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  Vorwort: Tirols Erhebung im Jahre 1809, Josef Hirn, 1909
 

 

Dem Lande Tirol

 

Vorwort.

Das Jahr 1809 wird niemals genannt werden, ohne die Erinnerung zu wecken an das Land Tirol. Zeitgenossen wie Nachlebende standen und stehen mit bewunderndem Erstaunen vor der Tatsache, dass ein stilles, weltabgekehrtes Bergvolk von einer Bewegung ergriffen wurde, die in seiner und der Geschichte vieler Völker einzig dasteht. In altbegründeter Wehrhaftigkeit, aber nicht um kriegerischen Lüsten zu frönen, in felsenfester treuer Hingabe an Traditionen, die kein Machtwort eines Fremden auslöschen konnte, griffen die Männer des friedlichsten Berufes zu den Waffen für das, was ihnen als Freiheit galt, und was sie als ererbtes heiliges Eigen hoch hielten. An der Seite ihrer österreichischen Freunde und später ohne dieselben schlugen sie sich mit dem weit überlegenen Gegner, niemals bekümmert um die Frage des Stärkeverhältnisses. Fast ein Jahr lang hauste die Kriegsfackel im kleinen Lande und entzündete die grimmigsten Leidenschaften; die Stimme der Menschlichkeit konnte bei allem Kampfgewoge nicht erstickt werden. Erst als das streitbare Volk ferchwund daniederlag, breitete sich über das Land die erzwungene Grabesstille.

Vor solchem Schauspiel muss der Beobachter Halt machen, er will die Szenen dieser elementaren Volkserhebung an seinem geistigen Auge vorüberziehen lassen, er will aber auch die Entstehung derselben begreifen.

Der äußere Verlauf des Tiroler Aufstandes ist unzählige Male gezeichnet, genauer gesprochen, nachgezeichnet worden. Das meiste darin ist nur Erzählung, nicht Forschung. Im Grunde sind es eigentlich nur zwei Gewährsmänner, auf denen sich die Bücher über Tirol im Jahre neun aufbauen, Hormayr und Rapp, denen man füglich noch Egger beigesellen kann, der diesen Teil seiner Geschichte Tirols mit sichtlicher Liebe und auf Grund eines relativ reicheren Materials gearbeitet hat. Hormayr und Rapp schreiben Selbsterlebtes, und insofern kommt ihnen Quellenwert zu. Aber Sympathien und Antipathien trüben ihre Unbefangenheit, namentlich bei Hormayr. Dieser beschränkte sich meist auf Wiedergabe des Stoffes, der in seinem, freilich phänomenalen, Gedächtnis angehäuft war. Rapp zog auch gleichzeitige memoirenhafte Aufzeichnungen fleißig herbei, und in solcher Menge, dass diese Quellengattung, soweit es sich um tirolische Provenienz handelt, seither nicht sehr viel mehr bereichert werden konnte. Rechenschaft zu geben über die Art und Häufigkeit ihrer Benützung, hat er in den meisten Fällen unterlassen. Wie begierig man nach den Büchern dieser beiden vaterländischen und wirklich vielfach grundlegenden Geschichtsschreiber griff, man fand in ihnen nicht volle Befriedigung. Ludwig Häusser legte nach ihrer Lesung die bezeichnenden Worte nieder: „Immer noch wünschten wir mehr über die Zeit von 1806—1809 zu erfahren." Und Erzherzog Johann scheint ähnlich einen Mangel gefühlt zu haben, da er in seinen alten Tagen schrieb: „Es wird sich schon eine Feder finden, welche unparteiisch, einfach und wahr der Nachwelt überliefern wird, was ein kleines, armes Volk geleistet."

Bereits eine Revision des Memoiren- und andern Materials, das Rapp und später Egger zur Verfügung gestanden, ergab eine erkleckliche Auslese von interessanten Einzelheiten, auf deren Verwendung diese Historiker verzichtet hatten. Was jedoch am meisten die Lückenhaftigkeit der vorangehenden Literatur verspüren ließ, war der Mangel systematischer archivalischer Durchforschung. Hormayrs Quelle war fast ausschließlich seine eigene Person, Rapp und Egger schöpften zum größten Teil aus spezifisch tirolischen Überlieferungen, die in den Sammlungen des Innsbrucker Museums niedergelegt sind. Aber es gibt doch auch kaiserlich österreichische und königlich bayrische Archive, welche für eine Geschichte Tirols im Jahre 1809 in Betracht kommen mussten. Dieser Gedanke hat mich zur Angriffnahme dieser Arbeit veranlasst, und ich darf es sagen, er erwies sich fruchtbar. Tirol war ja bayrische Provinz. Wo anders, als in bayrischen Regierungsakten war ein genaues Bild über den Zustand des Landes und das über dasselbe waltende Regime zu gewinnen? Eben dieses Studium, und nur dieses, führt zum Verständnis der eigenartigen Volksbewegung. Derselbe Häusser meint von Hormayrs Andreas Hofer, es wäre „wünschenswert gewesen, wenn der Verfasser genauer auf die Zeiten der bayrischen Verwaltung eingegangen wäre". Johannes Schuler, der feinfühlige Literat, welcher sich einst als ständischer Archivar mit dem Plane einer Geschichte Tirols im Jahre neun trug, hatte gedacht, ein erstes Kapitel über „des Kampfes Ursache" zu schreiben. Es bedarf also wohl keiner weiteren Rechtfertigung, wenn der „Erhebung" eine ausführliche „Vorgeschichte" vorausgeschickt wird. Gerade in dieser dürfte unsere bisherige Kenntnis um ein gutes Stück weiter gefördert werden.

Die Papiere der damaligen bayrischen Registratur liegen heute an zwei Fundorten: in Innsbruck (Statthaltereiarchiv), wo ein Teil von den abziehenden Bayern zurückgelassen worden, und in München (Staats- und Kreisarchiv), wohin manches mitgenommen wurde. Die Münchener Staatsbibliothek enthält manches wertvolle Tirolense, das aus heimischem Privatbesitz dorthin gelangte.

Bei den lebhaften Beziehungen zwischen Tirol und Österreich war vorauszusetzen, dass auch in den Wiener Archivbeständen einiges zu finden sei. In der Tat hat das kaiserliche Staatsarchiv wertvolle Beiträge ergeben. Für die Geschichte der Vorbereitung fanden sich in den Polizeiakten des Ministeriums des Innern interessante Aufschlüsse. Im Kriegsarchiv war es mir gegönnt, die dahin entlehnten Denkwürdigkeiten des Erzherzogs Johann zu benützen, aus denen ich schätzbare Bausteine gewann; und aus der Hinterlassenschaft des Erzherzogs Karl (Albertina, jetzt Archiv des Erzherzogs Friedrich) konnte ich mehrere belangreiche Stücke heranziehen.

Wie viele tirolische Schriftenreliquien des unvergesslichen Jahres sind vernichtet oder in die Fremde verschleudert worden! Gleichwohl erhoffte ich mir manches aus dem Besitz inländischer Korporationen, Gemeinden und Familien. Die Erwartung täuschte nicht. Der reichen Musealsammlung in Innsbruck wurde schon gedacht. Das landständische Archiv, für diese Zeit zwar nur ein Torso, enthält namhafte Beiträge zur Kenntnis des Defensionswesens. Das Archiv der tirolischen Adelsmatrikel birgt eine Kollektion von Kopien Hoferscher Briefe, deren Originale aus dem Schloss Trauttmansdorff ins Ausland wanderten. Ihre Abschrift verdankt man dem Zivilingenieur Johann Jordan, welcher selbst als Student das Kriegsjahr in Innsbruck und in seiner Heimatstadt Meran miterlebte und mit nicht erlöschendem Interesse in seinen späteren Jahren noch von lebenden Genossen des Sandwirts Überlieferungen sammelte, die er in einem umfangreichen Manuskript, welches im selben Adelsarchiv ruht, niedergelegt hat. Die gehaltvollen Memoiren von Mais und andere Aufzeichnungen gewährte das Kloster Stams, wichtige Tagebücher und Korrespondenzen die Archive der Familien Dipauli in Kaltern, Giovanelli in Bozen-Hörtenberg, des Herrn Ludwig v. Wörz in Innsbruck, welcher die Purtscherschen Papiere verwahrt; kleinerer Sammlungen in Gemeindearchiven, Pfarrhöfen und privaten Händen nur im allgemeinen zu gedenken. Trotz eifrigsten Suchens nach originären Quellen kann ich mir nicht schmeicheln, dieselben restlos erschöpft zu haben. Die Zeit wird noch immer Neues aus der Verborgenheit locken. Eben bei Abschluss des Druckes wurde im bayrischen Staatsarchiv eine Suite Hormayrscher Schriften entdeckt, welche namentlich über die Fühlungnahme des Intendanten mit Veltlin, dem Bündnerlande und mit Major Schul neue Details enthalten. Um das Buch nicht durch Exkurse zu beschweren, werde ich diesen Fund in einem gesonderten Aufsatze bearbeiten.

Mit lebhaftem Gefühle erinnere ich mich bei Aufzählung dieser Fundstätten ihrer Eigentümer und Bediensteten, denen allen ich zu aufrichtigem Danke verpflichtet bin. Dieselbe Pflicht verbindet mich gegenüber dem Unterrichtsministerium, das mir einen monatelangen Aufenthalt in München behufs dortiger Studien ermöglichte, ebenso gegenüber dem Tiroler Landesausschuss, dessen Subvention eine würdige Ausstattung des Buches bei niedrigem Preise zuließ. Nicht weniger gebührt mein Dank für freundliche Beiträge und Winke den Herren Hofrat August Fournier, Professor Julius Jung, Direktor Karl Klaar und Professor Ludwig Schönach. Herzlichen Dankes sei endlich auch versichert Altmeister v. Defregger für die Widmung des Originaltitelbildes, welches die auf Seite 305 erzählte Szene mit Speckbacher in Absam am Abend des 11. April 1809 zur künstlerischen Darstellung bringt. Die Aussenvignette entwarf mein lieber Freund, Maler Philipp Schumacher.

Eine eigene Karte von Tirol beizugeben, durfte ich mir erlassen, da ausgezeichnetes kartographisches Material jedermann leicht erreichbar ist. Bei dem Umstande dagegen, dass die heutige Talsohle von Innsbruck infolge des Anwachsens der Stadt ein ganz anderes Bild zeigt als vor hundert Jahren, hielt ich es für geboten, einen Situationsplan des Feldes am Fuße des Iselberges, wo die meisten und bedeutendsten Kampfereignisse sich abspielten, dem Buche anzuhängen. Diese meine Absicht hat das militärgeographische Institut und dessen technischer Chef, Oberst Baron Hübl, in der entgegenkommendsten Weise unterstützt. Die Reproduktion beruht auf einem ziemlich gleichzeitigen, mehrfach richtig gestellten Stich.

Mit verhältnismäßiger Kürze glaubte ich den eigentlich kriegsgeschichtlichen Teil behandeln zu dürfen, da in dem groß angelegten Werke des österreichischen Kriegsarchivs über das Jahr 1809 auch die tirolischen Affären eine erschöpfende Darstellung aus militärisch - fachmännischer Feder erhalten werden. Dass eine junge tüchtige Kraft der Bearbeitung der vorarlbergischen Erhebung, die mit Tirol ja nicht viele Berührungspunkte hat, sich zu widmen entschloss, konnte ich als eine wesentliche Entlastung meines Buches begrüßen. So war es auch in erster Linie eine Erwägung ökonomischer Natur, die mich bewog, meine Studie mit Hofers Tode und der Landesteilung abzuschließen, was sich übrigens auch sachlich rechtfertigen lässt. Die Quellen für die Zeit bis 1815 sind so reichlich, dass sich ein starker Band auf ihnen aufbauen könnte.

Dass ich die umfangreiche gedruckte Literatur, so weit sie mir erreichbar war, heranzog und dass ich die mannigfachen, oft verworrenen, ja einander widersprechenden Überlieferungen kritisch zu prüfen bemüht war, davon wird sich der kundige Leser überzeugen können. (Belege, die schon bei Egger vorkommen, wiederzugeben, habe ich möglichst vermieden.) Gerade den zeitgenössischen Stimmen gegenüber ist Vorsicht am Platz. Denn so mancher von diesen Gewährsmännern fühlt sich als Mittelpunkt des von ihm geschilderten Kreises und zeichnet daher ein, wenn auch noch so interessantes, doch einseitiges Bild, das erst durch Vergleichung und Abwägung seine notwendige Korrektur erhält.

Das Volk, welches alle seine physischen und geistigen Kräfte daran gesetzt, welches, wie ein markiges Wort Adolf Pichlers lautet, sich in de Riesenkraft und Majestät seines Willens erhoben und die Dränger über den Hang der Alpentäler lawinengleich hinabgeschleudert hatte, es schied aus dem scheinbar erfolglosen Kampf mit dem Gefühl, eine große Pflicht erfüllt, dem Ehrenkranz des Tiroler Adlers ein neues glanzvolles Blatt eingefügt zu haben. So schreibt ein Landsmann 1810 aus dem Elend der Verbannung an die verlassenen Seinen: „Die Bauerntapferkeit hat Frucht gebracht und Tirol glorreich gemacht." Und wer zählt die Tausende, die in den Tagen schwerster Bedrückung am Beispiel Tirols sich gestärkt und erbaut haben? Dem Volke, dessen Kampfruf „Für Gott und den Kaiser" lautete, brachten jene Edeln, welche Deutschlands Erhebung vorbereiteten: ein Stein, Blücher, Arndt, Niebuhr, ihr warmen Sympathien entgegen. Vom damaligen österreichischen Kriegsminister bis auf unsere Tage läuft eine vielgliedrige Kette feuriger Lobeserhebungen und der Anerkennung der Taten wie ihrer Motive. Ende 1809 spendete Graf Zichy den bäuerlichen Kämpfern das Wort: „Was in Tirol Grosses geschah, ist ein Eigentum der Geschichte, ihr Griffel wird die Wahrheit aufzeichnen, und vergebens werden sich gedungene Zeitungsschreiber bemühen, die Grosstaten der tirolischen Nation und den Anteil, welchen der einzelne daran nahm, mit ihrem Geifer zu trüben und z entstellen." Und heute gedenkt Karl Lamprecht der Landeserhebung also: „Blutig, als ein Fanal kräftig wirksamer Befreiung, leuchteten die Kämpfe der Tiroler Bauern von 1809 hinab ins Flachland; hier machten sich die ältesten Momente deutschen Gemeinschaftsgefühls, ausgesprochener Sinn für die natürlichen Zusammenhänge der Welt, Stammesbewusstsein, Treu gegen die eigene Vergangenheit, gegen Land und Dynastie in bewunderungswürdigen Ausbrüchen Luft." Als das Schlachtengetöse vorüber war, zollte auch der ritterliche Gegner seine Anerkennung. Der bayrische Hofkommissär berichtet 1810 seinem König: „Während meiner Anwesenheit in Tirol habe ich mich überzeugt, dass unter den Eingeborenen der Wunsch, unter Österreichs Herrschaft zurückzukehren, allgemein war. Ich will damit auf die Nation keinen Tadel werfen, als ob vielleicht Redlichkeit und Moralität bei ihr selten sei; im Gegenteil, es gibt nicht nur unter den Gebildeten sondern vorzüglich auch in den angesessenen Bauern eine große Zahl von Familien, die durch Rechtlichkeit und Biedersinn achtungswürdig sind, und bei allen Klassen kamen schöne Züge der Menschlichkeit und des Edelmutes gegen die verwundeten Soldaten vor. Dem ganzen Volke muss man zum Lobe nachsagen, dass es gutmütig und unverdorben ist." Ein wahrhaft versöhnender Hauch weht durch diese aus bayrischem Munde stammenden Worte.

Hass und Feindschaft der damals streitenden Völker sind längst entschwunden. Stammverwandt und bundesgenossenschaftlich reichen sich heute der Bayer und der Tiroler die Bruderhand. An den Festen der Erinnerung, die jenen Tagen gewidmet sind, nehmen die Bayern freundnachbarlichen Anteil. Ohne jedes Bedenken sind — es sei nochmals dankbar hervorgehoben — dem tirolischen Forscher die reichen bayrischen Archivschätze geöffnet worden. Nach Völkerstimmung und Forschungsmaterial war also der Boden für eine eingehende und vorurteilsfreie Geschichte des denkwürdigen Tirolerjahres vorbereitet. Ich habe versucht, die Pflugschar über dieses ergiebige Ackerfeld zu führen zum säkularen Gedenken an eine große Zeit.

Geschrieben zu Patsch, im Juli 1908.
auf dem Schlösslerhof

J. Hirn.

 

Zur zweiten Auflage.

Das warme Interesse, das dem Buche sogleich bei seinem Erscheinen entgegengebracht wurde, nötigte wenige Wochen nach Ausgabe der ersten Auflage, an die Herausgabe einer zweiten zu denken. Mit dankbarem Sinn gegen die freundlichen Leser unterzog ich mich dieser Arbeit. Wesentliches zu ändern lag kein Grund vor. Wohl aber habe ich das Wichtigste aus den Hormayrschen Papieren, die erst heuer im Münchener Staatsarchiv entdeckt wurden und auf die ich noch in der Vorrede zur ersten Auflage hinwies, in den Text, namentlich in die Anmerkungen, hineinverwoben. Einzelnen Anregungen aus befreundeten Kreisen wurde tunlichst Rechnung getragen. Möge auch diese Auflage ein günstiges Gestirn auf ihrem Wege begleiten!

Weihnachten 1908.

J. Hirn.

   
  Quelle: Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909; S. I - X.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.