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Die Sage vom Scharfreuter

Vor vielen, vielen Jahren lebte in dem einsamen und wilden Tal der Riß ein uraltes Keltengeschlecht. Einer der Urahnen dieses Geschlechts war, der römischen Knechtschaft überdrüssig, aus seiner Heimat ausgezogen und hatte sich die wilde Bergeinsamkeit ausgesucht, um frei zu sein. Hier war er der unbestrittene König eines reichen Gebietes, das er vor Eindringlingen zu schützen wußte. Für sein Vieh gab es Futter genug und Wild in ungezählter Menge.

Die Jagd auf Hochwild und Bären war seine größte Freude. Er nahm sich dazu Knechte, die die wenigen Zugänge zum Tal bewachten und niemanden einlassen durften. Im Lauf der Zeit verwilderten seine Nachkommen immer mehr und das Tal war bald mehr und mehr gefürchtet und gemieden. So kamen nur noch Vogelfreie und Flüchtlinge ins Tal, die dort Knechtsdienste leisten mußten.

Als nun die ersten Christen im Lande den Mönchen von dem schönen Tal und den verwilderten Menschen erzählten, faßte einer der Mönche den Plan, die Familie zum Christentum zu bekehren und so den Zugang zum Tal zu ermöglichen. Er scheute nicht die unsäglichen Gefahren und gelangte endlich in die Behausung der Herren des Tales. Deren Ältester und eigentlicher Herr war ein rauher Geselle namens Bluthardt. Dieser ließ den Mönch gefangen setzen und ihn Frondienste leisten. Den Glauben des Mönches machte er lächerlich und quälte den Armen bis zum Äußersten.

Der Mönch aber ließ sich nicht beirren und flehte Gott um Hilfe an. Er tat ein Gelübde, falls er die Freiheit wieder erlange, nicht ins friedliche Land zurückzukehren, ehe er nicht die Sippe im Rißtal zum Christentum bekehrt habe. Nach fünf Jahren qualvoller Dienste und bitterer Verhöhnung gelang dem Mönch die Flucht. Er suchte sich auf einem nahen Berg eine Höhle und bat Gott, er möge ihm helfen, sein begonnenes Werk zu Ende zu bringen.

Bluthardts Knechte fanden aber bald den Unterschlupf des Mönches und Bluthardt nahm sich vor, den Mönch in der Höhle verhungern zu lassen. Er ließ die Höhle von zehn Knechten umstellen und jedesmal, wenn der Mönch versuchte, um Wasser und Nahrung zu gehen, war er von Pfeilen umschwirrt und mußte wieder in seine Höhle flüchten. Die Knechte aber höhnten und gröhlten vor Freude, wenn das Mönchlein unverrichteter Dinge umkehren mußte.

Als aber der Mönch nach Wochen noch nicht verhungert war, verlor Bluthardt die Geduld, da er seine Knechte für wichtige Räuberdienste brauchte und beschloß, den Mönch in dessen Höhle aufzustöbern, an den Schwanz seines Pferdes zu binden und solang im Galopp über den Grat des Berges zu schleifen, bis nichts mehr von dem "Narren", wie er ihn hieß, übrig wäre. Bluthardts Brüder verlachten diesen Gedanken und meinten, man könne überhaupt nicht über den Grat reiten und den Mönch könnten auch die Knechte erschlagen, das sei viel einfacher. Bluthardt aber ließ sich nicht abbringen und ritt auf den Berg, um den Mönch aus der Höhle zu holen. Als er aber über den Grat, der damals noch in gleichmäßiger Linie verlief, ritt, kam ein heftiges Gewitter mit riesigen Hagelkörnern. Blitz auf Blitz schlug nieder und ehe sich's Bluthardt versah, konnte sein Pferd weder vorwärts noch rückwärts und noch kamen immer neue Hagelstürze, die Reiter und Roß begruben. Ein Blitz aber erschlug Bluthardt, daß sein Haupt vor die Höhle des Mönches hinunterrollte.

Am anderen Morgen schien die Sonne hell und warm und bald waren Schnee und Hagel geschmolzen. Von Reiter und Roß sah man aber nichts mehr; sie waren zu Fels erstarrt. Die Knechte eilten ins Tal und erzählten Bluthardts Brüdern das Unheil und alle fürchteten nun die Strafe Gottes, dessen Gericht sie erkannten.

Der Mönch hielt nun seine Zeit für gekommen, ging in die Behausung der Sippe und bekehrte Bluthardts Brüder. Diese ließen ein Kloster bauen und jeder ging in die Einsamkeit; nie mehr hat jemals einer vom anderen etwas gesehen und gehört.

Die Reste des Klosters aber stehen noch heute.

Quelle: Sagen aus dem Isarwinkel, Willibald Schmidt, Bad Tölz, 1936, 1979;