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Wie einer fünf Mal ist umgebracht worden (L'uomo, ehe venne ucciso  cinque volte)

Es war einmal ein Mann und ein Weib, die mochten sich wol einmal recht lieb gehabt haben, nämlich, als sie sich heirateten; aber die schöne Zeit war längst vorbei und es war alles anders gekommen, als sie sich anfänglich gedacht hatten. Der Mann war faul und mochte nicht arbeiten, das Weib aber war dumm und eigensinnig und hatte insgeheim sogar einen andern Liebhaber. Sie hätte denselben gern recht oft bewirthet, aber der Mann war ihr im Wege und ging selten aus dem Hause. Daher dachte sie sich oft: "Ei, wenn du nur blind wärest!"

Einmal sagte das Weib: "Heut geh' ich beichten." "Ja, geh nur", erwiederte der Mann, "aber geh hinab zum Bache, dort in der alten hohlen Eiche sizt Einer, der ist gerade der rechte für dich!" "Ei, was schwätzest du für dummes Zeug", sagte sie, "wie soll denn in jener Eiche ein Beichtvater sitzen?" "Du wirst es schon sehen", sagte er, "das ist ein kluger welterfahrener Mann, der gar viel von allerlei geheimen Künsten versteht; ich bin auch schon dort gewesen. Geh nur heute gegen Abend hinab und du wirst Wunder sehen."

Gegen Abend warf der Mann heimlich ein Hemd über, schlich zum Bache hinab und sezte sich in die Eiche. Das dumme Weib hatte sich die Worte ihres Mannes von dem Beichtvater, der sich auf geheime Künste verstehe, nicht aus dem Sinne kommen lassen; sie ging also zur Eiche hinab und beichtete durch ein ausgebrochenes Astloch in den Baum hinein. Und der Beichtvater sass wirklich darin und hörte ihr aufmerksam zu. Endlich sagte sie auch, sie möchte ihren Mann gern blind machenund fragte, wie sie das anstellen müsse. Da erwiederte der Beichtvater: "Liebe Frau, da gibt es kein besseres Mittel als Hühnerfleisch; habt Ihr Hühner zu Hause?" "Freilich habe ich deren recht viele und einen schönen fetten Hahn dazu", sagte sie. "Wolan", fuhr er fort, "dann kocht Eurem Manne alle Tage ein Huhn und zulezt auch den Hahn, so wird er unfehlbar erblinden." Sie dankte und ging heim; der Mann aber eilte ihr auf einem andern Wege voraus und erwartete sie schon an der Hausthüre, "Nun, wie hat dir heute der Beichtvater gefallen?" fragte er sie. "Recht gut", erwiederte sie, "das ist ein grundgescheidter Mann; er hat mir auch befohlen, ich solle dich mehr ehren und dir besser zu essen geben. Warte nur, gleich morgen schon will ich dir ein fettes Huhn braten."

Nun kam alle Tage ein Huhn auf den Tisch; der Mann ass und wurde fett, jedoch beklagte er sich, dass er immer weniger sehe. Als er aber den Hahn auch gegessen hatte, jammerte er, er sei stockblind und sehe gar nichts mehr. Das war dem dummen Weibe ganz recht und sie bestellte ihren Liebhaber gleich auf den folgenden Tag. "Zieh' dir aber das Gewand eines Geistlichen an", sagte sie, "dass die Leute meinen, du seiest der Kurat und nicht gleich übel reden."

Der Liebhaber kam und fand den armen Blinden auf der Ofenbank, redete aber nicht laut, um sich nicht zu verrathen. Während das Weib kochen ging, streckte er sich auf das Canape und schlummerte mit geöffnetem Munde ein. Da tappte der Mann wie ein Blinder in die Küche hinaus und als das Weib auf einen Augenblick in die Speisekammer ging, ergriff er rasch eine Pfanne mit dem feuerflüssigen Schmalze, lief in die Stube und goss es dem schlafenden Liebhaber in den Mund. Dieser schrie furchtbar auf, taumelte noch einige Schritte vorwärts und fiel todt zu Boden. Da lief das Weib herein und wollte Länn schlagen. "0 weh, nun hast du den Kuraten verbrannt!" schrie sie. Der Mann aber hielt ihr die Faust unter die Nase und rief: "Willst du schweigen, dumme Gans, oder ich schlage dich auch todt?" Da sah sie, dass er nicht blind sei, warf sich auf die Kniee und bat um Verzeihung. Er verzieh ihr, aber unter der Bedingung, dass sie schweige. Nun hob er den Todten auf, trug ihn in den Stall und band ihn aufrecht mit aufgeseztem Hute auf den Esel; dann jagte er, als es Niemand sehen konnte, den Esel mit dem todten Reiter auf die Strasse hinaus.

Der Esel trabte auf das Feld hinaus und that sich bald in einem Haidekornacker gütlich. Der Eigenthümer sah es von seinem Fenster aus und schrie: "Herr Kurat, reitet doch mit dem Esel aus meinem Acker hinaus!" Und als der vermeintliche Kurat nicht hinausritt, ergriff der jähzornige Mann ein Gewehr, stellte sich vor die Thüre, legte an und schoss dem Kuraten die Kugel gerade durch die Brust. Da sprang er voll Reue sogleich in sein Haus zurück, sperrte es zu und jammerte: "0 weh, o weh, ich habe den Kuraten erschossen!"

Der Esel aber, durch den Schuss erschreckt, lief mit seiner Bürde weiter gerade auf den Kirchplatz zu. Dort hatte ein Mann viele Geschirre zum Verkaufe ausgestellt, der Esel trabte mitten hinein und und zerschlug viele davon mit seinen Hufen. Da rief der Mann: "Ei, Herr Kurat, was treibt ihr denn?" Und im Zorne hob er einen grossen Kieselstein auf, warf und traf den vermeintlichen Kuraten gerade an den Kopf. Aber sogleich jammerte er: "0 weh, o weh, ich habe den Kuraten todt geworfen!" Dann fing er den Esel, hob den Todten [Toten] herab und lehnte ihn von innen au die Kirchthüre [Kirchentüre]. Niemand aber hatte es gesehen.

Spät abends ging der Messner zum Betläuten. Als er die Thüre aufmachen wollte, merkte er, dass Jemand dahinter stehe. "Warf nur, du Flegel!" dachte er sich und stiess die Thüre mit grosser Wuth auf. Da fiel der Todte auf den Boden und der Messner rief: "0 weh, o weh, nun hab’ ich den Kuraten todt gestossen!" Er trug ihn in die Sakristei, legte ihm ein Chorhemd an und stellte ihn an den Altar.

In aller Frühe kamen Leute und auch einige Knaben, die liefen zum Altare und wollten zur Messe dienen. Als sie aber einige Zeit gewartet hatten, meinten sie, der Kurat schlafe und zogen ihn von rückwärts, um ihn zu wecken. Da fiel der Todte polternd über die Stufen herab. "0 weh, o weh, nun haben wir den Kuraten zu Tode gezogen!" jammerten die Knaben und liefen davon.

Das ist die merkwürdige Geschichte von Einem, der fünf Mal ist umgebracht worden. —

Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. 58, Seite 168
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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