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Woher der Geigerstein seinen Namen hat

Vor Zeiten lebte am Geigerstein ein frommer Einsiedler. In einer Höhle hatte er sich aus Rinden und Moos sein einfaches Lager gerichtet, in der Nähe floß ein frischer Brunn, im Walde suchte er sich Beeren und das wenige, was er sonst noch zum Leben brauchte, trugen ihm die Bauern aus dem Tal herauf. Sie klagten ihm dann ihre Sorgen in Haus und Stall und er tröstete sie und half Menschen und Tieren, wo er konnte.

So oft er Zeit hatte, besonders nach dem Abendglöckel, wenn die Sonne über die Wand gegangen war und die Bergwälder anfingen einzufinstern, spielte er gar schön auf seiner Geige. Dann kamen die Vögel angeflogen, die Hasen hoppelten bis an den Eingang der Klause, die Rehe standen unter den Tannen und alle hörten andächtig zu. Einmal aber kam aus dem Gebirge ein großmächtiger Adler, packte den alten Mann an und kratzte ihm die Augen aus. Daran starb der gute Einsiedel.

Seitdem heißt der Berg Geier- oder Geigerstein.

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Vor vielen, vielen Jahren lebte in Lenggries eine arme Witwe. Die hatte einen einzigen Sohn, der nichts anderes als Geiger werden wollte. Weil sie es ihm nicht ausreden konnte, gab sie am Ende nach und ließ ihm seinen Willen. Der Bub ging auf die Wanderschaft und wurde ein berühmter Geigenspieler.

Als er aus Italien wieder heimkehrte in den Isarwinkel, stieg er auf den Berg hinterm Dorf und spielte von einer hohen Felswand ein Lied hinunter in sein Heimatdorf! und zu seiner alten Mutter. Da packte ihn ein Windstoß und stürzte ihn über die Wand hinab. Einige Tage später fanden Bauern den zerschmetterten Körper und neben ihm lag die Geige.

Seitdem wird dieser Berg der Geigerstein genannt.

Quelle: Sagen aus dem Isarwinkel, Willibald Schmidt, Bad Tölz, 1936, 1979;