Graz-Mariatrost, Basilika Mariä Geburt – Pfarr- und Wallfahrtskirche

Schnellüberblick
Wallfahrt:Eine der bedeutendsten Marienwallfahrten der Steiermark, entstanden am Purberg seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert.
Status:Lebendiger Gnadenort mit Einzelpilgern, organisierten Gruppen sowie regelmäßig wiederkehrenden Marienwallfahrten.
Kultzentrum:Nahezu lebensgroße spätgotische Muttergottes mit dem Jesuskind aus der Zeit um 1460/1470, ursprünglich aus dem Stift Rein.
Hauptfest:Patrozinium Mariä Geburt; am 13. des Monats finden Fatimawallfahrten statt.
Besonderheit:Die Entstehungsphase ist durch frühe Votivtafeln und Mirakelberichte ungewöhnlich dicht dokumentiert; auch Pestgelübde und ein Heilquellenbrauch sind überliefert.
Ort:Purberg im Grazer Stadtbezirk Mariatrost.
Region:Steiermark.
Lage und Besuch
Lage: Kirchplatz 8, 8044 Graz.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Steiermark
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Graz-Mariatrost
Öffnungszeiten: täglich geöffnet, freier Eintritt.
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Ausführliche Beschreibung

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Außenansicht:

Pfarr- und Wallfahrtskirche Graz-Mariatrost

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht 1959:

Pfarr- und Wallfahrtskirche Graz-Mariatrost

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Ansichtskarte um 1920:

Mariatrost, Ansichtskarte um 1920

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Ausführliche Beschreibung

Die Basilika Mariatrost erhebt sich weithin sichtbar auf dem Purberg am nordöstlichen Stadtrand von Graz. Die Pfarrkirche mit dem Patrozinium Mariä Geburt gehört zu den bedeutendsten Marienwallfahrtsorten der Steiermark. Die Pfarre bezeichnet Mariatrost nach Mariazell als wichtigstes Marienheiligtum des Landes beziehungsweise als zweitgrößte Wallfahrtskirche der Steiermark. Die Wallfahrt ist bis heute lebendig; Einzelpilger und organisierte Gruppen suchen weiterhin den Gnadenort auf.

Mittelpunkt der Wallfahrt ist eine aus dem Stift Rein stammende spätgotische Statue der Muttergottes mit dem Jesuskind, deren Verehrung auf dem Purberg im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts einsetzte. Die Entstehung der Wallfahrt ist ungewöhnlich gut durch zeitgenössische Akten und Aufzeichnungen über die frühesten Votivtafeln dokumentiert.

Der Purberg vor der Marienwallfahrt

Auf dem Purberg bestand seit dem 17. Jahrhundert ein kleines Schloss, das sogenannte Purbergschlössl. Um 1636 wird dort eine Kapelle zu Ehren der Eltern Mariens, der Heiligen Anna und Joachim, genannt. Eine Marienwallfahrt bestand damals noch nicht.

In älteren Darstellungen findet sich dagegen die Erzählung, bereits im Mittelalter habe auf dem Purberg eine dem Heiligen Kreuz geweihte Kirche bestanden, in der eine Kreuzreliquie verehrt worden sei. Eine Urkunde von 1466 habe diese Kirche als "zum Landestrost" bezeichnet; um 1480 sei sie von den Türken zerstört worden. Auch Gustav Gugitz behandelte diese Überlieferung bereits ausdrücklich mit Vorbehalt.

Die quellenkritische Forschung konnte diese vermeintliche mittelalterliche Vorgeschichte jedoch widerlegen. Hanns Koren zeigte, dass eine 1466 erwähnte Kirche Heiligenkreuz bei Landstraß in der Diözese Laibach betraf. Durch Volksetymologie, eine falsche Urkundenzuordnung und die Ähnlichkeit zwischen "Landestrost" und "Mariatrost" entstand im 19. Jahrhundert eine rückprojizierte Vorgeschichte für den jungen Wallfahrtsort. Schon Franz Freiherr von Oer hatte diese Überlieferung 1918 als nicht haltbar zurückgewiesen. Ein mittelalterlicher Wallfahrtsplatz auf dem Purberg ist daher nicht nachgewiesen.

Herkunft des Gnadenbildes

Das heutige Gnadenbild stammt aus dem Zisterzienserstift Rein. Es handelt sich um eine nahezu lebensgroße, spätgotische Darstellung der stehenden Muttergottes mit dem Jesuskind aus der Zeit um 1460 bis 1470. Hans Rohrer nennt unterschiedliche kunsthistorische Zuschreibungen: Walter von Semetkowski beziehungsweise Thurn-Garzarolli stellten die Figur in den Umkreis einer Judenburger Werkstatt und des Meisters der Mariazeller Brunnenmadonna; Rochus Kohlbach schrieb sie dem Grazer Bildschnitzer Heinrich zu und datierte sie um 1462.

Gustav Gugitz beschreibt die Figur als stehende gekrönte Madonna in Ypsilonstellung. Auf dem linken Arm trägt Maria das ebenfalls gekrönte nackte Jesuskind. Dieses hält in der linken Hand die Weltkugel und erhebt die rechte Hand zum Segen.

Nach Hans Rohrers Auswertung der archivalischen Quellen stand die Statue ursprünglich auf einem Altar in Stift Rein, der 1665 abgebrochen wurde. Der Reiner Konventuale P. Tecelin von Wilfersdorf nahm sie zunächst zu seiner Privatandacht in seine Zelle. Dort sah sie sein Bruder Johann Maximilian Freiherr von Wilfersdorf. Er bat um eine Kopie, erhielt jedoch mit Zustimmung des Konvents und des Abtes Candidus das Original. Wilfersdorf ließ die Statue durch den Grazer Bildhauer Bernhard beziehungsweise Pernhardt Echter renovieren und brachte sie 1676 in die dafür vorbereitete Kapelle auf dem Purberg.

Gugitz überliefert zusätzlich, eine Tochter Wilfersdorfs habe bei dieser Marienstatue Genesung gesucht und gefunden. Dieses Heilungsmotiv gehört damit zur überlieferten Kultgeschichte des Gnadenbildes; in Rohrers auf archivalischen Quellen beruhender Rekonstruktion spielt es für die eigentliche Entstehung der Wallfahrt allerdings keine entscheidende Rolle.

Als Wilfersdorf das Schlössl bereits 1677 weiterverkaufte, soll seine Gemahlin Elisabeth Perpetua dem Verkauf nur unter der Bedingung zugestimmt haben, dass das Marienbild auf dem Purberg verbleibe. Nach weiteren Besitzerwechseln erwarb Franz Caspar Conduzi von Heldenfeld das Gut am 28. Februar 1689.

Franz Caspar Conduzi und die Entstehung der Wallfahrt

Conduzi wurde zur entscheidenden Persönlichkeit bei der Entstehung von Mariatrost. Interessanterweise galt seine besondere Verehrung zunächst gar nicht der Muttergottes, sondern der hl. Anna. Nach eigener Aussage wollte er auf dem Purberg eine besondere Wallfahrtsstätte für die hl. Anna schaffen, da Maria bereits zahlreiche Heiligtümer besitze, Anna dagegen vergleichsweise wenige.

Eine überlieferte Begebenheit vom 5. September 1693 leitete die Entwicklung in eine andere Richtung. Ein unbekannter Pilger soll die Kapelle besucht und nach dem Gebet der Verwalterin aufgetragen haben, Conduzi mitzuteilen, Maria wünsche auf diesem Berg stärker verehrt zu werden; der Ort werde den großen Gnadenstätten gleichkommen. Conduzi deutete den Fremden als himmlischen Boten, ließ für die Marienstatue eine eigene Kapelle errichten und bezeichnete das Heiligtum als "Maria Trost am St. Joachimsberge".

Auch der Name "Maria Trost" war keineswegs zufällig gewählt. Conduzi gehörte der Grazer Gürtelbruderschaft des hl. Augustinus und der hl. Monika an. Deren Patronin wurde unter dem Titel Maria Trost verehrt, dessen Vorbild auf einen Gnadenkult bei St. Jakob in Bologna zurückging. Conduzi übertrug diesen Namen auf die Marienstatue des Purbergs.

Die ersten Votivtafeln

Für die Volkskunde ist Mariatrost besonders wertvoll, weil die Entstehungsphase der Wallfahrt ungewöhnlich genau dokumentiert ist. Hanns Koren wertete 1952 eine bereits 1696 angelegte Handschrift über 38 frühe Votivtafeln aus. Die Tafeln selbst haben die folgenden Jahrhunderte nicht überstanden; ihre Inschriften und die damit verbundenen Mirakelberichte wurden jedoch teilweise wörtlich aufgezeichnet.

Die erste ausdrücklich als solche bezeichnete Votivtafel stammt aus dem Jahr 1693. Joachim Ignatius Vedl hatte gemeinsam mit einer Tochter an Fieber gelitten. Nach einem Gelübde zu Maria Trost sei das Fieber gewichen, worauf er die Tafel als Dankopfer stiftete. Bereits zwölf der überlieferten Tafeln stammen aus dem Jahr 1694, 21 aus dem Jahr 1695 und zwei aus den ersten Monaten des Jahres 1696.

Die Wallfahrtsanliegen zeigen dabei keine enge Spezialisierung. Unter den 38 frühen Fällen betreffen:

  • drei die Not von Wöchnerinnen,
  • vierzehn kranke Kinder,
  • fünfzehn Krankheiten Erwachsener,
  • je einer Feuersnot, einen Rechtsstreit, ein Unwetter und die damals als "Plage des bösen Geistes" bezeichnete Notlage.

Auffällig ist dennoch das starke Gewicht der Mutter-Kind-Problematik. Koren vermutete einen Zusammenhang mit der älteren Anna-Verehrung auf dem Purberg.

Ebenso aufschlussreich ist die räumliche Ausbreitung. Die Tafeln von 1693 und 1694 stammen überwiegend aus Graz und der unmittelbaren Umgebung. Bereits 1695 begegnen Gleisdorf, Gaisfeld, Feldkirchen und Semriach, daneben aber sogar Karlstadt in Kroatien und Kirchdorf in Oberösterreich. Aus einem neuen lokalen Gnadenort entwickelte sich innerhalb weniger Jahre eine überregionale Wallfahrt.

Die Verbreitung des Wallfahrtsrufes

Die frühen Votivberichte erlauben sogar Einblicke in die Weitergabe von Nachrichten über vermeintliche Wunder. Ein Grazer Ehepaar, dessen einziges Kind 1694 schwer erkrankt war, erfuhr beispielsweise durch eine Wäscherin von den großen Gnaden, die Maria in der Kapelle des kleinen Purbergschlössls wirken solle. Solche persönlichen Nachrichten dürften wesentlich zur raschen Ausbreitung des Wallfahrtsrufes beigetragen haben.

Bereits 1694 sollen an manchen Sonn- und Feiertagen etwa 2.000 Menschen zum Purberg gekommen sein. 1698 berichtete der Bischof von Seckau von mehr als 200 Votivtafeln sowie beinahe 100 silbernen Händen, Füßen, Augen und anderen silbernen Votivgaben. Die Pilger kamen aus der Steiermark, aus Österreich, Kärnten, Ungarn und Kroatien.

Der General des Paulinerordens berichtete 1709 von 2.000 bis 3.000 Pilgern an einzelnen Tagen. In einer Eingabe von 1715 behaupteten die Pauliner sogar, im Jahr 1709 seien insgesamt 180.000 Wallfahrer nach Mariatrost gekommen. Diese enorme Zahl ist als zeitgenössische Angabe des Ordens und nicht als moderne statistisch überprüfbare Besucherzählung zu verstehen; sie zeigt jedoch den außergewöhnlichen Rang, den der junge Gnadenort innerhalb kürzester Zeit gewonnen hatte.

Kirchliche Kontrolle des jungen Gnadenortes

Die rasche Entwicklung verlief nicht ohne Konflikte. Die kirchlichen Behörden standen der zunächst weitgehend von Conduzi geförderten öffentlichen Verehrung skeptisch gegenüber. Eine Untersuchungskommission beanstandete 1695 unter anderem die öffentliche Verwendung des Namens Maria Trost, die Bezeichnung der Statue als wundertätig, nicht kirchlich überprüfte Mirakelberichte sowie eigenmächtig vorgenommene Exorzismen.

Gerade diese Auseinandersetzungen machen Mariatrost für die Wallfahrtsforschung besonders interessant: Die Quellen zeigen, wie ein neuer Gnadenort nicht aus einer unbestimmten mittelalterlichen Tradition, sondern im Spannungsfeld zwischen privater Kultinitiative, volkstümlicher Aufnahme und kirchlicher Kontrolle entstand.

Pauliner und Bau der großen Wallfahrtskirche

Am 8. August 1708 übergab Conduzi den Purberg mit Schlössl und Marienkapelle dem Paulinerorden. Das Bundesdenkmalamt nennt 1711 als Zeitpunkt der kirchlichen Anerkennung des Wallfahrtsortes. Wegen des gewaltigen Pilgerzustroms erwies sich die vorhandene Kapelle bald als völlig unzureichend.

Nach Genehmigung des Kirchen- und Klosterbaues begann man am 7. Juni 1714 mit der Vorbereitung des Bauplatzes. Am 18. September 1714 wurde in Anwesenheit hochrangiger Vertreter Kaiser Karls VI. der Grundstein gelegt; die kirchliche Weihe des Grundsteins nahm der Seckauer Bischof Joseph Dominikus von Lamberg vor. Für Planung und Ausführung waren die bedeutenden steirischen Barockbaumeister Andreas Stengg und sein Sohn Johann Georg Stengg maßgeblich.

Hier lässt sich die ältere Angabe bei Gugitz etwas präzisieren. Am 10. September 1719 wurde in der noch keineswegs vollendeten Kirche der erste feierliche Gottesdienst gehalten; dafür war zunächst ein provisorischer Hochaltar aufgestellt worden. Die bauliche und künstlerische Vollendung des großen Ensembles zog sich noch mehrere Jahrzehnte hin.

Das Ergebnis ist ein monumentaler barocker Kirchenbau mit weithin sichtbarer Doppelturmfassade, zentraler Kuppel und seitlich integrierten ehemaligen Klostertrakten. Das Bundesdenkmalamt bezeichnet die Anlage als geschlossen wirkendes barockes Gesamtkunstwerk, obwohl ihre Errichtung und Ausstattung über viele Jahrzehnte erfolgte.

Hochaltar und Gnadenstatue

Der Hochaltar wurde vom Seckauer Bischof Franz Anton von Wagensberg gestiftet; seine Planung geht auf Lukas von Schram zurück. Der Altartisch war 1741 aufgestellt. 1746 konnte das Gnadenbild auf den Wolkenthron des Hochaltares übertragen werden, den Joseph Schokotnigg geschaffen hatte. Damit erhielt die mittelalterliche Statue jenen monumentalen barocken Rahmen, in dem sie bis heute Mittelpunkt der Kirche ist.

Über dem Gnadenbild erscheint die Inschrift:

"Solatium vitae nostrae" – "Trost unseres Lebens".

Die spätgotische Figur wurde barock überformt beziehungsweise ausgestattet und mit Kronen und Strahlenkranz in das barocke Gesamtkonzept des Hochaltares eingebunden.

Pest und Gelübdewallfahrt

Gustav Gugitz nennt als bedeutendes Wallfahrtsmotiv die Abwehr der Pest. Die Zunft der Grazer Taglöhner habe eine jährliche Prozession nach Mariatrost unternommen, weil während der Pest von 1680 kein Mitglied ihrer Gemeinschaft gestorben sei.

Damit gehört auch das klassische Motiv des kollektiven Gelübdes aus Seuchennot zur Mariatroster Wallfahrtskultur. Die anschließende regelmäßige Prozession erneuerte das einmal abgelegte Gelübde periodisch und bewahrte zugleich die Erinnerung an die als gnadenhaft empfundene Verschonung.

Kranke Kinder und das Mirakel von 1694

Besonders häufig wurde Maria Trost bei Erkrankungen von Kindern angerufen. Diese von Gugitz hervorgehobene Funktion wird durch die ältesten Votivaufzeichnungen unmittelbar bestätigt: Vierzehn von 38 frühen Votivfällen betreffen kranke Kinder.

Ein außergewöhnlicher Mirakelbericht stammt vom 28. Juni 1694. Ein fünfjähriges Mädchen soll bereits mehrere Stunden ohne erkennbare Lebenszeichen gelegen haben. Die Mutter wandte sich unter Weinen und Knien an Maria Trost und bat um die Rückgabe ihres Kindes. Der Bericht schildert anschließend das Wiedererwachen und die Genesung des Mädchens.

Bei einer wissenschaftlichen Darstellung ist dieser Vorgang selbstverständlich als zeitgenössischer Mirakelbericht beziehungsweise Glaubenszeugnis zu verstehen, nicht als medizinisch nachprüfbare Totenerweckung. Gerade darin liegt jedoch sein volkskundlicher Quellenwert: Er zeigt die extreme Notlage, in der ein Gelübde abgelegt wurde, und die religiöse Deutung einer unerwarteten Besserung.

"Besessene", Exorzismus und Kettenopfer

Gugitz berichtet außerdem von zahlreichen Heilungen an Menschen, die man als "besessen" betrachtete und die nach ihrer Befreiung Ketten als Votivgaben geopfert hätten.

Die Quellen des späten 17. Jahrhunderts bestätigen, dass derartige Vorstellungen zur frühen Mariatroster Wallfahrt gehörten. Hans Rohrer behandelte mehrere Fälle ausführlich und wies zugleich darauf hin, dass sich hinter der damaligen Diagnose "Besessenheit" etwa Epilepsie, psychische Erkrankungen oder andere medizinisch unverstandene Zustände verbergen konnten. Eine besonders gut dokumentierte Frau, Susanna Prinzin, litt nach Rohrers Darstellung an Epilepsie, wurde jedoch von ihrer Umgebung als besessen angesehen und suchte nacheinander verschiedene Wallfahrtsorte auf. Auch in Mariatrost wurde an ihr ein Exorzismus vorgenommen.

Diese Quellen sind für die historische Volksmedizin von besonderem Wert, weil sie zeigen, wie Krankheit, religiöse Erklärung, Wallfahrt, Exorzismus und Votivgabe ineinandergreifen konnten.

Gefangenschaft, Türkenkriege und Ketten

Die Erinnerung an die Türkenkriege nahm in Mariatrost ebenfalls sichtbare Gestalt an. Nach Gugitz befinden sich am Gesimse des späteren Herz-Jesu-Altares Figuren zweier Gefesselter. Sie erinnern an Menschen, die jahrelang in türkischer Gefangenschaft gewesen sein sollen und nach Anrufung der Maria Trost ihre Freiheit erlangt hätten.

Auch tatsächlich erhaltene Ketten bei einem Seitenaltar werden als Zeichen der Befreiung aus osmanischer Herrschaft gedeutet. Nach einer Untersuchung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sollen zwischen 1752 und 1780 sogar jährlich Prozessionen aus Wien nach Mariatrost gekommen sein, um für die Siege über die Osmanen bei Wien 1683 und Temesvár 1718 zu danken.

Die barocken Fresken greifen diese politische und religiöse Deutung ebenfalls auf. Maria erscheint nicht allein als persönliche Trösterin, sondern im zeittypischen katholisch-habsburgischen Geschichtsbild auch als himmlische Helferin bei der Abwehr der Osmanen.

Der Kirchbrunnen als Heilquelle

Eine weitere von Gugitz überlieferte volksmedizinische Komponente betrifft den Kirchbrunnen. Sein Wasser, bei dem beziehungsweise über dem sich eine von Gugitz als Maria-Fieberbründlstatue bezeichnete Marienfigur befand, wurde gegen verschiedene Krankheiten verwendet.

Damit begegnet in Mariatrost neben Gnadenbild, Gelübde und Votivgabe auch das in der Wallfahrtsvolkskunde häufige Motiv des heilkräftigen Wassers. Bereits die erste bekannte Votivtafel von 1693 betrifft bemerkenswerterweise eine Heilung von Fieber, auch wenn zwischen diesem Mirakelbericht und dem späteren Gebrauch des Brunnenwassers kein unmittelbarer ursächlicher Zusammenhang nachgewiesen werden kann.

Fresken und barocke Ausstattung

Der Kirchenraum wird von der umfangreichen spätbarocken Ausstattung beherrscht. An ihr wirkten unter anderem Joseph Schokotnigg und Veit Königer. Die Gewölbe- und Kuppelmalereien entstanden nach Entwürfen beziehungsweise unter Beteiligung von Lukas von Schram und Johann Baptist Scheidt; Scheidt schuf 1753 das Kuppelfresko.

Besondere Bedeutung besitzt die um 1770 Veit Königer zugeschriebene Kanzel. Ihre Reliefs zeigen nicht nur Szenen aus dem Marienleben, sondern auch wundersame Ereignisse aus der Geschichte des Wallfahrtsortes. Damit wurde die örtliche Mirakelüberlieferung selbst Bestandteil der festen Kirchenausstattung.

Der "Hexenritt" auf der Kanzel

Zu den außergewöhnlichsten volkskundlichen Darstellungen gehört ein Relief am Kanzelaufgang. Es zeigt einen Mann und eine auf einer großen Katze reitende Frauengestalt. Eine spätere Überlieferung deutete die Szene als Geschichte eines jungen Mannes, dem nach einem Tanz von einer Frau ein Fluch auferlegt worden sei, sodass keine Schuhsohle mehr gehalten habe. Erst nach der Anrufung von Maria Trost sei er davon befreit worden; als Votivgabe habe er einen mit Eisen beschlagenen Schuh geopfert.

Leopold Kretzenbacher untersuchte diese ungewöhnliche Erzählung 1995 ausführlich. Er konnte zeigen, dass die heute verbreitete Legendenfassung erst relativ spät greifbar wird und selbst Gugitz keine sichere ältere Quelle dafür nennen konnte. Das Relief ist daher ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich Bildwerk und volkstümliche Erzähltradition gegenseitig beeinflussen und nachträglich erklären können.

Josephinismus, Franziskaner und Basilica minor

Im Zuge der josephinischen Reformen wurde 1786 das Paulinerkloster aufgehoben. Zugleich wurde Mariatrost zur Pfarre erhoben. Die Einschränkung der Wallfahrten bedeutete einen tiefen Einschnitt für den Gnadenort.

1846 übernahmen die Franziskaner die Pfarre und Wallfahrtsseelsorge. Sie prägten Mariatrost genau 150 Jahre. 1996 verließen die Franziskaner das Kloster, seither wird die Pfarre von Weltpriestern der Diözese Graz-Seckau betreut. Die bei Gugitz 1956 noch vollkommen zutreffende Bezeichnung als "Klosterkirche der Franziskaner" ist daher heute historisch geworden.

Am 28. Oktober 1999 erhob Papst Johannes Paul II. die Wallfahrtskirche zur Basilica minor.

Die Angelusstiege

Ein charakteristischer Zugang zum Heiligtum ist die Angelusstiege. Über 216 Stufen führt sie vom Tal hinauf auf den Purberg. Die Pfarre versteht den Aufstieg ausdrücklich als einen kleinen Pilgerweg: Auf Kupfertafeln sind Texte des Angelusgebetes angebracht, die zum Innehalten und Meditieren einladen.

Kurz vor dem Kirchplatz steht eine im Jahr 2000 von Erwin Huber geschaffene Bronzefigur des Erzengels Gabriel. Der Weg endet vor dem Hauptportal der Basilika.

Wallfahrt heute

Mariatrost ist weiterhin ein lebendiger Gnadenort. Die Pfarre berichtet ausdrücklich von Einzelpilgern und Wallfahrergruppen aus der Steiermark und darüber hinaus. Auch Pilger aus Slowenien, Ungarn und Italien werden genannt.

Zum heutigen Wallfahrtsleben gehören organisierte Fuß- und Gruppenwallfahrten sowie regelmäßig wiederkehrende Marienwallfahrten. Am 13. des Monats werden Fatimawallfahrten durchgeführt; daneben finden unter anderem Medjugorje-Wallfahrten und weitere Pilgerveranstaltungen statt. Der Gnadenort wird damit weiterhin aktiv liturgisch und wallfahrtsseelsorglich genutzt.

Volkskundliche Bedeutung

Mariatrost zählt zu den besonders bedeutenden Beispielen einer neuzeitlich entstandenen Wallfahrt, deren Entwicklung ungewöhnlich genau dokumentiert werden kann.

Anders als viele alte Wallfahrtsorte benötigt Mariatrost keine mittelalterliche Gründungslegende.

Besonders wertvoll sind die Aufzeichnungen über die frühesten Votivtafeln. Sie ermöglichen einen seltenen unmittelbaren Einblick in die Anliegen der Wallfahrer: Fieber und Krankheit, kranke Kinder, Geburt, Unwetter, Feuer, Rechtsnot und als Besessenheit gedeutete Erkrankungen. Hinzu treten Pestgelübde, Ketten- und Silbervotive, Gefangenschafts- und Befreiungserzählungen sowie der Gebrauch von Wasser als Heilmittel.

Mariatrost zeigt damit in exemplarischer Weise, wie aus einem zunächst privaten Marienbild innerhalb weniger Jahre ein weithin bekannter Gnadenort werden konnte und wie sich persönliche Not, kollektive Krisenerfahrung, barocke Marienfrömmigkeit, habsburgische Türkenabwehr, Votivwesen und institutionalisierte Wallfahrt miteinander verbanden.

Literatur und Quellen

- Die Gründung von Maria Trost auf SAGEN.at

- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde, Bd. 4: Kärnten und Steiermark, Wien 1956, S. 195–196.

- Franz Freiherr von Oer: Ursprung und Geschichte der Wallfahrtskirche Maria-Trost bei Graz. Aus den Originalakten zusammengestellt, Graz–Wien 1918, 35 S.

- Hanns Koren: "Gründung und Anfänge einer barocken Wallfahrt. Dargestellt nach den ersten Votivtafeln der Gnadenkirche Mariatrost", in: Blätter für Heimatkunde 26, 1952, S. 46–56.

- Rochus Kohlbach: Die barocken Kirchen von Graz, Graz 1951, S. 183–202.

- Hans Rohrer: "Das Gnadenbild zu Maria Trost", in: Blätter für Heimatkunde 40, 1966, S. 98–107.

- Hans Rohrer: "Der Kirchenbau zu Maria Trost 1714–1857", in: Blätter für Heimatkunde 44, 1970, S. 38–50.

- Andrea-Margaretha Hartmann: Die Wallfahrt Maria Trost. Eine volkskundliche Studie über ihre Entstehung, Entwicklung und ihre gegenwärtige Kultdynamik, phil. Dissertation, Graz 1985, ungedruckt.

- Horst Schweigert: Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Graz, Wien 1979, S. 220–225.

- Leopold Kretzenbacher: "Der ‚Hexenritt' auf dem Kanzelrelief in Maria Trost. Legende und Bild um den Rachefluch der beim Tanz verschmähten Zigeunerin", in: Blätter für Heimatkunde 69, 1995, S. 56 ff.

- Josef Bierbauer / Heimo Kaindl / Angelika Thaller (Hg.): Basilika Mariatrost in Graz. Festschrift zur Basilika-Erhebung, Graz 2000, 48 S.

- Erika Mauritsch: Die Fresken des Lucas de Schram und des Johann Baptist Scheit an der Mariatroster Kirche bei Graz. Eine ikonographisch-stilgeschichtliche Untersuchung, Diplomarbeit, Universität Graz 1995.

- Wolfgang Absenger: Basilika und ehemaliges Kloster Mariatrost in Graz. Barocker Wallfahrtsort in neuem Gewand, Bundesdenkmalamt, Wien 2023.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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