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Der Tiroler Landreim, Teil 1 Der Tiroler Landreim, Teil 1 Der Tiroler Landreim von Georg Rösch von Geroldshausen ist das erste in deutscher Sprache gedruckte Gedicht in Tirol. Das Gedicht besteht aus 1015 Verszeilen. Sie reimen sich nicht immer. Genau 60 Prozent der Verszeilen behandeln den Salz- und Erzbergbau mit den dazugehörigen Sudhütten und Metallschmelzhütten einschließlich der Aufzählung verschiedener Erz- und Mineralvorkommen, die restlichen 40 Prozent des Gedichtes schildern die übrige Wirtschaft des Landes sowie geographische und bodenkundlich-landwirtschaftliche Verhältnisse. Auch wenn das Werk vom dichterischen Standpunkt aus als holprig bezeichnet werden kann, ist es inhaltlich umso wertvoller. Der Autor breitet vor uns die erste Landeskunde Tirols aus, die in dieser Vielfalt und Vollständigkeit in ihrer Zeit nichts Gleichwertiges und Vergleichbares aufzuweisen hat. Aber auch hier steht der wirtschaftsgeschichtliche Aspekt im Vordergrund. Die Charakterisierung der Menschen liegt nicht im Interesse der am Folkloristischen noch nicht begeisterten Zeit. Die Gewässer, Flüsse und Seen werden ziemlich vollständig aufgezählt, die Gebirge, den damaligen Menschen in ihrer Naturschönheit fremd, stehen stark im Hintergrund, die Städte werden nur in ihren wichtigsten kulturellen Denkmälern geschildert, etwa Innsbruck im Goldenen Dachl, der Hofkirche und der Martinswand, von den Klöstern sind Stams als Grablege der Landesfürsten und Wüten mit der eingehenden Gründungslegende des Riesen Haimon hervorgehoben. Die Wirtschaft dominiert als jenes Element, das ein Land begehrenswert macht, auf allen Gebieten. Hier steht in der Bedeutung der Bergbau in Schwaz und am Röhrerbühel bei Kitzbühel in einer langen Beschreibung im Vordergrund, wobei die Organisation und die Methoden der Erzgewinnung und der Verhüttung kenntnisreich geschildert werden. Es folgen der Salzbergbau und die Saline und die Münzprägung in Hall. Die Holzgewinnung und die Köhlerei als Hilfsbetriebe des Bergbaus finden eingehende Darstellung, wobei auch die Freiheit des Lebens der Holzknechte mit menschlicher Wärme betrachtet wird. Erwähnt werden im Bereich der gewerblichen Wirtschaft auch die Glashütten und die für künstlerische Zwecke verarbeiteten Werksteine, besonders der Marmor, ferner die Gewinnung von Gips, Alaun, Kreide, Arsenik, Quecksilber, Schwefel — und die Halbedelsteine wie Malachit, Granat und Bergkristall; ferner die Messingerzeugung, der Geschütz- und Glockenguß, und die Gewinnung des Steinöles, des sogenannten „Thyrschenblutes", in Seefeld. Mit der Kohle wußte man noch nicht viel anzufangen, immerhin erwähnt Rösch, dass in Häring „der Berg brennen tuet", ein brennendes, auch später immer wieder erwähntes Glanzkohlenflöz. Auch die Seidenraupenzucht in Rovereto und die Erzeugung von Seide und Samt gehören in den gewerblichen Bereich. Der zweite große Reichtum des Landes, die Landwirtschaft, wird mit allen Eigenheiten der einzelnen Talgebiete geschildert: Die Viehzucht mit den wichtigsten Jahrmärkten; der Wildreichtum mit Bär, Wildschwein, Gemse, Luchs, Wolf, Murmeltier, Fischotter usw., die Fischerei mit Hechten, Aschen, Rot-huchen, Forellen, Neunaugen; der Obstbau mit Feigen, Kastanien, Mandeln, Zitronen, Limonen, Pomeranzen; der Weinbau mit den einzelnen Marken wie Traminer, Eppaner, Terlaner, Lagreiner, Leitacher, Missianer, Schreckbichler usw.; der Gemüsebau mit Spargeln und Artischocken, („der Herren Essen"); die Getreideanbaugebiete, vor allem der Vintschgau als „Mutter des Kornes"; die Heuwirtschaft der Seiser Alm; die Käsesorten. Den „Fremdenverkehr" lassen die „Badin" und Wildbäder ahnen, auch Heilkräuter und Beeren (Schlehdorn, Kranewittbeeren, Erdbeeren, Wermut, Speik) werden erwähnt. So ergibt sich ein vielgestaltiges Bild der Wirtschaftsformen des Landes, in dem manches enthalten ist, das heute noch für gewisse Gegenden und Täler typisch ist und bei Rösch erstmals erwähnt wird, und anderseits wird eine eingehende Darstellung von Wirtschaftszweigen gebracht, die heute keine Rolle mehr spielen, denen aber das damalige Tirol seine große Bedeutung verdankte wie eben der Bergbau, die Münzprägung, die Salzgewinnung. Mancher Schatz der Natur ist seither verschwunden, aber andere Naturprodukte haben heute noch ihre spezielle Bedeutung im Haushalt der Menschen. Ohne allzuviel Beiwerk an Worten, breitet der Landreim in gedrängtester Fülle und in holprigem Versmaß den Reichtum Tirols vor uns aus, getragen von Kenntnis und Liebe zur Heimat, frei von gelehrten Floskeln und langatmigen Erklärungen.
Der fürstlichen Grafschaft Tyrol Landreim
Vers 10: Majestät: Kaiser Ferdinand I., 1556—1564, zugleich Landesfürst von Tirol (geb. 10. 3. 1501, gest. 25. 7. 1564) 43: Innsbruck zählte um 1558 rd. 4000 Einwohner; die Stadt Schwaz zählte damals rd. 20 000 Einwohner, darunter 12 000 Knappen 55 - 56: Neben dem Goldenen Dachl ist es ein Zeichen der Wohlhabenheit und des Reichtums, wenn die Bewohner von Innsbruck damals frisches Gemüse und Salat auch im Winter hatten 61 - 63: Geschütze und Handfeuerwaffen 66 Kraut und Lot: Pulver und Blei 80 Die Lagerstättenvorräte am Haller Salzberg betragen gegenwärtig nochmals für „viele hundert Jahre" 84 Schatzmeister: Kassier 85 Hallschreiber: Leiter der Sudhütte, zusammen mit dem Gegenschreiber und Kassier; der Name bedeutet wörtlich „Salzschreiber"; heute dem „Salinendirektor" entsprechend 90 Fuder: gepresstes Salz, auch Kufe genannt, 135 kg einschließlich Holzgefäß (Kufe), 115 kg netto; verkauft wurde brutto für netto 91 Hingeber: Salzverschleißer, Salzversilberer 92 versilbern: verkaufen 94 Salzgadner: Sudhüttenmeister 96 Polliten: Zettel oder schriftliche Anweisung 98 Hingeber: Magazinsverwalter 100 Amts Junker: Zugeteilter oder Assistent des Salzschreibers 108 im Originaltext: Torwartl 109 versieht: durchsieht 110 Stoßhäuser: Gebäude für Kufensalz; Häuser, darin das Salz in Kufen oder Fudern gestoßen wurde 113 Scheibenführer: Salzfuhrleute 116 Pfiesel: Dörrstube, Trockenstube, heizbares Gemach 118 schwere Fuder: noch feuchtes Salz, daher schwer 120 Aufschaffer: Salinenarbeiter, der die Fuder oder Kufen im Pfieselhaus zum Trocknen aufstellt oder hochstellt 121 Aufhelfer: Helfer des Aufschaffers 124 Pfieselsetzer: Salinenarbeiter, der die Fuder im Ptieselhaus niedersetzen hilft 126 Fuderträger: Mann, der die Fuder trägt 130 3 Zentner: rd. 150 kg; in Wirklichkeit wog ein Fuder brutto 135 kg, netto 115 kg 134 Stösser: Salinenarbeiter, die Salzfuder tragen, auch Fuderfasser genannt 135 Schürger: Gehilfe des Fuderfassers; jene Männer, die das Salz vom Pfleselhaus oder Stoßhaus ins Verkaufsmagazin tragen; wörtlich: Schürger = Schürer, Mann, der das Feuer schürt 138 Asenbaum: Balken oder Pfosten, auf den die Kufen oder Küfel zum Füllen gestellt werden; nicht zu verwechseln mit „Affenbaum"; als „Affenbaum" bezeichnete man damals ein tropfsteinähnliches Salzgebilde, hauptsächlich aus Schwersalzen (Bittersalz, Magnesiumchlorid und Gips) bestehend, das sich als Bodenzapfen unter den zum Abrinnen der Fuder dienenden Bänken (den Asenbäumen) bildete 139 Kufe: hölzerne Salzform zur Erzeugung der Fuder (die Stadt Hall i. Tirol hat ein „Küfel" im Wappen); im übertragenen Sinn: das Salz selbst 140 Bährer: Pörer = Salzkufenfüller, eigentlich die „Herausheber des Salzes" 143 Zuzieher: Männer, die das auskristallisierte Salz aus der Pfanne mit Krücken heranziehen 145 Bürger: Hilfsarbeiter, Männer aus der Stadt Hall 154 Kreppler: Männer, die das aus der siedenden Sole in der Pfanne auskristallisierende Salz mit Krücken ergreifen und an den Rand der Pfanne ziehen 156 Schieber: Männer, die das auskristallisierte Salz mit Krücken fortschieben 165 Schneller: Hilfsarbeiter (wörtlich: rasch herumspringende Männer); (vergleiche: Hochschnöllen der Fische) 168 Schröcken: Salinenarbeiter, die den „Schröckstein" oder Pfannenstein, heute „Pfannkern" genannt, herausholen und verpacken. — „Schröckstein" ist der alte Name für „Pfannkern". Der Schröckstein entsteht während des Siedens am Pfannenboden, hauptsachlich in den Beulen der eisernen Pfanne; die Käufer schätzten ihn um seiner strahligen und gebänderten Struktur willen, die durch Schmutzkrusten zustande kam. Verwendet wurde der „Schröckstein" u. a. als Medikament (als Abführmittel), ob seines Bittersalzgehaltes. — Die Hauptmenge des gewonnenen Salzes in Hall i. Tirol war selbstverständlicherweise „Fudersalz", als geringe Menge fielen „Schwersalze" und Nebensalze an: zu ihnen gehörte: „Der Affenbaum", der „Schröcken-stein" und der „Pöt". Wegen „Affenbaum" siehe Anmerkung 138. Unter „Pöt" verstand man ein ähnlich dem Affenbaum in Tropfsteinform emporwachsendes Salz, das aus dem abtriefenden und überfallenden Salz an den Sockbäumen entstand; diese pfeifenförmigen Salzstangen wurden in der Zeit um 1558 bis nach Ungarn verfrachtet und auf den Puszta-Weiden für das Vieh als Lecksteine aufgestellt 169 amtliche Küfer und Salzmesser: staatliche Salzwieger (Beamte an der Salzwaage) 180 Maiß: Jungwald, Holzschlag, wieder aufgepflanzter Kahlhieb 188 Amtsaufdinger: Arbeitzuteiler 191 Klieber: Holzspalter 194 Salzschröcken: wie 168 195 Eisenfertiger: Eisenhändler Salzverleger: Salzverschleißer, Salzverkäufer 196 Scheibenarbeiter: Salinenarbeiter, welcher das transportfähige Salz durch Stoßen in die Form einer mehr oder minder dicken Scheibe bringt; diese Salzscheiben dienten als Lecksalz für das Vieh. — Scheibenlührer hießen die Salzfuhrleute, die dieses Viehsalz verfrachteten 197 Kohlstadler: Kohlstattherrichter, Kohlstattarbeiter Kohlmesser: Mann, der die Holzkohle wiegt oder misst 198 Säumer: Frachter, Fuhrleute 204 Salzstadel: Magazin, Salzvorratshaus 206 40000 Gulden: Wert von heute mindestens 1,5 Millionen Euro; 10 Salzmagazine würden dann 400 000 Gulden oder mindestens 15 Millionen Euro Salzwert darstellen; diese Angabe ist weitaus übertrieben, genau 5fach. 1964 erzeugte die Saline Hall i. Tirol rd. 9500 t/Jahr Salz im Wert von rd. 1 Millionen Euro. Der Wert einer Jahreserzeugung von Hall im Jahr 1558 ist mit 40 000 Mark (Silbergewicht) rechnerisch gleich heute 1 Millionen Euro, dem Kaufwert nach mit 3 Millionen Euro zu ermitteln (siehe Abschnitt Maße und Gewichte). Die Übertreibung ist daher 5fach. 212 Bergmeister: Oberster Bergbeamter (Betriebsleiter) Schöpfer: Wasserknechte, Salzschöpfer 214 im Originaltext Min = Entscheidung (Min und Schin tun = Arbeit des Markscheiders, des Schiners, Entscheidung und Vermessung tun); hat mit dem Wort „Schiene" nicht den geringsten Zusammenhang 215 Hutmann: Steiger, Aufseher 216 Sulze: Sole, Salzsole 217 Steinstreicher: Häuer im Tauben arbeitend (Gesteinshäuer) Luftführer : Focher = Bergmann, der den Blasbalg bedient zur Wetterführung in einer Strecke 218 Pucher: Häuer, die mit dem Pucher (großen Fäustel oder dicken Hammer) arbeiten, die „Wände" zerschlagen 219 Wasserknecht: Soleschöpfer, Wasserzieher 220 Rüster: Grubenzimmerleute 221 Gedinge: bergmännische Bezeichnung für Akkord, oder Akkordlohn 222 Hochwirker: Holzknechte, Holzarbeiter zum Bedarf des Betriebes 230 Berge: Stollen (Horizonte); diese 6 Berge waren 1964 noch in Betrieb, dazu zwei weitere:
233 Kern: Kernsalz, reines Steinsalz 235 Edles: Reichsalz-führendes Haselgebirge Kern: reines Salz, noch heute Kernsalz genannt 236 Leberstein: Anhydrit und Rauhwacke 237 Schachtricht: Stollen oder Stolleneinbau 238 über Zwerch: quer (durch Querschläge) 239 Laden: Holzpfosten 242 Werk, plural Werker: Schöpfwerk (Sinkwerk noch nicht in Gebrauch) 243 Himmel: obere Begrenzung eines Laugwerks oder Schöpfwerks 247 Waage: Solewaage (Gerät zum Messen der Solekonzentration mittels des spez. Gewichtes) 249 schöpfen: Schöpfbaue; kein Ablaßwehr noch
Quelle: Franz Kirnbauer, Der Tiroler Landreim (1558), Wien 1964.
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