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  Die Sandwirts-Dragoner
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

„Die Sandwirts-Dragoner ritten wie Besessene herum", so schreibt P. Augustin Knoflach am 26. Oktober 1809 in sein Tagebuch. Wie kamen nun die berggewohnten Tiroler Schützen zu dieser merkwürdigen Kämpferschar? Es ist bekannt, dass Andreas Hofer als Wein- und Pferdehändler nicht nur ein trefflicher Pferdekenner, sondern auch ein großer Pferdeliebhaber war. Als bei den Kämpfen auf den Wiltener Feldern die Tiroler Schützen gegenüber der bayerischen und französischen Reiterei, die gegen die Landstürmer Attacken ritt, im Nachteil waren und daher solche Angriffe fürchteten, dachten die Tiroler Kommandanten daran, selbst eine solche Bauern-Kavallerie zu schaffen. FML. v. Chasteler erließ am 4. Mai 1809 in Innsbruck eine Proklamation, in der er die Errichtung und Ausrüstung einer National-Kavallerie (Defensions-Kavallerie) befahl.

Zuerst hören wir beim Einzug Martin Teimers am 31. Mai 1809 in Innsbruck, dass ihm 2 ranzionierte Kürassiere auf „Müllerrossen", der eine ohne Casquet (Helm), der andere mit einer Haube auf dem Kopf, voranritten. Am 24. Juli waren es schon 24 Sandwirt-Dragoner, die von Hofer nach Rattenberg zur Verteidigung dieser Stadt abgesandt wurden. Nach der dritten Berg-Isel-Schlacht fuhr Hofer in einer Kalesche, begleitet von vier Kavalleristen in Innsbruck ein. Dieses „tirolische Kavallerie-Korps" hatte zuerst Oberstleutnant Paul v. Taxis und Major v. Teimer durch Ankauf erbeuteter oder sonst entbehrlicher Pferde zusammengestellt. Als Reiter wurden Ranzionierte, d. s. aus der Kriegsgefangenschaft entlaufene Soldaten, dann solche Mannschaften, die von ihren Offizieren wegen Krankheit, Vergehen oder Desertion zurückgelassen wurden, verwendet; sie hatten grüne oder blaue Jacken mit roten Aufschlägen, zur Herbeischaffung des Sattelzeuges stellte der Intendant Baron Hormayr das nötige Geld bei.

Als Hofer am 1. September 1809 einen kleinen Urlaub von seinen Regierungsgeschäften nahm, um in seine Heimat zu reisen und dort Weib und Kinder zu besuchen, fuhr er in einer Equipage, von vier Schimmeln gezogen. Voraus ritt ein Passeirer mit blankem Schwert, gefolgt von einer Kavalkade von 20 Reitern in Dragoner-Uniform mit gezogenen Säbeln und zwei Trompetern, dann kamen zwei Leiterwagen, auf denen acht Adjutanten und Hauptleute Platz genommen hatten, endlich Hofers Viergespann. Neben Hofers Wagen ritt der Vorarlberger Major Bernhard Riedmiller. Am 26. September 1809 soll die Reiterschwadron sogar sehr gut montiert und täglich exerziert worden sein, da ja den Einheimischen die Erfahrung im Reiten mangelte. Hofer soll sogar mit einem gewissen Stolz auf diese seine Schöpfung geblickt haben. Zu ihrer Equipierung machte er oft selbst den Einkäufer und hat für diese Idee so manches „Fass Salz" geopfert. So bestellte Hofer Tuch, kaufte Pferde und Sattelzeug; am 15. Oktober 1809 schrieb er dem Kaufmann Franz Josef Habtmann in Innsbruck: „Den Dragonern sind Hemeter (Hemden) ausfolgen zu lassen, aus Ursach, daß gar keiner keins hat". Neben der Kavallerie bestand auch eine kleine Artillerie (20 Mann) mit Doppelhaken und erbeuteten Geschützen. Die Artilleristen halten graue Uniformen mit roten Aufschlägen. Auch bei seinen Besuchen in Bozen und Meran, wo er in einem glänzenden Postzug mit zwei Vorreitern einzog, verlangte er die Ablieferung von 50 Kavalleriemänteln zur Equipierung für 50 Reiter. Am 28. September 1809 bestand das Reiterkorps schon aus 100 Mann ranzionierten „Husaren", altgedienten, berittenen Kriegern.

Die Sandwirtsreiter dienten mehr zur Parade und zum Ordnungs- als zum Kriegsdienst. Sie wurden von Hofer als Kuriere, Estaffetten und Ordonnanzen benützt, waren jedoch wegen ihrer Roheit und des Unfuges, den sie trieben, nicht sehr beliebt, auch sollen sie sehr dem Trunk ergeben gewesen sein. Namentlich am 31. Oktober, als die Bürger Innsbrucks schon kriegsmüde waren, ritten die Sandwirts-Dragoner in die Menschenhaufen, die sich in der Altstadt sammelten, blindlings hinein und sprengten wild durch die Stadt. Beim Einzug der Bayern, am 25. Oktober in Innsbruck, ritt ihnen ein Sandwirts-Dragoner mit der weißen Fahne entgegen, während andere in den Hofgarten sprengten und dort die bayerischen Wachposten alarmierten.

Am 22. Oktober schlug sich die Kavallerie Hofers mit Auszeichnung bei Rattenberg und in Innsbruck. Manchen Schützenkompagnien waren Sandwirts-Reiter als Kuriere zugeteilt, so hatte z. B. die 11. Landecker Landmiliz-Kompagnie fünf „Husaren". Anton Steger hatte in seiner Kanzlei in Lienz mehrere Kanoniere, 19 Dragoner und drei Husaren „zur Disposition".

Die Namen der Sandwirts-Dragoner sind uns nicht überliefert, wohl, weil dieses Korps hauptsächlich aus Nichttirolern bestand. Wir hören nur einmal, dass ein ehemaliger Wachtmeister eines bayerischen Chevauxlegers-Regimentes, Ringel, Kommandant der Leibdragoner war, dann von einem Sandwirts-Reiter Köll aus Stams, der in Mais (bei Meran) die Aufgebote Hofers vom 11. November 1809 verkündete, von dem Sandwirts-Dragoner-Korporal Miller, von dem Sandwirts-Reiter Josef Kelderer, vulgo „Sonn-Josl" aus Sterzing, von den Sandwirts-Dragonern Matthias Frena, Josef Markreich und Franz Burger, welche alle vier auf der Tuchbleiche vor der Stadt Bozen im Auftrag des französischen Generals Severoli am 21. Dezember 1809 standrechtlich erschossen wurden, nachdem sie am 5. Dezember 1809 in dem Gefecht bei Klausen gefangen genommen wurden.

Leider sind uns von diesen berittenen Tiroler Landesschützen aus dem Jahre 1809 keine Bilder erhalten; auf den überlieferten Kampfbildern sind keine Reiter sichtbar, so dass wir es der Phantasie des Malers überlassen müssen, nach zeitgenössischen Motiven die Sandwirts-Dragoner zu illustrieren.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 68 - 70.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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