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  Josef Marberger
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Eine sehr bedeutende Rolle im Freiheitsringen des Jahres Neun spielte als Oberkommandant der Ober-Inntaler Landesverteidiger, der Schützenmajor Josef Marberger. Während wir über seine kriegerischen Taten recht genau informiert sind, war bisher sein plötzlicher Tod in Wien in geheimnisvolles Dunkel gehüllt.

Josef Marberger, am 4. Dezember 1777 in Silz geboren, trat beim Landgericht in Silz (Petersberg) ein und diente dort als Pflegamts-Substitut (Gerichtsbeamter), als ihn die Kriegsereignisse 1809, vor allem die Vorbereitungen hierzu im März 1809 zu den Waffen riefen. Auch seine Brüder Johann und Anton Marberger nahmen als Hauptleute der Umhausener Schützenkompagnien am Befreiungskampf teil. Sein Vater Josef Marberger (geb. 1743, gest. am 2. März 1816 in Silz) war Landrichter und Pfleger in Silz und Besitzer der mittleren goldenen Zivilehrenmedaille; seine Mutter Maria Theresia Karolina war eine geborene Wagner, sein Taufpate war Theodor Graf Wolkenstein. Seine Geschwister waren Balthasar, Karl Theodor (geb. 1776, gest. als pensionierter Hauptmann 30. August 1832), Johann Baptist, Anton Johann (geb. 3. Juli 1779) und Maria Anna.

Das erste Auftreten Marbergers, den Josef Rapp als ebenso klug wie mutvoll bezeichnet, auf dem Tiroler Kriegsschauplatz erfolgte um Mittag des 12. April 1809, als er an der Spitze der Silzer Schützenkompagnie, die ihn zu ihrem Hauptmann erkor, in die von den Bauern eroberte Stadt Innsbruck einzog. Marberger war es, der dem Martin Teimer die Offiziersuniform eines alten pensionierten Majors (Graf Karl von Spaur) verschaffte, in der dann der „Major" Teimer die Ruhe in der aufgeregten Stadt herzustellen suchte. Am 29. Mai 1809 vertrieb Marberger mit seinen Oberinntalern und den Wildschützen aus der Leutasch die bayerischen Truppen unter dem Obersten Max Graf Arco, warf sie nach Mittenwald zurück und zwang sie, die besetzten Pässe um Scharnitz aufzugeben, zog sich aber am 16. Juni mit Teimer wieder nach Seefeld zurück. Vor der dritten Berg-Isel-Schlacht stand Marberger als Major und Abteilungskommandant nördlich vom Inn, zog dann über die Allerheiligenhöfe gegen Hötting und nahm an der heißesten aller Schlachten am 13. August auf dem Berg Isel teil. Andreas Hofer belobte ihn in wiederholten Briefen seines Eifers wegen. Nach dem ruhmreichen Sieg zog Marberger, der am 1. September von Hofer zum Distriktskommandanten des Vintschgauer Gerichtsbezirkes ernannt wurde, mit seinen Silzern wieder in die Scharnitz.

Am 1. November befand er sich mit Martin Firler in einer Stellung an der Martinswand und rettete sich, als er das Unheil dieses verlorenen Tages kommen sah, in die „Klammen" des Solsteins bei Zirl. Am 11. November rief Marberger über Aufforderung Hofers die Stürmer nach Imst, lieferte den Bayern an der Arzler Brücke ein heißes Gefecht, musste sich aber nach Landeck zurückziehen. Als Hofers Lage immer kritischer wurde, befahl er, den „gewesenen" Kommandanten von Oberinntal Josef Marberger nach Wien zum Erzherzog Johann auf geeignete Weise befördern zu lassen, was aber nicht geschah. Am 23. November ruft Marberger von Rabland (bei Partschins) die Vintschgauer auf, die sich aber beim Anmarsch Baragueys wieder zerstreuten; auch die im Auftrage Hofers von Marberger nach Mals geführten Oberinntaler traten nicht mehr in Aktion. Nach der Einnahme von Pfunds durch die Bayern am 27. November musste Marberger flüchten und gelangte anfangs Dezember über die Westgrenzen Tirols in die Schweiz (Münster). Von dort ging die Reise unter mancherlei Fährlichkeiten weiter in die Kaiserstadt an der Donau. Für seine Dienste Anno Neun hat Marberger keinen Dank und keine Anerkennung gefunden. Die Eroberung der Grenzpässe Leutasch und Scharnitz wurde von dem zeitgenössischen Historiker Hormayr, der ebenso wie Anton von Roschmann und Karl von Menz ein Mitschüler Marbergers am Innsbrucker Gymnasium war, Martin Teimer zugeschrieben und so kam der bescheidene Marberger um seine verdiente Auszeichnung. In Wien anfangs Jänner 1810 angekommen, nahm er in der Stadt Nr. 535 Wohnung und trat mit Bernhard Ridmiller, Josef von Pühler und Johann Wild dem Konsortium zur Verteilung englischer Unterstützungsgelder an die Tiroler Emigranten bei. In dieser Eigenschaft reiste er im Februar nach Prag zu dem englischen Agenten Maurus Horn, eine Tätigkeit, die dem französischen Gesandten in Wien Gelegenheit gab, sich beim Außenminister Fürsten Metternich über diese Umtriebe zu beschweren.

Anfangs März 1810 wieder nach Wien zurückgekehrt, amtierte Marberger in Bernhard Ridmillers Wohnung, im Gasthof zur „Grünen Weintraube" auf der Wieden (heute Wiedener Hauptstraße 52) als Rechnungsführer über die Auszahlung der Gelder an seine Landsleute und musste hierbei von Unzufriedenen so manche Drohungen hören, wenn er seinen engeren Heimatsgenossen, den Oberinntalern, mehr anwies. Ende Juli 1810 wurde Marberger von Kaiser Franz in Laxenburg in Audienz empfangen, der ihn freundlich abfertigte.

Während dieser Zeit hatte die bayerische Regierung die in Tirol (Silz) wohnenden Angehörigen Marbergers wegen der Wiener Tätigkeit Josefs unter Polizeiaufsicht gestellt. Josefs Bruder Balthasar, der als Assessor in Rosenheim diente, hatte sich anlässlich eines Gesuches im Elternhaus Silz 1809 dem dortigen Landsturme angeschlossen und büßte dies 1810 mit Haft und Dienstentlassung, wozu ihm noch die Ausübung der Advokatur eingestellt wurde.

Am 20. August 1810 reiste Josef Marberger mit dem Kaffeesieder Franz Anton Nössing aus Bozen nach England. Sie fuhren ohne Pass ab. Kurz vorher, anfangs August 1810, erhielt Marberger vom Kaiser eine Stelle als Magistratsrat in Marburg (Steiermark). Statt diese gute Stelle anzutreten, reiste Marberger lieber nach London, was ihm der Hof und die Polizei sehr übel nahmen. Man forschte nach seinem Aufenthalt, dem Zweck und dem Ziel der Reise. Als Marberger am 4. März 1811 unter dem falschen Namen Josef Oberhauser wieder nach Wien zurückkehrte, war der schöne Posten in Marburg anderwärts vergeben, Marberger musste sich einem peinlichen Verhör unterziehen und gestand, dass er behufs Erwirkung englischer Hilfsgelder nach London gereist sei. Dort sei er ausgezeichnet verpflegt worden, habe schöne Geschenke, das Reisegeld für die Rückkehr nach Wien, aber — keine Hilfsgelder für die Tiroler bekommen. Er bat, da er ein „Wahlfähigkeitszeugnis im Zivil-, Kriminal- und politischem Fache" besaß, um eine Stelle im Justizfache. Eben als man über seine weitere Anstellung beriet und auch gegen ihn wegen der unerlaubten Reise nach London vorgehen wollte, traf die Nachricht von seiner Ermordung ein; der Kaiser schreibt eigenhändig auf den Akt: „Behebt sich durch Marbergers in der Zwischenzeit erfolgten Tod. Wien, 22. März 1811. Franz m. p."

Am 17. März 1811 um 6 Uhr früh wurde nämlich in Wien im Stadtgraben (Festungswall) links außer dem Schottentor (heute Wien, Ring des 12. November Nr. 12) der in der Nacht vom 16. zum 17. ermordete Tiroler Josef Siegmund Marberger von dem Feldwebel des 48. Linien-Infanterie-Regimentes „Baron Simbschen" Narziss Kaidel tot aufgefunden. Der Feldwebel machte von dem grausigen Fund die polizeiliche Anzeige, verschwand aber dann, da er, wie später erhoben, selbst der Mörder war. Nach dem Rapport der Polizei, den Baron Hanger am 27. März 1811 dem Kaiser unterbreitete, war der genannte Feldwebel zur Patrouillierung in der Nacht vom 16. zum 17. März mit fünf Gemeinen kommandiert, die er aber schon am 16. abends nach 8 Uhr allein in die Kaserne zu gehen beorderte. Er war es, der am 17. um 6 Uhr früh der Bezirksdirektion im Schottenviertel von einer im Stadtgraben tot liegenden Mannsperson die Anzeige machte und dessen Hut nebst einer erbrochenen Brieftasche mit 2 Gulden in Banko-Zettel überbrachte. Um 7 Uhr früh kam er in die Kaserne zurück, unterließ aber in seinem über die Patrouille abgeführten Rapport von der „tot gefundenen" Mannsperson eine Meldung zu erstatten, bat bald darauf seinen Hauptmann um einen dreitägigen Urlaub und entfernte sich noch am nämlichen Vormittag aus der Kaserne. Kurz vor seiner Entfernung zeigte er seinen Kameraden und einem Kadetten eine englische silberne Sackuhr, einen goldenen Ring und über 100 Gulden in Banko-Zetteln mit dem Vorgeben, dass er alles dieses in einem Vorstadt-Wirtshaus im „Hanserl-Spiel" gewonnen habe. Als der Oberstwachtmeister und Bataillons-Kommandant von Brustmann von diesem Vorgang und den vorgezeigten Effekten, die alle Eigentum des toten Marberger waren, unterrichtet war, ließ er dem der Desertion verdächtigen Feldwebel nach Hainburg, wohin dessen Urlaubspass lautete, nachsetzen. Der Flüchtling wurde zwar dort nicht mehr angetroffen, es wurde jedoch in Erfahrung gebracht, dass er in einem Wirtshaus in Schwechat wegen Streitigkeiten beinahe arretiert worden wäre und dort die silberne englische Sackuhr bei sich hatte. Da er sich wahrscheinlich nach Preßburg geflüchtet hatte, wurde von Seite des Bataillons-Kommandos als auch der Polizei-Oberdirektion seine Personsbeschreibung in Druck gelegt und allenthalben verbreitet. Noch am selben Tag verständigte der Polizeidirektor Baron Haager den Kaiser, der mit den eigenhändigen Worten: „Dient zur Nachricht, Franz m. p., Wien, am 17. März 1811" das Ereignis zur Kenntnis nahm. Dem Stadthauptmann zu Preßburg, Hartl, wurde eine entsprechende Belohnung für die Habhaftmachung des Mörders versprochen, die auch bald gelang, was der Kaiser wiederum zur Kenntnis nahm.

Da man die Leiche mit offenen Beinkleidern auffand, vermutete man zuerst, dass Marberger, um seine Notdurft zu verrichten, in betrunkenem Zustand sich auf den Linienwall begeben und sich hierbei zu weit vorgewagt habe, wobei er in den tiefen Graben stürzte. „Siechknechte" schafften die Leiche in das allgemeine Krankenhaus, wo der ärztliche Gerichtskommissär Seisser eine tiefe Wunde am Kopf in der Größe eines Kupfergroschens, durch den Knochen bis ins Gehirn reichend, mit einem stumpfen Werkzeug und mit außerordentlicher Gewalt beigebracht, konstatierte. Bei dem Toten fand man englische Gedichte, ein englisches Lexikon, einen Plan von London, ein deutsches Gebetbuch und dergl. Sein Wohnort nach seiner Rückkehr aus London war Wien, Leopoldstadt, „zum schwarzen Adler", seine letzte Wohnung bis zum Tode Wien, Innere Stadt 535 (heute Judengasse 6). Diese Wohnung bewohnten auch Marbergers Waffenbrüder, die pensionierten Majore Martin von Teimer, k. k. Obristwachtmeister, und Bernhard Ridmiller. Marbergers entseelter Körper wurde am heute aufgelassenen Allgemeinen Währinger Friedhof in Wien auf Kosten der (englischen) Unterstützungskasse bestattet.

Es ist kein Zweifel, dass der sonst vermögenslose Marberger durch seinen Besitz englischen Geldes aufgefallen war und dass der Raubmörder es hauptsächlich auf das Geld und die Wertsachen seines bedauernswerten Opfers abgesehen hatte. Der Mörder wurde später ergriffen und ihm der Prozess gemacht. Hierdurch erweisen sich auch alle Gerüchte, dass Marberger sich im Rausche „erfallen" habe oder dass er im Auftrag der französischen oder italienischen Regierung oder gar von einem feindlich gesinnten Landsmann wegen Misstrauens in seine Verschwiegenheitspflicht ermordet worden sei, als hinfällig.

So musste ein wackerer Tiroler Kämpfer sein Leben fern von der Heimat lassen, in der zu bleiben er wegen der bayerischen Okkupation nicht übers Herz brachte. Sein Andenken wurde nur dadurch geehrt, dass man sein Porträt der „Speckbacher-Heldengalerie" im Kaiserjäger-Museum auf den Berg Isel einverleibte.

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 323 - 327.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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