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Rudolf von Habsburg in der volkstümlichen Überlieferung.*)

Von

Dr. Oswald Redlich.

*) Vortrag, gehalten im Verein für Landeskunde am 27. April 1918, anläßlich der 700. Wiederkehr des Geburtstages Rudolfs von Habsburg.

Im Mai des vorigen Jahres konnten wir der großen Maria Theresia gedenken, die vor 200 Jahren geboren worden, heute erinnert uns der 1. Mai 1918, daß vor 700 Jahren Rudolf von Habsburg das Licht der Welt erblickte. Es sind Gedenktage an den Begründer der Größe des Hauses Habsburg und an den letzten Sproß des alten habsburgischen Stammes, Gedenktage, die eigentlich tief ernst wirken, da wir sie mitten in einem Kampfe begehen, in dem es sich um den Bestand und die Zukunft des von den Habsburgern geschaffenen mächtigen Staatengebildes handelt.

Die Jahrhunderte zehren an dem Gedächtnisse selbst bedeutender Gestalten der Vergangenheit. Auch die historische Wissenschaft vermag sie nicht immer neu zu beleben; sie erforscht und erhellt wohl Menschen und Epochen, aber die Wirkung bleibt oft im engeren Kreise der Fachgelehrten beschränkt. Nicht viele von den Kaisergestalten unserer mittelalterlichen Geschichte sind heute noch im Bewußtsein der Nation lebendig. Ja, die ganze große deutsche Kaiserzeit ist vielleicht allzusehr nur in verschwommenen, undeutlichen Vorstellungen bewußt, und der Geschichtsunterricht unserer Mittelschulen, bedrängt von der Fülle des Stoffes und von den Anforderungen der Gegenwart, opfert leider gerade das Mittelalter. Und doch waren jene Jahrhunderte eine Höhezeit im Leben unseres Volkes und wir dürfsn gerade heute uns gegenwärtig halten, daß im Zeitalter der Ottonen, Salier und Staufer das deutsche Reich und das deutsche Volk die überragende Vormacht des Abendlandes und der Christenheit gewesen ist.

Nach dem Untergange des alten Kaisertums steht am Beginne einer neuen Zeit Rudolf von Habsburg, der erste König nach dem langen Interregnum, der Wiederhersteller des Reiches, der Begründer eines neuen großen Fürstengeschlechtes, eine der historischen Gestalten des deutschen Volkes von unvergeßlichem Gepräge. Die neuere Forschung hat sich seit zwei Menschenaltern eindringlich mit der Geschichte Rudolfs von Habsburg beschäftigt, sie hat allmählich das doch wohl der Wahrheit entsprechende Bild Rudolfs, seines Wirkens und seiner Bedeutung enthüllt. Dieses Bild des historischen Rudolf von Habsburg trägt nun in bedeutsamen Teilen ganz andere Züge, als die volkstümliche Überlieferung und die durch sie beeinflußte Geschichtschreibung früherer Zeit den Habsburger erscheinen ließ. Anderseits machte aber die kritische Historie die Erfahrung, daß in jener Tradition der Jahrhunderte doch auch manch tiefer und echter Kern stecke. Gerade um die Person Rudolfs von Habsburg rankte sich ein reicher Kranz von Geschichten: einzelne tragen sagenhaften Charakter, andere sind Erzählungen, die diesen oder jenen Zug seines Wesens in anekdotenhaft zugespitzter Form beleuchten. Es gibt fast ein halbes Hundert solcher Geschichten über Rudolf von Habsburg, ja um die Zeit von 1320 ist ein eigenes Büchlein heiterer Anekdoten über König Rudolf verfaßt worden. Eine solche Fülle volkstümlicher Erinnerungen ist an sich schon ein Beweis dafür, daß die Persönlichkeit Rudolfs von Habsburg und sein Wirken einen außerordentlichen Eindruck auf Zeitgenossen und die nächsten Generationen geübt hat. Und es gewährt nun einen eigenen Reiz, die Entwicklung dieser volkstümlichen Überlieferung zu verfolgen und an ihr die historische Gestalt Rudolfs von Habsburg zu messen.*)

*) Vgl. im allgemeinen zum folgenden mein Werk "Rudolf von Habsburg" (1903), aus dem ich da und dort wörtlich zitiere. Eine dankenswerte Beihilfe für den Überblick über den Stoff und für einzelne Zusammenhänge der Quellen gewährte mir eine ungedruckte Dissertation eines meiner Schüler, Dr. Alfred Horner, über "Rudolf von Habsburg in Sagen und Anekdoten" (1909).

Die Erhebung Rudolfs auf den königlichen Thron erschien den Mitlebenden als eine wunderbare göttliche Fügung. Vorangegangen war die Ekaiserlose, die schreckliche ZeitE. Das herrliche Geschlecht der Staufer war vernichtet. Gegenkönige hatten sich bekämpft, keiner allgemein anerkannt. Das Reich war durch unzählige Kämpfe zerrissen, die Grundlagen der königlichen Macht arg geschmälert, zum Teile in fremder Hand. Die Kurfürsten selbst erkennen die Not des Reiches, unter dem gebieterischen Einflusse des Papstes einigen sie sich endlich und wählen — abgesehen von Böhmen — einhellig den Grafen Rudolf von Habsburg zum König. Rudolf war der mächtigste Dynast im Elsaß und in der nördlichen Schweiz, er war ein treuer Anhänger der Staufer gewesen, er genoß weitum den Ruf eines tapferen und glücklichen Kriegsmannes. All dies empfahl ihn den Kurfürsten. Aber der Habsburger gehörte nicht dem Reichsfürstenstande an, er gehörte nicht zu den alten, großen Geschlechtern des Reiches, im Osten und Norden des Reiches war er wohl wenig oder gar nicht gekannt. So erschien die unerwartet und ungewohnt einmütige Wahl dieses Grafen dem Volke, das ja von den eigentlichen Vorgängen und Zusammenhängen nichts wußte. als das unmittelbare, wie ein Wunder eingreifende Werk der Vorsehung.

Der Himmel selber, so erzählen uns gleichzeitige Berichte, bezeugte dies: als König Rudolf zu Aachen bei seiner Krönung auf dem Throne saß und die Weihe empfing, da schwebte eine weiße Wolke in Kreuzesform über dem Münster, die von der Morgensonne rötlich beleuchtet ward. Der König deutete es auf eine Mahnung des Himmels, daß er für das heilige Kreuz im gelobten Lande streiten solle. Die Phantasie des Volkes sprach aber nicht von einer Wolke, sondern von einem wunderbaren, glänzenden, goldenen Kreuz, einem Zeichen Gottes, der sein Wohlgefallen an dem neuen König sichtbar kundgetan.

Hier setzt nun eine förmliche Sagenbildung ein. Rudolf von Habsburg, den die göttliche Vorsehung als ihr Werkzeug ausersehen war von der Vorsehung selber schon geheimnisvoll vorbereitet worden auf seine künftige Sendung. Von Gott erleuchtete fromme Männer und Frauen haben ihm seine künftige Größe geweissagt, von Gott gesandte Träume haben sie verkündet. Schon gegen Ende des XIII. Jahrhunderts und dann bei den Geschichtsschreibern des XIV. Jahrhunderts finden wir solche Erzählungen in verschiedenen Formen niedergelegt. Als der junge Graf Rudolf von Habsburg, so heißt eine weit sich verbreitende Geschichte, am Hofe Kaiser Friedrichs II. in Italien weilte, habe ihm der Astrolog des Kaisers ganz besondere Ehrerbietung erwiesen und prophezeit, daß er einst der Nachfolger des Kaisers werde. Oder eine andere Geschichte: eine Klausnerin habe der Gemahlin des Grafen geweissagt, daß dieser ein mächtiger König werde. Oder: ein Eremit habe Jägern, die ihn im Walde trafen, prophezeit, daß binnen drei Wochen das Reich einen König haben werde, der ruhmreich regieren, aber die Kaiserkrone nicht erlangen werde. Oder: ein Verwandter Rudolfs, Herr Walter von Klingen, habe im Traume gesehen, wie die Kurfürsten im Kreise um eine Krone standen und einer sagte, wer von uns die Krone aufheben kann, der werde König. Keiner vermochte es, da trat Graf Rudolf herzu, hob die Krone auf und setzte sie sich aufs Haupt.

Alle diese Versionen wurden seit der Mitte des XIV. Jahrhunderts verdrängt durch jene Geschichte, die zu den schönsten und bekanntesten über Rudolf von Habsburg gehört, dichterisch verklärt durch Schillers herrliche Ballade: Rudolfs Begegnung mit dem Priester. In der Chronik des Schweizer Minoriten Johann von Wintertür, der um 1340 schrieb, lesen wir die älteste und einfachste Gestalt dieser Erzählung. Graf Rudolf begegnete, als er mit seinem Gefolge über Land ritt, einem Priester, der das Allerheiligste trug. Der Graf sprang vom Pferde und gab dies aus Ehrfurcht vor Christi Leib dem Priester. Sehr bald darauf wurde er zum König erhöht. Wir haben hier die Hauptelemente der Geschichte einfach und gewissermaßen unverbunden vor uns: Begegnung mit dem Priester, Ehrfurcht und Demut vor dem Sakrament, Hingabe des Rosses, Erhebung zum König. Ganz ähnlich, doch ohne Hinweis auf die Königswürde findet sich um dieselbe Zeit die Erzählung in einer Ableitung aus der Chronik des Abtes Johann von Viktring in Kärnten. Aber sehr bald treffen wir eine viel ausgeschmücktere Fassung in der Chronik des Klosters Königsfelden in der Schweiz von c. 1370. Graf Rudolf will mit seinem Gefolge über ein Wasser reiten, da stand ein Priester mit dem Sakrament, zaudernd, denn der Bach war ungestüm und groß. Da sprang der Graf von seinem Rosse und ließ den Priester über das Wasser reiten. Dieser wollte das Pferd dem Grafen wieder geben, der aber sprach, er sei unwürdig, jemals wieder das Roß zu besteigen, das den Schöpfer getragen. Darauf kam Graf Rudolf zu einem Einsiedler und dieser weissagte ihm, er werde hoch geehrt werden, da er dem heiligen Sakramente Ehrfurcht erwiesen. Hier haben wir den Wildbach und die einfache Nebeneinanderstellung Johanns von Winterthur ist zur ausdrücklichen kausalen Verknüpfung geworden in der beliebten Form der Weissagung: weil Rudolf Gott so demütig geehrt hat, darum wird er selber geehrt und erhöht werden.

Ganz ähnlich lautet die Erzählung in der ebenfalls in dieser Zeit entstandenen österreichischen Chronik von den 95 Herrschaften. Ein Zusammenhang dieser österreichischen mit jenen Schweizer Quellen ist wahrscheinlich. Von da an setzt sich die Überlieferung in österreichischen und in Schweizer Chroniken und in allgemeinen Geschichtswerken des XV., XVI. und XVII. Jahrhunderts fort, aus der Schweizer Chronik des Ägydius Tschudi hat Schiller geschöpft. Es kommen weitere Ausschmückungen und Varianten dazu, die bedeutsamsten sind die, daß der Priester selber es ist, der dem Grafen die künftige Größe prophezeit, und daß dieser Priester dann Kanzler des Erzbischofs Werner von Mainz geworden sei und als solcher dazu beigetragen habe, die Blicke der Kurfürsten auf den frommen Grafen von Habsburg zu lenken.

Der Kern der Erzählung von der frommen Tat des Grafen ist wohl sicherlich wahr, aber er genügte nicht der Phantasie des Volkes. Die Tat mußte unmittelbar ihren Lohn erhalten und eine Prophezeiung ex eventu tritt da vermittelnd ein. Das unvergeßliche Walten des Königs Rudolf für Recht und Gerechtigkeit wird im verklärenden Lichte der volkstümlichen Überlieferung auch der Typus für den Grafen Rudolf. Er ist und bleibt der fromme Graf von Habsburg. So bedeutet diese Typisierung des Volksmundes einerseits zwar eine Idealisierung, anderseits aber auch eine gewisse Schabionisierung der wirklichen historischen Gestalt Rudolfs von Habsburg.

Rudolf war ja sicherlich fromm, wie es sein Stand und seine Zeit eben war. Es ist doch eine gewisse äußerliche Religiosität, der gewohnte Glaube, die gewohnte Kirchlichkeit. Daneben war Graf Rudolf der echte Sohn der kampferfüllten Zeit des Interregnums, der rücksichtslos aufstrebende und um sich greifende Dynast, der auch vor Gewalttaten nicht zurückscheute, Klöster niederbrannte, der treue Anhänger der von der Kirche verfluchten Staufer, selber jahrelang im Kirchenbann. Der Historiker kann nur von Heiligen das volle Zusammenstimmen von Glauben und Leben verlangen und erwarten, am wenigsten von den Menschen einer naiv gläubigen und ebenso naiv begehrenden und handelnden Zeit. Aber gerade von Rudolf von Habsburg gilt das Wort des Dichters: es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken. Die königliche Würde, die hohe Pflicht, für Frieden und Recht zu sorgen, sie hat ihn emporgehoben zu einer höheren, sittlichen Auffassung und Führung. Das Wort, das er in den ersten Tagen seines Königtums vor versammeltem Volke sprach, gibt dafür ein beredtes Zeugnis: Heute will ich allen denen jegliche Schuld nachsehen, die mir geschadet haben, alle Gefangenen sollen frei sein, die in meinen Kerkern schmachten, ich gelobe, von nun an Schirmer des Friedens zu sein, wie ich bisher ein unersättlicher Kriegsmann gewesen. Wie ein Wort vom Himmel erschien dies dem Volke und diesen Rudolf von Habsburg hat die Überlieferung des Volkes festgehalten.

Jenes Ereignis in der Regierung König Rudolfs, das im ganzen Abendlande den lautesten Widerhall fand und den Ruhm des Königs erst festigte und verbreitete, das auch von den dauerndsten geschichtlichen Folgen begleitet war, das war sein Sieg über den mächtigen, glänzenden Ottokar von Böhmen. Es ist kein Wunder, daß sich an diese Ereignisse mannigfache sagenhafte Geschichten ansetzten. Es ist mehr gelehrte Kombination, wenn im XIV. Jahrhundert beim böhmischen Chronisten Pulkawa die Erzählung auftritt, Rudolf habe als Graf längere Zeit am Hofe Ottokars gelebt, er habe daselbst ein Hofamt bekleidet und an dem Kriege gegen Ungarn im Jahre 1260 rühmlich teilgenommen. Wir haben hier wohl die Tendenz zu erblicken, den berühmten Habsburger schon in frühere Beziehungen zu den Gestalten der eigenen Geschichte zu bringen, um diese dabei eine gewisse superiore Rolle spielen zu lassen. Ganz ähnlich ist es bei der später in Spanien auftauchenden Geschichte, Rudolf habe dem König Alfons von Castilien die Nachricht von dessen Wahl zum deutschen König im Jahre 1257 überbracht und sei von ihm zum Ritter geschlagen worden; oder bei der schon Ende des XIII. Jahrhunderts in Frankreich entstandenen Erzählung, Rudolf habe 1268 mit Konradin in der Schlacht von Tagliacozzo mitge-fochten, sei von Karl von Anjou gefangen genommen worden und nur durch Zufall und Verrat entkommen. All diese Geschichten besitzen keine tatsächliche historische Grundlage. Dagegen ist es eine echt volkstümliche Erzählung, wenn schon bald nach der Belehnung Ottokars im Jahre 1276 ein das schlicht überlegene Wesen König Rudolfs sehr gut charakterisierender Bericht auftritt. Ottokar habe sich zur Belehnung mit größtem Prunk gerüstet, König Rudolf aber empfängt ihn im unscheinbarsten grauen Kleid; wie der Böhmenkönig, so sagte er, gar oft mein graues Wams verspottete, so soll dieses Kleid ihn verlachen. Natürlich spielen auch bei diesen Ereignissen, namentlich vor der Schlacht bei Dürnkrut, mannigfache Prophezeiungen des Sieges und verheißungsvolle Träume eine Rolle. Eine Geschichte aber, die sich ebenfalls an die Belehnung knüpft, ist bemerkenswert. Wir treffen sie erst in der Geschichte Böhmens von dem berühmten Aeneas Silvius Piccolomini, also um die Mitte des XV. Jahrhunderts. Ottokar hat gebeten, es möge seine Belehnung im geschlossenen königlichen Zelte geschehen, um seiner Würde zu schonen. Rudolf gewährt es, aber während Ottokar vor ihm kniet, fallen die absichtlich durchschnittenen Zeltwände auseinander und die beiden Heere erblicken den stolzen Böhmenkönig in dieser demütigenden Stellung. Die Geschichte entbehrt jeder historischen Grundlage, sie mag in Österreich oder in Böhmen entstanden sein, in der Suche nach einem handgreiflichen Motiv dafür, daß Ottokar den zweiten Krieg gegen Rudolf begann. Die Erzählung hat weite Verbreitung gefunden, sie wirft aber zweifellos einen Schatten auf Rudolf, er täuscht und demütigt seinen Gegner in nicht edler Weise. Es ist ein feiner Zug Grillparzers, daß er in seinem Drama den verräterischen Zawisch von Rosenberg es sein läßt, der auf eigene Faust die Wände des Zeltes auseinanderreißt.*)

*) Ähnlich läßt schon F. A. C. Werthes in seinem 1785 erschienenen Drama "Rudolf von Habsburg" die Ottokar feindlichen Ritter die Zeltwände herabreißen. Vgl. Max Vancsa, Rudolf von Habsburg in der Dichtung (Österr. Rundschau 1918, 1. Mai).

Doch die Persönlichkeit Rudolfs von Habsburg war zu originell, zu individuell, als daß selbst die Überlieferung des Volkes mit der einfachen Schablone "fromm, gut, edel" sich begnügt hätte. Manche Züge seines Wesens zogen die Aufmerksamkeit und Sympathie des Volksempfindens unwillkürlich an. Rudolf besaß die Schlichtheit eines überlegenen Geistes und den unverzagten Frohmut einer willenskräftigen Natur. Er liebte nicht den Prunk, war mäßig in Speise und Trank, von ungeheuchelter Leutseligkeit, ohne sich gemein zu machen, machte gerne einen Scherz und verstand einen Spaß, ohne sich etwas zu vergeben. Eine Menge von ernsten und heiteren Geschichten liefen schon zu Lebzeiten Rudolfs von ihm um, die zum Teile gewiß einen wahren Kern bergen und die ein gutes Bild davon geben, was im Volke von dem großen König lebendig blieb und weiterlebte. Die Geschichte von dem grauen Kleid bei Ottokars Belehnung erwähnten wir schon. Der König, so erzählen andere, flickte auf einer Heerfahrt selber sein zerrissenes Wams, er wärmte sich einmal in Mainz beim nächsten Bäcker die Hände. Er läßt sich bei Lebzeiten seinen Grabstein meißeln und als die Arzte ihm verkünden, daß seine Tage gezählt seien, da sprach der greise Held: "Wohlauf, nach Speyer, wo mehr meiner Vorfahren sind, die auch Könige waren; daß niemand mich hinzuführen braucht, will ich selbst zu ihnen reiten." Dies sind Geschichten, die die schlichte Größe in Rudolfs Wesen richtig erfassen und kennzeichnen.

Aber er war auch der kluge Mann. Er gibt dem Kaufmann von Straßburg einen ausgezeichneten Rat: in Straßburg gab es einmal gerade viele Fische und wenig Wein, in Köln aber wenig Fische und vielen Wein. Das wußte der König. Diese Konjunktur soll der Kaufmann ausnützen, Fische nach Köln liefern und dafür Wein nach Straßburg bringen. So geschah es und der Kaufmann machte reichen Gewinn. Hier werden wir in das bürgerliche Milieu geführt und gerade in diesem spielt noch eine Reihe anderer Geschichten. In Nürnberg oder in Erfurt war es, wo der König den schändlichen Betrug eines Wirtes an seinem Gaste mit kluger List aufdeckte und streng bestrafte. In Erfurt ritt er einmal durch die Straßen, kostete von einem Humpen Bier, den ihm ein Ratsherr, aus seinem Hause tretend, reichte, kostete noch einen zweiten, denn Kranke und Schwache fragt man, Gesunden aber gibt man immer noch eins, ritt die Straße auf und ab und rief: Herein, herein, ein köstlich Erfurtisch Bier hat Siegfried von Buttstädt aufgetan.

Das war Rudolfs Weise. Das erwarb ihm die Sympathien des Volkes. So entstand und festigte sich aus solchen Zügen das Bild des leutseligen, klugen und gerechten Königs. Es war ein gewissermaßen ins Bürgerliche übersetztes Bild. Die geschichtliche Größe des Habsburgers, der Ottokar schlug und Österreich erwarb, der mit den Päpsten um den Romzug verhandelte, mit den Königen von Neapel und Ungarn, von Frankreich und England europäische Politik betrieb, sie verschwindet in dieser volkstümlichen Überlieferung hinter der populären, dem Volke sympathischen und verständlichen Gestalt des einfachen, jedermann zugänglichen, humorvollen Herrn, des klugen Geschäftsmannes, des gerechten Richters in Streit und Schuld des täglichen Lebens.

Diese bürgerlich populäre Auffassung macht sich nun auch geltend gegenüber einer der wichtigsten Fragen von Rudolfs Regierung, der Frage des Römerzuges und des Erwerbes der Kaiserkrone. Rudolf ist nicht nach Italien gezogen und hat die Kaiserwürde nicht erlangt. Wollte er dies nicht? Die allgemeine öffentliche Meinung schon der nächsten Folgezeit hat diese Frage bejaht. Kein geringerer als Dante hat in seiner verzehrenden Sehnsucht nach einem großen Kaiser, der das zerrissene Italien befriede und eine, Rudolf von Habsburg und seinen Sohn Albrecht eben wegen ihrer vermeintlichen Lässigkeit in seiner Divina commedia ins Fegefeuer versetzt und ruft ihnen die bitteren Worte zu:

Wie konntet Ihr, Du und Dein Vater, dulden,
Nur weil die Habsucht Euch dort jenseits festhielt,
Daß Eures Reiches Garten gar verwildre?

Erfährt hier Rudolf den herben Tadel des großen Dichters und Patrioten, so spendet ihm die beschränktere Volksmeinung das Lob besonderer Klugheit und Vorsicht. In der um 1320 in Bayern geschriebenen Fortsetzung der sächsischen Weltchronik finden wir zum ersten Male folgende Erzählung. Die Fürsten drängten den König Rudolf, daß er nach Rom fahre und Kaiser werde. Aber Rudolf erwiderte mit dem Gleichnis der alten Fabel: Es wurden viele Tiere geladen, in einen hohlen Berg zu gehen. Alle Tiere gingen in den Berg, nur der Fuchs blieb heraußen und wartete. Da kam keines der Tiere wieder. So sind viele Könige über das Gebirge nach Wälschland gezogen, die nicht mehr wiederkamen. Darum wollte König Rudolf nicht nach Rom. Diese Geschichte ist immer wieder in den folgenden Jahrhunderten nacherzählt worden, und gelegentlich wurde statt der klugen Vorsicht als Motiv bezeichnenderweise Rudolfs Demut eingefügt, die nicht den Glanz der Kaiserkrone begehrt habe. Auch die gelehrten Historiographen der neueren Zeiten bis in die erste Hälfte des XIX. Jahrhunderts sind von dieser Ansicht beeinflußt und befangen geblieben. Erst seit Joh. Friedr. Böhmer hat die Forschung Schritt für Schritt enthüllt, welch großer Irrtum diese Ansicht war. Heute können wir sagen, gerade das Gegenteil davon ist richtig. Vom Beginn seiner Regierung bis in seine letzten Tage hat Rudolf von Habsburg mit heißem Bemühen und unermüdlicher Beharrlichkeit danach gestrebt, die Kaiserkrone zu erringen, und nicht seine Schuld ist es gewesen, wenn es ihm nicht gelang. Die Kaiserwürde sollte ja die notwendige Grundlage sein, um einem Sohne und damit seinem Hause die Nachfolge im Reiche zu sichern. Aber die Zeugnisse dafür lagen nicht zutage und die Zeitgenossen wie die Nachwelt sahen nur die Tatsache, daß Rudolf nicht nach Italien zog und nicht zum Kaiser gekrönt ward.

Auch nach einer anderen Seite hat erst die moderne Forschung einen alten Irrtum über Rudolf von Habsburg beseitigt, die Meinung nämlich, daß Rudolf ein armer Graf gewesen. Der Ursprung dieser Ansicht lag nicht sosehr in eigentlich volkstümlicher Überlieferung, als in der Rückwirkung des Kampfes zwischen Rudolf und Ottokar auf die öffentliche Meinung. Gegenüber dem reichen und mächtigen Böhmenkönig, der die weiten Länder vom Erzgebirge bis zum Karst beherrschte, war allerdings der Graf von Habsburg ein Dynast von weit geringerer Macht. Dieser bedeutende Unterschied ward nun von Ottokar und seinen Anhängern mit offenbarer Absicht noch übertrieben. Man schrieb vom kleinen Grafen, den der Bettelsack drücke, vom kleinen Lichtlein aus Schwaben, vom armen König, der es wage, gegen den gewaltigen Böhmen aufzutreten. Bei den Chronisten Südwestdeutschlands, wo man die Habsburger und ihre Bedeutung gar wohl kannte, finden sich solche Urteile keineswegs. Aber sie haben bei den Geschichtsschreibern der Folgezeit nachgewirkt und erst die neuere Forschung hat die wirklichen Verhältnisse klargelegt.

Es ist ein helles Bild fast ohne Schatten, das die volkstümliche Überlieferung von Rudolf von Habsburg gestaltet hat. Ein helles Bild, doch ein etwas, man könnte sagen, allzu bescheidenes und idyllisches und ein engbeschränktes Bild, ohne weite Horizonte des historischen Geschehens und großer politischer Ziele, auch ohne die Härten und ohne die Mißerfolge der geschichtlichen Wirklichkeit. Daß politische Gedanken sich im Volksmunde verewigen, geschieht nur bei ganz großen und einfachen Dingen und bei Hoffnungen, die die Volksseele ergreifen, so in der deutschen Kaisersage von dem im Berge verborgenen schlafenden Kaiser Karl oder Kaiser Friedrich, der einmal erwachen und wiederkommen wird, um die Herrlichkeit des Reiches neu aufzurichten. Auch bei den volkstümlichen Geschichten über Rudolf von Habsburg schimmern doch die zwei großen Dinge durch, die ihm auch im Gedächtnis des Volkes unvergessen blieben: er war der Wiederhersteller und Schirmer von Recht und Frieden, er war der Sieger von Dürnkrut. Aber auch diese Erinnerungen werden gestützt und lebendig erhalten durch ein drittes Element, das so recht einen Antrieb volkstümlicher Geschichtsbildung ausmacht, die Wirkung der Persönlichkeit. Rudolfs originelle und kräftig ausgeprägte Persönlichkeit haftete im Gedächtnis der Menschen. Ja, dieser Zauber war so stark, daß er alle Widerstände überwand. Denn man darf nicht glauben, daß König Rudolf während seiner Regierung ein immer und überall beliebter und populärer Herrscher war. Seine scharfen Steuerforderungen an die Städte erregten ihm im Bürgertume heftige Opposition, die Fürsten sahen mit Mißbehagen und offenem Widerstreben das überraschende Aufsteigen der habsburgischen Macht, in Schwaben und in den schweizerischen Waldstätten erregte die von König Rudolf in seinen letzten Jahren geradezu leidenschaftlich und überhastet betriebene Erwerbs- und Vergrößerungspolitik eine schwere Gärung, welche unmittelbar nach dem Tode des gefürchteten Königs zu gefährlichem Ausbruch kam. Und dennoch! Selbst im Schweizer Volksmunde überwog dann wieder das Andenken an den frommen Grafen, an den leutseligen, humorvollen König alle anderen Erinnerungen. Und aller Ingrimm über die der Freiheit der Schweizer Bauern drohende, drückende habsburgische landesfürstliche Gewalt sammelte und entlud sich in der Volksüberlieferung und in der sich bildenden Schweizer Sage auf das Haupt König Albrechts, des Sohnes Rudolfs von Habsburg. Albrecht war seinem Vater ebenbürtig an Tatkraft, an kriegerischer und staatsmännischer Begabung, aber er war hart, schroff und unzugänglich, ohne jenen Einschlag überlegenen Humors und einer persönlich gewinnenden Natur, den sein Vater besaß.

Wir sehen, die volkstümliche Überlieferung erschöpft bei weitem nicht und kann ihrer Natur nach nicht erschöpfen das viel bedeutendere und mannigfaltigere geschichtliche Wesen und Wirken Rudolfs von Habsburg. Aber sie hat das Andenken an ihn getreulich weitergeleitet durch die Jahrhunderte, bis die ernstere Frau Historia der treuherzig lieblichen Schwester den Griffel aus der Hand nahm und die Gestalt des ersten großen Habsburgers in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit zeichnete. Und wenn wir heute, nach sieben Jahrhunderten, fragen, was der dauernde Erfolg von Rudolfs tatenreichem Leben gewesen, so berührt die Antwort uns deutsche Österreicher am meisten: es war der Erwerb der österreichischen Länder für das Haus Habsburg. Was Rudolf von Habsburg mit dem Schwerte und mit meisterhafter Staatskunst geschaffen, das wollen wir auch heute, da außen und innen der Sturm tobt, mit dem Schwerte und in Treue wahren und verteidigen.

Quelle: Rudolf von Habsburg in der volkstümlichen Überlieferung, Oswald Redlich, Sonderdruck aus dem "Jahrbuch des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich", 1918, S. 1-11.