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Die Transalpine Erdölleitung von Triest nach Ingolstadt (TAL)
Von Leni Wallner

DIE MITTELEUROPÄISCHE ERDÖLLEITUNG – MEL

Gegen Ende der fünfziger Jahre war der damalige Präsident der ENI (Ente Nazionale Idrocarburi) Enrico Mattei der erste, der an die Möglichkeit dachte, durch den Bau einer Erdölleitung Rohöl von Genua nach Süddeutschland zu befördern, d.h. in einen Raum, der eine rasche Entwicklung der Raffinerien voraussehen ließ.
Zum ersten Mal wurde die Möglichkeit erwogen, eine Rohrleitung über die Alpen zu bauen.

1966 wurde die Anlage fertiggestellt.
Die MEL ist insgesamt 915 km lang und hat ein Leistungsvermögen von 19 Mill. Jahrestonnen.

Die Trasse gleicht einem Y :
Der erste Teilstrang Genua – Ferrera di Varese teilt sich hier in zwei Nebenzweige. Der erste durchquert den Großen St. Bernhard in 1930 m Höhe und verbindet Ferrera mit Aigle in der südwestlichen Schweiz, der andere überwindet mit dem Splügendurchstich die Alpen und endet in Ingolstadt.

Die Leitung nach Ingolstadt durchstößt den Alpenhauptkamm in 1980 m Höhe mit einem 3 km langen Stollen. Die Trasse folgt auf schweizerischem Boden zunächst dem Rheintal und berührt Rongellen, Ems, Maienfeld und schließlich St. Margarethen. Längs des österreichischen Bodenseeufers fließt das Erdöl nach Hörbranz. Die hier liegende Pumpstation befördert es auf deutschem Boden zu der Boosterstation (Station zur Erhöhung der Transportleistung pro Stunde; boost – vorantreiben) in Hittisweiler und dann zum Lager Altheim. Die in dem Lager eingebaute Pumpstation führt das Öl weiter bis zur Endstelle Ingolstadt.

Aus dem Bodensee werden über 2 Mill. Menschen mit Trinkwasser versorgt – und die Sicherung der Wasserversorgung war das entscheidende Problem:
Auf dem Weg zum Bodensee wird der Öldruck in 3 Stationen gemindert, sodass die Uferstrecke am Bodensee den niedrigsten Druck überhaupt aufweist.
Diese Druckverminderung erfolgt durch einen Rohrkamm, eine parallel angeordnete Sammlung kleiner und kleinster Röhrchen. Die Reibung des fließenden Öls wird erheblich erhöht und der Druck dadurch auf minimale Werte reduziert.

Die Rohre am Bodensee sind für 64 atü theoretischen Höchstwert, bei einem Sicherheitswert von 2,4 berechnet, d.h., dass sie fast 160 atü aushalten, ehe sie sich überhaupt zu verformen beginnen. Darüber hinaus wurde für ein unmittelbar am Seeufer liegendes Trassenstück von 1,8 km Länge ein Doppelrohr verlegt. Der maximale Druck auf dem 17 km langen Bodenseesektor wurde auf den für den Betrieb einer Ölleitung gerade noch denkbaren Druck herabgesetzt: in der Praxis 2 – 8 atü.

Der Zweigstrang Ferrera – Ingolstadt ist insgesamt 575 km lang. Der Rohrdurchmesser ändert sich streckenweise und schwankt zwischen 45 und 60 cm.

Besonders hervorzuheben sind die verschiedenen, insgesamt 29 km langen Tunnels – einer durchquert den Splügenpass, andere kreuzen zerklüftete oder durch Lawinen gefährdete Gelände – und die Stützmauern und Betonummantelungen, die beim Queren des Rheins, der Iller und des Lech die Rohrleitung umgeben.

Die Trasse kreuzt bis zum See Gebirgsbäche, mehrfach den Rhein und Kanäle, insgesamt 23mal, wobei die Ingenieure 18mal die Unterquerung (in Tiefen von 4 m und 6 m unter der Flusssohle und durch Betonummantelungen und massive Stützmauern besonders gesichert) und fünfmal Brückenkonstruktionen den Vorzug gaben.

Der Plan, Erdöl aus dem Süden in die österreichischen und bayrischen Industriegebiete zu bringen, hat sich inzwischen als eine weit vorausschauende Unternehmung erwiesen.

Die Wirtschaftsgeografie hat sich entscheidend verschoben, die industrielle Ausgangsbasis verbessert und verbreitert.

Die Ölleitungen tragen den Erfordernissen der modernen Energiewirtschaft n hervorragender Weise Rechnung: notwendig für Entwicklung und Fortschritt, von greifbarem Vorteil für die Allgemeinheit und bei vollem Respekt für den Landschaftsschutz eine Garantie größter technischer Sicherheit.

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Quelle: Helene Wallner, Die Transalpine Erdölleitung von Triest nach Ingolstadt (TAL), Hausarbeit 1967, elektronischer Reprint 2010.
© Helene Wallner, 2010