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167. Das Wilde Heer in der Sennhütte.

In einer Staufener Alpe hatten die Sennen im Herbste beim Abzuge absichtlich eine Kuh zurückgelassen, um dann den Untersennen, den sie nicht leiden mochten, schikanieren und ihn unter dem Vorwande, die Kuh wäre übersehen worden, zurückschicken zu können, daß er sie hole. Auch wußten sie wohl, daß es nach dem Viehabgange in der Hütte nie mehr ganz geheuer war, und daß dann gewöhnlich das Wilde Heer da sein Wesen treibe. Sie richteten es nun beim Zurückschicken des Untersennen so ein, daß derselbe unbedingt in die Nacht geraten mußte. Wirklich verspätete sich dieser so, daß er sich genötigt sah, auf die Nacht mit seiner Kuh die Hütte aufzusuchen, um dann frühmorgens mit ihr zu Tal zu ziehen. Er legte sich auf die Bugrate (Schlafstelle) zur Ruhe, als um zehn Uhr allerlei unheimliches Volk zur Hütte hereinkam, nachdem er lange vorher schon von weitem wildes Schellen, Toben und "schreckliches Wirtschaften" vernommen hatte. Sie brachten Brenten und Stoßen und allerlei Hüttengerätschaften herein, auch einen Kessel und taten, als wollten sie käsen. Sie machten auch ein Feuer an, holten nun die Kuh vom Stall herein und fingen an, sie zu schlachten. Sie zogen ihr die Haut aus, zerteilten das Fleisch, setzten es im Sennkessel über, und dann begann ein reichlicher Schmaus, wobei sie "auf Mord und Brand" aßen. Wie sie nun so beim Gelage beisammen saßen, sagte mit einemmal einer von ihnen: "Ich schmecke einen Notnagel." "Ich auch," erwiderte ein zweiter, und ein dritter rief: "Ja dann holt ihn her!" Da holten sie den Sennen von seiner Lagerstätte herab, und nun mußte er mitessen. Sie setzten ihm ein reichliches Stück Fleisch vor, das ihm ganz vorzüglich schmeckte. Dann begannen sie Musik zu machen, daß er nie in seinem Leben eine so schöne gehört hatte. Als sie sahen, wie sehr das dem Notnagel wohlgefalle, fragten sie ihn, ob er nicht auch mitmusizieren wolle, und als er sagte, er könne es nicht, gaben sie ihm ein Instrument und meinten, er solle es nur einmal probieren. Das tat er, und siehe, da klang es akurat so schön wie bei den andern und stimmte alles herrlich zusammen. Dann gaben sie ihm ein anderes Instrument, und auch das konnte er ohne Mühe handhaben und prächtig mitspielen.

Endlich ward er wieder auf seine Burgrate (sic!) zum Schlafen geschickt, indes das Volk alles zusammenpackte und dann abzog. Wie nun der Senn am Morgen aufstand, war alles in der Hütte im althergebrachten Stand, und auch die Kuh stand im Stalle wie sonst; aber am Hinterschenkel war ihr ein Stück Fleisch herausgeschnitten, genau von der Gestalt wie jenes, das ihm Nachts vorgesetzt worden war, und das er gegessen hatte. Über das Loch aber war die Haut gezogen. Er marschierte nun mit der Kuh ab und zu Tal; aber als er daheim ankam, machte man ihm Vorwürfe, warum er nicht noch am Abende gekommen sei. Da erzählte er nun seine nächtlichen Erlebnisse, und was er gesehen hatte, und als man ihm nicht glauben wollte, ließ er sich zwei Instrumente holen, wie er sie in der Nacht zu spielen gelernt hatte, und konnte nun prächtig vorspielen und blasen. Da hätte nun der Obersenn auch gern auf solch mühelose Weise "das Musizieren" gelernt und ging daher zu diesem Zwecke in der folgenden Nacht ebenfalls zur Hütte. Aber am anderen Tage kehrte er nicht wieder, und als man endlich in der Hütte nachsah um ihn zu suchen, fand man nur Kleiderfetzen und Knochen von ihm umherliegen. Er war eben kein "Notnagel", d. h. er ist nicht unabsichtlich und ohne seine Schuld in die Hände des nächtlichen Volkes und Wilden Heeres geraten, und daher ist ihm auch so gegangen.

Quelle: Allgäuer Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München 1914, Nr. 167, S. 174 - 176.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, März 2005.