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Sage
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch
des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1935/1936
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Verhältnis
zu Märchen und Geschichte |
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Nach Begriff und Sprachgebrauch ist Sage eine
Erzählung mit einem starken Einschlag von sonderbaren und über
die sinnliche Wirklichkeit hinausweisenden Begebenheiten, die jedoch
in der Regel ihren Geschehensboden und unmittelbaren Ansatzpunkt
in der nahe liegenden Lebenswirklichkeit oder in der Geschichte
haben. Die Sage haftet daher mit ihren Motiven an bestimmter Örtlichkeit,
meist in der Nähe ihrer Entstehung spielt in bestimmter Zeit
und hat zu Handlungsträgern meistens bestimmte Personen, und
sie verfolgt nicht nur einen unterhaltenden Zweck, sondern den,
zu belehren, mahnen, warnen oder zu erklären. Durch alles dies
unterscheidet sich die Sage vom Märchen. Freilich ist die Charakteristik
der Sage schwieriger als die des Märchens (S. d.). Schon wegen
der Mannigfaltigkeit der Arten von Sage innerhalb desselben Volkes
bietet die Sage ein verwickelteres Problem dar. War man früher
durch Beachtung einiger Motive dazu geführt worden, in der
Sage offenbare sich am klarsten und tiefsten ein Sinnen und Sehnen
des bestimmten einzelnen Volks, so sieht man heute, daß die
verschiedenen in einer Sage zusammenlaufenden Motive gar keinen
spezifischen Volkscharakter aufzeigen müssen und nur zum Teil
aus ihm hergeleitet werden können. Man hat auch zu erwägen,
daß viele Sagen nicht alt sind; heute gilt als Irrtum die
Ansicht v. Hahn's 1), spätere
Geschlechter hätten bloß Sagenüberlieferungen aus
grauer Vorzeit übernommen. Sie ist indessen auch nicht bloße
Darbietung von Kuriositäten, wofür man sie Anfang des
i9. Jh. hielt; sondern sie zeigt den lebensvollen Ausdruck von volkstümlicher
Auffassung und Meisterung von Geschehnissen und Begebnissen überhaupt.
Das zu erkennen war möglich, seit die eigenartige Sagenliteratur
Islands und Norwegens bekannt geworden ist und die Brüder Grimm
die 2 Bände Deutsche Sagen (1816. 28) herausgegeben haben.
Von da an erblühte jene Sammler- und Forschertätigkeit
in bezug auf die Sagen, die erlaubte, die unterscheidenden Merkmale
der Sage gegenüber dem Märchen ins Auge zu fassen 2).
Ist Sage dem Wortsinn nach zunächst (ähnlich wie Märchen)
eine auf mündlichem Wege weitergeleitete Kunde von etwas Vorgefallenem,
so ist doch nicht jeder Bericht, jede Kunde, auch falls in fortgesetzten
Überlieferungsstrom gebracht, Sage, sondern nur dann, wenn
die Wiedergabe der (geschehenen oder erfundenen) Tatsache mittels
der volkstümlichen Anschauung von unsinnlichen und unkontrollierbaren
Mächten zu einer solchen Deutung übergeleitet wird, die
eine leichte Anwendung auf ähnliche Situationen gestattet.
Denn eben hiermit weist die Sage ihren geringen Gehalt an lehrhaftem,
mahnendem oder warnendem Gehalt auf, durch dessen Mitführung
sie sich innerlich vom Märchen unterscheidet. Dies spielt (S.
d. § I) in seinem eigenen von der großen Welt unbestürmbaren
Bereich und ist gegenüber der Ding- und Menschenwelt so gut
wie land- und volk-, heimat- und zeitenlos; die Sage dagegen knüpft
gern an bestimmte "historische" Ereignisse an, wenn es auch bei
ihnen weniger auf genaue historische Umrissenheit als vielmehr auf
das Typische, nicht auf die Einmaligkeit sondern auf die 'Vorbildlichkeit'
ankommt. Ja eine rein typologisch aussehende Erzählung wie
die von den Schildbürgern oder die vom Eulenspiegel wird Sage
dadurch, daß irgend etwas von historischem Ansatz oder Kern
in ihr vorhanden ist, während wir sie, so derselbe ihr abgeht,
nicht als Sage ansprechen sondern eher als Fabel 3).
Daher verlangt die Sage in höherem Grade als das Märchen
eine Zustimmung zur erzählten Geschehensverkettung; das Märchen
unter Umständen eine Zustimmung zu der es tragenden weltanschaulichen
Idee, zumal zu dem ethischen Ausgang. Zwar sind die Personen der
Sage nicht viel mehr als die des Märchens handelnde. Weder
Kaiser Rotbart noch Karl d. Gr. noch der Rodensteiner noch die Jungfrau
vom Lurleifels handeln. Das Geschehen steht auch hier vor dem Handeln.
Das geht so weit, daß die historischen Personen, wenn sie
in den Sagenzusammenhang eingehen, aus dem wirklichen historischen
Zusammenhang ihrer Taten gelöst, in der Hauptsache das örtliche
Sein und Geschehen gleichsam dekorieren 4)
; eine für die Person des Kaisers belanglose Burggründung
kann es sein, die im Mittelpunkt steht (vgl. Gründungssagen).
Wohl aber stellt die Sage die Handlung in irgend welche, wenn auch
noch so lose, Verknüpftheit mit höheren, guten oder unguten,
Kräften, die entweder dem Menschen gelegentlich zu Gebote stehen
oder von außen an ihn herantreten. Anders gesagt, die Tendenz
zur Erzählung geschichtlicher Hergänge als solcher gehört
nicht wesentlich zur Sage Die historischen Schlachthörner Karls
d. Gr. mögen wie ein zeitgeschichtliches Kolorit erscheinen,
das den Hörnern des Elbstieres beigegeben wird, während
diese letzteren Hörner aus dem Gefüge der Wassersymbolik
stammen 5). Das natürliche Volk,
das so gern dem Geheimnis vollen der Geschehnisse nachsinnt, enträtselt
das Wunderbare durch eine eigene Symbolik, die es deutend an die
Stelle des Historischen setzt 6).
Der Glaube gegenüber dem Erzählungsstoff bezieht sich
folgerecht auf den tiefsten Sinn des Wunderbaren darin und dahinter,
während man den äußeren Begebenheiten großenteils
nur geringes Interesse entgegenbringt, wenn auch sicherlich nicht
ein so geringes wie im Märchen. Denn die Könige und Prinzessinnen
des letzteren bleiben am liebsten namen- und zeitlos; in der Sage
ist es jedoch nicht "ein" König, sondern der ganz bestimmte
und bekannte, der als Held Inhaber überragender Kraft ist.
Nur ist das in der Sage von ihm Erzählte nicht historisch,
wenn es auch einem Charakterzug von ihm entsprechen mag. Die Tiere
in den Tier-Sagen und die halbtierischen Wesen finden sich in der
Sage wegen irgend welcher Eigenarten ihres Wesens, die eine Kunde
aus anderer Weltdimension in sich schließen; und daß
es sich mit den Spuk-, Teufels- und Schatz-Sagen ähnlich verhält,
braucht nicht erst nachgewiesen zu werden (S. Präanimismus).
Daraus ergibt sich, daß die Sagen trotz ihrer Unbekümmertheit
um historische Genauigkeit ein wichtiges Dokument der geistigen
Entwicklung des Volks, in dem sie entstanden sind, und auch desjenigen,
von dem sie übernommen sind, darbieten 7).
Für das Studium des Aberglaubens liegt die Bedeutung der Volks-Sagen
natürlich eben in jenen hervorstechenden Anschauungen, welche
sich in den Vorstellungen von übersinnlichen Wesenheiten und
Kräften und Vorgängen und Vorfällen verdichtet haben
und welche oft in abergläubischen Ideen und Bräuchen haften
geblieben sind. Dabei ist jedoch zu beachten, daß durchaus
nicht alle Sagen, die sich in deutscher Überlieferung finden,
ursprünglich aus deutschem Geiste hervorgewachsen, sondern
nicht wenige erst im MA. und noch später aus der Fremde eingewandert
sind und daß es außerdem viele gibt, welche des Volks-
und Zeitgepräges überhaupt entbehren. In diesem tritt
wiederum eine besondere Ähnlichkeit zum Märchen zutage,
indem in diesen Sagen die primitiv-schöpferische Phantasie
einfache Erlebnisse einer Volksschicht gestaltet. Mit Recht sagt
daher Ranke 8): "Es ist noch niemandem
gelungen und wird bei der Dürftigkeit unserer Überlieferungen
aus dem deutschen Heidentum kaum je gelingen, auch nur eine einzige
der heutigen Volks-Sagen mit Sicherheit als zum Erzählungsschatz
der noch unbekehrten deutschen Stämme gehörig zu erweisen".
Von irgend welchem rein volkstümlichen Denken und Empfinden
legt jedoch die Sage stets Zeugnis ab.
1) v. Hahn Sagwissenschaftliche Studien
42. Dagegen Kuhn Mythol. Studien
2) Müllenhoff Altertumskunde 1, 537; Boeckel Volkssage I ff.
3) Ranke Sagen XIIIf.
4) Meyer Germ. Myth. 17f.
5) Rochholz Sagen 2, 17.
6) Liebrecht Zur Volksk. 29 f.
7) Ebd.
8) Ranke in Meier Deutsche Volkskunde 2oo und Sagen 9 und ZfDkde.
1922, 1 ff. |
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| 2. |
Entstehung
der Sage |
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Unter allen diesen Voraussetzungen
darf man behaupten, daß die Sage "das Archiv der Urgeschichte
eines Volks" 9) ist und sohin Untergrund
dessen, was als Aberglaube erscheint - nicht etwa erst später
sondern, wie gleich näher beleuchtet wird, gleichzeitig mit der
Entstehung der Sage, die häufig noch aus dem Felsgestein des
Aberglaubens gebildet wird. Etwas kühner nennt man die Sage selber
"dramatisierten Aberglauben" 10). Folge
des hiermit bezeichneten Verhältnisses ist, wo es sich um älteste
Sagenüberlieferung handelt, daß aus verblaßten, abgeschobenen
Sagen sich ein Rückstand abergläubischer Vorstellungen erhält.
Dies ist namentlich bei Lokalsagen der Fall, die in der Regel Natur-
oder Geister-Sagen sind, die sich an irgendwelche auffallend geformte
Felsen, erratische Blöcke, Schluchten, seltsame Pflanzen oder
Steinbildungen, Irrlichter, Nebelmassen, Gewitterwolken usw. ingleichen
an die lokale Geschichte und deren Erzeugnisse, Ruinen, Trümmer
u. dgl. anschließen, um das in ihnen den menschlichen Sinnen
entgegentretende Ungewöhnliche in einem prägnanten Zuge
zu erfassen. Aus der 'nachbarlichen' oder geschäftlichen Berührung
mit jenen Erscheinungen erwächst, wie die Brüder Grimm 11)
es ausdrücken, eine Art inwendiger Verbindung, die sich auf die
Eigentümlichkeit eines jeden dieser Gegenstände gründet
und zu gewissen Stunden ihre Wunder zu vermehren berechtigt ist. Derartige
Sagenbildung ist durchaus nicht in der Gegenwart erschöpft, sondern
vollzieht sich andauernd weiter 12).
Naturdeutende Sagen sind in höchster Mannigfaltigkeit in aller
Welt zu finden, denn die Natur fordert immer wieder zur klärenden
Bearbeitung ihrer Prozesse auf 13).
Nicht selten gehen sie aus den bereits gefügten Formen des Aberglaubens
hervor oder benützen eine solche, um den Begebnisstoff zur Sage
zu formen. Manchmal sind es ganz einfache Erklärungen einer solchen
Erscheinung, manchmal ätiologische Umdeutungen. Wenn Glühwürmer
zu wirklichen Lichtern werden, mit denen zwergische Wesen spazieren
gehen, ist ersteres der Fall; letzteres etwa in der Sage vom Homberg:
Wer sein Ohr an ihn legte, konnte drinnen die Zwerge klopfen und hämmern
hören; denn viele von ihnen sind vorzügliche Schmiede. Die
Bauern haben ihnen früher oft einen Pflug oder sonst ein Gerät
vor ihre Höhle gelegt, die sie am nächsten Morgen ausgebessert
vorfanden. Dafür legten sie ihnen ein Geldstück oder einen
Pfannkuchen hin. Nun hat sie aber mal der Hüggelmeier geprellt,
indem er weniger als verlangt war hinlegte und mit dem ausgebesserten
Pflug davonraste. Aber ein glühendes Eisen schoß hinter
ihm drein - heißt es hier, und nicht, daß seitdem die
Zwerge den Menschen nichts mehr ausbesserten - was häufiger Schluß
ist, um den Wandel der Zeiten begreiflich zu machen 14).
Sonst nämlich wird die Atiologie (S. d.) nicht nur auf den Anfang
sondern auch auf das Aufhören einer seltsamen Erscheinung bezogen;
man denke an die vielen Geschichten von geneckten oder getäuschten
Zwergen. Oder es soll erklärt werden, wie ein ungeheurer Steinblock
mitten in einem Wald oder Feld steht, den kein Mensch dorthin gebracht
haben kann: dann war es ein Riesenwurf. Und es wird weiter gefragt,
weshalb der Riese den Wurf tat; vielleicht um jemanden zu bestrafen,
der ihn beleidigt hatte; oder der betreffende Riese wird mit dem Teufel
identifiziert, der an Gott Rache nehmen wollte, indem er die Kirche
des Dorfs bewarf; aber natürlich verfehlt der Teufel das Gotteshaus
.... Solche Natur-Sagen entstehen immer neu. Märkische und schlesische
Schäfer, von Ort zu Ort und von Provinz zu Provinz ziehende Müllerburschen,
Brauer- und Schmiedegesellen haben sich als Bringer neuer Sagen einen
Ruf erworben gehabt 15). - Eine Grippenepidemie
erzeugte durch Ausdeutung eines lange anhaltenden üblen Geruchs
eine neue Sage vom "Pesträuchlein" 16).
Eine andere ganz moderne Grippen-Sage erzählt, ein Bursch machte
einen Babautsch (menschliche Figur) und sprach: Das ist jetzt die
Grippe, aber wir wollen tanzen, uns soll sie nicht unterkriegen. „Sieben
der jungen Leute sollen nun bald gestorben sein, weil sie mit so ernsten
Dingen Spott getrieben" 17). Ausdeutungen
von menschähnlichen Gestalten in Gemäuer wird, nachdem die
alten Deutung in Vergessenheit geraten, neuerdings zur Sage von einer
neugierigen und eingemauerten Nonne gestaltet; und zwar, obgleich
die geschichtliche Unmöglichkeit von vornherein auf der Hand
liegt, da an der Stelle nie ein Frauenkloster gestanden hatte 18).
In beiden Fällen läßt sich eine das Tatsächliche
sehr entstellende Phantasietätigkeit bemerken, bisweilen auch
krankhafte Phantasie. Z. B. der in zahlreichen Varianten wiederkehrende
Schimmelreiter, schon von Uhland für ein Nebelwesen gehalten,
erscheint einem Mann aus Stockach bei Tübingen, der mit seinem
Sohn vom Markt heimkehrt, als kopfloser Reiter (NB. der Nebel macht
selten die genauere Kopfform möglich in seinen Schwaden); die
beiden fallen den Berg hinunter und können nicht wieder heraufkommen,
fanden sich aber an einem großen Wasser, an dem der Schimmelreiter
auf und ab jagte, bis er darüber hinreitend verschwand 19).
Allein diese Betrachtung darf nicht zu der Verallgemeinerung verleiten,
daß alle Sagengestalten, zumal die grotesken, Phantasieerzeugnisse
seien, d. h. phantastische Umdeutungen von Naturbegebenheiten. Gerade
der Schimmelreiter vieler Sagen wird wohl mit Recht von Forschern
für Umsetzung einer alten mythischen Glaubensgestalt in die
Sagengestalt gehalten, etwa WotanSage Hat doch die gewaltsame Ausrottung
des alten Glaubensgutes um die Wende vom 8. zum 9. Jh. die alte
Göttermythe genötigt, ihre Zuflucht in der Sage zu suchen.
Eine alte Chronik berichtet, Karl der Große habe durch die
Schreibermönche alle alten Sagen und Lieder der deutschen Volksstämme
sammeln und aufschreiben lassen; aber plötzlich sei ein gewaltiges
Brausen entstanden, das die Mauern erzittern machte, und die emporlodernde
Glut habe die herrlichen Sagenschätze in Wotans wildes Heer
hinaufgeschleudert, wobei eine Stimme zu vernehmen war: "Du hast
unser Volk erschlagen, das freie Geschlecht der Sachsen vernichtet,
uns aber sollst du ewig nicht in deinem Joche bannen!". Auf Grund
unsrer Kenntnis von Kaiser Karls Absicht wird angenommen, daß
jene Chronik das an den Sagen begangene Zerstörungswerk Ludwigs
des Frommen auf jenen überschrieben habe 20).
Jedenfalls enthält die Sage auch in diesen mythischen Umbildungen
nicht reine Phantasieerzeugnisse; wozu vgl. den Artikel Mythologie,
MythuSage - Daß andererseits krankhafte Phantasie starke Sagenbildende
Kraft entfaltet hat, darauf hat Ranke hingewiesen 21).
Insbesondere kommen hierfür die Sagen von Luftentrückungen
in Betracht, die nach Ranke an Erlebnisse auf psychopathischer Grundlage
gemahnen 22). Der typische Verlauf
solcher Sagen aus Süddeutschland, der Schweiz und Österreich
läßt einen einsam wandernden Mann dem tobend heranziehenden
wilden Heer begegnen, von dem er, weil er sich ihm entgegenstemmt,
oder ihm zuruft, in die Luft entführt wird, so daß er
erst nach langer Zeit in die Heimat heimkehrt. Ein Mann erzählt,
auf seinen Anruf hin sei er von der furchtbaren Gewalt des Wirbelwindes
fortgerissen worden. Als der Tag gebleicht, sei er zu sich gekommen
und habe sich mitten in wildem Gebirge befunden. Die drei Tage seitdem
habe er zur Heimkehr ins Dorf gebraucht 23).
"Der Knecht lebt noch und ist jetzt Hirte in Stützheim". Die
spezifischen epileptischen Dämmerzustandsreisen geben ganz
ähnliche Erlebnisse. Daher: "Die Sagen von der Luftfahrt mit
dem wilden Heer sind weder Überbleibsel aus dem Erzählungsschatz
des germanischen Heidentums, wie etwa Grimm und vor allem Simrock
das wollten; der Wundermantel, auf dem Odin seinen Liebling Haddingr
durch die Luft über Land und Meer in die Heimat trägt,
die Luftreise mit Teufels Hilfe, durch die Heinrich der Löwe,
Thedel v. Walmoden und andere ma. Sagenhelden gerade zur rechten
Zeit zur Gattin zurückkehren, haben mit unsrem Motiv direkt
nichts zu tun oder brauchen wenigstens nicht herangezogen zu werden,
wenn wir die Entstehung unseres Motivs begreifen wollen. Noch weniger
stammen diese Sagen aus jener noch viel älteren Periode primitivsten
Denkens vor aller Göttervorstellung und geben etwa in naiver
Auffassung am Himmel beobachtete Ereignisse wieder, wie Wilh. Schwartz
und Elard H. Meyer das vermuteten . . .", sondern es handelt sich
hier um rein individuelle Erlebnisse, bei deren Apperzeption und
Formgebung die alten Vorstellungen das Erfassungs- und Darstellungsmittel
sind 24). Auch die Sagen von Begegnungen
mit dem "Aufhocker", dem "Huckup", der nachts dem einsamen Wanderer
auf die Schulter springt und sich tragen läßt, bis der
Träger atemlos und verängstet unter der Last zusammenbricht,
wie manch andre Sage aus solcher Nähe des Spukreichs ist einer
krankhaft erregten Phantasie zuzuschreiben, die ihr Erzeugnis als
Wirklichkeit hinstellt 25). Die Psychopathologie
hat auch ihr Wort zu sprechen über die schwere Last, die dem
Menschen vom wilden Jäger aufgebürdet wird und durch die
er einen Buckel bekommt, von dem er - wann eben der psychische Zustand
sich ändert - befreit wird 26).
Es ist ein ausgesprochener Erlebnischarakter, ein Gesichts-, Gehörs-
oder Riecherlebnis, das der Sage in solchen Fällen zugrunde
liegt. Das Erlebnis wird aber mittels aller möglichen vorhandenen
Anschauungs- und Vorstellungskomplexe angeeignet, daher mit Zügen
aus einfacher Umgebung, aus der nächtsbekannten Geschichte,
aus der Religion und Magie, aus Mythus und Fabelreich ausgestattet;
und wenn das schon am Anfang der Bildung einer Sage geschieht, wie
viel mehr erst während ihres Ganges durch ein Volk, durch Völker
und durch Zeiten!
9) Köhler Voigtland 444.
10) Wehrhan Sage 27.
11) Grimm Sagen Vorwort.
12) Wehrhan a. a. O. 27f.
13) ZfVk. 16, 394.
14) Prestel Der unheimliche Grund (1933) 125.
15) Kühnau Sagen 3, 197.
16) SehwVk. II, 17.
17) Ebd. 18.
18) Ebd. 4, 3f.
19) Meier Schwaben 105.
20) Wehrhan a. a. O. 55f.
21) Ranke in Meier DtVkde. 208 u. öfters.
22) Ranke Sage und Erlebnis in BayHfte. 1, 40 ff.
23) Stöber Der Kochersberg, zitiert bei Ranke BayVkde. 41 .
24) Vgl. Ranke Sage Xff.
25) Ranke in Meier DtVkde. 2o8f.
26) Ranke Sage III. 119. |
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| 3. |
Das
führt uns zur Frage Wanderung und Weiterbildung der Sage |
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Zunächst ist zweifellos eine
fort und fort weitergeführte Abwandlung der Einzelzüge einer
und derselben Sage beim bloßen Weitererzählen festzustellen.
Das Ergebnis dieses Prozesses kann sein, daß sämtliche
Einzelzüge variiert werden. Daher ist anzunehmen möglich,
daß Sagen, die auf den ersten Blick verschwindende, immerhin
aber doch einige schwach gemeinsame Züge aufweisen, dennoch desselben
Ursprungs sind und Varianten einer Urform der, betreffenden Art bedeuten.
Wenn ein historischer Name mit dem Kern der Sage verbunden ist und
bleibt, so ist es leicht, die Verwandtschaft zu erkennen, ist ihre
Leugnung kaum durchzuführen; wie z. B. beiden jüdischen,
arabischen und deutschen Formen der Erzählung vom Besuch der
Königin von Saba bei Salomo 27).
In anderen Fällen rückt das Fehlen solchen gleichen Kerns
die Wahrscheinlichkeit gemeinsamen Ursprungs in die Ferne und möchte
trotz strengster Ähnlichkeit in markanten Strichen auf verschiedenen
Entstehungsort und -modus geschlossen werden. Ein Problem dieser Art
gibt die Materie des "Teil"-typus auf. Es bleibt unverwehrt, die aus
dem 12. Jh. bekannte persische Form, nach der ein König seinem
Lieblingssklaven öfters einen Apfel auf den Kopf legte, um ihn
herabzuschießen, worauf der Sklave jedesmal die Angstneurose
bekam, mit der norwegischen aus dem 13. Jh. zusammenzunehmen, nach
welcher König Nidung von Eigil die Schußprobe abverlangt,
vom Kopf seines dreijährigen Söhnchens einen Apfel abzuschießen;
Eigil, der drei Pfeile zu sich genommen, antwortet dem König
auf die Frage nach dem Zweck der beiden anderen Pfeile, nachdem er
mit dem ersten den geforderten Schuß getan (ganz wie Tell dem
Landvogt), daß diese Pfeile dem König für den Fall
eines Fehlschusses zugedacht waren. Ferner gehört eng dazu die
dänische Fassung, nach der König Harald, der in dem von
ihm selber provozierten Wettschießen unterlag, daraufhin von
seinem Rivalen verlangt, daß er eine Haselnuß vom Haupt
seines Bruders schieße, was glücklich ausgeführt wird.
Eine andere Form begegnet in England, eine weitere ist die von Puncher
aus der Heidelberger Gegend, der in bezug auf den zweiten Pfeil die
Tellantwort gibt 28). Kommen wir hier
auf einen altarischen Sagenkorn oder Sagenkreis? Ist solcher Untergrund
auch vorhanden bei dem Variantenkreis der treuen Weiber von Weinsberg
29)? Die ohne Schwierigkeit zu bejahenden
Fälle solcher Art zeigen eine außerordentliche Wanderfähigkeit
der Sagen. Andere hingegen, welche die Bejahung jener Frage erschweren
oder ablehnen möchten, wollen als Beiträge zum Elementargedanken
(S. d.) gewertet werden. Bieten Sprach- und Volksgrenzen dem Wandertriebe
der Sage keinen Halt, so muß gleichwohl in jedem einzelnen Falle
gesondert die Frage aufgeworfen werden, ob die betreffende Sage mit
diesem Inhalt und in dieser Fassung nicht doch selbständig aufgetreten
sein könne. Denn was einmal als Erzählungsstoff geboten
wird, kann auch mehrere Male aufscheinen, da ja auch die Anlässe
zur Bildung eines Sageninhaltes sich wiederholen können. Ähnliche
Situationen helfen vor allem einer Sage, die entscheidenden Blick
ins Volksleben wirft, zur Auferstehung. Indem auch so Sagenstoffe
wandern und sich verändern, entschwinden und neu erstehn, werden
auch ihre mythischen Bestandteile abgewandelt. Aus Göttern werden
Helden oder umgekehrt aus Heroen Götter, aus den drei germanischen
Schicksalsgöttinnen z. B. drei weiße Jungfrauen, die unter
drei Gesichtspunkten bevorstehendes Geschick künden in der ins
Jahr 1832 verlegten Sage von der Begegnung des Försters im Hartwalde
bei Karlsruhe mit den drei weißen Gestalten 30).
Ebenso ändern sich die Personen und die Örtlichkeiten, wenn
die Sage sprungweise in verschiedenen Gegenden bekannt wird. Dabei
wird sie unter Umständen in allen ihren Teilen neu geprägt,
wobei das Bewußtsein von ihrem früheren Vorhandengewesensein
verloren gehen kann. In diesem Sinn spricht man auch vom periodischen
Auftreten der Sage 31).
27) Wehrhan 33 f.
28) Ebd. 34 f.
29) W. Hoffmann Sage v. d. Weinsberger Weibertreue 1925; Ranke Sage
2o; Ranke in Meier Dt.Vkde. 211 ff.
30) Mones Anzeiger f. Kunde d. dt. MA. 1835, 307; Wehrhan 39.
31) Steinthal Das periodische Auftreten der Sage in ZfVölkerpsychologie
20, 3o6ff.; vgl. ZfVk. 27, 216ff. 241 f.; Dieterich Kleine Schriften
285f.
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| 4. |
Die
Arten der Sage |
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Die Einteilung der verschiedenen Arten von Sagen ist mittels mehrerer
Prinzipien versucht worden. Die äußerlichste nach Landschaften
ist genötigt, dieselbe Sage oft zu wiederholen, macht jedoch
dadurch die Verbreitung einzelner Sagen ebenso wie den Einfluß
der geographischen Eigentümlichkeiten bei der Stoffgestaltung
besonders anschaulich. Dem Bedürfnis nach Anschaulichkeit dienen
vor allem die Sammlungen der Sagen nach Landschaften und Ländern
32). Der Versuch einer chronologischen
Anordnung und Gruppierung stößt naturgemäß
auf die größten Widerstände, und die Brüder
Grimm haben sich gegen die chronologische Gruppierung ausgesprochen;
zugleich gegen die sachliche 33).
Sie beobachteten, daß eine Einteilung in Zwergen-, Riesen-,
ätiologische usw. Sagen deshalb daneben schießen müsse,
weil in fast jeder Sage die verschiedenen dabei als Einteilungsgründe
benützten Elemente verwertet und miteinander verwachsen sind.
Wehrhan meint dagegen, daß doch in jeder die Hinneigung zu
einer der so entstehenden Gruppeneigentümlichkeiten vorschlage
34). Den kritischen Einwendungen
nach der einen und anderen Seite sucht M e i c h e 35)
durch folgende Einteilung zu entgehen: Hauptteile mythische und
geschichtliche Sagen (denen als 3. Hauptteil die romantische oder
literarische angereiht wird, die jedoch für die eigentliche
Sagenforschung von weniger ausschlaggebender Bedeutung ist). Die
mythischen Sagen teilt Meiche nach den darin hervortretenden Geistwesen
oder, wo solche fehlen, nach Begebnissen und dinglichem Gegenstand
und erhält die 6 Teile:
1. SeelenSagen
a) Körper und Seele,
b) Seelenheer und Geisterkämpfe,
c) bergentrückte Geister,
d) Tiergespenster,
e) Gespenster in Menschengestalt,
f) SpukSagen, Poltergeister,
g) Irrwische, Feuermänner, Druckgeister, Binsenschnitter.
(NB. Man hat zu beachten, daß die hier mit aufgeführten
Untertitel sich aus dem speziellen Forschungsgebiet M.s, dem alten
Königreich Sachsen, ergeben).
2. Elbensagen
a) Hausgeister,
b) Luft- und Erdgeister,
c) Wald- und Feldgeister,
d) Wassergeister.
3. Dämonen- und Göttersagen
a) Tierdämonen,
b) Bergdämonen,
c) Winddämonen,
d) Riesen,
e) Götter.
4. Teufelssagen
a) der Teufel,
b) Teufelsbündnisse,
c) Zaubersagen.
5. Wundersagen
6. Schatzsagen
a) Glocken- und
b) eigentliche Schatzsagen
- Die geschichtlichen Sagen teilt M. in
1. Landesgeschichtliche
a) aus der Urzeit,
b) aus religiösen Bewegungen,
c) aus Kriegsnöten,
d) aus Fehdetagen,
e) aus den Tagen der Pest
2. Ortsgeschichte
a) Sagen von Gründung und Benennung von Orten,
b) Bergbausagen,
c) Sprungsagen,
d) Steinkreuzsagen,
e) Bausagen,
f) Handwerkssagen,
g) Spottsagen,
h) Verschiedenes.
3. Familiengeschichte
a) Geschlechter-, Helden- und Schildsagen,
b) Sagen über einzelne Personen.
Mit diesem Schema könnte vielleicht der Versuch Wundts überholt
erscheinen, der aus der Entwicklungsgeschichte der Sage drei Stufen
herauslesen will, die Orts- und Stammessage, die Helden- und, aus
ihr hervorgehend, die Göttersage als aufsteigende Formen; so
jedoch, daß die niederen Formen nicht aussterben, wenn die
höheren entstanden sind, in ihrem allgemeinen Erzählungsgang
aber deutlich gegenübertreten, anderseits Orts- und Stammessage
dauernde Bestandteile auch der spätesten Sagenbildung bleiben
36). Indessen wird es gerade eine
Aufgabe zukünftiger Sagenforschung sein, die von Wundt betonten
Momente zwecks des Verständnisses der zeitlichen Aufeinanderfolge
der hauptsächlichsten Grundformen der Sage zur Geltung zu bringen,
ihnen näher nachzugehen und zu erkennen, was daraus folgt,
daß der Örtlichkeitsfaktor in der ganz überwiegenden
Zahl der Sagen ein außerordentliches Übergewicht besitzt.
Wenn man unter diesem Eindruck in die lokal bestimmte geistige Urzeit
des Volks zurückzugehen trachtet, so erscheinen Seelen- und
GeisterSagen (die irgendwie von Tod und Verstorbenen handeln, und
ätiologische Stammesund OrtsSagen im Vordergrund. Diese beiden
Gruppen ließen sich etwa als Natur- und Kultursagen aufteilen,
falls man gewillt ist, die GespensterSagen ebenso wie die DämonenSagen
zu ersteren zu rechnen (was aber oft auf erhebliche Schwierigkeit
stoßen wird). Ganz wird man freilich um eine Kreuzung nach
diesen beiden Gesichtspunkten nicht herumkommen, ohne zu andern
unliebsamen Wiederholungen und unglücklicheren Überschneidungen
genötigt zu sein 37).
32) Ranke in Meier DtVkde. 326ff. "Sammlungen"
Wehrhan a. a. O. 114ff.
33) Grimm Sagen Xff.
34) Wehrhan 106.
35) Meiche Sagen Inhalt.
36) Wundt Mythus u. Rel. 3, 341 ff.
37) Ein weiterer wesentlicher Vorschlag einer Einteilung der Sagen
ist von K. Plenzat Sage und Sitte, gemacht; vgl. auch Ranke bei
Meier DtVkde. 196ff.
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Hauptformen
der Sage, Erlebnis- und Helden-Sage |
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Wenn man sich nun einige Hauptgestalten an Beispielen verdeutlicht,
so lassen bereits die Sagen der Primitiven erkennen, wie leicht,
ja wie wesenhaft sich mit der NaturSage die Elemente der Kultursage
und der Heldensage verbinden. Nehmen wir die ganz einfache Sage
von dem Mann, der ein Licht auf der Stange trägt und damit
den Mond anzündet, der seitdem vorhanden ist und allabendlich
angezündet wird, so sieht man das Ineinandergreifen der genannten
Momente in solchen einfachen erklärenden Sage Dasselbe ist
bei den ätiologischen Sagen der Fall. Wird ein grotesker Fels
oder Baum damit erklärt, daß er der Überrest eines
gewaltigen halbmenschlichen - halbtierischen Wesens ist, eines Urfahren
eines Klans des Stammes, dem der Klan seine Existenz und sein Wissen
samt seinen Fähigkeiten verdankt, so bewegen wir uns bei der
Apperzeption dieser Vorstellungen zwischen Natur- und Kultursowie
zwischen Dämonen-, Helden- und GötterSage Die Neugestaltung
solcher Sage von einfacherer Art erfuhr ich, als ich mich mit einem
Arussi-Galla im südlichen Abessinien über die Sitte seines
und aller Nachbarstämme, nur rohes Fleisch zu genießen,
unterhielt; er sagte mir, das Feuer habe erst sein Großvater
über die Berge von Süden her geholt; und seine umstehenden
Landsleute schienen das zu bestätigen. Natürlich ist der
Gebrauch des Feuers dort viel älter.
Die Ätiologie ist die häufigste Form der Orts- und Stammessage,
welche selber die ursprünglichste Weise aller Sagen zu sein
scheint. Man fragt nach dem Woher auffallender Erscheinungen der
Umgebung, mächtiger Bauten, der steinumrandeten Gräberstätten,
die nicht als solche erkannt sind, des singenden Tons oder Glockenklingens
auf Meeresgrund (Untergang von Städten wie Vineta) und weiß
bisweilen auch etwas über die Veranlassung solchen Geschehens
zu sagen. Bei bedeutenderen Örtlichkeiten pflegt die Idee des
Unheimlichen, des Zauberund Spukhaften stärker zu werden. Weiter
erscheinen als Träger des Unheimlichen die Inhaber gewisser
Berufe, die aus alter Vorstellung her mit Teilen der Geisterwelt
in besonderer Berührung stehn: der Schmied, der Bergmann, der
Glaser. Der erste hat zu Gegenspielern gern Zwerge und Kobolde,
die beiden anderen den Berggeist, den Rübezahl, der Jäger
den Waldschrat. Falls aber das Unheimliche nicht in dieser Weise
personhaft oder an einen Dämon gebunden ist, ist der bestimmte
Ort durch es ausgezeichnet oder ein dort befindlicher einzelner
Gegenstand 38). Natürlich pflegt
eine solche Ortssage den lokalen Charakter darin zu bewahren, daß
sie in der Regel auf das begrenzte Gebiet der Umwohner des als unheimlich
empfundenen, verrufenen Orts beschränkt bleibt. Der Inhaber
der (guten oder bösen) übermenschlichen, unheimlichen
Kraft ist zunächst streng lokal gebunden, tritt jedoch bisweilen
in die Weite hinauSage Die den fleißigen Zwergen zugehörigen
Schmiede haben an der leichten Beweglichkeit des Zwergengeschlechts
teil (vgl. die wandernden, plötzlich an anderem Ort auftauchenden
"Venediger"-Zwerge). Der "Schuhmacher" im Wetterloch oder in der
Felsenhöhle (nord. Schuhschmied) 39)
Sohlenhämmernd, war er vielleicht Anlaß zum "ewigen"
und wiederkehrenden Schuster, der dann die Wolkenschuhe über
die Erde trägt 40).
Unter den Stammessagen haben die AbstammungsSagen lange Zeit eine
besondere Rolle gespielt. Diese lassen sich bis in die primitivsten
Urfahrensagen hinaufverfolgen; diese letzteren wiederum nehmen gern
die Gestalt von Wandersagen an. Schon da sind es stets irgendwelche
Erlebnisse, die in die sagenhafte Erzählung gekleidet werden:
wir haben es mit der Erlebnissage zu tun. Ein anderes Beispiel einer
solchen ist die Pestsage, eine reine Ortssage, in der der Pestdämon
oder -drache die Hauptgestalt ist, während der von ihm gepeinigte
Mensch ohne jegliche Individualbedeutung ist: nicht der einzelne
Erlebende, der ja nichts vom Gewöhnlichen Abweichendes erlebt,
sondern das Erlebte allein wird durch die Sage betont. Selbst eine
Natursage wie die von der Prinzessin Ilse, die allmorgendlich mit
dem ersten Sonnenstrahl hervortritt, sich im Flusse zu baden, gehört
hierher; Erleben und Wunsch mitsammen fügen die Erzählung.
Hier wie in den Sagen von der Albin Frene, von Ursula, in den Alpsagen
wird selbst die dämonische Gewalt als die ungenannte geheimnisvolle
finstre Macht eingeführt, wie es in der Primitivzeit üblich
war. Z. B. die Kuh wird im Stall während der Nacht getötet
und wiederbelebt, da sie in ermattetem Zustand daliegend angetroffen
wird; das Pferd ist vom Alp abgehetzt worden. Was der Mensch an
Druck- und Erschöpfungszuständen an sich erfahren hat,
das überträgt er hier auf das Vieh. Es ist verständlich,
daß man den Alptraum und das Erwachen aus ihm als Sterben
und Rückkehr ins Leben schildert. Drum steht so auch in manchen
Sagen der Mensch selber als der Getötete und Wiederbelebte
da. Wenn Hexen aus dem Mädchen im Walde ihre Speise kochen
und das Mädchen nach der Wiederbelebung nicht wieder ganz frisch
wird, sondern dahinwelkt 41), so
wird das von vielen wohl mit Recht auf ein "Traum"-Erlebnis gedeutet,
d. h. auf ein unbewußtes Erfahrnis von etwas innerlich Strukturiertem,
und erinnert an die von Primitiven als böse, schwarze Magie
gedeutete Erfahrung des schnellen Hinstechens, das auf Fett- und
Lebenssaftentziehung seitens des schwarzzaubernden Feindes beruhe
42). Die Betontheit dieses Moments
in der Sage beleuchtet das reiche Material davon in den Menschenfresser-,
Blutsauger-, Vampir-, Martensagen. Das entgegengesetzte Motiv kommt
dagegen zur Geltung in den Sagen von den Nachtweiblein, die spinnend
nächtlicherweile des Menschen Tageswerk zu Ende führen;
vom Klabautermann, der auf dem Schiff wie die anderen Kobolde im
Hause dem Menschen Arbeit abnehmen; von den kleinen und wilden Leuten,
den Moosund Holzleuten, Wichteln und Fanggen, Saligen und Wasserleuten
usw. Die alle sind durch die Völker hin in ähnlichen Formen
verbreitet. Die von ihnen handelnden Sagen lassen sich im wesentlichen
als ErlebnisSagen bezeichnen, in denen das Übergroße,
Gewaltige, Unsinnlich-Unheimliche von außen in die menschliche
Sphäre hineintretend erlebt wird, worauf dies Erlebnis in seiner
Erzählungsform anschaulich festgehalten wird 43).
In den Heldensagen, die später aufgetreten sind, und deren
Ausbildung wir besonders in Griechenland, Eran, Indien, Babylonien,
bei den Kelten, Finnen, Germanen und Russen verfolgen 44),
wird innerhalb der menschlichen Wesenssphäre vorhanden geschaut
und in der Gestalt des Helden erblickt und geehrt. Den Hintergrund
dieser HeldenSagen bilden in der Regel nationale Kämpfe und
Wanderungen (vgl. die nordischen Wandersagen), Staaten- und Städtegründungen
und -zerstörungen, die oft hinüberführen und auslaufen
in die langen Irrfahrten ("Odysseen") des Haupthelden und seiner
Getreuen. Der historische Rahmen, der durch jenen Ansatzpunkt geliefert
wird, ist von Anfang durch den auf das Historische abschwächend
wirkenden mythischpoetischen Kern gesprengt: der Held wird zum Heros
gestempelt, und schon seine Geburt und Kindheitsentwickelung weisen
übernatürliche Züge auf. Dadurch ist nicht etwa schon
eine Richtung auf den Kultus der Person hin gezogen. Wohl aber will
der Hörer der Sage im Helden und in den Helden zugleich eine
Begegnung mit der übersinnlichen Sphäre haben. Daß
die Sage solcher Art einem religiösen Bedürfnis entspricht,
ist nicht zu leugnen; das religiöse Gut tritt dann aber schon
in jener Form auf, welche dem Aberglauben zugerechnet wird; stark
gezeichnet in den Berserkern, die deshalb auch in der Sage, wo sie
sich sehen lassen, keine Nebenrolle spielen. Doch welch eine Verschiedenheit
zwischen der Odyssee und dem Nibelungenlied, gerade in dieser Hinsicht,
und dann wieder zum Mahabharata! Man darf sagen, daß unter
diesen drei Sagen die deutsche am wenigsten Magisches aufweist und
die Beziehung zur unheimlichen Sphäre am schwächsten betont.
Allerdings welcher Unterschied wiederum zwischen dem Hildebrandlied
und Jung Siegfried! Die sich ausbildende Sagenrichtung hat indessen
in den nordischen Sagas gewisse Vorläufer.
38) Wundt Mythus u. Rel. 3, 350ff.
39) Laistner Nebelsagen 291.
40) Ebd. Nr. 342.
41) Zingerle Sagen Nr. 586f; Schneller Wälschtirol 21 f.
42) Beth Rel. u. Magie 154ff.
43) Alpenburg Mythen 7.
44) Brunnhofer Schweiz. Heldensage i. Zushang. m. d. dt. Götter-
u. Heldensage (1911). Umfassende Angaben von Sammlungen der deutschen
Sagen findet man in Karl Wehrhan Die Sage (19o8) Sage 108-162 Hier
braucht bloß genannt zu werden das grundlegende Werk der Brüder
Grimm Deutsche Sagen, 1816 u. 1818, 4. Aufl. 1908; ferner Onno Klopp
Geschichten, charakteristische Züge und Sagen der deutsches:
Volksstämme 1851; die Sammlungen von Ludwig Bechstein Deutsches
Sagenbuch 1853, Romantische Märchen und Sagen 1855, Altdeutsche
Märchen, Sagen und Legenden 1863, Großmutters Märchen-
und Sagenschatz 1863.
K. Beth.
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