekannten Meister.
Auf den beiden unteren Seitenaltären sind die Bilder ebenfalls neu: auf der Evangelienseite die heilige Familie, auf der Epistelseite der heilige Antonius von Padua — beide von Franz Bernlochner.
Der Plafond ist mit drei großen Gemälden von Anton Kirchebner und seinen zwei Söhnen Franz und Josef ausgestattet.
Auf dem Hochaltar befindet sich das Gnadenbild Maria Hilf, welches in der alten Kirche seine eigene Kapelle hatte.
Im Jahre 1884 hat die ganze Kirche einen neuen Schmuck in schönen Fenstern aus der Glasmalerei in Innsbruck erhalten.
Wahrlich, die Gemeinde Inzing hat große Ursache, Gott zu danken für die Gnade, ein so schönes Gotteshaus zu besitzen.
Aber es wird auch da gelten:
"Von einem Jeden, dem viel gegeben worden ist, wird viel gefordert werden, und wem viel anvertraut worden ist, von dem wird viel zurückverlangt werden." Luc. 12, 48.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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