SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Wachau Nibelungengau >>  Hans Plöckinger, Sagen der Wachau, 1926

   
 

Das Melker Kreuz

Das kostbarste Heiligtum des Stiftes Melk ist das Melker Kreuz, welches wundervoll aus Gold und Edelsteinen gearbeitet ist und einen großen Splitter vom kreuze Christi enthält, an dem noch die Spuren des heiligen Blutes sichtbar sind.

Dieses Kreuz gehörte einst zum Königsschatze Stefans des Heiligen von Ungarn. König Ava schenkte es im Jahre 1045 dem Markgrafen Adalbert dem Siegreichen von Oesterreich, um ihn für den Frieden zu gewinnen. Dieser übergab das hochwichtige Geschenk in feierlicher Weise dem Gotteshause zu Melk.

Viele Gläubige kamen, um das heilige Erinnerungsstück zu verehren. Dabei bewunderten sie das herrliche Goldkreuz. Dessen Kostbarkeit verlockte einen fremden Geistlichen, namens Rupert, einen Gottesraub zu begehen. Das Stift und seine weite Umgebung waren darob in tiefster Trauer, alles flehte ohne Unterlaß zum Himmel um Wiedererlangung, doch das Kreuz schien verloren. Nach geraumer Zeit erst verbreitete sich die Kunde, es befinde sich im Schottenkloster zu Wien. Abt Siegehard von Melk reiste sogleich hinab und verlangte entschlossen den Schatz seines Klosters zurück. Aber nicht nur die Schottenmönche und die Wiener Bürger, sondern selbst der damals herrschende Markgraf verweigerten ihm das heilige Kreuzstück, da es alle gerne in Wien gehabt hätten. Weil der Melker Abt nicht nachgab, wurden Schiedsrichter gewählt, welche sich dahin aussprachen, das; der strittige Schatz zwischen beide Aebte gestellt werden solle. Jener werde als rechtmäßiger Besitzer gellen, welchem sich das Kreuz ohne menschliche Hilfe nähern würde. Man verrichtete zunächst ein Gebet, dann wurde alles bereit gemacht und tatsächlich geschah das Wunder, daß jenes, von einer geheimen Kraft bewegt, sich gegen den Melker Abt wendete und sich sogar in seine Hand hineinschwang. Da also der Himmel durch die Wunderprobe gesprochen, vermeinte jener die Sache erledigt. Die Wiener erklärten aber, das Kreuz habe sich zu Abt Siegehard nur deshalb gewendet, weil er selbst so heilig und verdienstvoll sei. Es müsse ein anderes Los zeigen, ob es auch ins Kloster selbst hinauf wolle. Man vereinbarte nunmehr, das Kreuzstück mit seinem wertvollen Behälter soll auf ein Donauschifflein gegeben werden. Schwimmt dieses von selbst stromaufwärts, so ist Melk der Eigentümer, wird es aber hinabgetragen, dann müsse das Kreuz in Wien bleiben. Wieder geschah das Wunder: Trotz des Schwalles rann der Kahn ohne menschliches Zutun bis Nußdorf hinauf. Nun wagte niemand mehr, die Rechte der Melker streitig zu machen.

Unter großer Begleitung des Volkes wurde das Heilige Kreuz ins Donaustift zurückgebracht. Weit rings herum war dort alles voll Freude.

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Ein zweites Mal kam das Stift Melk im Jahre 1362 um seinen köstlichen Schatz in schwere Sorge. Damals ließ gerade Herzog Rudolf IV. für das heilige Erinnerungsstück an das Leiden Christi zu Wien als Behälter das neue herrliche Kreuz anfertigen, welches wir heute noch bewundern. Die Reliquie war unterdes in bloßem Papier in der Sakristei verwahrt. Zu dieser machte sich aber ein wohlgeschätzter und vertrauter Gast des Klosters, der reiche Bürger Otto Grimsinger von Emmersdorf, heimlich einen Schlüssel und entwendete am Abend des 10. November, während alle Mönche beim Chorgebete versammelt waren, sowohl das heilige Kreuzholz wie auch verschiedene Goldgefäße und eine Insel (Abl- oder Bischofsmütze). Von ihr schnitt er den wertvollen Zierat ab und warf das Uebrige in die vermeintliche Zelle des Priors. Mit seinem Raube eilte der Grimsinger zur Donau. In dem bereitgehaltenen Kahne kam er gegen Schönbühel, konnte aber auf einmal nicht von der Stelle. Er hätte donauabwärts fliehen wollen, war aber froh, mit aller Mühe wenigstens ans andere Ufer zu kommen. Die geraubten Schätze verbarg Grimsinger im eigenen Hause.

Indessen entdeckte der die Sakristei verwaltende Bruder Bernhard den ruchlosen Diebstahl. Große Bestürzung herrschte darob im ganzen Stifte und die Kunde hievon verbreitete sich weil herum. Im angesehenen Otto Grimsinger vermutete zwar niemand den Dieb. In seiner Gewissensangst glaubte dieser aber der Entdeckung zu entgehen, wenn er einen anderen verdächtige. Er ließ daher vom Emmersdorfer Schreiber Peter einen Brief schreiben, worin der Prior des Diebstahls beschuldigt wurde, denn in seiner Zelle sei die Infel zu finden. Dieses Schreiben warf Grimsinger selbst einem Klosterdiener durchs Fenster in die Stube und bat mit verstellter Stimme, es dem Abte zu übergeben. Das geschah und sogleich wurde auch des Priors Gemach durchsucht, hier fand sich gar nichts, wohl aber in einer Kammer in der Nähe, welche eben der Dieb für dessen Zelle gehalten, lag die Insel.

Zufällig schaute dann den Brief ein Diener des Emmersdorfer Zöllners, der ihn als von der Hand des Schreibers Peter hergestellt erkannte. Dieser wurde festgenommen und in das Gefängnis des Schlosses Weitenegg geworfen. Er bekannte sofort, daß ihn Grimsinger hiezu angestiftet und das; der den Diebstahl begangen.

Kaum hatte der Räuber von des Schreibers Gefangennahme gehört, so versteckte er das gestohlene Gut recht sorgfältig in seinem Hause, das Heilige Kreuz verwahrte er unter seinem Hemde und wanderte damit heimlich in finsterer Nacht gegen Böhmen zu, da er es dem Kaiser Karl in Prag übergeben wollte. Schon war Otto Grimsinger bis in die Kirche von Maria Laach gekommen, da fühlte er sich ganz entkräftet und von unsichtbarer Gewalt zurückgehalten. Dreimal versuchte er vergebens , den Weitermarsch. Nun warf er sich in bitterer Reue vor dem Altare nieder und weinte, hierauf gab er das Kreuzstück unter den Altarstein. Jetzt konnte er sich wohl wieder entfernen, aber aus dem Bezirke ließ ihn eine geheimnisvolle Macht doch nicht heraus. Weil der Zöllner von Emmersdorf und sein Bruder als des durch die Verdächtigung schwer gekränkten Priors Freunde nach ihm scharf ausspähten, konnte er sich nur ganz verborgen herumtreiben und bloß ab und zu in aller Heimlichkeit in seinem Hause Aufenthalt nehmen, wo seine Schwester wirtschaftete. Auch auf diese gab man genau acht. Eines Tages wurde beobachtet, das; sie viel mehr Fische eingekauft habe, als eine Frau allein essen könne: sofort vermutete man den Bruder zu Gast. Der Zöllner und sein Bruder umstellten mit mehreren Weitenegger Kriegsleuten das Haus, drangen ein und fanden den Grimsinger nach langem Suchen in der Scheuer unter Stroh in einer Grube. Zunächst wurde auch er nach Weitenegg ins Gefängnis gebracht und dort verhört. Er gab sein Verbrechen zu, nannte aber kein Versteck. Gefesselt wurde er wieder in sein Haus geführt, wo er alle Verstecke zeigte. Bloß das heilig Kreuzstück fand sich nicht, dessen Diebstahl er immer leugnete. Als ihm am nächsten Tage im Kerker die Folter angedroht wurde, bat er selbst, ihn nach Maria Lauch zu führen, hier ging der Grimsinger nur mit Hermann, dem Schreiber von Weitenegg in die Kirche, selbst von ihm unbemerkt, wutzte er das Verborgene in seine Haube zu bringen, da er durch dessen Wunderkraft noch immer Rettung für sich erhoffte. Hermann merkte dann doch, daß in die Haube etwas hineingekommen sei. Er zwang ihn, dieses auf den Altar zurückzulegen, und rief die übrigen in die Kirche. Darunter waren zwei Melker Mönche, welche sogleich das Kreuzstück erkannten und ehrerbietig übernahmen. Der Abt mit allen Mönchen sowie eine große Volkesmenge war ihnen bei der Rückkehr entgegengekommen. Sie übergaben ihm den geretteten Schatz, der am 6. Dezember in feierlichem Zuge unter dem Geläute aller Glocken an seinen alten Platz zurückgetragen wurde.

Otto Grimsinger mußte am 29. desselben Monats wegen Gottesraub auf dem Scheiterhaufen sein Leben enden, seinem Mithelfer, dem Schreiber Peter, schenkte man zwar die Freiheit, verwies ihn aber bei Todesstrafe aus der Heimat. Da er trotzdem wieder zurückkehrte und dabei erwischt wurde, mußte der Arme den Galgenlod erleiden.

Vom Melker Kreuze behauptet das Volk übrigens noch, es sei so wertvoll, daß man aus dem Erlöse das ganze Kloster mit so viel Fenstern. als das Jahr Tage hat, neu erstehen lassen könne.


Quelle: Sagen der Wachau, Hans Plöckinger, Krems a. D. 1926, Nr. 9, S. 15ff