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37. Rappenschaichen.

Wenn man auf der Straße von Kempten nach Memmingen das Dorf Hirschdorf hinter sich hat, sieht man etwa eine Viertelstunde unterhalb dieses Dorfes links neben der Straße am nahen Waldsaume die Ruinen einer zerfallenen Burg, über welche junge Birken und Tannen emporragen. Daneben steht ein Weiler, von mehreren zerstreuten Häusern gebildet, welcher bis auf den heutigen Tag den Namen von dieser Burg "Rappenschaichen" trägt. Hier hauste in alten Zeiten ein gar ungebärdiger Ritter, der Schrecken der ganzen Gegend. Zogen die Ulmer Kaufleute mit ihren Waren aus Welschland des Weges fürbaß, da lauerte Kuno mit seinen wilden Gesellen im Gehölze, plünderte die Reisigen oder ließ sich das Weiterziehen mit blankem Gelde bezahlen. Seine Grundholden bedrückte er auf alle Weise; kam ein Bettler an die Schloßpforte, so hetzte er seine zottigen Rüden nach ihm und sah mit Hohngelächter zu, wenn sie ihn recht übel zurichteten. Das unrecht aufgehäufte Gut ward dann in schwelgerischen Gelagen verschwendet, wobei die geraubten Weinfässer, wenn sie ihres feurigen Inhaltes entleert waren, unter dem Gejauchze der Zechenden in den Burggraben hinabgerollt wurden. So trieb er das wilde Raubhandwerk viele Jahre, fragte nichts nach Gott und nach den Menschen, und so kühne Abenteuer er auch unternahm, immer kehrte er siegreich von jedem Strauße heim, so daß es allum hieß: Ritter Kuno hat seine Seele dem Teufel verschrieben, drum richtet keiner etwas mit ihm aus! - Plötzlich stirbt er um die Mitternachtsstunde, von einem blutigen Raube heimgekehrt. Seine Gesellen tragen den Leichnam in das oberste Gemach, von dessen Söller Kuno auf die an der nahen Straße Vorüberziehenden Spähe zu halten pflegte. Indes sie im Erdgeschoß über den Teilung der angehäuften Schätze hadern und lärmen, erschallt plötzlich um die Zinne der Burg ein kreischendes Gekrächze einer Schar Raben, welche bald durch die geöffneten Fenster in das Totengemach hineinfliegen und mit wütendem Geschrei das Antlitz des Verstorbenen zerfleischen.

Die Totenwächter vermochten sie erst zu verscheuchen, als von dem vollstrotzenden Gesichte nur mehr die nackten Knochen aus dem Leichentuche hervorgrinsten. Die Zechenden im Hofe ergriff kalter Graus; sie ahnten Gottes Strafgericht, verteilten die geraubten Güter unter die Armen oder vergabten sie an Kirchen und überlieferten das Raubnest den Flammen, welche es bis auf das Erdgeschoß verzehrten, das noch heute in seinen Trümmern die Erinnerung an diese Sage aufbewahrt in seinem Namen Rappenschaichen.

Quelle: Allgäuer Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München 1914, Nr. 37, S. 46 - 47.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, Februar 2005.