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Die Nibelungen in der Wachau.

Wer einen festen Glauben hat, der glaubt auch an Zwerge, Riesen und sogar an heidnische Götter. Frau Sage hat diesen Glauben, und so berichtet sie:

In uralten Zeiten lebte ein Zwergkönig namens Nibelung, Sohn des Nebels und der Nacht, eben weil er mit seinem Zwergvolke in nächtlichen Nebelschlüften und unterirdischen Höhlen hauste. Er besaß einen Schatz oder Hort edlen Gesteines und roten Goldes, sechshundert Leiterwagen hätten ihn kaum von der Stelle gebracht, und ward der Hort von seinen Zwergen ständig gemehrt durch Schürfwerk, Glühen und Schmieden. Nibelungen hieß das Zwergvolk von seinem Herrn und König, und Nibelungen in der Folge alle Besitzer des Hortes, so der Held Siegfried, der den Schatz errang, und seine Recken, so Kriemhilde und ihre Diensten, so die Burgundenkönige Gunther, Gernot, Giselher und ihre Mannen.

Zweimal zogen Nibelungen die Donaustraße abwärts ins Heunenland ... einmal zu festlicher Hochzeit, einmal zum Tode, und also mag ein Teil des Donautales mit Recht Nibelungengau genannt werden.

Die Hoffnung, mit Rüdigers und König Etzels Hilfe an Hagen, dem Mörder Siegfrieds, Rache nehmen zu können, hatte Kriemhilden bewogen, dem Hunnenherrscher ihre Hand zu reichen, und so bewegte sich denn ein glänzender Zug vom Rheine gen die Donau und stromabwärts nach Wien, wo die Hochzeit stattfinden sollte.

In Passau schloß sich Bischof Pilgrim, Kriemhildens Oheim an, in Bechlarn ward der künftigen Hunnenkönigin überaus ehrender Empfang von Rüdigers Gattin Gotlinde, und bald erreichte man Medelike oder Melk, allwo die Wachau anhebt.

Sintemalen in Medelike keine längere Rast vorgesehen war, brachte man den Gästen den Willkomm- und Labetrunk in goldenen Gefäßen an die Straße, und Astold, Burgherr von Medelike und Etzels Lehensmann, des Weges durch die in jenen Zeiten unheimliche Wachau kundig, erbot sich zum Führer bis gen Mutaren oder Mautern, wo das Tal sich sonnig weitet und die Gefahr eines feindlichen Überfalles weniger zu fürchten war.

Noch gab's in jenen fernen Zeiten in der Wachau weder Städte noch Dörfer. Nur da und dort hatten ackerbauende Siedler den Urwald gelichtet, einsame Fischer zuckten mit Angel oder Netz das Wassergetier auf, Jäger und wilde Schacher schweiften durch den Tann, auch der Wanderer nicht schonend, die unbehutsam des Weges zogen. Da mochte ein gut Geleite wohl not tun.

Dessen ermangelte Kriemhilde wahrlich nicht. Voran ritt Astold als kluger Weiser mit fünfhundert wohlbewaffneten Mannen Rüdigers, sodann auf weißem Zelter mit güldener Schabracke Kriemhilde, ihr zur Rechten Bischof Pilgrim, zur Linken Rüdiger selbst. Ihnen folgten hundert schöne Maide, der Königin Hofstaat, nach Jugendart in munterem Geplauder Pläne schmiedend, so daß sich manche bereits als glückliche Braut oder gar Fraue eines hunnischen Fürsten oder Königs sah. Den Zug beschloß als Nachhut Markgraf Eckewart mit fünfhundert gewappneten Reisigen.

"Vielliebe Nistel", sprach da Bischof Pilgrim, "mich will schier bedünken, Ihr wollet den Bund mit Etzel nicht in allzu großer Liebe schließen; denn Euer Mund ist stumm, Euer Antlitz blaß und Euere Augen blicken versonnen ins wilde Wasser des brausenden Stromes, der sich durch dichtes Ufergebüsch und über ragende Klippen schäumend Bahn bricht. Eine glückliche Braut habe ich mir, weiß Gott, anders vorgestellt."

Kriemhilde, die wohl wußte, daß der Oheim als ein Priester ihre heimliche Rachegedanken schwer mißbilligen würde, erwiderte ausweichend:

"Zürnet mir nicht ob meiner Schweigsamkeit; denn ich bin in Sorge, ob ich recht tue, einen Heiden zu ehelichen. Wohl hat König Etzel vor langen Jahren die Taufe empfangen, ist aber seiner Völker wegen, deren nur wenige an Christum glauben, wieder Heide geworden."

Da lobte der Bischof seine Nistel ob ihrer frommen Gesinnung und vermeinte, ein gutes Weib vermöge gar viel über den Mann, und könne es mit Gottes gnädiger Beihilfe leicht sein, daß sie den König samt seinen Völkern dem wahren Glauben gewänne.

Dem pflichtete auch Rüdiger bei, äußerte sich aber dahin, es gäbe sodann allseits und auch in der Wachau für die Heidenbekehrer der Arbeit in Fülle; denn: "Wisset, vieledle Königin, in diesem Tale herrschen noch mächtig die alten Götter. Agez, der fürchterliche Stromgott, den sie an den nordischen Meeren Aegir nennen, schlägt zur Winterszeit die holde Isa, das Donauweibchen, in Fesseln; auf jenem hochragenden Felsen, der Aggstein geheißen, sitzt die Nixe Ran und lockt durch ihren Gesang die Schiffer ins Verderben; auf den Wogen tanzen ihre neun Töchter den verführerischen Reigen; einst trug hier der Riese Wate dem der Watstein heilig, seinen und Wachhildens Sohn Wieland über den Strom, auf daß er bei den Zwergen des Schwerterschmiedens kundig werde; über das Tal schüttelt Frau Holle ihr Bett, daß die Federn fliegen, und späht in den Gehöften nach den Spinnerinnen; im Gewittersturme braust Wuotans wild Gejagd durch ragende Schluchten; im Aggswald und im Schreckenwald stehen Opfersteine, nicht nur von Tierblut gerötet."

Entsetzt über soviel Heidentum in der Stromenge, bekreuzte sich der Bischof und murmelte das Gebet der Absage:

"Ich widersage dem Teufel und allem Teufelsopfer. Ich widersage allen Werken und Worten des Teufels. Ich widersage Donar und Wodan und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind ... Amen."

Unter solchen und ähnlichen Gesprächen gelangten die Reisenden ins lichte Mautern und nach etlichen Stunden in die Burg Treisenmauer, wo sich der Bischof von seiner Nistel mit vielen Segenswünschen und väterlichen Mahnungen verabschiedete, um wieder an seinen Sitz nach Passau zurückzukehren.

Dies war der erste Zug der Nibelungen oder der rechtlichen Herrin des Hortes durch die Wachau.

Der zweite Zug aber, der die Burgunden in den Tod führte, fand dreizehn Jahre später statt.

Mächtig herrschte Kriemhilde in der Etzelburg an des Hunnenkönigs Seite, wie eine Göttin geehrt und umjubelt von ihren Völkern, geliebt von ihrem königlichen Gatten, nach Jahren Mutter eines Knaben namens Ortlieb, der einst die Königskrone sollte tragen. Doch weder die Huldigung der Hunnen, noch ihres Gemahls zarte Fürsorge, noch des unschuldigen Kindes Lallen vermochte das Herz Kriemhildens, das seit dem grausamen Tode ihres Siegfried zu Eis erstarrt war, zu erwärmen. Immer lag sie dem König an, er möge doch ihre Brüder nebst deren Mannen an seinen Hof laden, bis Etzel, der die trügerische Absicht nicht durchschaute, die Spielleute Swemmel und Werbe! nach Worms entsandte.

Gegen Hagens Rat folgten die königlichen Brüder der heimtückischen Ladung. Mit mehr als tausend Rittern und neuntausend Knechten machten sich die Nibelungen auf die Fahrt. Ein letzter Lichtblick ward ihnen in Bechlarn, allwo sie volle sieben Tage der erquickenden Rast pflegten. Auf weitem Plane wurden Hütten und Zelte aufgeschlagen, und was immer die wegmüden Recken an guter Speise und erfrischenden Trankes bedurften, das ward ihnen in unerschöpflicher Fülle aus des milden Markgrafen Küche und Keller. Die Könige aber wurden in der Burg selbst wahrhaft fürstlich bewirtet. Sie erlusteten sich auf dem gen die Donau erbauten Söller, pflegten im weiten Saale des köstlichen Mahles und lauschten dem Liede Volkers, des meisterlichen Sängers. So reihte sich Fest an Fest; den Abschluß aber bildete im Kreise der Mannen die feierliche Verlobung Giselhers mit des Burgherrn liebreizender Tochter Dietlinde. So schied man mit Heilwünschen und der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen. Nach der Rückkehr sollte die Hochzeit stattfinden und Giselher sein junges Weib nach Burgundenland geleiten ... Frau Saelde, die Glücksgöttin, schien goldene Zukunft zu verheißen.

Aber bald deckten dunkle Wolken den Himmel, Blitze zuckten herab, gar ungastlich war der Empfang an König Etzels Hof. Nicht lange, so ertönte statt herzerhebenden Sanges Schwerterklang, prasselte brennendes Feuer, den Gästen ward bittere Not und weher Tod ... kein Nibelunge sah je die Heimat am Rheine wieder.

Quelle: Wachausagen, Erzählt und allen Freunden der goldenen Wachau gewidmet von Josef Wichner. Krems an der Donau. [1920]. S. 7 - 12.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Lisa Lemberg, Jänner 2005.