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  Der Sieg des Säbner Soldaten von 1809
 

Nach zeitgenössischen Aufzeichnungen.
Von Chorfrau Ildefonsa Frick O.S. B.

 

Benediktinerkloster Säben oberhalb Klausen im Eisacktal, Südtirol © Wolfgang Morscher
Benediktinerkloster Säben oberhalb Klausen im Eisacktal, Südtirol.
© Wolfgang Morscher, 3. Mai 2006

Einer naturgewaltigen Festung gleich, ragt Säben in den Süden. Steil und schroff erhebt sich eine Felsenwand, sie trägt auf ihrer Spitze wie eine Krone Kirche und Kloster „Zum heiligen Kreuz". Das untere Eisacktal wird von diesem Bollwerk beherrscht, der Berg gebietet dem Raum in majestätischer Selbstherrlichkeit. Er ist noch heute gekennzeichnet durch die Verteidigungswerke der Menschen aus den ältesten Zeiten des Landes. Hochgezinnte Mauern, Türme und Kirchen geleiten den Blick bis an seinen Gipfel, auf dem ehedem der Isis geopfert wurde, bis an derselben Stelle zu Ende des 6. Jahrhunderts der Begründer des ersten Bistums im Gebirge, Kreuz und Altar errichtete und seines Herrn und seine eigene Wohnung hier aufschlug. Kaiser Heinrich III. schenkte auch die „Klause unter Säben" dem Brixner Bischof. Seitdem grenzte der Berg mit seiner Stadt am Fuße des Gebirgsfelsens die weltliche und geistliche Herrschaft der Brixner Bischöfe ab.

Kultusstätte und Kastell zugleich blieben die Aufgabe und das Schicksal des Berges, als die Bischöfe längst schon die schwer zugängliche Höhe des Felsens verlassen und sich im sonnigen Brixner Kessel angesiedelt hatten. Im Jahre 1535 entzündete ein Blitz die stark befestigte Bischofsburg von Säben, die nunmehr von einem Burggrafen verwaltet worden war und erst in den Jahren 1681 bis 1685 entstand aus ihren Ruinen die erste Anlage des heutigen Benediktinerinnenstiftes. Mit jedem neuen Kriege tauchte der Plan wiederum auf, den Berg als Bollwerk auszunützen, immer wurde das Kloster, der treue Hüter der ersten Bischofskirche und der Wallfahrtskapelle Unserer lieben Frau mit dem Jesuskinde, besetzt und seine Nonnen aus Chor und Stift vertrieben.

Hat der Geist des Krieges keine Klosterfrau entflammt? Kein Hohes Lied von tapferen Nonnen klingt im Lande. Die heutigen Säbnerinnen leben gar still in unentwegter Weltabgeschiedenheit der Arbeit und dem Gebete. Die kriegerischen Eindringlinge nahmen ihren Vorgängerinnen so ziemlich alles fort, was an die vergangenen großen Tage der Säbner Abtei erinnern könnte, wo Töchter der ersten Familien des Landes erzogen und gebildet wurden oder gar den Schleier aus der Hand der hochwürdigen Frau Äbtissin empfingen. Was die Soldaten Napoleons noch zurückgelassen hatten, das plünderten und verschleppten die Josefiner bei Aufhebung des Stiftes unter der bayerischen Zwischenherrschaft. Wiederum errichtet, erholte sich das Stift nie mehr recht von den erlittenen Schäden und büßte mit dem letzten Kriege neuerdings seine bescheidenen Sparkreuzer ein *).

*) Im Selbstverlag der Abtei erschien eine kurze Geschichte und Beschreibung des Stiftes und der Kirche. Ein Ansichtsalbum gibt außerdem Einblick in das Innere der Baulichkeiten.

Votivbild in der Säbner Abtei des Säbner Soldaten von 1809

Votivbild in der Säbner Abtei

Ein einziges unter den Gemälden, die in den Gängen der Abtei hängen, deutet auf Krieg und Kampf einer Klosterfrau. Es ist aber nicht ein Bild von jener unglücklichen Nonne, die, von einem französischen Offizier verfolgt, sich über die Mauer in die schauerliche Tiefe stürzte und sich an den Schrofen des Berges auf das leidvollste verblutete. Das war die Chorfrau Maria Benedikta Senoner aus dem Wolkensteiner Dorfe in Gröden gewesen. Unser Gemälde stellt eine ganz andere Szene dar. Vor dem Bilde der lieben Frau im Moos, das seit vielen Jahrhunderten die Bozner verehren und in allen ihren Bedrängnissen besuchen, kniet zur Linken eine Frau mit wallenden Haaren und in einer phantastischen Männerkleidung, wie man in barocken Zeiten etwa den Erzengel Michael oder St. Florian dargestellt hatte. Diese Tracht erinnert von ungefähr an die Kostümierung eines römischen Legionärs und war noch vor hundert Jahren für heldenhafte Heilige in volkstümlichen Legendenspielen üblich, wie solche auch auf Säben wiederholt veranstaltet wurden. Die Kleidung soll hier wohl die soldatische Aufgabe der Knienden andeuten, vor der auch ein blankes Schwert und ein Lorbeerkranz als weitere Symbole angebracht sind. Ihr zur Rechten liegen Klosterhabit und Schleier einer Säbner Benediktinerin, erkenntlich an dem roten Kreuzchen, das ehedem den Nonnen auf die Haube zum Zeichen dessen genäht wurde, dass sie der Abtei zum heiligen Kreuze angehören. Hinter der Bittstellerin ist die Bozner Pfarrkirche mit ihrem zierlichen Turme und einem ihrer Löwen am Portale zu sehen. In dieser Kirche befindet sich ja auch das Gnadenbild von Maria im Moos. Das barocke Gemälde ist wohl in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden und kann auf künstlerische Bedeutung nicht Anspruch erheben, dagegen ist sein Erinnerungswert nicht abzustreiten, weil die dargestellte Episode aus den Freiheitskriegen noch von keinem Geschichtsschreiber beachtet wurde. Nach Angabe der im Jahre 1910 verstorbenen Äbtissin Maria Ida Urthaler, einer gebürtigen Klausnerin, die mit der Geschichte von Stadt und Stift aufs beste vertraut war, stellt das Gemälde ein besonderes Erlebnis der Säbner Klosterfrau Magdalena Told aus Niederdorf im Pustertal dar. Stiftschronik und verschiedene eigene schriftliche Hinterlassenschaften der Frau Magdalena bestätigten diese Überlieferung. Ihnen entnehmen wir folgende Daten.

Mit den Napoleonischen Kriegen war die traurigste Zeit über Wallfahrt und Abtei von Säben gekommen. Schon im Jahre 1797 war es nur den Bauern der Umgebung von Pardell, Lazfons und Villanders zu verdanken gewesen, dass aus den Kirchen und dem Kloster des Säbner Berges keine Festung errichtet wurde. Die Bauern bildeten die beste Festung ihrer Heimat, wie noch heute an der Wand der Pardeller Kapelle zu lesen ist:

„Pardell bei Latzfons und Verdings,
Fürwahr, du bist ein kleines Sping's!
Die Stutzenkugel sang ihr Lied,
Die Jungfrau stand in Reih und Glied.
Es floh der Feind zum Tal hinaus —
Gott schirmte unser Felsenhaus."

Am 24. März waren die Franzosen in das Klausner Städtlein eingerückt und hatten auch das Kloster Säben schwer heimgesucht. Am 4. April kamen gar 400 Mann als Besatzung herauf, nachdem Tage zuvor die Bauern den Feind über den Pardeller Abhang hinab geworfen hatten. Die meisten Nonnen waren vor der wilden Soldateska geflohen und hatten teils im Velthurner Sommeransitze der Brixner Bischöfe, teils in umliegenden Bauernhöfen Unterschlupf gefunden. Nur Frau Magdalena harrte aus und bewog auch die Äbtissin und etliche andere Schwestern, das Kloster nicht den plündernden Soldaten preiszugeben. Mutig und entschlossen brachte sie in Sicherheit, was ihr nur möglich war. Angesichts der Bedrohung und Bedrängung der Klosterfrauen durch die Einquartierten blieb sie schließlich mit einer einzigen Laienschwester allein im Stifte zurück. Laudons Bauernarmee verscheuchte schließlich die fremden Eindringlinge aus dem Kloster und Lande. Frau Magdalena rief nun die Geflüchteten zurück und trachtete an der Seite der alternden Äbtissin, das Ordensleben wieder allmählich herzustellen.

Vollständige Ruhe und Ordnung kehrten jedoch seitdem nicht mehr an Säbens geheiligte Stätte zurück. Die Bayern besetzten 1805 als Verbündete der Franzosen das Land und ließen gar bald auch das Kloster ihre Gewalt fühlen. Der äußere Feind wurde zugleich der innere: am 25. August 1808 fertigte die neue Regierung den Aufhebungsbefehl für das Kloster Säben aus. Die Nonnen mussten Stift und Kirche verlassen. Frau Magdalena hatte noch rechtzeitig das Archiv in Sicherheit gebracht. Die Aufhebung selber kam einer Plünderung gleich. „Nicht einen Hafen oder Kessel hätten die Räuber uns gelassen," berichtet die Chronik, „wenn Frau Magdalena ihnen diese nicht gleichsam aus den Händen gerissen hätte. Sie sagte ihnen ins Gesicht: dass eine solche Gemeinheit der Wille des Königs nicht sein könne." Nur etliche Schwestern ließen sich von ihrer freigewählten Klosterheimat nicht vertreiben, allen voran Frau Magdalena, die die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Abtei nicht aufgab. Die Gebäude wurden von Soldaten und allerlei Gesindel besetzt und knapp vor Ausbruch der Volkserhebung noch die letzten Kirchenparamente. Bücher und Einrichtungsgegenstände im Städtchen versteigert. Frau Magdalena musste zusehen, wie die Kirchen beraubt und die ureigenste Habe ihrer Schwestern verschleudert wurde. Das war der letzte Faustschlag ins Gesicht des gläubigen Volkes.

Mit Ingrimm stellte es fest, dass die neue Regierung auch das Almosen für die vielen Armen an sich genommen hatte, das bisher von den Nonnen verteilt worden war. Diese Vorfälle trugen das Ihre zur Empörung der Bauern bei. Als General Fenner einrückte, ließ er den Klosterfrauen die abgenommene Habe zurückstellen, soweit sie noch erfassbar war. Andreas Hofer sorgte dann für die Rückgabe der eingezogenen Stiftsgüter.

Die entscheidendste Tat aber hatte Frau Magdalena vollbracht. In der Zeit der schwersten Heimsuchung und Bedrängnis reifte ihr Entschluss. Auf ein einziges Zimmer beschränkt, bar jeder Sicherheit und jedes Trostes, schien die Lage der zurückgebliebenen Nonnen unhaltbar geworden zu sein. Das Kloster vollends dem Feinde überlassen, hieß es für immer aufgeben, aus den Kirchen und den Stiften unbehindert Kaserne und Festung machen lassen. So kleidete sich denn Frau Magdalena heimlich in eine Soldaten-Uniform, schlich sich aus den Mauern des Klosters, vorbei an der Gnadenkapelle hinab nach dem Städtchen und hinüber auf den Villanderer Berg, auf abseitigen Fußsteigen über den Rittnerberg, um nach einem mühevollen Nachtmarsch des anderen Morgens die Boznerstadt zu erreichen. Hier suchte sie vor allem das Gnadenbild Maria im Moos in der Pfarrkirche auf: und erflehte sich Kraft und Mut. Dann schritt sie ruhig in das Haus des Truppenkommandanten, warf sich vor ihm auf die Knie und schilderte die Gräuel der Verwüstung von Säben. Sie bat um die Abberufung der Soldateska und wirklich, der General erfüllte ihre Bitte.

Maria hatte geholfen und sich als Mutter der Gnadenstätte erwiesen. Der nächste Gang der Frau Magdalena ging an den Hof des Brixner Bischofs, um die Aufhebung des Klosters zunichte zu machen. Die Siege der Bauern am Berg Isel waren ihrer Sache förderlich. Frau Magdalena Told hatte den heiligen Berg dem Lande erhalten!

Was mag im Innern dieser Frau in jener denkwürdigen Nacht vor sich gegangen sein? Sie war kein unüberlegtes Mädchen mehr, stand vielmehr schon im 55. Lebensjahre. Die Gefahr einer Entdeckung war groß und die Folgen standen ihr deutlich vor Augen, sie mied zwar die Heeresstraße im Tale, aber in der Stadt musste sie jedem neugierigen Auge standhalten. Wird sie bis vor den General dringen und wie wird sich dieser zu ihrem Wagnis stellen? Sie warf Frauenehre, Leib und Leben in die Wagschale und der Gewinn war: Säben.

Die Leidenszeit der Benediktinerinnen war jedoch noch nicht zu Ende. Im Winter 1809/10 besetzten die Franzosen unter Paraguay d'Hilliers den Berg neuerdings als strategischen Platz, um daraus wieder eine Festung zu machen. Die Kirchen mussten neuerdings geräumt werden. Als das große uralte Kruzifix von der Heilig-Kreuz-Kirche durch die Klausner Bürgerschaft in feierlicher Prozession in das Städtchen übertragen wurde, stürzte Frau Magdalena zur Klosterpforte heraus und weinend umfing sie das heilige Kreuz mit dem Ausruf: „Verlässest auch du mich, Säbner Vater?" — Doch nicht lange verließ er sie, denn schon am 12. Februar 1810 wurde Säben samt der ganzen Umgebung von den französischen Truppen gereinigt und am folgenden Palmsonntag das heilige Kreuz mit unbeschreiblichem Jubel von der Apostelkirche in sein uraltes Heiligtum zurückgebracht. Während der letzten französischen Besetzung waren manch wackere Landesverteidiger auf Säben in Gewahrsam gebracht worden. Frau Magdalena wusste diesen Armen oft unter den größten Schwierigkeiten und Gefahren Speise und Trank zukommen zu lassen. Einer aus ihnen, Josef Plaitz, wurde am Weihnachtsfest 1809 auf der Ansheimer Wiese standrechtlich erschossen. Am 30. Jänner 1810 erhielt der Brixner Bischof den Befehl der französischen Militärbehörde, den letzten Säbner Klosterfrauen andere Wohnungen anzuweisen, da hier wieder eine Festung errichtet werden müsse. Trotzdem harrte Frau Magdalena weiterhin auf ihrem Leidensposten aus: Maria hatte geholfen, Maria wird weiter helfen. Und wirklich, mit der Befreiung des Landes im Jahre 1814 konnte auch das Stift wieder aufgerichtet werden. Wohl war innerhalb der letzten 20 Jahre dem Stifte vieles verloren gegangen oder auch ganz zugrunde gerichtet worden, aber der ungebrochene Wille der starken Frau Magdalena richtete die verarmte Gemeinschaft wieder auf.

Äußerlich kehrte sie auf ihren alten Posten im Kloster zurück — sie war vordem Küchenmeisterin gewesen —, aber sie sorgte auch weiterhin für eine starke seelische Kost. Geboren am 22. August 1755 als Tochter des Wirtes und Gastgebs zum „Schwarzen Adler" in Niederdorf im Pustertal. Anton Told, und seiner Ehefrau Maria Peintnerin, trat das Mariele mit 19 Jahren in das Kloster Säben ein, wählte den Ordensnamen Magdalena und legte 1776 die Ordensprofess ab; bald erhielt sie das Amt in der Küche und behielt es durch 48 Jahre zum Heile der ganzen Abtei. Erst in den Kriegszeiten wurden ihr Mut, ihr Gottvertrauen und ihre Liebe zur Heimat offenbar. Noch in ihren alten Tagen musste sie das Vorsteheramt übernehmen (1829 — 33). Mit 83 Jahren, am 16. Februar 1841 starb sie eines hocherbaulichen Todes.

E. v. Handel-Mazzetti hat als Dichterin manche deutsche Heldenbraut gestaltet, die um des Höchsten willen sich dazu entschloss, in Männerkleidern ihren schwersten Gang anzutreten. Frau Magdalena Told, die Benediktinerin von Säben, wagte das Äußerste um der Abtei und Wallfahrt willen. Die Stimme des Herrn rief ihr aus dem Dickicht der Bedrängnis sein entflammendes Wort zu: Löse deinen Ordensgürtel, auf dass dieses Land wieder ein geheiligtes werde! Gottgelobter Boden, Urstätte des Kreuzes vom Land im Gebirge, erste Heimat seiner Bischöfe, Ziel zahlloser frommer Pilger und Wohnstatt weltabgeschiedener Nonnen, zertreten und verwüstet von wilder Soldateska — leg ab deinen Habit und zwänge deinen jungfräulichen Leib in das Gewand deiner Bedränger, tritt hin vor ihren Gewaltigen und sprich: Gib frei diesen Berg, er ist geheiligter Boden, Kultstätte und Kalvarienberg zugleich und Berg der Auferstehung unseres Volkes!

Mit dieser Kraft siegte der unbekannte Soldat von Säben.

   
  Quelle: Chorfrau Ildefonsa Frick O.S.B., Der Sieg des Säbner Soldaten von 1809, Nach zeitgenössischen Aufzeichnungen, in: Der Schlern, Zeitschrift für Heimat- und Volkskunde, 13. Jahrgang 1932, S. 529 - 532.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.