SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Tirols Erhebung im Jahre 1809, Josef Hirn

   
 
  414 – Einnahme und Plünderung
 

 

Blick von der Burg Freundsberg auf den Stadtkern von Schwaz, Tirol © Wolfgang Morscher

Blick von der Burg Freundsberg auf den Stadtkern von Schwaz, Tirol.
Im Bildzentrum die Pfarrkirche Unserer Lieben Frau Maria Himmelfahrt (urkundlich erwähnt 1337, Neubau 1460 bis 1478 als dreischiffige Kirche), deutlich sichtbar deren Sonnenuhr, sowie rechts der 1910 erbaute Glockenturm im Friedhof mit den Glocken "Maximiliana" bezeichnet Peter Löffler, 1503, "Zwölferin" von Johann Reichart und Franz Giot, 1641, sowie Bartlme Köttelath, 1667 und von Johann Paul Schellener, 1731.
Dahinter findet gerade der Abriss des 175 Jahre alten Industriedenkmals der Tabakwerke Schwaz statt, in der Bevölkerung "unsere Tschiggin" genannt. Leider konnte dieses Industriedenkmal nicht erhalten bleiben. Die letzten Ziegel finden sich noch in der Nähe der ehemaligen Schwazer Bergwerke.
© Wolfgang Morscher, 13. September 2006

der Reitertrupp Kehrt machen. Das ermutigte auf Tiroler Seite zu umso zäherem Widerstand. Während die zwei Kanonen durch das bayrische Geschütz zum Schweigen gebracht wurden, formierte Wrede aus seinem Fußvolk drei Angriffskolonnen und ließ sie vorgehen. Dreimal stürmten die Bayern durch die Hauptstraße bis nahe zur Pfarrkirche, ebenso oft mussten sie zurück. Jedes Haus schien in eine kleine Zitadelle verwandelt, die Fenster waren die Schusscharten, aus denen Schützen und Soldaten ihre Stutzen blitzen ließen, die Hausbewohner ließen von den Dächern einen Hagel von Steinen niedersausen. Erst ein vierter Ansturm ließ Wrede des Marktes Meister werden. Vielleicht wäre auch er noch missglückt, hätten die bayrischen Batterien nicht die Schützen- und Stürmerhaufen an der Bergflanke erschüttert und zum Weichen gebracht. Damit war den Verteidigern des Ortes selbst der Sukkurs entzogen, und, dies wahrnehmend, begannen sie ihr Heil in der Flucht zu suchen. Nach einstündigem Kampfe stand das bayrische Bataillon Laroche am Westende des Marktes, wo es eben recht kam, um die von Schützen angezündete Innbrücke zu retten, über welche dann der größere Teil von Wredes Division nach den jenseitigen Feldern von Fiecht und Vomp sich ausbreiten konnte. Hier wurde ihr das Lager angewiesen.

Mit solcher Heftigkeit wie in Schwaz waren die Kriegsparteien bisher noch nicht aufeinander gestoßen. Es hatte ein wahrer Verzweiflungskampf gewütet. Daher entlud sich auch die Erbitterung der Sieger über den unglücklichen Markt wie bisher nirgends. Einheimischen Streitern wurde kein Pardon gegeben, nur Soldaten wurden zu Gefangenen gemacht. Es war dem Militär nicht entgangen, dass ein Teil der Marktbewohnerschaft an der Gegenwehr teilgenommen hatte. So ergoss sich nun in die Häuser eine wutentbrannte Soldateska, welche ungezügelt ihren Durst befriedigen konnte. Kaum eine Scheußlichkeit ist erdenkbar, deren Verübung in Schwaz von Zeitgenossen den Bayern nicht zugeschrieben worden wäre. Wir haben, so klagen später bayrische Schwazer Beamte ihrem König, alle Schrecken durchgemacht, welche die Menschen Menschen bereiten können. 1) Das nächste war eine gründliche Ausplünderung der Wohnstätten, wobei kein Unterschied der Person gemacht wurde: der königliche Beamte oder bayrisch Gesinnte verlor dabei ebenso seine Habe wie irgendein anderer. Auch die Schwelle des Gotteshauses bot solchem Treiben keinen Halt. Was sich nicht fortschleppen

1) Natürlich lässt sich nicht von jedem berichteten Exzesse eine verbürgte Autentizität behaupten. Man hat sich wohl gewöhnt, alles erdenkbare Schlechte mit dem Namen Schwaz zu verknüpfen. So setzt auch der gewissenhafte Tagebuchschreiber Anton Knoflach der Erzählung über einen besonders exorbitanten Fall von Mädchenschändung, deren sich noch bayrische Offiziere gerühmt haben sollen, die Worte bei: „Ich kann dafür nicht bürgen, ich hörte es erzählen."

   
  Quelle: Josef Hirn, Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 1909, S. 414
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.