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RICHARD LÖWENHERZ UND DER SÄNGER BLONDEL

Herzog Leopold der Tugendhafte hatte sich bei der Erstürmung der Feste Akkon am 12. Juli 1191 ganz besonders hervorgetan, ja als erster das österreichische Banner auf dem Wall wehen lassen. Das erzürnte den englischen König Löwenherz dermaßen, daß er das Banner umstoßen und durch den Schmutz schleifen ließ.

Solche Entehrung konnte sich der Herzog nicht bieten lassen, also ließ er dem König, da dieser auf dem Landweg verkleidet seiner Heimat zustrebte, auflauern und ihn im Rüdenhause zu Erdberg festnehmen, übergab ihn auch seinem getreuen Ministerialen Hadmar II. auf Dürnstein in ritterliche Haft, bis er seinen hochfahrenden Frevel durch ein Lösegeld gesühnt hätte.

Dürnstein und Burg Dürnstein

Dürnstein a. d. Donau
"Stadt mit 500 Einwohner. Berühmt durch seine wundervolle Lage und seine historischen Baudenkmäler.
König Richard Löwenherz von England war Gefangener auf Burg Dürnstein 1193"
Ansichtskarte ca. 1920, Bildarchiv SAGEN.at

Indessen harrten des Königs Getreue in England vergebens seiner Rückkehr; doch nicht er kam, sondern nur die üble Kunde, er werde irgendwo in Deutschland oder Österreich in Haft gehalten, dieweil er den Herzog schwer beleidigt habe und auch Kaiser Heinrich VI. ihm gram sei. Da machte sich des Königs Minstrel und Sänger Blondel auf, den Ort seiner Haft zu erkunden und den geliebten Herrn zu befreien. Er zog mit seinem Saitenspiel von Burg zu Burg, schlich in dunkler Nacht vor die vergitterten Luken der Verliese und stimmte des Königs Lieblingslied an, das beide in glücklicheren Zeiten so oft miteinander gesungen hatten. Immer und immer wieder zog er enttäuscht, da das erwartete Echo aus Kerkermauern ausblieb, weiter und kam so auch vor die Bergfeste Dürnstein. Da . . . horch! . . . kaum hatte er die Laute in rührenden Akkorden ertönen lassen und des Liedes erste Verse wehmutsvoll in die Nacht hinausgesungen, da setzte eine geheimnisvolle und doch so bekannte Stimme das Lied fort . . . der König war gefunden und bald wurde er mit Englands gutem Gelde der Haft ledig.


Quelle: Josef Wichner, Wachausagen, Krems a. d. Donau 1916