SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Wolfgang Natterer

   
 
  Wolfgang Natterer
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Das Dorf Hötting, reich an alten Edelsitzen und malerischen Häusern, stellte im Jahre Neun eine Schützenkompagnie unter dem Hauptmann Wolfgang (Peregrin) Natterer auf. Dieser, als Sohn des Josef und der Notburga Natterer, geb. Tragseil, geboren in Hötting am 11. Februar 1775, war Gerichtsdiener und holte sich die ersten Lorbeeren am 12. April 1809, als er mit seinem Bruder Josef die französischen Kanonen bei der Innbrücke eroberte. Hierbei erbeutete er selbst auch eine französische Standarte, die er einem französischen Soldaten im Handgemenge entrissen und der Musikkapelle von Hötting als Tambourstab überlassen hatte. Am 29. Mai hat er in der zweiten Berg-Isel-Schlacht am rechten Flügel die 3. Kolonne (800 Mann) kommandiert. Vom 26. Juni bis 13. Juli 1809 stand er in der Scharnitz, von wo er am 29. Juli in Innsbruck einrückte, um beim Zahlamt der Hofburg die Löhnung für seine Mannschaft zu betreiben. Da er nichts erhielt, nahmen sich die Bauern selbst aus der Kreiskasse 3000 Gulden.

Im August kommandierte Natterer wieder die Höttinger (zirta 100 Mann) und stand während der furchtbaren vier Schlachttage (11. bis 14. August 1809) dem bayerischen Obersten Wilhelm Franz Josef von Metzen (geboren am 29. April 1766 in Ehrenbreitstein bei Koblenz als Sohn des Wilhelm Emmerich v. Metzen) gegenüber. Metzen war Regimentskommandant des 5. bayerischen Linien-Infanterie-Regiments „Preysing", doch operierte er gewöhnlich nur mit dem 1. Bataillon dieses Regiments. Am 11. August kam es zum ersten male zu einem Zusammenstoß Metzens mit den Bauernscharen Natterers. Heiß tobte der Kampf um den Planötzenhof (bei Hötting), in dem schließlich Natterer Sieger blieb.

Aus Wut über das verlorene Gefecht wollte Metzen durch den bayerischen Platzkommandanten Major v. Theobald das in der Kirchgasse 8 gelegene Haus des Natterer in Hötting niederreißen lassen, während er über Fürbitte des Höttinger Bürgers Josef Plattner (Stamserwirt) die Häuser der Höttinger Insurgenten Josef Huter und Josef Eller verschonte. Die Demolierung des Dachstuhles des Nattererschen Hauses erfolgte mit der Motivierung, dass sich Natterer auf die Vorladung zum Marschall Lefebvre nicht bei diesem gestellt hatte.

Natterers Hauptverdienst lag darin, dass er den Obersten vom 10. bis 13. August am linken Innufer festhielt, so dass, als Lefebvre Metzens Truppen für die Eroberung des Iselberges benötigte, Metzen nach Wilten schon zu spät kam, um noch in den Kampf einzugreifen. Nach dem Abzug Metzens verteidigte Natterer mit seinen Höttingern den Hußlhof und die Gegend bei der Gallwiese.

Natterer stand bei Hofer in großem Ansehen. Als Hofer, von seiner Urlaubsfahrt ins Passeier heimkehrend, am 8. September 1809 abends über den Brenner gegen Innsbruck fuhr, ritt ihm Natterer an der Spitze von 15 Metzgern, alle gleich gekleidet, mit grünen Federbüschen auf den Hüten, voran ein Trompeter, bis Schönberg entgegen und geleitete ihn, der in seiner Vierschimmelkarosse saß, im Triumphzuge durch die Stadt.

Am 28. Oktober 1809 lauerte Natterer, vom Nockhof kommend, mit seinem Freund, dem damals an Schulter und Rücken verwundeten Josef Speckbacher, im Zimmertal (bei Ampass) einer 300 Mann starken bayerischen Abteilung auf und es gelang den beiden auch, mit ihren Schützen die Feinde zu überrumpeln und zu Gefangenen zu machen; Natterer schickte die Gefangenen in das Hauptquartier Hofers nach Steinach. Im Februar 1810 finden wir Natterer in Wien, bald kehrte er aber nach Hötting zurück.

Am 13. August 1813 wurde Natterer, Gerichtsdiener in Innsbruck, der „einst so tatkräftige" Hauptmann der Höttinger, von dem bayerischen Generalkommissär Max Freih. v. Lerchenfeld wegen Bedenklichkeit verhaftet. Man wollte ihn ins Zuchthaus nach Lichtenau (Mittelfranken) als Gefangenaufseher senden, er erklärte aber stolz, wenn man gegen ihn, den „Diener des Gerichtes" solches Misstrauen hege, wolle er lieber selbst als Gefangener in Innsbruck in Haft bleiben. Diese Antwort scheint dem bayerischen Staatsminister Grafen Max Montgelas sehr imponiert zu haben, denn der Innsbrucker Polizeidirektor erhielt am 25. August die Weisung, Natterer gut zu behandeln. Da sich die Gemeinde Hötting auch für Natterer verbürgte, wurde dieser am 25. Oktober 1813 freigelassen.

Natterer gab nun Ruhe und half sogar am Abend des 14. Dezember 1813, den Unruhestifter Lorenz Brand im Gasthofe des Simon Kiechl „Zum goldenen Löwen" festnehmen und abführen. Am selben Abend machte Wolfgang, mit seinem Bruder Josef auch den Raufbold Johann Empl dingfest. Im März 1814 verlangten die Brüder Natterer von dem bayerischen Landrichter Karl Theodor Beck den Ersatz des ihnen durch die Verhaftung am 13. August 1813 entstandenen Schadens. Als Beck die Schuld auf den Generalkommissär Lerchenfeld schob, erklärte Wolfgang, dass bei der notorischen Vermögenslosigkeit Becks nichts anderes übrig bleibe, als sich durch — eine gehörige Tracht Prügel bezahlt zu machen.

Nach der Wiedervereinigung Tirols mit Österreich begab sich Natterer, für seine Tapferkeit wiederholt belobt, auf seinen Dienstposten. Er war (seit 2. Juni 1806) mit Agnes Donner vermählt und starb am 26. März 1819 als Gerichtsdiener in Klausen am Eisack. Auf der am 7. Juni 1903 am Gasthof „Zum goldenen Lamm" in Mariahilf errichteten Gedenktafel für die Höttinger Freiheitskämpfer von 1809 ist auch Wolfgang Natterers Name mit goldenen Lettern verewigt.

Und Natterers Gegner von Anno Neun? Nach seiner Flucht aus Innsbruck in der Nacht zum 15. August 1809 weilte Oberst Metzen in Bayern, kehrte aber am 25. Oktober 1809 mit den napoleonischen Truppen nach Tirol zurück und blieb hier bis Dezember 1809. Der Misserfolg seines Regimentes, die Vorwürfe der stets unzufriedenen französischen Generäle Franz Josef Lefebvre und Joh. Bapt. Grafen Drouet, dass die Franzosen bessere Soldaten seien als die Bayern, nahm sich der wackere Offizier so zu Herzen, dass er sich in Rattenberg in Georg Sandbichlers Gasthof „Zum goldenen Adler" (wo auch Andreas Hofer am 1. Juni 1809 einen wichtigen Kriegsrat abhielt) am 15. Dezember 1809 um 1 Uhr nachmittags eine Kugel in den Kopf schoss. Er wurde am 17. Dezember in Rattenberg mit militärischen Ehren bestattet; sein Schädel mit dem Kugelloch in der Stirn und der Aufschrift „Kgl. bayer. Oberst v. Metzen" wurde am sogenannten „Ölberg" vor der Sakristei der Pfarrkirche, ebenso wie das Zimmer im „Goldenen Adler", wo er sich entleibte, bis vor wenigen Jahren den Fremden gezeigt. So ruhen heute beide auf Tiroler Boden, auf dem sie 1809 als Feinde kämpften.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 341 - 344.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.