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Verschollene Burgen
Von Dr. Josef Weingartner.

Erst seit etlichen Jahrzehnten hat bei uns die vorgeschichtliche Forschung eingesetzt und schon sind auf den Hügeln und Felskuppen der Mittelgebirge an Etsch und Eisak Dutzende von Wallburgen wiederentdeckt, von denen niemand mehr etwas wußte und an die höchstens noch eine dunkle Sage oder gar nur ein Flurname wie Burgstall, Gschleier (Castellier) usw. erinnerte. Das hat nun freilich nichts Auffallendes an sich, denn Jahrtausende sind verronnen, seit diese Steinwälle angelegt, Jahrtausende auch, seitdem sie wieder verlassen wurden. Und von den Volksstämmen, denen sie einst Schutz boten, und von den Kämpfen, die sie umtobt haben mögen, ist wenig oder nichts bekannt und von den damaligen Kulturzuständen vermögen wir uns nur ein recht dürftiges Bild zu machen.

Aber es gibt bei uns auch Burgen aus geschichtlicher Zeit, Burgen, von denen in Urkunden und Büchern zu lesen ist, wann sie entstanden, wer sie erbaute, bewohnte, eroberte und zerstörte, von denen aber nur mehr so geringe Reste übrig blieben, daß höchstens noch die allernächsten Nachbarn etwas davon wissen, während sie im allgemeinen Bewußtsein des Volkes längst verschollen sind.

Da ist z. B. die Ruine Pfeffersberg bei Brixen, einst Sitz eines bischöflichen Gerichtes. Vor etwa achtzig Jahren ragte noch eine Mauer des Bergfrieds auf, weshalb das Volk die Ruine den „öden Turm“ nannte. Heute ist nur mehr ein Teil der Ringmauer zu sehen, die jeder, der nicht eigens aufmerksam gemacht wird, für eine Weinbergmauer ansehen wird. Dann Voitsberg hinter Nahrn, das stolze Schloß der Ritter gleichen Namens, das Bischof Bruno von Brixen eroberte und brach und nicht mehr aufbauen ließ. Wer seine Stelle nicht ohnehin weiß, wird sie kaum finden und nur ein naheliegender Bauernhof hat den Namen der einstigen Burg bis in die Gegenwart herübergerettet.

Oder wer weiß etwas von der tirolischen Burg Lichtenstein? Sie war die Wiege eines der nachmals mächtigsten Grafengeschlechter unseres Landes, aber die Gelehrten streiten darüber, wo sie stand. Aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Peterköfele über Leifers und jeder, der dort nach Weißenstein pilgerte, hat die ehemalige Burgkapelle gesehen, das schmucke, romanische St. Peterskirchlein, das allein noch aufrecht steht und von seinem sonnigen Hügel freundlich ins Etschland grüßt. Freilich, wenn man ein bißchen genauer herumstöbert, findet man hinter dem Kirchlein auch noch ein paar kümmerliche Mauerspuren und wie in manchen anderen Burgruinen sogar zwei tiefe, ausgemauerte Löcher im Erdboden. Sie beweisen, daß hier der Burghof war, denn sie sind nichts anderes als der einstige Schloßbrunnen, an dem vor Jahrhunderten die Mägde standen und schwätzten und an der rasselnden Kette den gefüllten Wassereimer aus der Zisterne heraufzogen.

Das Volk freilich weiß eine andere Erklärung dafür, redet von einem unterirdischen Gange und erzählt sich, daß eine Katze, die hier oben in eines der Löcher geworfen wurde, zu Füßen des Berges bei der Pfleg wieder herauskam. Soviel ist allerdings richtig, daß auch das heutige Pflegwirtshaus nach Ausweis seiner Mauer ein uralter und ein befestigter Bau war, der jedenfalls mit dem Schlosse in Beziehung stand.

Lichtenstein, das schon im zwölften Jahrhundert erwähnt wird, wurde im Kampfe zwischen dem Bischöfe Heinrich von Orient und dem Grafen Meinhard II. von Görz und Tirol von letzterem um das Jahr 1278 zerstört. Das gleiche Schicksal teilte damals die Stammburg eines anderen Edelgeschlechtes der Bozner Gegend, die Feste Zwingenstein. Die Zwingensteiner waren damals mächtige und einflußreiche Herren und tapfere Krieger. Sie halfen dem Bischof, ihrem Lehensherrn, die Stadt Trient zurückerobern, etliche Jahre später aber rächte sich der gewalttätige Meinhard durch Zerstörung ihrer Burg. Nur mehr spärliche Trümmer davon sind heute vorhanden. Sie liegen, den meisten unbekannt, auf einem mäßigen Hügel südlich von Unterinn, in der Nähe des St. Sebastiani-Kirchleins.

Fast gänzlich verschollen ist auch die Helfenburg. Die Felsenkuppe, auf der sie steht, erhebt sich zwischen Montigl über Terlan und dem Sauschloß. Doch der Burgpfad ist verfallen und verwachsen und wohl nur selten betritt ein menschlicher Fuß die abgelegene Stelle, auf der einstens die Grafen von Tirol — wohl als Trutzburg gegen das bischöfliche Greifenstein (Sauschloß) und zur Hilfe für ihr tiefer gelegenes Schloß Neuhaus (Maultasch) — eine Feste bauten und sie Helfenburg nannten. Die Wohnbauten sind eingestürzt, die Ringmauer aber ist in ihrem ganzen Umfange noch zu verfolgen. Doch wächst der Wald auch über sie empor und nur wer die Stelle genau weiß, vermag auch von ferne, etwa von der anderen Talseite, von Hocheppan her noch ein Stücklein Mauer zu unterscheiden.

Auch die Klause, die unmittelbar unter Neuhaus zwischen Fels und Sumpf die Straße sperrte und die auf dem Altarbild in Schloß Siebeneich (XVIII. Jahrhundert) noch in stolzer Festigkeit dasteht, ist heute verschwunden. Nur Reste von zwei Sperrmauern und der Name des Weilers Klaus zwischen Terlan und Siebeneich bewahren noch die Erinnerung. Verschwunden und verschollen ist die Burg von Tramin, die in der Nähe des HI. Jakobskirchleins stand. Ein schwermütiges Rätsel brütet über dem Hügel von Castelfeder bei Auer und zahlreich sind die kleinen Edelgeschlechter von Südtirol, von denen wir wohl Mitglieder und Taten, aber nicht die stelle ihres Stammsitzes kennen. Ja selbst wo die Grafen von Morit hausten und wo die Herren von Wangen, zu Beginn des XIII. Jahrhunderts neben den Grafen von Tirol und Eppan die mächtigsten Herren der Gegend, saßen, bevor sie Bellermont und Runkelstein und ihre festen Stadthäuser in Bozen und Trient erbauten, ob an der Stelle der heutigen Wangerer Kirche oder auf dem Johanniskofel oder sonst wo, ist nicht ausgemacht. Und ebenso streitet man darüber, wo die Herren von Villanders, die Ahnen der späteren Wolkensteiner ihren ersten Sitz hatten.

Derartige Beispiele könnten beliebig vermehrt werden, doch das wenige mag genügen, um darzutun, wie rasch die Geschichte schreitet, wie gründlich sie umstürzt, was sie einst baute, verhüllt, was sie im hellsten Lichte erstrahlen ließ, und wie drohend und tröstend zugleich über allem menschlichen Tun und Sein das Vergessen schwebt.

Sommersberg in Gufidaun, Der Schlern

Sommersberg in Gufidaun
Hugo Atzwanger

Quelle: Der Schlern, 1. Jahrgang, 1. Heft, 1. Jänner 1920, S. 4 - 6.


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