DAS MARIENBILD IN ATTERSEE

Die Kirche in St. Georgen wurde einmal von Plünderern heimgesucht. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde entwendet. Der Pfarrer versuchte zwar, sie davon abzuhalten, aber er wurde nur von einem Eck ins andere gestoßen. Kerzenständer, Teppiche, Kelche und sogar das kleine Glöckchen beim Eingang zur Sakristei wurden gestohlen. Ein Bild von der Gottesmutter Maria mit dem kleinen Jesus wurde ebenfalls von der Wand genommen.

Pfarrkirche Attersee, © Wolfgang Morscher

Pfarrkirche, Attersee
© Wolfgang Morscher, 29. Juli 2001


»Nein, nicht dieses Bild«, rief der Pfarrer, »laßt mir bitte wenigstens dieses Bild.«

Doch der Geistliche wurde von dem Räuber ignoriert, und so kam das Bild weg.

Der neue Besitzer, ein Bauer aus der Gegend des Attersees, wollte das Bild verkaufen. Doch niemand wollte es. Da er ungläubig war, wußte er nichts Besseres zu tun damit, als daß er es als Verschlußbrett des Hühnerstalles verwendete. Doch das Bildnis Mariens sollte ihm kein Glück bringen. jeden Morgen, wenn die Bäuerin die Eier holen wollte, lag das Bild am Boden, als verweigerte es seinen Dienst. Da wurde die Frau wütend, nahm eine Axt und hieb mit den Worten »Willst du wohl die Hühner hüten, du Himmelsmaria!« auf das Bild ein. Plötzlich fiel ihr nach dem zweiten Schlag die Axt aus der Hand, und sie starrte entsetzt auf das Bild. Die beiden Schläge verletzten am Bild den Hals Mariens und die Stirn des Jesuskindes. An diesen Stellen färbte es sich rot, als ob es blutete. Verschüchtert versuchte die Bäuerin mit ihrer Schürze die roten Stellen abzuwischen. Aber gleich danach verfärbten sie sich abermals.

Vor Angst trug die Frau das Bild in einen nahen Wald und warf es dort weit von sich. Ihrem Mann erzählte sie, das Bild sei gestohlen worden.

»Nun, der Schaden ist nicht groß. Es brachte uns sowieso kein Glück«, meinte dieser.

Jahre später wurde das Bild von einem gottesfürchtigen Bauern aus Attersee gefunden. Er reinigte es und entdeckte die roten Schnittwunden. Vor Ehrfurcht brachte er es dem Pfarrer, der es in seiner Pfarrkirche anbrachte und es so wieder seinem ursprünglichen Zweck zuführte.

Dort ist es heute noch zu sehen. Die blutigen Streifen konnten nie entfernt werden.

Marienbild in Attersee, © Wolfgang Morscher

Marienbild in Attersee
© Wolfgang Morscher, 29. Juli 2001


Quelle: St. Georgen im Attergau, Das Marienbild in Attersee, in: Das Hausruckviertel in seinen Sagen, herausgegeben von Erich Weidinger, Weitra 1996, Seite 110