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Die drei seltenen Stücke (ll tre pezzi rari)

Einmal war ein armer Knabe, der ging von Hause fort in die Welt um sein Brot zu verdienen. Als er bei heissem Sonnenscheine seines Weges ging, sah er neben der Strasse drei Feen, welche schliefen. "Die armen Frauen", sagte der Knabe zu sich selbst, "sie liegen da an der Sonne und haben keinen Schatten!" Und er schnitt belaubte Weidenzweige ab und machte ein Dach über die Feen, so dass sie Schatten hatten. Als sie erwachten, waren sie verwundert und sagten: "Ei, wer hat uns dieses schattige Häuschen gebaut?" Da trat der Knabe herbei und sagte, er sei es gewesen und als ihn die Feen wieder fragten, wer er sei, so antwortete er, er sei ein armer Knabe, welcher einen Dienst suche. "Willst du nicht bei uns bleiben und uns dienen?" fragten sie. Der Knabe willigte fröhlich ein, ging mit den Feen und diente ihnen treu und fleissig.

Als ein Jahr um war, sagte er zu den Feen, er wolle nun wieder zu seiner Mutter nach Hause gehen. "Ganz recht", erwiederten sie; "da wir aber kein Geld haben, dich zu bezahlen, nimm dir den Esel dort. So oft du zu ihm sagst: Arri, sch . . . Geld! — wirst du Geld haben, so viel du willst."

Fröhlich führte der Knabe den Esel fort. Aber es wurde Nacht, bevor er nach Hause kam und er musste in einem Wirthshause übernachten. Bevor er schlafen ging, sagte er zum Wirth: "Gebt wol Acht, dass Ihr zu meinem Esel, der im Stalle unten steht, nicht sagt: Arri, sch . . . Geld!" "Nein, nein", erwiederte der Wirth, "das werd' ich nicht sagen." Aber in der Nacht ging er in den Stall hinab zum Esel und sagte jene Worte; da bekam er Dukaten, Thaler [Taler] und alle Sorten von Geld. "Solch ein Thier [Tier] kann ich just brauchen!" sagte der Wirth, führte den Esel in einen andern Stall und stellte dafür einen andern ganz ähnlichen hin.

Am Morgen machte sich der Knabe mit dem ausgewechselten Esel wieder auf den Weg. Als er nach Hause kam, erzählte er der Mutter freudig, welch' ein Wunderthier er gebracht habe, aber diese wollte es nicht glauben. "Ja, Mutter, so ist's", lief er, "breite nur heute nachts ein reines weisses Leintuch unter und morgen früh da wirst du Augen machen!" Die Mutter that es. Als sie am Morgen in den Stall gingen und das schöne Linnen von Mist beschmutzt fanden, war der Knabe ganz verblüfft; die Mutter aber griff nach einem Stocke und jagte ihn unter Schlägen aus dem Hause.

Der arme Knabe ging wieder zu den drei Feen und diente ihnen abermals ein Jahr. Als dieses abgelaufen war, bat er um die Erlaubniss nach Hause gehen zu dürfen.  Die Feen gaben ihm dieselbe und sagten: "Da wir kein Geld haben dich zu bezahlen, so nimm dieses Tischtuch hier; wenn du es ausbreitest und sagst: Tischtuch, deck' auf! — so werden alle Speisen und Getränke darauf kommen, die du dir wünschest!" Der Knabe nahm das Tischtuch und ging, aber er musste in demselben Wirthshause übernachten und sagte zum Wirthe [Wirte]: "Gebet mir nur zu schlafen, denn für Essen und Trinken werd' ich schon selbst sorgen," Dann deckte er sich ein Tischchen mit seinem Tischtuche und sagte: "Tischtuch, deck' auf!" Und im Nu standen prächtige Speisen und Getränke darauf. Aber der Wirth hatte es gesehen und als der Knabe schlief, stahl er ihm das Tischtuch und legte ihm ein anderes ganz ähnliches hin. Am folgenden Tage ging der Knabe nach Hause und bat dort die Mutter, sie möge alle Verwandte und Bekannte einladen.   Als diese gekommen waren, deckte er einen Tisch mit dem Tischtuche und sagte: "Tischtuch, deck'auf!" Aber es kam nichts und der Knabe wurde wieder mit Spott und Schlägen von Hause fortgejagt.

Er kehrte wieder zu den Feen zurück und diente ihnen abermals ein Jahr und nach Ablauf desselben gaben ihm die Feen einen Stock und sprachen: "Wenn du zum Stocke sagst: Stock, rühr' dich! so prügelt er alle, die du willst, bis du ihm befiehlst einzuhalten." Der Knabe ging und kehrte in demselben Wirthshause ein.   Bevor er schlafen ging, erzählte er dem Wirthe, er habe da einen Stock und wenn man zu ihm sage: "Stock, rühr' dich!"— so geschehen unglaubliche Wunderdinge.  Als der Knabe schlief, stahl ihm der Wirth den Stock und meinte, es müsse etwas ganz wunderbares dahinter stecken. Sogleich machte er einen Versuch und sagte: »Stock, rühr' dich!" Da fing der Stock an, so auf den Wirth loszuprügeln, dass er jämmerlich schrie und alle Leute im Hause wach wurden und herbeiliefen. Auch der Knabe kam und sagte: "Her mit meinem Esel und meinem Tischtuche, sonst lass' ich dich in Einem fort prügeln!" Der Wirth versprach es und der Knabe sagte: "Stock, hör' auf!" Da war der Stock wieder ruhig;  der Wirth aber gab dem Knaben geschwinde den Esel und das Tischtuch wieder, denn er fürchtete sich vor neuen Schlägen und hatte an den bereits erhaltenen für lange Zeit genug.

Nun ging der Knabe mit dem Esel, dem Tischtuche und dem Stocke nach Hause. Als er heim kam, rief die Mutter: "Was will der dumme Junge schon wieder?" Zugleich rief sie den ältern Bruder, damit er den Angekommenen fortjage; aber als dieser kam, rief der Knabe: "Stock, rühr' dich!" Und der Stock prügelte auf den ältern Bruder los, dass es eine Freude war und derselbe jämmerlich zu schreien anfing. Sogleich befahl der Knabe dem Stocke wieder einzuhalten. Da wurde die Mutter wieder freundlicher und sagte: "Aber was hilft uns der Stock, wenn wir kein Geld und nichts zu essen haben?" "Gemach, Mutter", erwiederte der Knabe und wandte sich zum Esel und sprach: "Arri, sch  . . . Geld!" Da klingelten und rollten auf dem Boden die Thaler und Dukaten, dass es eine Freude war. Dann führten sie den Esel in den Stall und gingen in die Stube; dort breitete der Knabe das Tischtuch auf den Tisch und sagte.: "Tischtuch, deck' auf!" Und im Augenblicke standen Speisen und Getränke aller Art auf dem Tisch und sie hielten eine fröhliche Mahlzeit. So thaten sie noch gar oft und wenn der Esel inzwischen nicht gestorben und das Tischtuch nicht zerrissen und der Stock nicht zerbrochen ist, so müssen die drei seltenen Stücke ihre Wunderkraft noch bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. —

Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. 15, Seite 28
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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