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  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

Antwort

Freund! Ihr letztes Schreiben hat mehrmals meine ganze Seele empört. Hofer erscheint immer in einem dunkleren, kleinlicheren Lichte. Ihnen und dem Herrn Major Sieberer ist Ihr Vaterland für Ihre rastlosen edlen Bemühungen großen Dank schuldig. Sie erwähnten eines gewissen Schweizer Kapuziners Paul. Was tat denn der in Rom, dass Sie ihn mit dem Kapuziner Joachim verglichen? Im französischen Lager zu Niederndorf waren es wohl die militärischen Umstände, welche Sie an einem Samstag Speck und Fleisch zu essen nötigten, sonst würden Sie es bei der Hochachtung, die Sie, wie ich Sie kenne, gegen die Gebote der Kirche tragen, und bei der Zärtlichkeit Ihres Gewissens ja nicht gewagt haben. Ich hätte Sie vor dem General Rusca Ihre Bücklinge machen und vorzüglich Ihre Ehrfurcht heucheln sehen mögen, weil ich weiß, dass Sie sich auf zwei Dinge, nämlich aufs Komplimente machen im ernsthaften Hoftone und aufs Schönheiten sagen mit zärtlicher Miene und ohne zu lachen, vortrefflich verstehen. Daher, glaube ich, hätte Sie Rusca nicht besser und bündiger charakterisieren können als mit den Worten „siete un vero Tirolese" 20); denn dies ist eine ausgemachte Sache, dass den Tirolern an Verschmitztheit nicht leicht ein Volk gleichkommt.

20) Sie sind ein wahrer Tiroler.

Doch sei dies nicht zum Nachteil Ihres eigenen oder des Charakters Ihrer Landsleute gesagt. Wo kam denn der französische Offizier Sevelinges hin? Freund! Wenn ich in Ihrer Lage gewesen wäre, ich wäre in Bruneck beim General Baraguay d'Hilliers geblieben und hätte, weil dieser Ihnen seinen Schutz angeboten hat, die Bauern verzappeln lassen: quia omnis populus ingrata bestia. 21) Indessen belobe ich Ihre Vaterlandsliebe, und es freute mich unendlich, als ich las, dass der Erfolg Ihren Bemühungen und Ihren Wünschen entsprach. Der Major Harasser hat sich, um Sie aus der Patsche zu ziehen, prächtig benommen. Ihre Proklamationen aus Sterzing am 8. November habe ich selbst in den Zeitungen gelesen und dabei nicht so sehr Ihre Feder als das Schreiben des Vizekönigs vermisst. Warum ließ Baiern dies nicht gleichzeitig im Drucke erscheinen? Die herzbrecherisch eingreifenden Wahrheiten in der Aufforderung, die der Fürstbischof von Brixen an seine ehrwürdigen Amtsgehilfen erließ, hätte ich doch geglaubt, würden bei den religiösen Tirolern Eingang gefunden haben. Ihre Lage in Meran war bedenklicher und gefährlicher als alle Ihre frühern Verlegenheiten. Ich erstaunte, als ich las, dass erst nach dem 10. November die Epoche des Unsinnes, der Wut und der Verzweiflung beginnt. Freund, schreiben Sie mir ja geschwind! Ich sterbe vor Begierde auf Ihre künftige Erzählung, weil Sie mir Dinge zu berichten versprachen, die man selbst in Ihrem Vaterlande nicht weiß. Addio. In der gespanntesten Erwartung, meine Neugierde recht bald befriedigt zu sehen, verbleibe ich . . .

21) Denn jede Volksmasse ist ein undankbares Tier.

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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