Sonntagberg - Pfarr- und Wallfahrtsbasilika zur Heiligsten Dreifaltigkeit und zum hl. Michael

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit dem 15. Jahrhundert bestehende Dreifaltigkeitswallfahrt des Benediktinerstiftes Seitenstetten. Ausgangspunkt war der sogenannte Zeichenstein; 1440 entstand die erste Kapelle, 1490 eine spätgotische Wallfahrtskirche. Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich Sonntagberg zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Habsburgermonarchie.
Status:Lebendige Pfarr- und Wallfahrtsbasilika. Das Hochfest der Heiligsten Dreifaltigkeit, Pfarr-, Gruppen- und Fußwallfahrten, Gottesdienste, Beichte und persönliche Andacht führen die jahrhundertealte Wallfahrtstradition bis heute fort.
Kultzentrum:Der 1614 auf Kupfer gemalte Sonntagberger Gnadenstuhl mit der Heiligsten Dreifaltigkeit im Hochaltar. Als zweites, älteres Heiltum ist ein Teil des sagenumwobenen Zeichensteins in die Kirche integriert.
Ort:Sonntagberg
Region:Mostviertel
Bundesland:Niederösterreich
Lage und Besuch
Lage: Sonntagberg 1, 3332 Sonntagberg.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Niederösterreich - Mostviertel
Ansicht in Street View
Web: Wallfahrtsbasilika Sonntagberg
Öffnungszeiten: Ostermontag bis Allerheiligen täglich 10-17 Uhr; Museum Schatzkammer saisonal zu denselben Zeiten, außerhalb der Saison auf Anfrage.
Direkt zum Inhalt
Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Außenansicht:

Die weithin sichtbare Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit und zum hl. Michael bildet mit Pfarrhof, ehemaligem Hospiz und Gasthäusern den historisch aus der Wallfahrt hervorgegangenen Kirchweiler Sonntagberg.
Im Vordergrund der Gasthof Dredlhof mit Fremdenzimmern, großem Fasslager und dem für frühere Wallfahrtsorte typischen Gaststall zur Unterbringung der Zug- und Reittiere.
Aufnahme: P. Ledermann, Wien I., 1914.

Wallfahrtskirche Basilika Sonntagberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht:

Die Bezeichnung Sonntagberg ist 1477 lateinisch als "mons dominicus" und 1484 als "Sumbtagperg" fassbar. Abt Benedikt I. von Seitenstetten ließ 1440 neben dem sogenannten Zeichenstein eine Kapelle errichten; 1490 folgte eine spätgotische Kirche. Die heutige barocke Basilika wurde 1706-1732 von Jakob Prandtauer und Josef Munggenast erbaut. Der Zeichenstein, der lange außerhalb der Kirche lag, wurde beim Ausbau des barocken Heiligtums teilweise in den Kirchenraum integriert.

Wallfahrtskirche Basilika Sonntagberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Andenken an die Wallfahrt Sonntagberg:

In Sonntagsberg hab ich an Dich gedacht und Dir dies Andenken mitgebracht.
Typisches Andenkenbildchen aus dem Verlag Julius Peter in Wien. Datiert ist es handschriftlich mit 1947 im vorgedruckten Feld.
Auf der Rückseite steht ein Gebet zur Heiligen Dreifaltigkeit.
Originalfarbdruck (7,8 cm x 5,6 cm) in Sammlung Prof. Hermann Maurer, Horn.

Andenken an die Wallfahrt Sonntagberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Lage und Rang des Wallfahrtsortes

Die Wallfahrtsbasilika Sonntagberg steht in weithin beherrschender Lage auf dem über 700 Meter hohen Bergrücken über dem Ybbstal. Ihre doppeltürmige Westfassade ist aus großen Teilen des Mostviertels und bis weit nach Oberösterreich sichtbar. Kirche, Pfarrhof, ehemaliges Hospiz und die historischen Gasthäuser bilden einen eigenen Kirchweiler, dessen Entstehung und Gestalt unmittelbar aus der jahrhundertelangen Wallfahrt hervorgegangen sind. Wie bei wenigen anderen österreichischen Gnadenorten lässt sich hier beobachten, wie ein einzelner Kultplatz eine ganze Bergkuppe religiös, wirtschaftlich und siedlungsgeschichtlich geprägt hat.

Sonntagberg ist der Heiligsten Dreifaltigkeit und dem Erzengel Michael geweiht und gehört seit seiner Entstehung zum Benediktinerstift Seitenstetten. Neben Mariazell, Maria Taferl und anderen großen Gnadenorten zählte Sonntagberg in der Barockzeit zu den wichtigsten Wallfahrtszentren der Habsburgermonarchie. Im 18. Jahrhundert betreuten zeitweise zwölf Wallfahrtspriester die Pilger; historische Darstellungen nennen jährlich etwa 90.000 bis 100.000 Wallfahrer. Der Rang des Heiligtums wurde 1964, im Gedenkjahr "350 Jahre Gnadenbild", durch die Erhebung zur Basilica minor durch Papst Paul VI. kirchlich hervorgehoben.

Name und frühe Geschichte des Berges

Die ältere Bezeichnung des Berges ist in den Quellen nicht völlig eindeutig. Als "mons salvatoris", Erlöserberg, verweist sie möglicherweise auf das Patrozinium der ersten Kapelle. Die Bezeichnung Sonntagberg erscheint gegen Ende des 15. Jahrhunderts: 1477 ist "mons dominicus", 1484 "Sumbtagperg" überliefert. Der Name kann als "Berg des Herrn" verstanden werden und dürfte zugleich mit der bereits damals ausgeprägten Sonntags- beziehungsweise Dreifaltigkeitsfrömmigkeit des Ortes zusammenhängen.

Eine gelegentlich in älteren populären Darstellungen wiederholte Gleichsetzung mit einem 1034 genannten "Rudnicha" und die Datierung einer ersten Kapelle in die Zeit um 1140 lassen sich mit der heute maßgeblichen landesgeschichtlichen Darstellung nicht bestätigen. Sicher greifbar beginnt die kirchliche Geschichte des Wallfahrtsortes 1440 mit Abt Benedikt I. von Seitenstetten.

Der Zeichenstein und die Gründungslegende

Am Anfang der Sonntagberger Wallfahrt steht kein Heiligenbild, sondern ein Stein. Der sogenannte Zeichenstein, ein natürlicher Felsblock, lag lange Zeit außerhalb der Kirche. Die Gründungslegende erzählt von einem Hirten oder Bauern, der seine Tiere verloren hatte und erschöpft beim Stein einschlief. Im Traum soll ihm der Aufenthaltsort seiner Herde gezeigt worden sein. Nach dem Erwachen fand er auf dem Felsen ein schönes Brot, stärkte sich damit und fand anschließend seine Tiere wieder. Spätere Auslegungen verstanden das Brot als Hinweis auf die Eucharistie und den Felsen als eine Art natürlichen Altar.

Die Legende ist in verschiedenen Fassungen überliefert. Ihre Bedeutung liegt weniger in der Frage, ob sich ein bestimmtes Ereignis historisch nachweisen lässt, als in der Erklärung, warum gerade dieser Felsblock als besonderer Ort erfahren wurde. Der Stein galt als Platz, an dem göttliche Gnade "zeichenhaft" hervortrat; ältere Quellen nennen ihn entsprechend Wunder- oder Zeichenstein. Die gelegentlich vertretene Deutung als vorchristlicher Kultstein ist dagegen nicht archäologisch erwiesen und muss als Hypothese beziehungsweise ältere volkstümliche Interpretation behandelt werden.

Die erste Kapelle von 1440 und die spätgotische Wallfahrtskirche

Abt Benedikt I. von Seitenstetten, der im Kloster die Melker Reform und damit eine Erneuerung des religiösen Lebens durchführte, ließ 1440 beim Zeichenstein eine Kapelle errichten. Die Forschung nimmt an, dass diese erste Kapelle zunächst dem Salvator, dem Erlöser, geweiht war. Schon wenige Jahre später wurde eine weitere, der Heiligsten Dreifaltigkeit gewidmete Kapelle angebaut. Der Pilgerzustrom nahm offenbar rasch zu.

Bereits 1490 wurde die Anlage zu einer spätgotischen Kirche erweitert beziehungsweise durch einen größeren Kirchenbau ersetzt. Die Weihe fällt in eine Zeit, in der der Sonntagberg bereits über seine unmittelbare Umgebung hinaus als Pilgerziel bekannt gewesen sein muss. Die Entwicklung vom natürlichen Zeichenstein über die kleine Kapelle zur festen Wallfahrtskirche war damit noch vor der Reformation weitgehend vollzogen.

Reformation und Konflikt um den Stein

Im 16. Jahrhundert geriet die Wallfahrt in den konfessionellen Konflikt. Die protestantischen Herren von Gleiß behinderten die Wallfahrt, und besonders die Andacht am Zeichenstein wurde zum Angriffspunkt. Reformatorische Kritiker warfen den katholischen Wallfahrern vor, nicht Gott, sondern einen Stein anzubeten. Gerade weil der Felsblock außerhalb der Kirche lag und zunächst kein eindeutiges christliches Zeichen trug, eignete er sich für den Vorwurf von Aberglauben oder Götzendienst.

Für die Seitenstettner Benediktiner stellte sich damit ein seelsorgliches Problem. Der alte Kultplatz besaß für die Bevölkerung offensichtlich große Anziehungskraft, durfte aber nicht den Eindruck erwecken, ein materieller Gegenstand werde aus eigener Kraft verehrt. Die Antwort darauf war nicht die Zerstörung des Zeichensteins, sondern seine theologische Neuinterpretation.

1614: Der Sonntagberger Gnadenstuhl

Abt Kaspar Plautz von Seitenstetten ließ 1614 eine Darstellung der Heiligsten Dreifaltigkeit auf eine Kupfertafel malen und beim Zeichenstein anbringen. Damit wurde sichtbar erklärt, wem die Andacht galt: nicht dem Felsen an sich, sondern dem dreieinigen Gott. Das Gemälde wurde zum eigentlichen Gnadenbild des Sonntagbergs.

Der Bildtypus ist der sogenannte Gnadenstuhl. Gottvater erscheint gekrönt beziehungsweise mit Tiara und hält den gekreuzigten Christus vor sich; der Heilige Geist schwebt in Gestalt der Taube darunter. Der Gnadenstuhl gehört zu den traditionsreichen bildlichen Darstellungen der Dreifaltigkeit. In Sonntagberg erhielt dieser Typus jedoch eine außergewöhnliche regionale Prägekraft. Das kleine Gemälde wurde unzählige Male auf Wallfahrtsbildern, Medaillen, Fraisensteinen, Bildstöcken, Kapellen und Marterln wiederholt und gehört bis heute zu den bekanntesten Dreifaltigkeitsdarstellungen Niederösterreichs.

1677 wurde das Gnadenbild auf den damaligen Hochaltar übertragen. Beim späteren barocken Neubau erhielt es schließlich seinen monumentalen Rahmen im heutigen Hochaltar. Der Kult hatte sich damit endgültig von der offenen Situation am Felsblock in den zentralen liturgischen Raum der Kirche verlagert, ohne den Zeichenstein als zweites Heiltum zu verdrängen.

Die Türkenüberlieferung und das Türkenbründl

Ein zweiter großer Erzählungskomplex verbindet den Sonntagberg mit den Osmaneneinfällen. Für 1529 berichtet die Überlieferung vom sogenannten Rosswunder: Osmanische Reiter seien bis unterhalb der Kirche vorgedrungen, doch an einer bestimmten Stelle hätten sich ihre Pferde plötzlich auf die Knie geworfen und den weiteren Angriff verhindert. An diesen Ort erinnert die barocke Türkenbrunnenkapelle beziehungsweise das Türkenbründl.

Auch 1683 blieb der Wallfahrtsort von Zerstörung verschont. Diese Erfahrung wurde als besonderer Schutz durch die Heiligste Dreifaltigkeit gedeutet und verstärkte die Attraktivität der Wallfahrt erheblich. Gemeinden und Privatpersonen stifteten Votivbilder, auf denen Ereignisse der Türkenzeit festgehalten wurden. Dadurch wurde der Sonntagberg zu einem Sammelpunkt individueller und kollektiver Erinnerung an Krieg, Gefangenschaft, Flucht und Rettung.

Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der Öhlermüllerin Susanna Pilsinger. Sie wurde 1683 verschleppt und kehrte nach mehrjähriger Gefangenschaft zurück. 1690 löste sie gemeinsam mit ihrem Mann ihr Gelübde ein und stiftete dem Sonntagberg ein Opfergemälde. Hier verbindet sich eine biographisch fassbare Erfahrung mit der späteren volkstümlichen Erzähltradition.

Die Dreifaltigkeitsbruderschaft von 1651

1651 wurde am Sonntagberg eine Dreifaltigkeitsbruderschaft gegründet. Solche Bruderschaften waren für die frühneuzeitliche Wallfahrt weit mehr als reine Gebetsvereine. Sie organisierten Prozessionen und Andachten, förderten Gottesdienste, banden Mitglieder durch Gebetsverpflichtungen und Totengedenken an den Gnadenort und trugen zur Verbreitung des Kultbildes bei.

Die Sonntagberger Bruderschaft gewann überregionale Bedeutung. Ein erhaltenes Matrikelblatt von 1685 zeigt ranghohe Mitglieder aus Kirche und Politik, darunter Papst Innozenz XI., Kaiser Leopold I., Johann III. Sobieski von Polen und Kurfürst Max Emanuel von Bayern. Auch in Wien entstanden Dreifaltigkeitsbruderschaften; Wallfahrten aus der Residenzstadt zum Sonntagberg trugen wesentlich zur Verbreitung des Kultes bei. Der Gnadenstuhl war daher nicht nur Bild einer lokalen Volksandacht, sondern zugleich Bestandteil barocker katholischer Repräsentation und der habsburgischen Pietas Austriaca.

Aufstieg zu einem großen Wallfahrtszentrum

Nach Pestzeiten und Osmanengefahr erlebte der Sonntagberg im späten 17. und 18. Jahrhundert seine große Blüte. Die Zahl der Prozessionen stieg, und neben regionalen Gruppen kamen Pilger aus weiter entfernten Teilen der Monarchie. Der Sonntagberg lag zugleich in einem Netz bedeutender Gnadenorte. Bereits 1636 ist eine Prozession von Mariazell zum Sonntagberg überliefert; später wurden Mariazell, Maria Taferl und Sonntagberg in großen Mehrortewallfahrten miteinander verbunden.

Der starke Wallfahrtsbetrieb erforderte eine eigene Infrastruktur. Geistliche mussten Messen lesen und Beichten hören, Prozessionen geordnet empfangen und Votivgaben verwalten. Gasthäuser und Hospize versorgten Menschen und Tiere. Der Kirchweiler auf dem Berg ist damit ein bauliches Zeugnis dafür, dass Wallfahrt nicht nur religiöse Bewegung, sondern auch Mobilität, Versorgung und Wirtschaft bedeutete.

Der barocke Neubau 1706-1732

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts genügte die spätgotische Kirche den Anforderungen des großen Wallfahrtsortes nicht mehr. Abt Benedikt II. Abelzhauser von Seitenstetten beauftragte Jakob Prandtauer mit einem monumentalen Neubau. Von 1706 bis 1717 leitete Prandtauer die Arbeiten; ab 1718 führte Josef Munggenast den Bau weiter und vollendete ihn 1732. Die Kirche besitzt einen kreuzförmigen Grundriss und eine mächtige Doppelturmfassade. Ihre Verwandtschaft mit der ebenfalls von Prandtauer geprägten Stiftskirche Melk ist unverkennbar.

Die Architektur ist bewusst auf Fernwirkung angelegt. Die Basilika erscheint schon aus großer Entfernung als Zielpunkt über dem Ybbstal. Für den Pilger bedeutete die Sicht auf die Türme den Übergang vom beschwerlichen Weg zum nahen Heiligtum. Das Gebäude ist deshalb zugleich Gotteshaus, Landschaftszeichen und monumentale Verkörperung des Ranges der Sonntagberger Wallfahrt.

Daniel Grans Fresken - Theologie der Dreifaltigkeit im ganzen Kirchenraum

Zwischen 1738 und 1743 schuf Daniel Gran die figürlichen Deckenfresken, die zu seinen wichtigsten sakralen Arbeiten zählen. Antonio Tassi ergänzte die Architekturmalerei und führt die gebaute Architektur illusionistisch in den Gewölben fort. Das Programm ist keine lose Folge barocker Bilder, sondern eine umfassende Darstellung der Offenbarung des dreifaltigen Gottes.

Im Presbyterium erscheint Gottvater in seiner Schöpfung. Der linke Querarm ist dem Sohn und seiner Menschwerdung gewidmet, der rechte Querarm dem Heiligen Geist und seiner Herabkunft auf die Apostel. Das Langhaus zeigt den Sieg der Kirche über gottesfeindliche Mächte, während sich in der Kuppel der Blick auf den dreifaltigen Gott im Himmel öffnet. Unter der Orgelempore wird die Wallfahrtsgeschichte selbst in den heilsgeschichtlichen Zusammenhang aufgenommen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Bildwelt der Kirche auch den Zeichenstein nicht einfach verdrängt. In der Darstellung der Schöpfung stehen Adam und Eva bei einem Felsen, der als bildlicher Hinweis auf den Sonntagberger Zeichenstein gelesen werden kann. Damit wird das lokale Heiltum in die universale Geschichte von Schöpfung und Erlösung eingeordnet.

Melchior Hefeies Hochaltar und das Gnadenbild

Der heutige Hochaltar wurde zwischen 1751 und 1757 nach dem Entwurf des aus Tirol stammenden Architekten, Bildhauers und Erzgießers Melchior Hefele geschaffen. Die plastische Ausstattung entstand wesentlich in Zusammenarbeit mit Jakob Christoph Schletterer. Der monumentale Aufbau aus Untersberger Marmor ist als freistehender Rundtempel beziehungsweise Baldachinaltar gestaltet und zählt zu den bedeutenden österreichischen Altarwerken des Spätbarock.

Zwölf korinthische Marmorsäulen tragen den mächtigen Baldachin und werden als Hinweis auf die zwölf Stämme Israels gedeutet. Alttestamentliche Gestalten wie Moses, Aaron, Melchisedech und Ezechiel, Reliefs und der siebenarmige Leuchter verbinden den Alten Bund mit dem christlichen Heilsgeschehen. Im Zentrum befindet sich das kleine Gnadenbild von 1614 in einem kostbaren silbernen Rokokorahmen des Goldschmieds Josef Wilhelm Riedl. Zwei Engel Schletterers tragen das Bild; unmittelbar darunter ist ein Teil des Zeichensteins sichtbar.

Damit vereint der Hochaltar die beiden Heiltümer des Sonntagbergs in einer einzigen theologischen Inszenierung: oben das Bild der Dreifaltigkeit, darunter die materielle Erinnerung an jenen Felsen, an dem die ältere Gnadenerfahrung verortet wurde. Was 1614 als kirchliche Korrektur des Steinkultes begonnen hatte, wurde im barocken Hochaltar nicht durch Verdrängung, sondern durch eine höchst kunstvolle Verbindung vollendet.

Kanzel, Seitenaltäre und Katakombenheilige

Melchior Hefele entwarf auch die 1757 geschaffene vergoldete Kanzel. Reliefs zeigen unter anderem die Bergpredigt und die Bekehrung des Saulus; auf dem Schalldeckel erscheinen Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Predigt war für einen Wallfahrtsort von großer Bedeutung, weil die ankommenden Pilgergruppen nicht nur Messe feierten, sondern auch geistliche Unterweisung erhielten.

In sechs niedrigen Seitenkapellen befinden sich Altäre unter anderem zu Ehren des hl. Benedikt, des hl. Franz von Assisi, des hl. Josef, des Herzens Jesu, des Erzengels Michael und für die Verstorbenen. Bei zwei Altären befinden sich Sarkophage mit Katakombenheiligen. Die beiden großen Querhausaltäre tragen monumentale Gemälde Martin Johann Schmidts, des Kremser Schmidt, darunter die Taufe Christi und die Krönung beziehungsweise Verherrlichung Mariens im Zusammenhang mit der Dreifaltigkeit.

Die Orgel Franz Xaver Christophs

Von 1774 bis 1776 errichtete der Wiener Orgelbauer Franz Xaver Christoph die große Orgel. Das Instrument besitzt 25 Register auf zwei Manualen und Pedal und gehört zu den bedeutendsten erhaltenen spätbarocken Orgeln Österreichs. Ein ungewöhnlich hoher Anteil des historischen Pfeifenbestandes ist erhalten. Bei der Restaurierung um 2000 wurden spätere Veränderungen soweit möglich zurückgenommen, sodass das Klangbild des 18. Jahrhunderts wieder stärker erfahrbar wurde.

Die Orgel erinnert daran, dass eine große Barockwallfahrt immer auch Klangereignis war: Geläut, Prozessionsgesang, Litaneien, Predigt, Chormusik und Orgel gehörten zur sinnlichen Erfahrung des Gnadenortes ebenso wie Architektur, Bilder, Weihrauch und die Berührung heiliger Gegenstände.

Josephinismus, Pfarrerhebung und Fortleben

Die Reformen Maria Theresias und besonders Josephs II. schränkten Wallfahrten und Prozessionen stark ein. Auch Sonntagberg verlor dadurch einen Teil seiner barocken Wallfahrtsorganisation. Zugleich wurde die Kirche 1784 zur selbständigen Pfarre erhoben. Damit erhielt das Heiligtum eine dauerhafte pfarrliche Funktion, die das religiöse Leben des Berges auch in Zeiten geringerer Pilgerzahlen sicherte.

Die Wallfahrt verschwand jedoch nicht. Im 19. Jahrhundert wurden alte Prozessionen wieder aufgenommen oder in veränderter Form fortgeführt. Andachtsbilder, Medaillen und die bis in das frühe 20. Jahrhundert hergestellten Fraisensteine zeigen, dass die Bindung an den Gnadenort im Alltag vieler Menschen lebendig blieb.

Basilica minor und Erhaltung des Gesamtkunstwerks

1964 erhob Papst Paul VI. die Kirche zur Basilica minor. Umfangreiche Restaurierungen im 19., 20. und 21. Jahrhundert dienten der Erhaltung des monumentalen Baues und seiner Ausstattung. Seit 2015 wird die Basilika in einem mehrjährigen Restaurierungsprogramm abschnittsweise konserviert und instand gesetzt.

Der Sonntagberg ist damit zugleich historisches Kunstdenkmal und lebendiger Wallfahrtsort. Seine außergewöhnliche Bedeutung entsteht aus dem Zusammenspiel von mittelalterlichem Kultplatz, frühneuzeitlichem Gnadenbild, barocker Architektur, volksreligiösen Heilpraktiken, Votivwesen und einer bis heute fortgeführten Pilgertradition.

Wallfahrt und Volkskunde

Gemeinschaftswallfahrt und Prozessionsordnung

Die historische Wallfahrt auf den Sonntagberg war in hohem Maß Gemeinschaftswallfahrt. Pfarren, Städte, Bruderschaften und Dorfgemeinschaften zogen gemeinsam auf den Berg. Eine erhaltene Prozessionsordnung der Kremser Wallfahrer von 1705 zeigt eine bereits klar festgelegte Reihenfolge: Vorbeter, Kreuzträger und Fahnen gingen voraus, nach dem Priester folgte die eigentliche Wallfahrtsgemeinde. Mitgeführte Wagen transportierten nicht nur Honoratioren, sondern auch Votivgaben und konnten erschöpfte Pilger aufnehmen.

Solche Prozessionen waren religiöse und soziale Ereignisse zugleich. Der Weg wurde gemeinsam gebetet und gesungen, Pausen, Übernachtungen und die Ankunft am Gnadenort folgten festen Gewohnheiten. Die Gruppe präsentierte sich mit Fahnen, Kreuzen und oftmals eigenen Opfergaben. Wallfahrt machte damit Gemeinde sichtbar.

Wallfahrt als körperliche Leistung

Barocke Mirakelbücher berichten von freiwilligen Erschwernissen, mit denen Gelübde erfüllt wurden. Manche Pilger gingen weite Strecken auf Krücken, andere bewegten sich kniend oder nahmen wiederholt beschwerliche Wege auf sich. Solche Praktiken sollten nicht als bloße "Kuriositäten" verstanden werden. Sie entsprachen einer Frömmigkeit, in der der Körper selbst zum Träger des Gelübdes wurde und Mühe, Schmerz oder Entbehrung sichtbar machten, wie ernst die Bitte oder der Dank gemeint war.

Wallfahrtsnetze zwischen Sonntagberg, Mariazell und Maria Taferl

Sonntagberg gehörte zu einem weitgespannten Netz österreichischer Gnadenorte. Bereits 1636 ist eine Prozession von Mariazell zum Sonntagberg belegt. Später wurden Mariazell, Sonntagberg und Maria Taferl in Mehrortewallfahrten miteinander verbunden. Pilger aus Böhmen und Mähren konnten während einer einzigen langen Reise mehrere der großen österreichischen Heiligtümer besuchen.

Solche Verbindungen sind auch durch materielle Zeugnisse fassbar. Wallfahrtsmedaillen zeigen den Sonntagberger Gnadenstuhl und kombinieren ihn gelegentlich mit anderen Kultbildern. Bildstöcke und Wegsäulen entlang historischer Pilgerwege tragen den Gnadenstuhl als weithin verständliches Erkennungszeichen. Die enorme Verbreitung des Motivs in Nieder- und Oberösterreich ist daher selbst eine Art kartographische Spur der früheren Wallfahrt.

Bruderschaften als Träger der Wallfahrt

Die 1651 gegründete Dreifaltigkeitsbruderschaft organisierte Gebet, Andacht, Totengedenken und Prozessionen und band Menschen dauerhaft an den Gnadenort. Bruderschaftsmitglieder konnten weit entfernt leben und dennoch durch Gebete, Ablässe, Druckschriften und gemeinsame Wallfahrten Anteil am Kult nehmen. Das Sonntagberger Matrikelbuch macht sichtbar, dass sich bäuerliche und bürgerliche Frömmigkeit mit höfischer und dynastischer Repräsentation verband.

Die Verbreitung ähnlicher Dreifaltigkeitsbruderschaften in Wien und anderen Orten verstärkte diese Netzwerke. Der Sonntagberger Gnadenstuhl wurde so vom lokalen Gnadenbild zu einem weithin bekannten Zeichen katholischer Dreifaltigkeitsfrömmigkeit.

Mirakelbücher und die Verwaltung des Wunders

Seit 1664 legten die Geistlichen am Sonntagberg Verzeichnisse über berichtete Gebetserhörungen an. Im 18. Jahrhundert wurden Mirakelbücher gedruckt und verbreitet. Sie erfüllten mehrere Aufgaben: Sie bewahrten die Erinnerung an einzelne Gnadenerweise, dienten der Erbauung, vermittelten mögliche Anrufungsanliegen und machten den Gnadenort über seine unmittelbare Umgebung hinaus bekannt.

Die Berichte zeigen zugleich ein zunehmendes Bemühen um Glaubwürdigkeit. Pfarrer, Richter, Adelige, Bader und Ärzte wurden als Zeugen genannt. Dadurch entstand eine eigentümliche frühneuzeitliche Dokumentationsform zwischen Frömmigkeitsbericht, Zeugenaussage und Werbung für den Wallfahrtsort. Für die heutige Volkskunde sind diese Texte wertvolle Quellen zu Krankheit, Unfall, Geburt, Viehhaltung, Kriegserfahrung und Alltagsgefahren.

Das Mirakelbuch "Beständig fruchtbarer Gnaden-Berg"

Eine besonders wichtige Quelle ist das 1752 in Steyr gedruckte Werk "Beständig fruchtbarer Gnaden-Berg". Es sammelt Wohltaten und Gebetserhörungen der Jahre 1729 bis 1751 und enthält zugleich Nachrichten zum Gnadenort und zur Verwendung der Sonntagberger Steine. Die ausführlichen Erzählungen erlauben einen ungewöhnlich direkten Einblick in die religiöse Praxis der Pilger.

Die Gnadenberichte sind nicht als medizinische Tatsachenberichte im modernen Sinn zu lesen. Sie dokumentieren vielmehr, wie die beteiligten Menschen Krankheit und Heilung deuteten, welche Handlungen sie setzten und wie das Gelübde an die Heiligste Dreifaltigkeit in ihrer Lebenswelt funktionierte.

Andachtsbilder, Gebetszettel und Ablässe

Kleine Andachtsbilder verbreiteten das Sonntagberger Gnadenbild weit über den Berg hinaus. Sie wurden in Gebetbüchern verwahrt, an Kastentüren oder Hausaltären angebracht und als Erinnerung an eine vollzogene Wallfahrt mitgenommen. Manche wurden auf kranke Körperstellen gelegt oder als Schutzzeichen aufbewahrt. Entscheidend war nicht nur das Bildmotiv, sondern oftmals auch der Gedanke, das Bild sei am Gnadenort gesegnet oder mit dem Heiltum in Berührung gekommen.

Auch SAGEN.at dokumentiert Sonntagberger Gebetszettel und Wallfahrtsbildchen. Ein erhaltenes Blatt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbindet Gebete mit Ablassverheißungen; ein anderes, 1947 handschriftlich datiertes Andenken aus dem Verlag Julius Peter in Wien trägt auf der Rückseite ein Gebet zur Heiligsten Dreifaltigkeit. Solche kleinen Druckwerke zeigen die lange Fortdauer der Wallfahrtskultur weit über die barocke Blütezeit hinaus.

Wallfahrtsmedaillen und der Gnadenstuhl in der Landschaft

Auf Sonntagberger Wallfahrtsmedaillen erscheint regelmäßig der Gnadenstuhl: Gottvater hält den gekreuzigten Sohn, darunter schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Die Rückseiten konnten Eucharistie, Heilige oder die Kirche selbst zeigen. Die Medaillen wurden am Körper getragen, in Rosenkränze integriert oder als Erinnerungs- und Schutzzeichen verwahrt.

Der Gnadenstuhl wanderte zugleich in die Kulturlandschaft. Unzählige Marterln, Kapellen und Bildstöcke übernahmen den Sonntagberger Typus. Besonders an historischen Pilgerwegen ist seine Verbreitung auffällig. Dadurch wurde die Wallfahrt auch fern vom Berg sichtbar: Ein kleines Dreifaltigkeitsbild am Weg konnte Erinnerung an eine vergangene Wallfahrt, Hinweis auf eine gelobte Prozession und Bitte um Schutz zugleich sein.

Die Türkenzeit im Votivgedächtnis

Die Ereignisse von 1529 und 1683 hinterließen einen besonders dichten Erinnerungsbestand. Votivbilder zeigten Rettungen aus Gefahr, Gefangenschaft und Flucht; das Türkenbründl bewahrte die Legende vom Rosswunder. Am Westportal befinden sich Türringe mit stilisierten Köpfen einer Türkin und eines Türken; in der Schatzkammer wurden außerdem ein Rossschweif und ein Speer mit der Türkenüberlieferung verbunden.

Solche Objekte und Geschichten sind keine neutralen Chroniken des Krieges. Sie zeigen, wie spätere Generationen die Bedrohung religiös deuteten: Der Gnadenort erschien als geschützter Raum, die Rettung als Wirken der Dreifaltigkeit und das Votivbild als materieller Dank. Sonntagberg wurde damit zu einem Erinnerungsort, an dem große politische Ereignisse in persönliche Heilsgeschichten übersetzt wurden.

Lebendige Wallfahrt

Die Wallfahrt wird bis heute in unterschiedlichen Formen fortgeführt. Das Hauptfest ist der Dreifaltigkeitssonntag nach Pfingsten. Daneben kommen Pfarrgruppen, Fußwallfahrer, Vereine und einzelne Pilger auf den Berg. Neuere Formen wie Volksmusikantenwallfahrten zeigen, dass alte Muster gemeinschaftlichen Unterwegsseins in veränderter Gestalt weiterleben können.

Die heutige Wallfahrt ist weniger von massenhaften barocken Prozessionen geprägt, doch das Grundmuster bleibt erkennbar: Aufbruch, gemeinsamer Weg, Ankunft beim Gnadenbild, Gottesdienst oder stilles Gebet, persönliche Bitte und Dank. Gerade diese Kontinuität macht Sonntagberg zu einem lebendigen und nicht bloß musealen Wallfahrtsort.

Zeichenstein und Fraisensteine

Der Stein als zweites Heiltum des Sonntagbergs

Der Zeichenstein blieb auch nach der Einführung des Gnadenbildes von 1614 ein eigenes Heiltum. Der Felsblock galt als materieller Träger der Erinnerung an die Ursprungsgeschichte und wurde mit der Vorstellung verbunden, dass an diesem Ort die Gnade Gottes besonders wirksam geworden sei. Als der barocke Kirchenbau eine Veränderung beziehungsweise teilweise Entfernung des Felsens notwendig machte, wurden Teile davon nicht als wertloser Bauschutt behandelt. Im Gegenteil: Stücke des Steins waren bei den Pilgern außerordentlich begehrt.

Ein Mirakelbuch berichtet, dass Bruchstücke des Felsens verteilt wurden. Selbst die beim Zerschlagen entstandenen "Körnlein" und der Steinstaub galten als kostbar. Die Seitenstettner Geistlichen vermischten diesen Staub mit Lehm beziehungsweise Hafnererde und ließen daraus kleine Tonreliefs herstellen. Auf diese Weise wurde der einmalige, ortsfeste Zeichenstein in tausendfach transportierbare Kleinobjekte verwandelt.

Herstellung der Sonntagberger Fraisensteine

Die Fraisensteine wurden nach schriftlichen Quellen seit den 1720er-Jahren hergestellt. Meist handelt es sich um zwei bis vierzehn Zentimeter große, in Modeln geformte Halbreliefs aus gebranntem Ton. Auf der Vorderseite erscheint gewöhnlich der Sonntagberger Gnadenstuhl, gelegentlich auch die Gründungslegende. Einzelne Exemplare besitzen bereits vor dem Brand angebrachte Löcher und konnten daher an einer Schnur getragen oder im Haus aufgehängt werden.

Entscheidend war die Materialmischung. Dem Ton wurden Partikel oder Staub des ursprünglichen Zeichensteins beigegeben. Der kleine Gegenstand war daher nicht lediglich ein Abbild des Gnadenortes, sondern enthielt nach dem damaligen Verständnis physisch etwas vom Heiltum selbst. Moderne kulturwissenschaftliche Forschung beschreibt dies als Übertragung von Heilswirksamkeit durch materiellen Kontakt und Kontiguität.

Warum "Fraisenstein"?

Der Ausdruck "Frais" bezeichnete in der älteren Alltagssprache schwere Krampfanfälle, insbesondere bei Kindern, und konnte auch für epileptische oder fieberhafte Zustände verwendet werden. Gerade gegen solche gefürchteten Anfälle wurden die Sonntagberger Steine gebraucht. Ihre Verwendung blieb jedoch keineswegs darauf beschränkt. Die Mirakelberichte nennen ein breites Spektrum von Krankheiten bei Menschen und Tieren.

Tragen, Auflegen, Trinken und Einnehmen

Fraisensteine gehörten zur sogenannten geistlichen Hausapotheke. Man trug sie am Körper, legte sie auf schmerzende Stellen oder verwendete sie als Amulett. Besonders bemerkenswert ist die Praxis, den Stein abzuschaben. Das entstandene Pulver wurde mit Wasser vermischt, eingenommen, auf Körperstellen gestreut oder in einzelnen Berichten sogar in die Augen geblasen. Ein ganzer Fraisenstein konnte außerdem in Wasser gelegt werden; anschließend trank der Kranke oder, bei Viehkrankheiten, das Tier das Wasser.

Diese Praktiken zeigen, wie eng Religion und vormoderne Heilvorstellungen miteinander verflochten waren. Der Wallfahrtsort wurde nicht nur besucht: Ein Teil seiner angenommenen Wirksamkeit wurde materiell nach Hause getragen und dort in konkrete Handlungen eingebunden.

Polixena Buechmayr und das schreiende Kind

Das Mirakelbuch von 1752 erzählt von Polixena Buechmayr aus Waidhofen. Ihr Kind habe lange und ohne erkennbare Ursache geschrien. Die Mutter gab ihm Staub ein, den sie von einem Sonntagberger Fraisenstein abgeschabt hatte. Daraufhin, so der Bericht, habe das Kind aufgehört zu schreien und sieben Blasensteine ausgeschieden. Für die damaligen Leser verband die Erzählung die sichtbare Wirkung des Pulvers mit der Fürsprache beziehungsweise Gnade der Heiligsten Dreifaltigkeit.

Bartholomäus Schlachtner aus Pulkau

Der Schneidermeister Bartholomäus Schlachtner aus Pulkau litt dem Mirakelbuch zufolge infolge heftigen Erbrechens an einem schweren Leistenbruch. Er vertraute sich der Heiligsten Dreifaltigkeit an und ließ von seiner Tochter einen Sonntagberger Stein zerstoßen. Nach Einnahme des Pulvers sei die Verletzung zurückgegangen und der Mann genesen. Der Bericht ist ein besonders drastisches Beispiel dafür, wie selbstverständlich das Zerkleinern und Einnehmen der Wallfahrtsdevotionalie beschrieben wurde.

Regina Hochedlerin und Maria Naglin

Regina Hochedlerin aus St. Peter in der Au sei durch starken Blutverlust in Lebensgefahr geraten. Ihr Mann verlobte sie auf den Sonntagberg und gab ihr etwas vom Sonntagberger Stein ein; danach habe sie sich erholt. Maria Naglin aus Reinsbach wiederum verabreichte ihrem von schweren Krampfanfällen gequälten Ehemann abgeschabtes, mit Wasser vermischtes Pulver eines Fraisensteins. Auch hier berichtet das Gnadenbuch von sofortiger Genesung.

Äußerliche Anwendung und Augenheilung

Clara Harällin aus St. Peter in der Au, die an starken Schmerzen in der Brust litt und eine Krebserkrankung befürchtete, wandte sich kniend in Richtung Sonntagberg, betete zur Dreifaltigkeit und bestreute die schmerzende Stelle mit abgeschabtem Pulver. Eine weitere Erzählung berichtet von einem erblindeten Sohn der Barbara Meiningerin aus Wien, dem die Mutter Staub vom Sonntagberger Stein in die Augen blies. Das Mirakelbuch schreibt beiden Handlungen eine unmittelbare Besserung zu.

Solche Berichte sind aus heutiger Sicht keine medizinischen Handlungsempfehlungen. Sie sind historische Zeugnisse dafür, wie Krankheit, Material und Glaube im 18. Jahrhundert miteinander verbunden wurden und wie sehr die physische Substanz des Gnadenortes als Träger von Heilskraft verstanden werden konnte.

Fraisensteine für Tiere

Die Anwendung beschränkte sich nicht auf Menschen. 1761 bestätigten ein Pfarrer, ein Dorfrichter und ein Geschworener den Bericht des Landwirtes Florian Nägel aus dem Marchfeld. Eine Viehseuche habe seinen Hof bedroht. Nach einem Gelübde auf den Sonntagberg legte er einen dort erhaltenen, mit der Dreifaltigkeit geprägten Stein in das Trinkwasser seiner Rinder. Die Tiere seien daraufhin gesund geworden. Der Bericht zeigt, wie selbstverständlich der Wallfahrtskult in eine bäuerliche Lebenswelt einbezogen wurde, in der die Gesundheit des Viehs unmittelbar über Existenz und Versorgung einer Familie entscheiden konnte.

Von der Wallfahrt in die Hausapotheke

Die Fraisensteine wurden in Niederösterreich und darüber hinaus so verbreitet, dass sie in Sammlungen noch heute häufig erhalten sind. Vergleichbare Praktiken sind von den Schabmadonnen in Einsiedeln und Altötting bekannt. Der Sonntagberger Brauch besitzt jedoch eine besondere Ausprägung, weil hier nicht nur ein Bild abgeschabt wurde, sondern der Stoff des natürlichen Zeichensteins durch Beimischung in tausende neue Objekte weitergegeben wurde.

Nach Hermann Maurer wurden Fraisensteine ungefähr von 1720 bis um 1920 hergestellt. In den letzten Jahrzehnten der Produktion hatte sich ihre ursprüngliche Funktion bereits stark verändert. Heute sind originale Exemplare volkskundliche Sammlungsobjekte; im Antiquitätenhandel begegnen auch Nachahmungen und Fälschungen.

Ein außergewöhnliches Beispiel materieller Sakralität

Für die Volkskunde sind die Sonntagberger Fraisensteine besonders bedeutend, weil sich an ihnen der Weg religiöser "Wirksamkeit" materiell verfolgen lässt: vom einmaligen Zeichenstein auf dem Berg zu dessen Bruchstücken und Staub, vom Staub zum geformten Tonrelief, vom Wallfahrtsort in die Häuser der Pilger und dort wiederum durch Abschaben, Auflegen oder Trinken in den menschlichen oder tierischen Körper. Kaum ein anderes Objekt zeigt so anschaulich, dass Wallfahrtsandenken nicht bloß Erinnerungsstücke sein konnten, sondern als aktive Medien religiösen Handelns verstanden wurden.

Schatzkammer und Votivwesen

Eine der bedeutendsten Votivsammlungen Niederösterreichs

Hinter dem Hochaltar der Basilika liegen die Räume der Sonntagberger Schatzkammer. Sie bewahren einen der größten erhaltenen Votivbestände Niederösterreichs. Die wissenschaftliche Inventarisierung erfasste mehr als 700 Votivgaben; ungefähr 350 davon sind Votivbilder. Dazu kommen Silbervotive, Textilien, persönliche Gegenstände, Devotionalien und außergewöhnliche Dankgaben.

Diese Sammlung ist nicht einfach eine Ansammlung alter Kunstgegenstände. Ihr eigentlicher Wert liegt in der Verbindung der Objekte mit konkreten Lebensereignissen. Krankheit, Unfall, Krieg, Geburt, Viehseuche, Rettung und Heimkehr wurden durch das Votiv dauerhaft am Gnadenort präsent gehalten.

Schon beim Kirchenbau ein Platzproblem

Wie groß die Menge der Opfergaben bereits im 18. Jahrhundert war, zeigt eine bemerkenswerte Episode aus dem Jahr 1747. Abt Dominik Gußmann fragte Daniel Gran, wo im neuen Kirchenraum die zahlreichen Votivbilder untergebracht werden könnten. Der Abt erwog, die unteren Wandflächen mit Holzbrettern zu verkleiden, um dort mehr Bilder befestigen zu können. Gran widersprach aus ästhetischen Gründen: Die farbenfrohe obere Kirche würde über einer solchen dunklen Holzverkleidung unten wie eine Totenkapelle wirken.

Stattdessen blieb die geplante Stuckmarmorverkleidung bestehen. Ein weitmaschiges Netz sollte zusätzliche Befestigungsmöglichkeiten bieten. Damit wurde das Votivwesen sogar zu einer Frage der Innenraumgestaltung. Die Pilgergaben waren kein nachträgliches Anhängsel, sondern ein erwarteter und sichtbarer Teil des barocken Wallfahrtsraums.

Mirakelverzeichnisse seit 1664

Seit 1664 dokumentierten Sonntagberger Geistliche die berichteten Gebetserhörungen. Die Verbindung von schriftlicher Quelle und erhaltenem Objekt ist für die heutige Forschung besonders wertvoll. Viele Votivgaben tragen nur kurze oder beschädigte Inschriften; erst die Mirakelberichte ermöglichen es, Namen, Herkunft und Anlass einer Stiftung wieder zu rekonstruieren.

Die Texte nennen zunehmend Zeugen und örtliche Autoritäten. Pfarrer, Richter, Bader oder Ärzte sollten die Glaubwürdigkeit eines Berichtes stärken. Dadurch lassen sich manche Votivbilder heute wie kleine historische Fallakten lesen.

Das Votivbild des Grafen Rudolph Pálffy

Ein 1767 gestiftetes Votivbild des Grafen Rudolph Pálffy befindet sich noch heute in der Schatzkammer. Seine Inschrift ist kaum mehr lesbar. Der zugehörige Mirakelbericht erzählt jedoch, dass Pálffy vier Jahre lang an einer schweren Krankheit mit starkem "Blutauswurf" gelitten habe, die sein Leben bedrohte. Durch die schriftliche Überlieferung erhält das Bild seine verlorene biographische Geschichte zurück.

Paul Esmeisters Eisenstück von 1743

Noch deutlicher zeigt sich die Bedeutung der Mirakelbücher bei einem unscheinbaren Eisenstück. Ohne die Aufzeichnung wäre kaum zu erkennen, dass es zu Paul Esmeister aus St. Valentin gehörte. Am 7. Februar 1743 löste sich bei einem Schuss aus seinem Gewehr ein Metallstück und verletzte Gesicht, Mund und Hände schwer. Nach einem Gelübde zur Heiligsten Dreifaltigkeit habe ein Bader die Blutung stillen können. Das Eisenstück wurde als materielles Zeugnis der Gefahr und der erhofften Rettung geopfert.

Votivbilder als Bildchronik von Krankheit und Gefahr

Die rund 350 erhaltenen Votivbilder bilden eine außergewöhnliche visuelle Chronik. Stifter knien vor dem Sonntagberger Gnadenstuhl, während im unteren Bildbereich Krankheit, Unfall oder Notsituation gezeigt werden. Andere Tafeln kombinieren mehrere Gnadenorte. Ein Votivbild von 1779 zeigt beispielsweise die hl. Agatha als Fürsprecherin bei drei Gnadenbildern: Mariazell, Maria Taferl und Sonntagberg. Damit wird im einzelnen Objekt das Netz der Mehrortewallfahrten sichtbar.

Zwei Fingerkuppen in Spiritus

Zu den ungewöhnlichsten erhaltenen Votivgaben gehört eine Glasflasche mit zwei in Spiritus eingelegten Fingerkuppen. Sie wurde am 15. Mai 1929 von einer Person mit den Initialen F. K. gestiftet. Der Dank galt offenbar dem Umstand, dass trotz des Verlustes der Fingerkuppen die übrige Hand erhalten geblieben war. Das Objekt wirkt aus heutiger Perspektive drastisch, folgt jedoch vollkommen der Logik des Identifikationsvotivs: Ein Teil des verletzten Körpers selbst wird zum dauerhaften Zeugnis der Rettung.

Verluste durch Krieg und Einschmelzung

Der heutige Bestand ist nur ein Rest der einstigen Fülle. 1809 plünderten französische Soldaten den Sonntagberg und nahmen unter anderem festgemachte Silbergaben aus der Schatzkammer mit. Im Ersten Weltkrieg wurden Votivgaben ohne besonderen kunsthistorischen oder liturgischen Wert dem Roten Kreuz übergeben. Viele ältere Opfer sind daher nur noch durch Inventare, Mirakelbücher oder Rechnungen bekannt.

Gerade diese Verluste zeigen, wie wichtig die verbliebenen Objekte sind. Sie bilden keine vollständige Statistik früherer Frömmigkeit, sondern eine historisch mehrfach ausgesiebte Überlieferung.

Die Schatzkammer als "Tresor des Glaubens"

Moderne volkskundliche Forschung bezeichnet Wallfahrtsschatzkammern treffend als "Tresore des Glaubens". Der materielle Wert eines Stückes ist dabei zweitrangig. Ein kostbares Silbervotiv, ein gemaltes Bild, ein Kleidungsstück oder ein unscheinbares Eisenfragment erfüllen grundsätzlich dieselbe Funktion: Sie bewahren die Erinnerung an ein Gelübde und machen den Dank am Gnadenort sichtbar.

Die Votivgabe wurde normalerweise nicht wieder mitgenommen. Sie blieb beim Heiligtum und dokumentierte gegenüber späteren Pilgern die angenommene Wirksamkeit des Gnadenortes. Die Schatzkammer war damit zugleich Gedächtnisraum und öffentliches Argument für die Kraft der Wallfahrt.

Museum Schatzkammer Sonntagberg

Die über Jahrzehnte nicht öffentlich zugängliche Schatzkammer wurde restauriert und am 22. Mai 2016 als Museum wieder eröffnet. Die Ausstellung hinter dem Hochaltar zeigt Votivgaben, Paramente und ausgewählte Mirakelbücher. Gerade für die volkskundliche Dokumentation des Sonntagbergs ist dieser Bereich ebenso wichtig wie der monumentale Kirchenraum: In der Basilika wird die offizielle Bild- und Bauwelt des Kultes sichtbar, in der Schatzkammer dagegen die persönliche Reaktion der Pilger auf diesen Kult.

Literatur und Quellen

- Überlacker, Franz: Sonntagberg. Vom Zeichenstein zur Basilika. Sonntagberg 1968.

- Maurer, Hermann: "Sonntagbergsteine" aus dem Waldviertel. Ein Beitrag zu den Schab- oder Fraisensteinen vom Sonntagberg. In: Unsere Heimat. Zeitschrift für Landeskunde von Niederösterreich 78/1 (2007), S. 43-47.

- Taubinger, Barbara: Die Votivgaben der Schatzkammer Sonntagberg und ihre Rolle im Sakralisierungsprozess des Gnadenortes. In: Werner Telesko / Thomas Aigner (Hg.): Sakralisierung der Landschaft. Beiträge zur Kirchengeschichte Niederösterreichs 21 / Geschichtliche Beilagen zum St. Pöltner Diözesanblatt 38. St. Pölten 2019, S. 116-133.

- Taubinger, Barbara: Ausgewählte niederösterreichische Schatzkammerbestände - lokale Schwerpunkte und regionale Unterschiede. In: MEMO Sonderband 1 (2022).

- Miesgang, Sabine: Staub. Einleitende Gedanken zu Transformationsprozessen und Gedächtnispotenzial. In: MEMO 12 (2025): Holy Dust. Staub als Material religiöser Praktiken. Besonders: Die Fraisensteine vom Sonntagberg.

- Wagner, Benedikt OSB: Melchior Hefeies Hochaltar der Wallfahrtskirche Sonntagberg und sein theologisches Programm. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 78 (1998), S. 173-195.

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich südlich der Donau. Sonntagberg, Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Hl. Dreifaltigkeit und hl. Michael. Wien 2003, S. 2259-2263.

- Denkmalpflege in Niederösterreich, Band 38: Volksglaube und Volksfrömmigkeit an heiligen Orten. St. Pölten 2008.

- Telesko, Werner / Kühtreiber, Thomas / Miesgang, Sabine: Salvation Economics and Media. Constituting Social Spaces via Early Modern Pilgrimage in Lower Austria (SALVEMED). Projektvorstellung im Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 2024.

- Beständig fruchtbarer Gnaden-Berg, Das ist: fernere Beschreibung deren Gutthaten, welche die Allerheiligste Dreyfaltigkeit auf dem weit-berühmten Sonntagberg von dem Jahr 1729 bis 1751 an Verschidenen barmhertzigst gewürcket hat. Steyr 1752.

- Pambichler, Norbert: De sacris peregrinationibus rebusque connexis dissertatio theologico-dogmatica. Steyr 1759.

- Stiftsarchiv Seitenstetten, Handschrift 46 X: deutschsprachige Geschichte der Wallfahrt am Sonntagberg aus dem Jahr 1614.

- SAGEN.at: Der Zeichenstein auf dem Sonntagberg

- SAGEN.at: Vom Hirten am Sonntagberg

- SAGEN.at: Die Türken am Sonntagberg

- SAGEN.at-Forum: Sonntagberger Fraisenstein - Diskussion und Dokumentation mit Beiträgen von Prof. Hermann Maurer

Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at