Attersee am Attersee, Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Attersee

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch bedeutende Marienwallfahrt mit bis in die Gegenwart fortlebenden Bittgängen und Prozessionen; besonders bekannt sind die Wallfahrten aus St. Georgen sowie die Forstarbeiter-Wallfahrt vor Michaeli.
Status:Historisch belegter und bis heute besuchter Wallfahrtsort.
Kultzentrum:Gnadenbild "Maria mit Kind" nach dem Typus "Maria in der Sonne", seit 1652 in Attersee verehrt; auffällig ist der rote Schlagstreifen über Hals der Gottesmutter und Stirn des Kindes.
Ort:Kirchenstraße 22, 4864 Attersee am Attersee.
Bezirk/Region:Bezirk Vöcklabruck / Hausruckviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
•Kirchenstraße 22, 4864 Attersee am Attersee. Die Kirche liegt auf dem historischen Kirchberg hoch über dem Ort und weithin sichtbar über dem Attersee.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Hausruckviertel
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarrgemeinde Maria Attersee
•Öffnungszeiten: Für den Kirchenraum werden keine verlässlichen täglichen Besichtigungszeiten veröffentlicht. Sicher zugänglich ist die Kirche zu Gottesdiensten und nach Rücksprache mit der Pfarrgemeinde; häufig ist sie tagsüber zumindest zeitweise geöffnet.
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•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

• Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Attersee auf dem Kirchberg über dem See.

Die Kirche beherrscht in markanter Lage den Ort Attersee. Ihre erhöhte Stellung verweist nicht nur auf die landschaftliche Bedeutung des Platzes, sondern auch auf den alten Herrschaftsmittelpunkt des Attergaues.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Attersee
• Gnadenbild der Wallfahrtskirche Maria Attersee.

Das kleine Marienbild bildet seit dem 17. Jahrhundert das geistliche Zentrum des Wallfahrtsortes. Der rote Schlagstreifen und die Silbervotive gehören zu den auffälligsten Merkmalen dieses Kultbildes.

Gnadenbild Maria Attersee

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

• Andachtsbildchen aus Maria Attersee.

Solche Andenken vermitteln, wie stark der Wallfahrtsort in die private Frömmigkeit hineinwirkte. Gedruckte Andachtsbilder, Medaillen und kleine Devotionalien gehören zur materiellen Kultur vieler Wallfahrtsorte.

Andenken Maria Attersee

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Lage und historischer Kirchberg

Hoch über dem Ort Attersee erhebt sich auf dem historischen Kirchberg die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Attersee. Kaum ein anderer Kirchenstandort im Attergau verbindet in so dichter Form Herrschaftsgeschichte, Baugeschichte, Marienverehrung und regionale Wallfahrtstradition. Von der Anhöhe aus öffnet sich der Blick über den Attersee, zum Höllengebirge, zum Schafberg und in das Alpenvorland; zugleich steht man auf einem Boden, der schon in frühmittelalterlicher Zeit ein politisches und wirtschaftliches Zentrum der Landschaft war.

Die Bedeutung des Platzes reicht weit zurück. Bereits im Frühmittelalter befand sich hier ein bairischer Herzogshof, der später in karolingischen Besitz überging. Der Ort Attersee, in älteren Formen als Atarhoven oder Atarhof bezeichnet, erscheint 885 urkundlich. Als Kaiser Heinrich II. im Jahr 1007 das Bistum Bamberg gründete, gehörte der Besitz im Attergau zu den wichtigen Stiftungen an das neue Bistum. Die Bamberger Bischöfe errichteten in Attersee eine befestigte Anlage; an diese mittelalterliche Herrschaftslandschaft erinnert noch der Burggraben. Die heutige Kirche war ursprünglich die Schlosskapelle dieser Anlage und bewahrte dadurch von Anfang an eine besondere Stellung.

Vom gotischen Kirchenbau zur barocken Wallfahrtskirche

Der bestehende Kirchenbau geht im Kern auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Damals entstand eine gotische Kirche, die wie mehrere Gotteshäuser des Attergaues zweischiffig angelegt war. Von außen wirkt der Bau heute vor allem barock, doch unter dieser späteren Form liegt noch immer die spätmittelalterliche Substanz. Die große Umgestaltung erfolgte im 18. Jahrhundert, als der Patronatsherr Franz Ferdinand Graf Khevenhüller die Kirche umfassend erneuern ließ. In den Jahren 1722 bis 1728 barockisierte der Baumeister Jakob Pawanger den Bau, ersetzte das gotische Gewölbe durch barocke Raumformen, fügte seitliche Anbauten hinzu und gab der Kirche mit dem markanten Turm und der festlichen Innenausstattung ihre bis heute prägende Gestalt. Eine umfassende Restaurierung erfolgte zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Das Gnadenbild und die Entstehung der Wallfahrt

Der Rang der Kirche als Wallfahrtsort hängt jedoch nicht allein mit ihrer alten Geschichte oder ihrer beherrschenden Lage zusammen, sondern vor allem mit dem Gnadenbild, das seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in Attersee verehrt wird. Es handelt sich um ein Marienbild vom Typus "Maria in der Sonne": die gekrönte Gottesmutter erscheint als Halbfigur, rechts von ihr steht das gekrönte Jesuskind, das in seiner Hand einen Apfel hält. Das Bild ist kleinformatig, aber von starker Andachtswirkung. Besonders auffällig ist der rote Streifen, der über den Hals der Gottesmutter und die Stirn des Kindes verläuft. Gerade dieses Merkmal wurde zum erzählerischen Zentrum der örtlichen Überlieferung.

Nach der lokalen Tradition stammt das Bild aus St. Georgen im Attergau. In konfessionell unruhiger Zeit soll es dort im Jahr 1622 aus der Kirche entfernt und von einer Frau als Verschlussbrett für einen Hühnerstall verwendet worden sein. Als das Bild immer wieder umfiel, habe die Frau im Zorn mit einem Beil oder einer Hacke darauf eingeschlagen; an der Schlagstelle sei daraufhin ein blutroter Streifen sichtbar geworden, der sich nicht mehr entfernen ließ. Am 15. August 1652 brachte der Pfarrer Anton Balster das Bild nach Attersee, wo es seither als Gnadenbild verehrt wird. Historisch gesichert ist die Übertragung des Bildes nach Attersee; die Hühnerstallgeschichte gehört in den Bereich der Wallfahrtslegende. Sie ist dennoch ernst zu nehmen, weil sie exemplarisch zeigt, wie Marienverehrung, Wundererzählung und Konfessionsgeschichte in der Erinnerungskultur eines Wallfahrtsortes zusammenwirken.

Votive und persönliche Marienverehrung

Das Gnadenbild ist heute im Hochaltar eingepasst und von einem kostbaren Silberrahmen umgeben. Damit wurde es sichtbar zum Zentrum des Kirchenraumes erhoben. Zugleich bezeugen aufgehängte Silbervotive, dass die Verehrung nicht nur liturgisch, sondern auch in Form persönlicher Gelübde und Dankopfer gelebt wurde. Solche Votive gehören zu den wichtigsten volkskundlichen Quellen für Wallfahrtsorte, weil sie auf Heilungserwartungen, Rettungserfahrungen, familiäre Sorgen und private Dankbarkeit verweisen. Auch wenn heute nicht mehr die Fülle früherer Opfergaben vorhanden sein mag, bleibt das Gnadenbild doch deutlich als ein Ort individueller Anrufung erkennbar.

Prozessionen, Bittgänge und Forstarbeiter-Wallfahrt

Die Wallfahrt nach Attersee war über längere Zeit von beachtlicher regionaler Reichweite. Aus älteren volkskundlichen Erhebungen geht hervor, dass die Wallfahrtszeit besonders von Mai bis Oktober reichte und einst zahlreiche Prozessionen aus den umliegenden Pfarren nach Attersee führten. Ein bleibender Kern dieser Tradition war die Wallfahrt der St. Georgener, die bereits seit 1652 bezeugt ist und damit unmittelbar an die Übertragung des Gnadenbildes anschließt. Ebenso erwähnt wird eine Prozession aus Puchheim am Pfingstmontag. Besonders charakteristisch ist die Forstarbeiter-Wallfahrt am Samstag vor Michaeli. Forstarbeiter aus Orten des Atterseegebietes, etwa aus Unterach oder Steinbach, kamen dabei großteils mit Plätten über den See. Solche Anfahrten auf dem Wasser verleihen der Wallfahrt einen unverwechselbaren landschaftlichen und regionalen Charakter. Dass Männer, Frauen und Kinder dabei teils unterschiedliche Wege zur Kirche nahmen, während Fahnen und liturgische Begrüßung den festlichen Rahmen bildeten, zeigt die klare rituelle Ordnung solcher Bittfahrten.

Wallfahrt, See und regionale Volkskultur

Gerade diese Prozessions- und Schiffsformen machen Attersee volkskundlich besonders interessant. Wallfahrt ist hier nicht bloß eine individuelle Frömmigkeitsübung, sondern erscheint als gemeinschaftlicher Vollzug einer ganzen Region. Die Ankunft über den See, das gemeinsame Beten, das Tragen von Fahnen und das Hinaufziehen zur Kirche gehören zu jenen religiösen Praktiken, in denen Landschaft und Kult eng aufeinander bezogen sind. Die Kirche auf dem Kirchberg ist dabei nicht nur Zielpunkt, sondern weithin sichtbares Zeichen, auf das man sich schon von weitem ausrichten kann. In diesem Sinn ist Maria Attersee auch eine "Seewallfahrt", selbst wenn dieser Ausdruck nicht als offizieller Titel verwendet wird.

Wandel der Wallfahrt im 20. Jahrhundert

Wie bei vielen oberösterreichischen Wallfahrtsorten nahm die Zahl der organisierten Bittgänge im 20. Jahrhundert ab. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Wallfahrt erloschen wäre. Vielmehr wandelte sich ihre Form. Neben den traditionellen Prozessionen trat stärker die Einzelandacht, das persönliche Gebet und der Besuch anlässlich bestimmter Feste oder Lebenssituationen. Die Kirche ist damit zugleich historischer Wallfahrtsort und gegenwärtiger Andachtsort geblieben. Gerade solche Übergänge von der großen kollektiven Wallfahrt zur stilleren Einzelverehrung sind für die neuere Entwicklung katholischer Frömmigkeit typisch.

Kunsthistorische Ausstattung

Kunsthistorisch zählt Maria Attersee zu den bemerkenswerten Kirchen des Attergaues. Der Hochaltar ist ein eindrucksvolles Werk des Spätbarock. Entwurf und Teile der Ausstattung werden mit Josef Matthias Götz aus Passau verbunden, die Ausführung mit Georg Paumeister. Über dem Tabernakel befindet sich das Gnadenbild; darüber steht eine gotische Marienstatue mit Kind, die später barock überarbeitet wurde. Diese Schichtung ist bezeichnend: Der Raum verbindet spätmittelalterliche und barocke Elemente nicht zufällig, sondern in einer bewussten Ordnung, in der der ältere Bestand in die jüngere Wallfahrtsinszenierung einbezogen wurde.

Zu den besonders bemerkenswerten Ausstattungsstücken gehören zwei fast lebensgroße gotische Figuren der Heiligen Petrus und Stephanus an den Seitenwänden. Sie erinnern zugleich an die historischen Bindungen des Ortes: Petrus verweist auf Bamberg, Stephanus auf Passau. Am linken Seitenaltar befindet sich ein gotisches Hochrelief der Anbetung der Weisen, ebenfalls ein qualitätvolles älteres Werk. Die Kanzel mit ihrem Schalldeckel und den figürlichen Aufsätzen gehört dem Rokoko an und macht deutlich, wie sehr auch die Predigt im barocken Kirchenraum als festlich inszenierter Akt verstanden wurde. Weitere Altäre, barocke Figuren, ein Taufbrunnen, Bilder der Vierzehn Nothelfer und ein großes Votivbild ergänzen das Inventar.

Anton Balster und die Erinnerung an den Beginn der Wallfahrt

Von besonderem Interesse ist auch das Grabmal des Pfarrers Anton Balster. Er ist nicht nur als Geistlicher des 17. Jahrhunderts zu sehen, sondern als Schlüsselfigur der örtlichen Wallfahrtsgeschichte, weil mit seinem Namen die Übertragung des Gnadenbildes nach Attersee verbunden ist. In solchen Personen verdichtet sich häufig die Gründungsphase einer Wallfahrt. Während Heiligenlegenden andernorts auf ferne Jahrhunderte zurückgehen, lassen sich in Attersee die Anfänge des marianischen Kultes noch verhältnismäßig klar an eine konkrete Handlung und einen konkreten Seelsorger binden.

Der Kirchenraum wird so zu einem vielschichtigen Erinnerungsort. In ihm begegnen sich die Spuren des mittelalterlichen Herrschaftszentrums, die barocke Frömmigkeit des 18. Jahrhunderts, die Erzählungen um das wundertätige Gnadenbild und die lokale Lebenswelt der Wallfahrer. Der Ort ist deshalb weit mehr als ein schönes Baudenkmal. Er ist ein historisch gewachsener Brennpunkt religiöser Praxis, an dem sich Landesgeschichte, Diözesangeschichte und Volksfrömmigkeit überlagern.

Auch die topographische Situation verstärkt diese Wirkung. Die erhöhte Lage auf dem Kirchberg, der freie Blick in die Landschaft und die Sichtbarkeit vom See her machen verständlich, warum sich gerade hier ein Wallfahrtsort entfalten konnte. Wallfahrtsorte bevorzugen häufig exponierte Plätze, doch in Attersee kommt hinzu, dass der Ort schon vor seiner marianischen Prägung politisch und wirtschaftlich bedeutsam war. Die Wallfahrt knüpft also nicht an einen abgelegenen Einzelort an, sondern an ein altes Zentrum des Attergaues, das durch die Marienverehrung eine zusätzliche geistliche Überhöhung erfuhr.

Maria Attersee als Wallfahrtsort der Gegenwart

Heute verbindet die Kirche mehrere Ebenen miteinander: Sie ist Pfarrkirche, Wallfahrtskirche, Wahrzeichen des Ortes und kulturgeschichtlich bedeutsames Bauwerk. Gerade diese Mehrschichtigkeit macht ihren Reiz aus. Für die Pfarre ist sie liturgisches Zentrum, für Wallfahrer ein Gnadenort, für Besucher ein hervorragender Aussichtspunkt und für die regionale Kulturgeschichte ein Schlüsselort des Attergaues. Wer Maria Attersee besucht, begegnet daher nicht nur einer schönen Kirche, sondern einem Ort, an dem sich über Jahrhunderte hinweg religiöse Praxis, Erzählung und Landschaft zu einer überzeugenden Einheit verbunden haben.

Literatur

Atergovius, J. L.: Die Pfarrkirche St. Georgen im Attergau. Linz 1913.

Dehio Oberösterreich. Nördlich der Donau. Wien 2009.

Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Band 5: Oberösterreich und Salzburg. Wien 1958.

Pfarre Maria Attersee: Kirchenführer und Pfarrgeschichte, in der Kirche aufliegend.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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