SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Wachau Nibelungengau >>  Hans Plöckinger, Sagen der Wachau, 1926

   
 

Die Simandl-Bruderschaft

Die Stadt Krems gilt als die Ursprungsstätte der "Simandl-Bruderschaft", welche auf folgendes Geschehnis zurückgeführt wird. Einst lebte zu Krems ein Bürger, namens Simon Handl, den seine Frau stets prügelte. Der Arme wurde daher das Vorbild eines "Simandls" und die Kremser Frauen begannen bald zu wetteifern in der Mißhandlung ihrer Ehegatten. Im Jahre 1528 trieben sie es am ärgsten. Da taten sich die Gepeinigten zu einer Beratung zusammen und beschlossen, die Hilfe des Stadtrates in Anspruch zu nehmen. Die gestrengen Ratsherren waren sofort zum Einschreiten bereit und entschieden, die Männer sollten sich anläßlich des Simonimarktes durch Geschenke an ihre Frauen von weiteren Mißhandlungen loskaufen. Seitdem hielt die Simandl-Bruderschaft jedes Jahr am Simonimarkttage im Gasthause zu den drei Raben auf dem Hohen Markte ihre Sitzungen ab. Die Satzungen dieser Gilde seien sogar feierlich im Stadtarchiv hinterlegt worden. Da aber darin einmal arge Unordnung eingetreten, habe man sie nach Langenlois übertragen. Ehrenvoller für die Kremserinnen ist die Ueberlieferung dieser Sage in der Gestalt, wie sie schon vor 90 Jahren einem Reisenden kund getan worden. Im Jahre 1619, anläßlich des Einfalls der böhmischen Aufständischen nach Niederösterreich, war eine feindliche Heeresabteilung unter Oberst Karpizan im Anmarsche auf Krems.

 Der Simandl-Brunnen © Wolfgang Morscher
Der Simandl-Brunnen in Krems a.d.Donau
Knieend bittet der Kremser, mit Schwert an der Seite, seine Frau
© Wolfgang Morscher, 1. August 2005

Die Bürger zogen mutig entgegen, wurden aber durch die Böhmen von der Stadt abgeschnitten, welche sie nun zu belagern begannen. Da griffen aber die Kremserinnen selbst zu den Waffen und verteidigen die Mauern so heldenmütig, daß die Feinde die Belagerung aufgeben mußten. Auch die Männer konnten wieder zurückkehren, sie wurden aber von den Frauen mit Hohn empfangen und hatten nun von ihnen die ärgsten Spötteleien zu erdulden. Die Kremserinnen stifteten überdies zum Andenken an ihren Heldenmut die Simandl-Bruderschaft, die ihnen weiterhin die Herrschaft über ihre Männer sicherte. Jene hat sich mit großer Schnelligkeit über die ganze Erde verbreitet.

Quelle: Sagen der Wachau, Hans Plöckinger, Krems a. D. 1926, Nr. 97, S. 99f