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  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

9. Brief

Einem französischen Offiziere werden wichtige Briefe abgenommen. Hofer lässt sich zur Unterwerfung bestimmen. Abordnung an den französischen Vizekönig. Rückreise. Der betrunkene Peter. Hofer entschließt sich in Sterzing abermals zum Frieden. Bei Nacht und Eis über den Jaufen. Auflösung des Landsturms bei Meran.

Lieber Freund! Ich sah es wohl selbst ein, dass die Geschichte, wie ich mit dem Hofer bekannt geworden, nichts Interessantes hat, doch musste ich sie Ihnen erzählen gewisser Gründe wegen, die ich Ihnen nachher eröffnen werde. Hofers Arrestanten wurden noch vor dem Einmarsche der Baiern freigelassen; nur Herr Indest wurde, wenn mir recht ist erzählt worden, noch bis Lana transportiert und erst dort, wie weiß ich nicht, frei. Der arme französische Offizier wurde auf dem Wege von Innsbruck nach Sterzing von den Bauern rein ausgeplündert. Er hatte viel Geld bei sich. Garbini hat sich nach der Schweiz geflüchtet.

Nun hören Sie, wie ich mich dem Regen entzogen, dagegen aber in die Traufe geraten bin. Vom Schönberg begab ich mich nach Steinach zum Hofer, mich um die wahre Lage der Dinge zu erkundigen. Den Hofer traf ich ganz kleinmütig und verwirrt an. Herr Purtscher erzählte mir, was sich vom 21. Oktober bis daher in unserm Hauptquartiere zugetragen und dass das ganze Volk noch immer vom Frieden nichts wissen wolle. Ohne Rettung glaubte sich jeder verloren. „Die Franzosen und Baiern halten kein Wort, wenigstens werden die Kommandanten und Hauptleute alle aufgehängt oder erschossen, wir haben ohne Roschmann Armeen geschlagen und unser Land verteidigt, wir können und müssen es noch tun." Dies war die Sprache, welche man in Steinach führte, als ich den Hofer verließ, um mich wieder auf die Vorposten zu begeben, und den Herrn Aschbacher und vorzüglich den Major Sieberer, welche unter allen Kommandanten unstreitig die rechtlichsten und vernünftigsten waren, aufzusuchen und mich mit ihnen über die Angelegenheiten unsers Vaterlandes zu besprechen. Vergebens suchte ich beide. Erst spät in der Nacht traf ich den Major Sieberer in Matrei in einem Wirtshause auf einem Strohsacke an. Ich legte mich zu ihm hin und fragte ihn, was er wohl glaube, das man nach den jetzigen Umständen zum Wohl des Vaterlandes zu tun habe? und erzählte ihm, welche Stimmung beim Hofer noch herrsche. Nichts anders, gab er mir zur Antwort, als dass man den Hofer ernsthaft belehre, dass er sein Ansehen und Zutrauen nun ebenso zur Niederlegung der Waffen und zur Beruhigung des Landes gebrauche, wie er sich dessen bedient hat, das Land zu empören und uns gestern noch zwecklos auf dem Berg Isel zu opfern. „Ich", fuhr er fort, „zweifle an dem Frieden nicht mehr. Grenzenlos und unheilbar würde das Elend, das wir durch längere Widersetzlichkeit unserm ohnehin bedrängten Vaterlande zubereiten würden. Wenn sich Hof er morgen nicht unterwirft, so werde ich einzig auf die Rettung meiner Person bedacht sein." — „Wenn's so ist," sagte ich, „so reite ich mit Tagesanbruch noch über den Brenner und über den Jaufen durch Vinschgau nach der Schweiz."

Während wir so miteinander sprachen, kam ein Bauer und brachte mir den Auftrag vom Adjutanten Purtscher, ich solle mich augenblicklich nach Steinach begeben, es wäre ein französischer Offizier gefangen eingebracht worden, der viele Papiere bei sich habe, die ich lesen sollte. Ohne eine Minute zu verzögern, galoppierte ich nach Steinach. Gerade um Mitternacht kam ich dahin. Hofer und alle seine Herren Adjutanten schliefen tief und schnarchten wie die Bären, als ich ins Zimmer trat. Auf dem Tische lag neben einem Nachtlichte das Felleisen nebst der Brieftasche des gefangenen Offiziers. Unter seinen Papieren waren mehrere sehr schöne Zeugnisse und 3 Briefe, welche vom Vizekönig von Italien aus Villach datiert, einer an Se. Majestät den König von Baiern, der andere an Se. Kgl. Hoheit den Kronprinzen, der dritte an den en chef kommandierenden französischen General Drouet geschrieben waren. Aus einer dabei liegenden Marschroute entnahm ich, dass der Gefangene ein Stabsoffizier war, welchen der Vizekönig von Villach über Salzburg als Kurier nach Innsbruck schickte. Die beiden Briefe, der an Se. Majestät den König und der andere an den Kronprinzen enthielten außerdem, dass ich darin die Bestätigung des Friedens las, nichts wichtiges. In dem dritten aber machte der Vizekönig dem General Drouet die Anzeige, dass von der italienischen Armee 3 Divisionen am 2. in Lienz, am 6. in Mühlbach eintreffen würden, dass General Peyri den Auftrag erhalten habe, den Tirolern über Gröden in die Flanke zu marschieren, und dass General Vial mit seiner Division bereits bis Bozen werde vorgerückt sein. Er schicke nur noch wenige Bataillone nach, weil er zuversichtlich erwarte, dass die Tiroler nun nach abgeschlossenem Frieden mit Österreich ihr Interesse und das Wohl ihres Vaterlandes in Betracht ziehen und einsehen werden, dass sie wider Frankreichs und seiner Alliierten unüberwindliche Macht nicht länger, ohne sich gänzlich zugrunde zu richten, in der Empörung ausdauern können. Aller Orten, wo sich kein Widerstand zeigt, sei mit möglichster Schonung vorzugehen.

Nachdem ich dies gelesen, stand ich einige Minuten wie versteinert da. Diese Anzeige eröffnete meinem Geiste mit einem einzigen Blicke die gegenwärtige und künftige Lage meines Vaterlandes. Mein stürmisch schwindelnder Kopf bekam eine andere Richtung. Das Wort „Politik" verdrängte aus meinem Gehirn den Sturm. Ich suchte, ohne Hofer oder einen seiner Adjutanten aufzuwecken, den gefangenen Offizier auf und traf ihn in einer kalten Kammer nebst einem Bauern, der ihn verwachen musste, an. Als ich in die Kammer trat und ihn französisch ansprach, fiel er mir um den Hals und bat mich mit aufgehobenen Händen um die Rettung seiner Papiere. Ich erkundigte mich um seine Gefangennehmung. Da erzählte er mir, dass er, als er ganz allein nach Innsbruck fuhr, zwischen Volders und der Volderer Brücke von einem Haufen Bauern, die von dem Berge herabkamen, überfallen, gefangen genommen und zu einem Kommandanten geführt worden sei, der ihm sein Felleisen und seine Brieftasche gerettet und ihn hierher zu transportieren befohlen habe. Dieser rechtliche Kommandant war Herr Straub von Hall. Nach wenigen Fragen, die ich an den Offizier stellte, merkte ich, dass ich einen erfahrenen, gesetzten Mann vor mir hatte. Vor allem ließ ich von dem Bauern die Kellnerin aufwecken. Als diese kam, befahl ich ihr, ein Zimmer und ein Bett zu bereiten und dem Offizier eine Suppe, um die er mich ersucht hatte, zu kochen. Die Kellnerin öffnete uns ein Zimmer, in welchem ein aufgerichtetes Bett stand, und brachte schnell eine Suppe, welche der Offizier nicht gegessen, sondern verschlungen hat. Der Offizier legte sich zu Bett und ich galoppierte, nachdem ich zuvor den Herrn Purtscher aufgeweckt und ihm den Gefangenen und dessen Bagage und Schriften nachdrucksamst anempfohlen hatte, nach Matrei zurück zum Major Sieberer. „Freund," sagte ich ihm, als ich ins Zimmer trat, „ich bringe Ihnen ganz besondere Nachrichten, wir haben hohe Zeit, andere Köpfe aufzusetzen, sonst wird man uns die, welche wir bisher trugen, bald abschlagen." Nun erzählte ich ihm, was ich in Steinach gesehen und mit dem französischen Offizier gesprochen und vorgenommen hatte. — „Ja," sagte Herr Sieberer, „wir haben höchste Zeit, die Bahn des Friedens einzuschlagen und durch Politik das zu retten, was fernerer Unsinn und Widerstand notwendig zugrunde richten würde. Was ich bisher getan und geopfert habe," fuhr er fort, „tat und opferte ich im Namen des Kaisers von Österreich. In Hofers Namen kann, darf und will ich nichts mehr tun." — „Der Offizier", sagte ich, „hat mir geraten, wir sollten eine förmliche Unterwerfungsschrift verfassen und damit eine Deputation nach Villach zum Vizekönig von Italien schicken, durch dies einzige Mittel könnten wir unser Vaterland noch retten." — „Ich bin der nämlichen Meinung," sagte Herr Sieberer, „aber wer wird den Hofer zur Unterwerfung und zur Unterschrift bereden? Wer wird, nachdem ihn nur mehr Bauern umgeben, sich als Deputierter zum Vizekönig eignen? Wer wird vor ihm und seinen Generalen über die Angelegenheiten unseres Vaterlandes mit Anstand und Würde sprechen? Freund! Wenn Sie sich hierzu nicht brauchen lassen, so kenne ich keinen einzigen, der nur die nötigen Sprachkenntnisse besitzt." — „Herr Major," sagte ich, „wenn Sie mich in meinem Vorhaben unterstützen und, wenn wir unsere Absichten erreichen, mich auf der Reise nach Villach begleiten wollen, so scheue ich keine Strapazen und keine Gefahren und werde mich glücklich schätzen, wenn ich meinem Vaterlande einen Dienst erweisen kann." — „Ich", sagte Herr Sieberer, „habe Haus und Hof, die wahrscheinlich schon ein Raub der Flammen sind, und Weib und Kind in den Händen der Feinde, habe große Summen, habe schon alles geopfert, gern bring ich an Ihrer Seite meinen Landesbrüdern dieses unbedeutende Opfer." — „Wohlan," sagte ich nun, „haben wir bisher Öl in den Brand gegossen, so sei jetzt Löschen unsere einzige Pflicht! Bruder schlag ein!" — Wir schlugen Hand in Hand, schwuren uns wechselseitigen Beistand und Bruderliebe und begaben uns augenblicklich nach Steinach zum Hofer.

Als wir daselbst ankamen, stellten wir dem Hofer weitläufig die Lage unseres Vaterlandes vor, sagten ihm ganz trocken, dass sein Kommando aufgehört habe und legten ihm mit vieler Wärme seine jetzigen Pflichten und das Wohl des Landes ans Herz. Herr Purtscher stimmte uns nach allen Kräften bei. Hofer war zu allem bereit und willig und gutmütig wie ein Lamm. Noch vor Mittag trafen aus verschiedenen Gerichten, sogar von Schlanders, Deputierte ein, welche Hofer schon früher, wahrscheinlich auf Anraten des Herrn v. Giovanelli, zu sich berufen ließ. Unter diesen war zu meinem größten Troste auch Herr v. Mörl, provisorischer Landrichter zu Meran, als Vertreter des Viertels Burggrafenamt und der Stadt Bozen, ein erfahrener, sehr kluger Mann, der des Volkes Zutrauen besaß und italienisch und französisch sprach. Als ich diesen vortrefflichen Beamten und den bescheidenen Holzknecht für Friede und Unterwerfung gestimmt sah und sprechen hörte, hielt ich mein Spiel schon zum voraus für gewonnen. Die Vernünftigsten in der Versammlung waren schon auf meiner Seite. Herr v. Mörl, Sieberer, Purtscher, Holzknecht und ich belehrten die übrigen Deputierten über die traurige Lage unseres verlassenen, bedrängten Vaterlandes und über die Notwendigkeit der schnellen Unterwerfung, wenn wir uns nicht eine gänzliche Verheerung zuziehen wollen. Hofer sprach keine Silbe. Der Kapuziner Joachim, der zufällig auch gegenwärtig war, erlaubte sich einige feindselige Bemerkungen, wurde aber schnell mit einigen ernsthaften Ahndungen, die ich ihm mit gebieterischem Tone machte, zum Schweigen gebracht. Nachdem alles für Friede und Unterwerfung abgestimmt hatte, wurde Hofer gefragt, was er nun für vorzügliche Klagen und Bitten zu Papier gegeben wünsche? „Schreib'n Sie halt", sagte er, „man möcht uns a bißl mit Zahl'n verschonen — ünsern alt'n Glaub'n lass'n — und die Kapuziner und die andern Pater wöll'n mier, und müss'n mier hab'n." — Während Hofer in ein Seitenzimmer ging und sich daselbst mit einigen Bauern, sehr tief in sich gekehrt, besprach, wurde nachstehendes Schreiben an den Vizekönig zu Papier gebracht. 1)

1) Das Schreiben, abgedruckt in den „Memoires et correspondance du Prince Eugene 6, 173“

Nun las ich dem Hofer und der ganzen Versammlung diesen Aufsatz vor, verdolmetschte ihn so, wie ich wusste, dass man es am liebsten hörte, und legte ihn dann dem Hofer zur Unterschrift hin. Hofer nahm die Feder mit den Worten: „Nu in Gott's Namen, werd unser lieber Herrgott wohl all's recht machen", unterschrieb sich und setzte sein Insiegl bei. Unter Hofers Namen schrieb jeder von den Versammelten, mit Ausschluss des Kapuziners Joachim, der dazu nicht aufgefordert wurde, nach Rang und Ordnung auch den seinigen hin. Zur Sendung nach Villach mussten notwendig ich und Major Sieberer gewählt und ersucht werden. Ich ließ mir vom Herrn Sevelinges ein Zeugnis über meine Bemühungen ausstellen, um es auf meiner Reise als Passaport zu gebrauchen, und so fuhren wir noch am nämlichen Tag als am 3. November von Steinach ab. Hofer gab uns einen 500 guldigen Bankozettel und 20 Gulden Konventionsgeld mit auf die Reise. Der Kapuziner Joachim begleitete uns in seiner Kutsche bis Unterau. Unterwegs gab ich ihm den wohlmeinenden Rat, er solle seine Kutsche und seine 3 Pferde verkaufen, den Habit ausziehen, sich den Bart abscheren, in weltliche Kleider werfen und nach Österreich flüchten, wenn er sich nicht dem Schicksale preisgeben wolle, welches den ihm ähnlichen Pater Paul, einen Kapuziner aus der Schweiz, in Rom getroffen hat. Ehe wir abreisten, trug uns Hofer auf, in Bruneck einen gewissen Herrn Battig aufzusuchen und ihn uns beizugesellen. Von Sterzing schickte ich mit dem Knechte meines Vaters mein Pferd und meine Bagage über den Jaufen nach Schlanders, nachdem ich zuvor eine Menge Aktenstücke, besonders alle Hofstettischen Verordnungen, zu mir genommen hatte. Am 4. frühmorgens kamen wir nach Bruneck und ließen den Herrn Battig zu uns rufen. Auch mehrere Herren der Stadt, worunter auch, wenn ich mich nicht irre, der damalige Landrichter war, kamen zu uns in das Wirtshaus, wo wir abgestiegen waren, und erkundigten sich um den Zweck unserer Sendung. Als ich ihnen diesen eröffnet, belobten sie unsere Bemühungen und bezeigten eine herzliche Freude, die Männer zu kennen, welche es wagten, dem Sandwirt so kühn die Wahrheit zu sagen, und die mit so rühmlichem Eifer keine Strapazen und Gefahren scheuend sich so tätig das wahre Wohl des Vaterlandes herbeizuführen bestrebten. Nachdem ich dem Herrn Battig bedeutet, dass er mit uns reisen solle, und dieser reisefertig war, fuhren wir eiligst von Bruneck ab.

Eine halbe Stunde vor Niederndorf stießen wir schon auf einen französischen Reiter, der die sogenannte verlorne Vorpost war. „Arrêtez!" rief uns dieser, als er uns erblickte, zu. Ich befahl dem Postillion zu halten, stieg aus und ging schnellen Schrittes dem Reiter zu. Als ich mich ihm ungefähr auf 10 Schritte genähert hatte, zog er, in einer Hand den blanken Säbel haltend, mit der andern eine Pistole und rief mir neuerdings folgende Worte zu: „Arrêtez! qui êtes vous? où venez vous? qu'est ce que vous apportez?" — Ich sagte ihm: „Je viens du quartier général du gouvernement insurrectionel du Tyrol en qualité du Député du peuple Tyrolien; et j'apporte la paix et la tranquillization du pays. Voilà la dépêche, qui contient la soumission d'Hofer et de tout le Tyrol, et laquelle je suis chargé de porter au viceroi d'Italie."2) Nun galoppierte er zurück aufs nächste Piquet. Ich gab dem Major Sieberer ein Zeichen, nachzufahren. Als wir auf das besagte Piquet kamen, trafen wir die Franzosen voll Freude an. Ein Reiter galoppierte augenblicklich nach Niederndorf, wahrscheinlich unsere Ankunft zu rapportieren. Ein anderer begleitete uns durch das französische Lager. Die Soldaten kamen uns schon stromweise entgegengelaufen. Alle drängten sich um mich her. Einer umarmte, ein anderer drückte, ein dritter küsste mich. Jeder schien vor Freude außer sich zu sein. Der reichte mir seine Branntweinflasche und befahl mir zu trinken, ein anderer gab mir ein Stück Brot, mehreren musste ich ein Stück Käse, Speck, kalten Braten usw. abnehmen. So oft ich die Flasche an den Mund setzte, jubelten und schrieen alle: „Vive l‘empereur! vive Napoleon! vive le Barbon!" 3) so nannten sie den Sandwirt seines Bartes wegen. Ich musste öfters trinken, und allemal wurde der Jubel: „Es lebe hoch" usw. mit verdoppeltem Ungestüm erneuert. „Vive monsieur l'abbé", schrieen sie. „Vous êtes un bon ange, qui apporte la paix! la paix est la meilleure chose pour nous, et pour les bons Tyroliens!" 4) Ich schrie wie ein Unsinniger mit: „Vive la Nation francaise, et le peuple Tyrolien! vive tout M.!" 5)

2) „Halt! Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Was bringen Sie?" — „Ich komme vom Generalquartier der aufständischen Regierung Tirols in der Eigenschaft als Vertreter des tirolischen Volkes; und ich bringe den Frieden und die Beruhigung des Landes. Hier ist die Depesche, welche die Unterwerfung Hofers und ganz Tirols enthält und welche ich dem Vizekönig von Italien zu überbringen beauftragt bin."
3) „Es lebe der Kaiser, es lebe Napoleon, es lebe der Bartmann!"
4) „Es lebe der Herr Abbé, Sie sind ein guter Engel, der den Frieden bringt. Der Friede ist das Beste für uns und für die guten Tiroler."
5) „Es lebe die französische Nation und das Tirolervolk, es lebe die ganze Welt."

Nach diesem lustig fetten Samstag-Frühstück fuhren wir schnell ins Dorf hinein. Die Soldaten hüpften wie die Kinder vor Freude auf und schrieen noch lange Zeit: „Vive Napoleon! Vive la paix!" 6) Ich schloss aus diesem Jubel, dass die französischen Soldaten keine große Lust haben mussten, sich mit den Tirolern zu schlagen und unter ihren Felsen begraben zu lassen. Beim nämlichen Wirtshause, wo der die erste Division führende General Rusca sich einquartiert hatte, stiegen wir aus. Kaum waren wir gemeldet, wurden wir auch vorgelassen. Als ich ins Zimmer treten wollte, schrie mir der General, der mit Stiefeln und Sporen ausgestreckt auf einem Bette lag und von mehreren Adjutanten umgeben war, zu 7): „Halt! Sie sind Priester, nicht wahr?" — „Ja, Exzellenz!" sagte ich. Jetzt fuhr er wütend auf "und fing fürchterlich zu poltern an: „Für Priester schickt es sich nicht, sich bei Rebellen zu befinden. Ich werde Sie wohl sofort aufhängen lassen müssen." — Die Soldaten hatten mir ihn schon beschrieben und seinen Charakter genau geschildert mit den Worten: „Herr Abbé, es ist der Teufel, aber wenn Sie es verstünden, mutig und verständig zu sprechen, würden Sie den besten Mann der Welt in ihm finden." — „Exzellenz," sagte ich ihm ganz gleichgültig, „bevor ich gehenkt werden soll, bitte ich Sie um die Erlaubnis, diese Depesche Seiner kaiserlichen Hoheit dem Vizekönig von Italien bringen zu können." — „Was enthält diese Depesche?" fragte er mich. — „Sie enthält die Beruhigung und Unterwerfung Tirols", gab ich ihm zur Antwort. — „Gut also, treten Sie herein," fuhr er nun fort und fragte mich: „Sprechen Sie italienisch?" — Es musste ihm wahrscheinlich mein Akzent nicht gefallen haben. —

6) Es lebe Napoleon!  Es lebe der Friede!
7) Von hier an sind die im Manuskript Daneys französisch oder italienisch wiedergegebenen Reden sogleich in deutscher Übersetzung angegeben.

„Und ob," sagte ich, „besser als französisch." — „Gut also," sagte er jetzt, „kommen Sie. Wissen Sie, wer ich bin?" — Ich sagte: „Ich habe die Ehre, Se. Exzellenz den General Rusca zu begrüßen." — „Ja, ich bin Rusca," fuhr er fort, und schlug auf seinen ungeheuren Bauch, „der Schrecken des Feindes. Schon mein Name sollte Sie erzittern lassen. Ich bin ein Stück, ein harter Knochen. Wenn ich bei meinem Zuge durch Ihr Land den geringsten Widerstand finde, werde ich Ihre Berge erzittern lassen. Wenn mir irgend ein bewaffneter Bauer in die Hände fällt, lasse ich ihn abschlachten wie ein Schwein. Wissen Sie, dass ich das Haus meines Vaters habe plündern lassen? Wie gefällt Ihnen General Rusca?" — Ich sagte mit einem tiefen Bückling und geheuchelter Ehrfurcht: „Die Heldentugenden Eurer Exzellenz sind so bekannt und bewundert, wie die Großmut und Güte gelobt wird, die Euer Exzellenz gegen jene Völker walten lassen, welche zu Ihrem Schutze Zuflucht nehmen. Ich weiß, dass das gute Herz Eurer Exzellenz immer jenen starken Arm zurückgehalten hat, um sich an jenen Völkern zu rächen, die das Waffenglück in Ihre Gewalt gebracht hat." — Hier fing er zu lächeln an, und sagte: „Herr Abbé, Sie sind ein großer Spitzbub', ein echter Tiroler. Ja, es ist wahr. Ich bin der beste Mann der Welt. Ich will den Bewohnern Tirols unendlich wohl. Ich achte und liebe sie, aber — zum Teufel — Ihr seid alle Dummköpfe, Esel, Spitzbuben, Räuber, und der Oberschuft ist Euer Hofer. Ich habe mich für Euer Land so interessiert, dass ich nach Bozen oder Brixen kommen wollte, um Hofer aufzusuchen, um mit ihm sein Interesse und das Wohl desselben zu unterhandeln, wenn er mir sicheres Geleite geschickt hätte. Aber nicht einmal eine Antwort hat mir der Schuft auf meinen ihm geschickten Brief gegeben. Wissen Sie, dass auch ich ein halber Tiroler bin? Mein Vater war ein Roveretaner. Ihr habt jetzt die höchste Zeit, die Augen aufzumachen, wenn Ihr Euch nicht die ganze italienische Armee auf den Hals ziehen wollt und mit ihr Euer vollständiges Verderben. Wie sieht's gegen Innsbruck aus? Wer hat Hofer überredet, die Friedenspartei zu ergreifen?" — Hier hielt ich ihm das Zeugnis vor, welches mir Sevelinges gegeben hatte. Nachdem er es gelesen, musste ich mit ihm ein Glas Likör trinken, einige Male anstoßen, und dem Kaiser Napoleon, dem Vizekönig von Italien und dem Hofer die Gesundheit trinken. Versteht sich, dass ich dabei das „Viva la bontà e la generosità di vostra Eccellenza" 8) nicht vergessen durfte. Major Sieberer besprach sich unterdessen mit einem seiner Adjutanten, der deutsch sprach. Endlich, nachdem ich so manches von der Insurrektion erzählt, worüber mein General staunte und mehrmal herzlich lachte, befahl er mir, dem Hofer einen Bericht zu erstatten, wie ich es in Niederndorf angetroffen, was General Rusca für ein Mann sei, was er von ihm geäußert und wie wir Deputierte sind aufgenommen und behandelt worden. Ein Adjutant brachte mir Tinte, Feder und Papier. Als ich mit meinem Berichte, in welchen ich ja nicht hineinschrieb, dass mich Se. Exzellenz höchst gnädig ein bisschen haben wollen aufhängen lassen, fertig war, ließ sich ihn der General von dem deutschen Adjutanten verdolmetschen und schrieb folgende Worte unten hin: „Mein lieber Herr Andreas, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als General, kommen Sie zu mir, man wird Ihnen nichts zu Leide tun."

8) Es lebe die Güte und der Edelmut Euer Exzellenz!

Verschlossen gab ich den Bericht dem Herrn Battig mit dem Auftrage, sich damit eiligst zurück zum Hofer zu begeben. Ich und Herr Sieberer setzten unsere Reise nach Villach fort. Weil wir Tag und Nacht gefahren, kamen wir schon am 5. nachts daselbst an. In der ganzen Stadt wimmelte es von Franzosen. Wir gingen viele Wirtshäuser durch und suchten unterzukommen; allein nirgends hätte man uns auch nur in einem Winkel eines Zimmers einen Strohsack geben können. Daher begaben wir uns zum französischen Platzkommandanten und baten ihn, nachdem wir ihm den Zweck unserer Reise eröffnet und unsere Depesche gezeigt hatten, er möchte uns ein Quartier anweisen, vorher aber bei Sr. Kais. Hoheit dem Vizekönig anmelden und aufführen.

Augenblicklich führte er uns zum Vizekönig. In einem Vorzimmer wurde uns die Depesche abgenommen. Wir durften nicht lange warten, so wurden auch wir vorgerufen. Ein Offizier führte uns in einen großen Saal, wo wir viele französische Generale, Stabsoffiziere und auch einen Kgl. baierischen Stabsoffizier antrafen. Nun trat der Vizekönig aus einem Zimmer in den Saal und fragte mich, wer die Männer wären, welche die überreichte Unterwerfungsschrift unterzeichnet haben. „Der erste," sagte ich, „wo das Insiegl steht, ist Hofer, der zweite," hier bemühte ich mich, mir ein gewaltiges Ansehen zu geben, „bin ich, qui j'ai été le plénipotentier auprès le governement insurrectionel du Tyrol, der dritte ist ein Herr Landrichter, bevollmächtigt von einer großen Strecke des südlichen Tirols und von der Stadt Bozen und so sind alle übrigen entweder Deputierte von verschiedenen Gerichten, oder bisherige Kommandanten alle zusammengenommen die dermaligen Repräsentanten des Volkes." — „Was wollen in dem Satze ,Das Volk hat sich sehr über den österreichischen Hof zu beklagen, der durch seine ganz frischen Nachrichten es noch zur Insurrektion gebracht hat' die Worte ,toutes récentes encore' sagen?" fragte mich Se. Kais. Hoheit weiter. Ich erzählte die Geschichte des Herrn v. Roschmann, und alle staunten sich an. „Aber wie", sagte der Vizekönig, „konntet ihr euch durch Österreichs verführerische Eingebungen je verleiten lassen, eurem König den Gehorsam aufzukünden, die Gesetze umzustürzen und wider Frankreichs und seiner Alliierten unüberwindliche Macht euch zu empören und Krieg zu führen und selbst noch nach dem Waffenstillstand in eurem Unsinn zu verharren?"

„Sire!" erwiderte ich, „der Friede von Preßburg garantierte uns unsere Verfassung, unsere uralt hergebrachten Rechte und Freiheiten mit den ausdrücklichen Worten: ,Nur auf dieselbe Art und nur mit denselben Titeln und Rechten, wie Ihre Majestät der Kaiser und König von Österreich Tirol besessen hatte, und nicht anders' gehe es an Baiern über. Se. Majestät der König von Baiern versicherte in höchst eigener Person unsere Landstände, dass an der ganzen Verfassung kein Jota werde verändert werden, das Kgl. baierische Besitzergreifungspatent vom 14. Jänner 1806 bestätigte feierlich diese allerhöchste Versicherung, und in kurzer Zeit blieb in unserer Verfassung nicht nur allein das Jota nicht mehr stehen, sondern das ganze Alphabet wurde ausgestrichen. Österreichs Emissäre schlichen sich schon, eh' der Krieg erkläret war, ins Land, spiegelten uns goldene Berge vor, Österreichs Heere standen an unseren Grenzen, wir glaubten mit dem Grundsatze, frangenti fidem, fides frangatur eidem 9), eine gerechte Sache zu verteidigen, weil der kontrahierende Teil, nämlich der Kaiser von Österreich, uns dazu aufforderte, und schlugen zu, weil wir uns auf unsern Mut, auf unsere Gewehre und auf unsere Gebirge verließen. Wir haben unsere Gesetze nicht umgestoßen, sondern bloß verändert und an die Stelle der Kgl. baierischen Löwen nicht eine Freiheitsmütze, sondern die Kais. Kgl. österreichischen Adler, unter dessen Flügeln wir Jahrhunderte hindurch glücklich waren, hingepflanzt. Was das letzte betrifft, dass wir uns nämlich auch mit Frankreichs unüberwindlichen Divisionen schlagen mussten, ist es gerade dies, was wir bei der ganzen Geschichte am meisten bedauerten; wenn wir es bloß mit Baiern und dem Rheinischen Bunde, so weit und breit er ist, zu tun

9) Wer die Treue bricht, dem mag sie auch gebrochen werden.

gehabt hätten, so würde der Krieg ewig und noch länger dauern. Nur ein Loch nach Österreich sollen wir offen haben und Italien soll uns nicht den Rücken bedrohen, dann hat ganz Deutschland nicht Armeen genug, uns unter das Joch der Sklaverei zu beugen. Wir haben uns, weil wir Österreichs Sache verteidigten, leider auch durch unsern Aufstand mit den französischen Heeren in Krieg verwickelt; Revolutionen gehören bereits nur zu sehr zum Zeitgeiste; indessen sind wir nicht die ersten, welche die blutige Fahne der Empörung aufgesteckt haben. Ein mächtiges Volk hat schon vor uns die Fackel des Aufruhrs geschwungen. Die Geschichte der alten und neuen Revolutionen weist kein Beispiel auf, dass je eine ohne Bürgermord abgelaufen sei; nur wir haben bisher gottlob noch keinen zu entschuldigen. Sire! Einen Blick auf das uns nachbarlich liegende Valtelina; dort loderte ein Funke von Empörung auf und Mord und Totschlag war die augenblickliche unvermeidliche Folge derselben. Es ist wahr, wir haben uns wie Verzweifelte geschlagen, aber was wagt und unternimmt nicht ein Volk, welches, nachdem es sich schon einmal wider seine Machthaber empört und Armeen zertrümmert hat, von denselben neuerlich die Ketten, in die es soll geworfen werden, schmieden sieht? Es ist Friede! Die Eröffnung des Friedens hat uns auch zugleich die Versicherung gegeben, dass Se. Majestät der Kaiser und König Napoleon mittelst der Friedensschlüsse ausdrücklich eingewilligt haben, unsere Verirrungen nachzusehen. Ihre Kais. Hoheit haben uns den Frieden gebracht und Vergebung zugesichert. Die Erfüllung der Bedingung, die uns gemacht wurde, die Waffen niederzulegen und zur Ordnung zurückzukehren, spricht sich in dem Unterwerfungsakte aus, den ich Ihrer Kais. Hoheit soeben in die Hände reichen zu lassen die Ehre hatte. Nun, Sire! habe ich bloß noch im Namen meines Vaterlandes die alleruntertänigste Bitte zu wagen, dass desselben gegründete Klagen und Beschwerden vor den Thron Sr. Majestät des Kaisers von Frankreich und Königs von Italien gebracht und daselbst die verheißene Gerechtigkeit finden mögen."

Nach diesen Worten hörte ich einen französischen General zu einem andern die Worte sagen: „Cet abbé parle come il faut." 10) Dadurch fühlte ich meinen Mut neu gestählt und mich gefasst auf alles zu antworten, um was ich nur immer gefragt werden mochte. „Welches sind denn", fragte mich jetzt der Vizekönig, „die hauptsächlichsten Klagen und Beschwerden der Tiroler?" — „Sire!" gab ich ihm zur Antwort, „in der alleruntertänigst überreichten Depesche drücken sie sich zwar aus: indessen muss ich jetzt um so mehr verstummen, je weniger mir das eigentliche Wohl meines Vaterlandes und die Verkettung der Interessen desselben bekannt sind. Ich bitte daher alleruntertänigst um einige Sicherheitskarten und offene Passaporti, dann werden sich aus den verschiedenen Ständen ansehnliche Männer versammeln und eine neue Deputation wird meiner Landesbrüder gerechte Beschwerden und Bitten alleruntertänigst Ihro Kais. Hoheit zu Füßen legen. Ich habe für meine Person über Baiern weiter nichts zu klagen, als dass mich die Regierung mit allen übrigen Priestern des Churer Bistums hat zwingen wollen, meinem Bischöfe abzuschwören, und dass mir, weil ich dies ohne ein Schurke zu werden nicht tun konnte, von selber meine Einkünfte gesperrt worden sind."

10) Dieser Abbé spricht vorzüglich.

— Diese Bemerkung erinnerte den Vizekönig an den Fürstbischof v. Brixen; denn er fragte mich sehr ernsthaft und zürnend über das Benehmen dieses geistlichen Fürsten während der Insurrektion und vorzüglich, warum er den Hofer nicht früher zur Niederlegung der Waffen aufgefordert habe. — Ich sagte, dass Se. Hochfürstliche Gnaden den Strom nicht haben aufhalten können, dass aber mehrere Kgl. baierische Beamte ihre Rettung und Herr v. Hofstetten, der Spezialkommissar in den geistlichen Angelegenheiten, das Leben seinem bischöflichen Ansehen und seinen Bemühungen zu verdanken haben, und dass mir gerade vor meiner Abreise aus Steinach ein Schreiben aus Zufall in die Hände gekommen sei, in welchem der Fürstbischof den Hofer auffordern ließ, dem fernem zwecklosen Blutvergießen ein Ende zu machen und den Weg des Friedens einzuschlagen.

„Was war eigentlich die Veranlassung und die Geschichte, dass die Bischöfe von Trient und Chur des Landes verwiesen wurden? Und wie ging es zu, dass der Marschall Lefebre Tirol verlassen musste?" wurde ich weiter gefragt. — Nun erzählte ich mit möglichem Ernste manche erbauliche Anekdote vom Herrn v. Hofstetten und dann mit scherzender Laune die bunte Geschichte des Herzogs von Danzig. Mehrmals während meiner Erzählungen, bei denen ich mich vorzüglich bemühte, Hofer in ein glänzendes Licht zu stellen, sahen sich meine goldbortierten Zuhörer starr an, einigemal machte ich sie hell auflachen, vorzüglich gefiel ihnen die Beschreibung des Rückzugs des Marschall Lefebre; sie schienen dem vielgeliebten insonders geehrten Herrn Waffenbruder des Hofer seinen in Tirol erlittenen Schabernack herzlich zu gönnen.

Nach meiner Erzählung, während welcher sich Major Sieberer mit dem oben erwähnten Kgl. baierischen Stabsoffizier unterhielt, sagte mir der Vizekönig, ich sollte morgen früh kommen; morgen um 6 Uhr würde ich schon die Antwort auf mein mitgebrachtes Schreiben und die gewünschten offenen Reisepässe in Bereitschaft finden. Ich empfahl noch einmal die Angelegenheiten meines Vaterlandes und vorzüglich den Hofer der Großmut und Güte Sr. Kais. Hoheit. Im Weggehen sagten mir Höchstdero noch diese formalen Worte: „Herr Abbé, ich erwarte Sie mit der neuen Deputation. Freundliche Grüße an Hofer. Er ist ein wackerer Mann." Mehrere Herren Stabsoffiziere begleiteten uns bis ans äußerste Zimmer, und der Platzkommandant führte uns wieder in sein Quartier zurück, wo er uns eine Anweisung an den Quartiermeister Fürst gab, mit der Bemerkung, dass er in der ganzen Stadt kein leeres Zimmer wüsste, wenn nicht zufällig gerade vor unserer Ankunft ein Oberst, welcher abreisen musste, daselbst eines geräumt hätte. Der Platzkommandant entließ mich mit wiederholten sehr schmeichelhaften Komplimenten und Glückwünschen, dass ich meine Sendung mit vieler unerwarteter Würde bestanden hätte. Herr Fürst nahm uns mit ausgezeichneter Achtung auf und ließ uns, soviel es die Umstände erlaubten, trefflich bewirten. Nach dem Nachtessen warfen wir uns bloß in den Kleidern aufs Bett, damit wir die uns bestimmte Stunde nicht verschlafen möchten.

Am andern Tag als am 6. November waren wir mit Schlag 6 Uhr schon in der Kanzlei des Vizekönigs. Daselbst übergab uns der General Graf Vignolle ein allergnädigstes Handschreiben Sr. Kais. Hoheit des Vizekönigs, welches Sie im Verfolg der Geschichte lesen werden, und zwanzig offene Reisepässe.

Sobald wir abgefertigt waren, reisten wir augenblicklich von Villach ab. Wir hatten eine grenzenlose Freude über den so erwünscht erreichten Zweck unserer Sendung. In meinem Leben war ich nie heiterer und froherer Laune als auf meiner Reise von Villach bis Sachsenburg. Als wir daselbst ankamen und nicht gleich Postpferde haben konnten, ließ ich mir von der Kellnerin Tinte, Feder und Papier bringen, um das erwähnte allerhöchste Handschreiben des Vizekönigs ins Deutsche zu übersetzen. Kaum war ich damit fertig, kam der Posthalter, ein rechtschaffener, edler Mann und sagte uns mit wehmütigem Tone: „Meine Herren! Ich bedaure Sie. Sie befinden sich in einer äußerst misslichen Lage." — „Wieso?" fragte ich. — „Ich muss Ihnen leider eröffnen," antwortete er, „dass der Sandwirt sein Wort gebrochen und den ganzen Landsturm wieder aufgeboten hat. Die Tiroler stehen schon alle wieder unter Waffen. Der französische Offizier, der Ihnen vor einer halben Stunde wird begegnet sein, ist der Kurier, welcher dem Vizekönig die Nachricht bringt, dass sich ganz Tirol neuerlich empört habe. Sie, meine Herren, sind nun die unschuldigen Opfer einer zwecklosen Wut! Was muss doch der Sandwirt für ein elender Mensch sein!" — Sie können sich vorstellen, wie wir auf diese tröstliche Nachricht die Augen aufrissen. Ich fühlte mich, als wenn mich der Schlag getroffen hätte, und Herr Sieberer stand wie sinnlos eine Weile vor mir da. Endlich sagte er: „Freund, was wird nun aus uns werden? Was haben wir nun zu tun?" — „Bruder," sagte ich getrost, „lasse den Mut nicht sinken, auf uns wartet höchstens das Schicksal des heiligen Peter, wir werden, wenn's recht gut geht, wenigstens bei den Füßen aufgehängt. In der Luft erstickt, gilt auch für's Sterben! Wir fahren lustig vorwärts, ob uns die Franzosen früher oder später in Kärnten oder in Tirol zu Gott Vater schicken, ist gerade gleich."

Wir ließen anspannen und fuhren so schnell, dass wir am 7. um 11 Uhr nachts schon im Posthause zu Bruneck, wo das französische Hauptquartier lag, abstiegen. Augenblicklich weckte ich die Herren Adjutanten des en chef kommandierenden Generals Grafen Baraguay d'Hilliers auf und bat sie, mich beim Herrn General anzumelden. Diese standen, ohne eine Minute zu verzögern, auf und einer führte mich ohne weitere Komplimente gerade in das Zimmer, wo der General schlief. Er war kaum aufgeweckt, als er schon aus dem Bette sprang und mich fragte, was ich so spät von ihm wünschte. Ich sagte ihm, wer ich wäre, woher ich käme und zeigte ihm die Schriften, die ich vom Vizekönig bei mir hatte; der Herr Adjutant entfernte sich. Obschon ich den Baraguay d'Hilliers, als ich nach Villach reiste, nicht zu sehen bekam, weil er sein Hauptquartier in Toblach von der Landstraße seitwärts hatte, so war er doch von meiner Person und von meiner Sendung, wahrscheinlich vom General Rusca, genau unterrichtet. Nachdem er das Handschreiben des Vizekönigs und mein Zeugnis vom Herrn Sevelinges gelesen, nahm er mich bei der Hand, führte mich zu einem Fenster, öffnete es und befahl mir hinauszusehen.

„Exzellenz!" sagte ich, „ich sehe nichts als auf den weit von hier entfernten Gebirgen zahllose Wachtfeuer." — Dies sind die Wachtfeuer der sich neuerlich empörten Bauern," sagte Baraguay d'Hilliers, und fuhr also fort: „Aber um Himmelswillen! Was treibt denn Hof er? Hat denn der Mensch gar keinen Verstand, oder ist er, was ich eher vermute, gerade nur der Spielball niederträchtiger Lumpen, die ihn drehen, wie sie wollen? Der Friede ist ihm offiziell bekannt, er hat sich förmlich unterworfen, schickt Deputierte in unser Hauptquartier und rufet in ihrem Rücken das Volk wieder zu den Waffen. Wo soll dies hirnlose Benehmen hinführen? Wenn sich die Tiroler nicht mit freiwilliger Unterwerfung zur Ruhe bequemen, so werden zahllose Armeen ins Land strömen und das ohnehin schon unglückliche Land gänzlich zugrunde richten. Will denn Hofer auf seine Faust es mit den Heeren Frankreichs und dessen Alliierten aufnehmen, nachdem selbst Österreich seine äußersten gesamten Streitkräfte vergebens dawider aufgeboten und angestrengt hat? Jetzt ist der Tiroler Benehmen als keine Verirrung, noch weniger als eine Verführung mehr zu entschuldigen, sondern glatthin als ein boshafter Unsinn zu betrachten, der gewiss nicht ungestraft mehr hingeht. Heute habe ich mich den ganzen Tag mit den Bauern vom Tale Taufers herumgeschlagen, viele sind von meinen Truppen gefangen und auf dem Schlachtfelde entwaffnet worden. Ich schickte sie ungestraft nach Hause. Monsieur l'abbé, staunen Sie die französische Großmut an, und bewundern Sie die Achtung und die Liebe, die ich zu den unglücklichen Tirolern, denen ich von Herzen ein besseres Schicksal wünschte, trage. Jetzt aber opfern sie sich ohne Aussicht und ohne Zweck, daher sehe ich mich nun auch genötigt, die strengsten Maßregeln zu ergreifen. Mit Tagesanbruch rücke ich mit meinen Divisionen vor und werde von nun an jeden Bauern, der mit Waffen in den Händen gefangen wird, ohne Gnade über die Klinge springen lassen."

„Exzellenz!" sagte ich, „ich bitte um Schonung und Gnade für meine armen Landsleute. Das Volk war von jeher und bleibt noch immer nur ein Kind, welches man am Gängelbande jetzt da, jetzt dorthin führet und das nie denkt, nur handelt, je nachdem man es zu Handlungen reizet, verleitet oder gar auffordert. Ich kenne den Hofer und das Volk von Tirol sehr genau. Der erstere ist bloß ein guter Mensch, der sich selbst zu nichts entschließen und keinen Entschluss ausführen kann und der immer von der Seite sich zeigt und zeigen muss, von welcher ihn seine Umgebungen ans Licht stellen. Das zweite ist zwar seiner Natur nach wie alle Gebirgsvölker zum Kriege geneigt, aber gottlob, bisher nicht grausam gewesen. Exzellenz, ich bitte, verzögern Sie Ihren Marsch nur noch 24 Stunden und lassen Sie mich meine Reise fortsetzen; wenn ich zum Hofer komme, so stehe ich Ihnen gut, ich beruhige ihn und das ganze Land zum zweiten Male. Ich kenne ihn. Es müssen niederträchtige Lumpen seine Schwäche benützet, oder vielleicht ihn gar gezwungen haben, dem neuen Aufgebote seine Unterschrift beizusetzen und so sich und das Vaterland dem unvermeidlichen Untergange preiszugeben. Exzellenz! Ich bitte, halten Sie ein, unterschreiben Sie mir meinen Pass und lassen Sie mir Postpferde ausfolgen. Es gilt Menschenblut, das von beiden Seiten ohne Zweck verspritzet wird. Es gilt die Rettung, das Wohl und die Ehre meines unglücklichen, mir so teuren Vaterlandes. Es gilt den Kopf des Hofer, dem ich von Sr. Kais. Hoheit dem Vizekönig von Italien Gruß und Freundschaft zu melden habe." — „Monsieur l'abbé," sagte der Herr General, „ich überzeuge mich, dass Sie ein rechtlicher Mann sind, und belobe Ihren Eifer und Ihre Bemühungen zum Besten Ihres Vaterlandes. Doch dürfen Sie Ihre Reise nicht weiter fortsetzen, wenn Sie von Ihren Bauern nicht wollen totgeschlagen werden. Sie haben erst heute einen Priester, der ihnen ihren Unsinn vorstellen und sie eines Bessern belehren wollte, schreckbar misshandelt. Sie bleiben bei mir unter meinem Schutze. Ich kann und darf nicht länger hier verweilen, schon gestern hätte ich in Mühlbach eintreffen sollen. Mit Tagesanbruch rücke ich vor, die Befehle sind schon erteilt, daran kann nichts mehr geändert werden. Ich muss mich an meine höheren Aufträge halten. Ich breche durch. Das erste Feuer der Bauern verspreche ich Ihnen nicht zu erwidern. Sollten sie sich aber durch den Anblick meiner Divisionen nicht abschrecken lassen und zerstreuen, so wird niedergemacht, was sich mir in den Weg stellet. Morgen muss ich in Brixen sein."

Er wollte noch weiter sprechen, allein jetzt entstand ein fürchterlicher Lärm und ein Geschrei im Hause und auf den Gassen, das nicht größer hätte sein können, wenn die Bauern die Stadt gestürmt hätten. Denken Sie sich meine Besorgnisse! Ich glaubte wirklich, die Bauern hätten die Stadt überfallen, bis ein Offizier keuchend ins Zimmer stürzte und dem General meldete, dass in dem Stalle, wo Sr. Exzellenz Pferde stehen, Feuer ausgebrochen, der ganze Stall in Flammen stehe und noch kein einziges Pferd gerettet sei. Kaum hatte der Offizier ausgesprochen, griff der General nach seinem Mantel und lief in seinen Pantoffeln, ohne mir ein Wort mehr zu sagen, aus dem Zimmer und in den Vorhof hinab. Ich eilte ihm nach, suchte den Herrn Sieberer auf und erzählte ihm mein Gespräch mit dem Kommandierenden. Freund! In meinem Leben habe ich nie eine Feuersbrunst so schnell und so sonderbar wie diese löschen gesehen. Die Offiziere und der General selbst packten die Soldaten oft paarweis und warfen sie in den rauchenden Stall hinein, gerade wie man Holz in einen Feuerofen wirft. Einige mussten Wasser hineintragen, andere es herbeischaffen. In einer halben Stunde war der ganze Brand gelöscht, oder vielmehr, weil hauptsächlich das Stroh auf dem Boden brannte, zertreten. Zwei Pferde sind, wenn ich recht vernommen habe, erstickt, die übrigen 9 wurden halb geröstet und haarlos herausgeführt. Die Soldaten kamen hustend ebenfalls halb verbrannt und schwarz wie Rauchfangkehrer heraus. Durch diesen Brand verlor Baraguay d'Hilliers alle seine 11 Pferde. Die nicht im Brand erstickt sind, krepierten in wenigen Tagen alle nacheinander. Das größte Glück für den Posthalter war, dass das Feuer nicht durch seine Leute, sondern aus Unachtsamkeit der Bedienten des Generals ausgebrochen ist.

Sie können sich vorstellen, wie unlieb mir dieser Vorfall sein musste, da ich den Kommandierenden dadurch ganz erbittert wie eine Furie herum wüten sah. Ich ließ ihn beinahe eine Stunde lang austoben. Endlich näherte ich mich ihm, erneuerte ihm meine Bitten und bat ihn vorzüglich, er möchte mich meine Reise fortsetzen und mir dazu 2 Postpferde ausfolgen lassen. Nach vielen lebhaften Vorstellungen und nach langem Anhalten und Bitten willigte er endlich ein, mit dem Bemerken, ich opfere mich vergebens, die Bauern würden mich gewiss totschlagen. Doch ich und Herr Sieberer achteten bereits keine Gefahren mehr. Sobald mein Reisepass, nämlich mein Zeugnis, unterschrieben war, wurde angespannt und wir fuhren um 2 Uhr morgens von Bruneck ab. Nachdem wir eine große Strecke Wegs zurückgelegt hatten, kamen wir endlich auf die französischen Vorposten. Weil aber die ganze Straße mit Kanonen, Wagen und Soldaten besetzt und verrammelt war, so mussten wir aussteigen und den Postknecht warten lassen, bis uns der Weg geöffnet wurde.

Um dies zu erzielen, ließ ich mich zum General Rusca führen. In einer Bauernhütte traf ich ihn auf Stroh schlafend an. Ein daneben liegender Adjutant weckte ihn auf. Kaum hatte er die Augen geöffnet und mich erblickt, fing er schon fürchterlich zu poltern und wie ein Postknecht zu fluchen an. Freund, da habe ich in meinem Leben das erste Mal erst recht taktmäßig fluchen gehört. Se. Exzellenz konnten dies Ding viel meisterhafter als ich zu Langkampfen. Bald drohte er ganz Tirol zu verheeren und zu verbrennen, jetzt ließ er alle Bauern erschießen, aufhängen, spießen, braten und (sein Lieblingsausdruck) scannare come li porci. 11)

11) Wie Schweine abschlachten.

Endlich schien er seine Wut zu mäßigen und wollte bloß alle Kommandanten nach Rang und Ordnung und mich zuletzt, damit ich meinen Kameraden die Seele aussegnen könnte, aufhängen lassen. Weil ich ihn schon kannte, ließ ich ihn austoben und sagte über eine Viertelstunde keine Silbe. Endlich zeigte ich ihm das Handschreiben des Vizekönigs, sagte ihm, was ich mit Baraguay d'Hilliers gesprochen, was dieser mir gesagt und bat ihn, mir die Straße öffnen zu lassen, damit ich meine Reise fortsetzen könnte. Nun änderte sich sein Ton und Benehmen. Er befahl gleich einem Adjutanten, die Kanonen und Wagen auf die Seite zu schaffen und mich bis auf die äußerste Vorpost zu begleiten. Da sagte man uns, dass wir in 2 oder 300 Schritten schon auf die Vorposten der Bauern stoßen würden. Wir gingen zu Fuß und ließen die Chaise nachfahren. „Bruder," sagte ich zum Herrn Sieberer, „aus Regen und Traufe haben wir uns glücklich gewunden, Gott gebe, dass wir nicht jetzt in den Hagel geraten!"

„Halt, wer da!" rief auf einmal ganz fürchterlich ein Bauer, der hinter einem Baume stand und seinen Stutzen auf uns gespannt hielt. — „Gut Freund," rief ich ihm entgegen, „wir sind Deputierte vom Sandwirt!" — „So kommt her", schrie er nun wieder uns zu. Als wir uns ihm genähert hatten, fragte er uns: „Wo kömmt denn ös her?" — Ich sagte ihm, wir kommen vom Vizekönig. — „Aha," sagte er, „seid ös beim Spitzlkinig g'wesen, itz ist's scho recht, weil's nu da seid; itz geht nu mit mir." Er führte uns ungefähr 50 Schritte vorwärts bis zu einem großen Wachtfeuer, um welches viele Bauern gelagert waren. „Da, Mander," sagte er, „habt ihr sie itz, deß sein die zwua Spitzbub'n, die beim Spitzlkinig g'west sein, itz macht damit, was ös wollt", und ging wieder zurück auf seinen Posten. Die ums Feuer gelagerten Bauern standen alle auf und fragten uns, was wir mitbrächten. Ich sagte: „Männer! Euch werden wir es nie sagen, noch weniger zeigen, was wir mitbringen. Habt Ihr keinen Hauptmann, keinen Kommandanten unter Euch oder in der Nähe?" — „Wie Michl," sagte einer, „geh' h'nauf, mach' den Peter h'rab geh'n."

Während der Michael den Peter zu rufen ging, setzten wir uns ans Feuer, die Bauern lagerten sich ebenfalls um uns herum und unterhielten uns mit den tröstlichsten Gesprächen. Einer sagte: „Deß müss'n rechte Spitzbub'n sein." — „Spionen seins," sagte ein anderer, „sonst hätt'ns d' Franzosen nit her g'lassen!" — „Aschlag'n geh'n mier die Höllteufl", sagte dieser, „erschieß'n geh'n miers", sagte jener. — „Recht habts, Mander!" sagten mehrere, „vor mier nit alle Herrischen derschlag'n, werd's a so nit gut." Wir wussten keinen Augenblick, wann sie uns ins Feuer hineinwerfen, eine Kugel durchs Hirn jagen, oder mit ihren Gewehrkolben totschlagen werden. Unsere saubern besoffenen Landes- und Glaubensverteidiger trieben ihr christliches Gespräch immer weiter, und wir würden wahrscheinlich den Peter auf dieser Welt nicht mehr zu sehen bekommen haben, wenn nicht einer aufgestanden wäre und den übrigen zugesprochen hätte, sie sollten doch zuwarten bis der Peter käme, er könnte nicht mehr lange ausbleiben, wir würden doch nicht mehr entlaufen können, sie wüssten ja noch nicht einmal, wer wir wären, wenn wir Spitzbuben oder Feinde des Landes wären, würden wir wohl bei den Franzosen geblieben und nicht auf der offenen Straße nach hierher gekommen sein. Durch diese Vorstellungen ließen sich die übrigen so ziemlich beruhigen.

Nun kam der Peter von einer Gebirgshütte herab. Ich wusste damals und weiß es noch wirklich nicht, wer und was er eigentlich war. 12)

12) Vermutlich war es der Peter Mayr, Wirt in der Mahr bei Brixen oder Kemenater.

Mich erschreckte schon sein Anblick, als ich sah, dass ich es mit einem rohen besoffenen Menschen zu tun bekomme. Ernsthaft, dachte ich mir, musst du diesen saubern Kommandanten packen. Er ist besoffen; Vorstellungen können da keinen Eingang finden. Daher ging ich ihm einige Schritte entgegen und sprach ihn also an: „Landsmann, seid ihr der Kommandant oder der Hauptmann von dieser Mannschaft?" — „Ich bin all's," erwiderte er mir, „ich bin der Hauptmann und der Kommadant. Wer seid ös? Wo kömmt's her? Ös bringt g'wiß den Frieden mit?" — „Freund!", sagte ich ihm, „wer ich bin, könnt ihr. aus dieser Vollmacht lesen und dieser Herr da ist, wie ihr aus seiner Uniform, an seinem Portepee und an seiner goldenen Säbelkuppel seht, ein Kais. österreichischer Stabsoffizier." — Der taumelnde Peter nahm meine Sandwirtsche Vollmacht, stellte sich ans Feuer und wollte sie lesen; es fehlte wenig, wäre er samt meiner Vollmacht in die Flammen hineingefallen, so sehr hatte sein Kopf den Vorschwung. Daher sagte ich ihm: „Landsmann! Diese Schrift darf ich nicht verbrennen lassen, denn wenn ich diese nicht mehr hätte, könnte ich mich nicht mehr ausweisen, wer ich bin. Wie ich sehe, kommt ihr mit Lesen nicht recht fort, gebt her, ich will sie euch vorlesen." Nun las ich sie so laut herab, dass sie alle vernehmen konnten, und sagte: „Männer, ihr habt nun gehört, welche Vollmacht und welches Zutrauen ich beim Sandwirt besitze." — „Ach was, Vollmacht, was öst'reichischer Offizier!" sagte nun der stolpernde Peter, indem er sich nicht weniger seinen himmelhohen Rausch zu verbergen als ernstes Ansehen zu geben bemühte; „mier wiss'n schon, daß ös zwua den Sandwirt zum Fried g'zwungen habt, mier brauch'n kuane Vollmächtigen und kuane öst'reichischen Offizier mehr. Der Kuaser von Österreich hat uns nie helf'n könnt, und seine Offizier war g'scheider g'west, hätt'n mier nie g'sehen! Was hab'n sie uns denn g'nutzt oder g'holfen? Ös bringt g'wiß den Fried mit, sonst hätt'n enk d' Franzosen nit herg'lass'n." — „Ja," sagte ich, „der Kaiser von Österreich hat mit den Franzosen, es ist schon bald ein Monat, Friede gemacht und uns befohlen, ebenfalls den Frieden anzuerkennen; durch einen eigenen Kurier hat er uns aufgefordert, die Waffen niederzulegen und uns nicht länger zwecklos zu opfern. Es ist wahr, wir zwei haben den Sandwirt nach Vernunft und Pflicht belehrt und bewogen, aber nicht gezwungen. Dies konnten wir nicht. Alle Kommandanten und Deputierten der Gerichte haben sich für Friede und Unterwerfung unterschrieben. Auf Ansuchen aller dieser ansehnlichen rechtlichen Männer unternahmen wir unsere Reise zum Vizekönig von Italien; jetzt kommen wir zurück und bringen euch noch einmal Gnade und Verzeihung alles Vergangenen, wenn ihr den Frieden, den wir euch verkünden, anerkennen und annehmen wollet. Männer, gebt wohl Acht, welches Unheil und Verderben ihr euch und dem ganzen Vaterlande durch euren fernem fruchtlosen Widerstand zubereitet. Ihr werdet heute noch angegriffen, und glaubet mir sicher, es kommen mehr Franzosen, euch von euren Posten zu vertreiben, als ihr vermutet; wehe euch, wenn sie euch zur Ruhe zwingen müssen. In wessen Namen wollet ihr ferner mit ganz Frankreich, Italien und Deutschland Krieg führen? Merket wohl, der Kaiser von Österreich hat Friede gemacht und befiehlt euch, ruhig nach Hause zu gehen. Der Fürstbischof zu Brixen, euer kirchliches Oberhaupt, gebietet euch das nämliche, und den Sandwirt haben wahrscheinlich nur abgehauste, liederliche Lumpen, die nichts zu verlieren haben, belogen oder vielleicht gar das Volk neuerlich aufzubieten gezwungen."

Auf das Wort „Lumpen" wurde Peter, der mich bisher samt allen übrigen ruhig und mit sehr bedenklicher Miene angehört hatte, ganz wütend und brach in folgende formale Worte aus: „Was Lump'n! Ih will enk gleich die Lump'n geb'n, uns geht der Kuaser und der Bischof nichts an! Mier brauch'n kuan Kuaser und kuan Bischof mehr! D' Pfaff'n sein so ah schon alle lutherisch. Mier brauch'n und wöll'n g'rad gar kuan Herr mehr, und zum Sandwirt lass'n mier kuan Herrischen mehr; wenn wieder a seller Höllteufl darzu kimmt, ist's allemal wieder verkehrt. Wenn er sich nit bald von alle Herrischen schölt, schieß'n mier ihn a no nieder. Hat's der Schwanz ang'fangen, soll ers ausmachen. Er hat lang Paradi g'macht z' Innsbruck; ja wohl Fried, mier geb'n nit nach, mier Kluani hab'ns ang'fangen, und mier Kluani werd'ns ausmach'n! Was aufg'hauste Lump'n! Tausend sakera Teufl! Uns hilft die Mutter Gottes und die Mutter Gottes muß üns helfen! Hannes, Toni, Peter, Michl, gleich verarretiert mir's und führt's derweil in Dorf z'ruck. Ich will Ihnen schon d' Lump'n geb'n!" — „Recht so, Peter", schrieen nun alle zusammen; die vier Beorderten traten vor, packten uns und transportierten uns nach Obervintl hinein. Im Hineinfahren fragte ich einen unserer Transporteure, ob sie denn keinen anderen Kommandanten als den Peter hätten? „Im Dorf drin ist wohl noch einer," gab er mir zur Antwort, „a sellar halbherrischer, ein Innsbrucker sagen sie, sei's, sie huaß'n ihn Major, aber ih glab, es ist ihm a nit z'viel z'trauen. Mier werd'n ihn a müss'n af d' Seit tien." — Gleich fiel mir ein, daß es kein anderer, als der sich Major nennende Harasser, ein Gärber von Innsbruck sein könnte, der bei der Unterwerfungsgeschichte am 3. in Steinach auch gegenwärtig war und sich ebenfalls und zwar als Major unterschrieben hatte.

Im Dorfe Obervintl mussten wir bei einem Wirtshause, wo sehr viele Bauern und auch der besagte Herr Major einquartiert waren, Halt machen. Da fragte ich die Kellnerin, die soeben mit einem Lichte in der Hand herauskam, ob der Herr Major nicht hier einquartiert sei? — „Da oben", sagte sie, „im zweiten Stocke hat er sein Zimmer, ich will Sie gleich hinaufführen." — „Kommen Sie", sagte ich zum Major Sieberer, und zu den Bauern: „Männer, ihr könnt auch nachfolgen und hören, was ich eurem Kommandanten sagen werde; wenn's der ist, den ich meine, so kennt er uns beide." Das Mädchen hieß ich mit dem Lichte so schnell als möglich vorausgehen, um nur wenigstens einige Augenblicke vor den Bauern zum angeblichen Herrn Major zu kommen. Wir hatten auch schon glücklich beinahe die ganze Treppe erstiegen, als die Bauern erst gegen dieselbe hertappten; einige Schritte vor der Zimmertüre nahm ich der Kellnerin das Licht und ging voran. Wie ich ins Zimmer trat, sah ich zu meinem größten Troste, dass der Kommandant wirklich der Harasser war. Er lag in seinen Kleidern auf einem Bette. „Um Gotteswillen!" sagte ich, „Harasser, was treibt's? Es ist Friede. Ihr werdet heute noch, sobald der Tag anbricht, von 3 Divisionen Franzosen angegriffen. Machen Sie, dass wir vorwärts kommen!" — „Nur vom Friede kein Wort," sagte Harasser hastig, „sonst schlagen uns die Bauern alle drei tot." Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, polterten unsere Transporteure ins Zimmer herein und sagten: „Was ist denn döß, was habt denn ös so voraus-z'rennen g'habt? Döß ist verdachtig, mier wöll'n und leid'n kuane Huamlikeiten; itz redt, was ös z' sag'n habt." — „Männer," sagte ich ganz gelassen, „ich habe vor euch keine Heimlichkeiten. Euer Herr Kommandant da wird euch sagen, wer wir sind." Harasser hatte sich schon an den Tisch gesetzt und schrieb, ehe er den Bauern ein Wort sagte, auf ein Stück Papier folgende Worte:

„Die Herren Vorweiser dies sind ungehindert passieren zu lassen. Oberfindl den 8ten 9ber 1809. Harasser, Major.“

Wie er fertig war, stand er auf und sagte: „Männer, für diese beiden Herren stehe ich gut, ich kenne sie, sie haben viel für das Vaterland getan, sie sind Adjutanten des Sandwirts, der Sandwirt hat sie abgeschickt als Deputierte, und Deputierte muss man überall ungehindert passieren lassen." Die Bauern stutzten einander an und gingen, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer hinab in die Zechstube, die voll Landstürmer war. Kaum waren sie entfernt, gab uns Harasser das oben erwähnte Stück Papier mit den Worten: „Jetzt machen Sie sich schnell durch; das übrige werde schon ich mit den Bauern abtun." Der Herr Harasser leuchtete uns über die Treppe hinab; wie wir am Ende derselben waren, ging er zurück; wir schlichen uns im Dunkel durchs Haus hinaus, setzten uns in die Chaise und befahlen dem Postknechte, so schnell als möglich davonzufahren. Kaum waren wir 30 Schritte vom Wirtshause entfernt, stürmten eine Menge Bauern aus demselben heraus und schrieen, als sie uns davonfahren hörten (sehen konnten sie uns nicht, denn es war erst ungefähr 5 Uhr morgens und noch finstere Nacht): „Halt, halt! Spionen! Schießt nach!" — Ich schrie dem Postillion zum Ohr: „Fahr zu, ich gebe dir ein gutes Trinkgeld" und war fest entschlossen, ihn, wenn er nicht im Galopp zugefahren wäre, von seinem Sitze hinab zuwerfen, die Peitsche und die Zügel zu ergreifen und selbst zu kutschieren. Allein der Bursche trieb die Pferde, so sehr er nur konnte, und so erreichten wir schnell Untervintl. Was in Obervintl noch ferner geschehen und wie Harasser mit den dortigen Bauern abgekommen ist, weiß ich nicht.

In Mühlbach waren die Pferde kaum ausgespannt, standen andere schon zum Einspannen bereit da. Auch diesem Postknechte versprach ich gutes Trinkgeld, wenn er so schnell als möglich fahren würde. Allein da mussten wir ganze Strecken Weg zu Fuß machen und die Chaise durch allerhand Abwege herumführen, weil die Bauern die ganze Straße verhauet und unfahrbar gemacht hatten. Nur durch genaue Lokalitätskenntnisse des Postknechtes und mit unbeschreiblicher Mühe kamen wir endlich an das sogenannte Kläusel, wo die Durchfahrt wieder abgegraben war. Da trafen wir einen ganzen Haufen Landstürmer an, die diesen Engpass besetzt hielten. Diesen sagte ich bloß: „Männer, wir kommen von Kiens, waren beim Herrn Major Harasser und müssen eiligst uns zum Sandwirt begeben. Hier ist vom Herrn Harasser der Vorweis. Macht, dass unsere Kalesche über den Graben geschafft wird." Die Pferde wurden ausgespannt und einzeln hinübergeführt. Eine ganze Menge Bauern trugen die Chaise hinüber. Nun glaubten wir, sicher zu sein, und fuhren nur mehr einen ordinären Posttrab bis Unterau, wo wir ausspannen und uns, weil wir den vorigen halben Tag und die ganze Nacht weder einen Bissen Brot noch einen Tropfen Wein zu uns genommen hatten, ein Essen zubereiten ließen.

Von da fuhren wir nach Sterzing, wo wir den Hofer, den Herrn Purtscher und einige Bauern von Meran gerade beim Mittagessen überraschten. Als wir ins Zimmer traten und den Herren einen guten Appetit wünschten, sagte Hofer: „O gottlob und Dank! Weil nu Sie da sein, Paterl, um Ihnen han ih wohl recht Angst g'habt!" — „Mein lieber Hofer," erwiderte ich ihm mit zürnendem Ernst, „dass ich da vor Euch stehe, weiß ich nicht, habe ich es einer sonderbaren Leitung der Fürsicht, der Großmut des französischen Generals Baraguay d'Hilliers oder meinem persönlichen Mute und meiner Geistesgegenwart zu verdanken. Um Himmelswillen, Hofer, was habt Ihr angefangen? Nichts zu melden, dass Ihr undankbar genug für die Euch geleisteten Dienste durch Euer neues, unsinniges Landsturmaufgebot meinen und des Herrn Sieberers Kopf dem Galgen preisgegeben; nicht in Erwähnung gebracht, dass Ihr Euch und alle diejenigen, welche sich in der Unterwerfungsschrift unterschrieben haben, durch Eure Wortbrüchigkeit als Schurken erkläret habt, habt Ihr noch durch Euer völkerrechtswidriges Benehmen unser Nationalehrenwort und unsern Nationalcharakter so hingeworfen und so schimpflich mit Füßen zertreten, dass kein Mensch mehr uns achten, viel weniger mit uns über die Angelegenheiten unsers bedrängten Vaterlandes in eine Unterhandlung treten kann. Jetzt wird die Verwirrung erst allgemein, und das Elend unseres Landes grenzenlos werden. Bisher handelten wir im Namen des Kaisers und zeigten uns als Männer, die Europas Erstaunen auf sich zogen und die wir selbst unsern Feinden Achtung abtrotzten. Hofer! der Vizekönig, der uns gnädigst aufgenommen und vor dem ich über eine Viertelstunde bloß von Eurem guten Herzen, und gewiss mit gehörigem Nachdruck gesprochen habe, hat mich in Betracht Eurer Gutmütigkeit beauftragt, Euch Gruß und Freundschaft zu melden. Was wird er jetzt von Euch und von allen Tirolern denken? Dass wir wortbrüchige, niederträchtige Galgenknechte sind! Welche Maßregeln wird er ergreifen, unser Volk zur Anerkennung des Friedens, zur Ruhe zu zwingen und unserer Köpfe habhaft zu werden? Es ist Friede! Dies wisset Ihr, davon seid Ihr, wie jeder von denen, die Euch umgeben, überzeugt! Diese Eure Überzeugung habt Ihr mit Eurer Unterschrift und Eurem Insiegel bestätigt. Wie und in wessen Namen konntet Ihr also neuerlich den Landsturm auffordern ? Wisset Ihr, dass Ihr nichts mehr zu befehlen habt? Im Namen des Kaisers könnt Ihr nichts mehr gebieten: und wenn Ihr etwas in Eurem Namen befehlet, ist man Euch keinen Gehorsam und keine Folge zu leisten schuldig. Wer jetzt noch, nachdem die Deputierten des Volkes für Frieden und Ruhe gestimmt und die Unterwerfung einhellig unterzeichnet haben, in der Insurrektion verharret, der schwinget erst die Fahne des Aufruhrs und ist im eigentlichen Sinne des Wortes ein Rebell und ein Feind gegen sein Vaterland."

Ich wollte noch weiter sprechen, allein Hofer unterbrach mich mit folgenden Worten und ängstlicher Miene: „Mei lieber geistlicher Herr! Ih han nit anderst könnt, wie Sie und die Deputierten von mir fort gewest sein, und ih a han gewöllt übern Brenner fahr'n, sein sella Brixner Lump'n kemmen und hab'n mih aufg'fordert, 's Volk wieder aufz'bieten. Ih han selber lang nit g'wöllt, aber es hat nicht g'nutzt, ih han gemüst. Sie hatt'n mih derschoss'n. Sie hab'n g'sagt, sie reis'n mier den Bart haarlweis aus, wenn ih nit aufbiet; itz was hätt ih g'sollt tien?" — „Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre und Ihren Körperbau hätte," erwiderte ich ihm halb rasend, „so würde ich diese raubsüchtigen Vaterlandsmörder ergriffen und wo nicht in der Mitte abgedreht, zum Fenster hinaus, wenigstens über die Treppe hinabgeworfen haben. Was wäre vernünftiger und zweckmäßiger, ein halb Dutzend so ehr- und heillose Halunken aus der Welt schaffen, oder zahllose Familien, ja das ganze Land ins Elend und Verderben stürzen?" — „Mei lieb's Paterl," sagte nun Hofer, „ih bitt, sein Sie still, ih kan kuan Hühnl nicht Luad's tien." — „Aber," fuhr ich fort, „Ströme zwecklos noch zu vergießendes Menschenblut, Städte und Dörfer in Asche, rauchende Brandstätten, das ganze Land durch Euch in Not und Elend, tausend Familien an den Bettelstab gebracht, und uns alle, die wir es so gut, so aufrichtig mit Euch meinten, am Galgen hängen könnt Ihr wohl sehen? Hofer! Es ist die höchste Zeit, das Geschehene wieder gut zu machen! Dies aber könnt Ihr nur, wenn Ihr den Landsturm augenblicklich abberufet und in Kenntnis setzt, dass Eure Macht aufgehört hat. Da sehet und höret, was ich vom Vizekönig mitgebracht habe." Hier zeigte ich ihm die 20 offenen Reisepässe, las ihm die Übersetzung des Handschreibens vom Vizekönig vor, erzählte ihm umständlich unsere ganze Reise und fragte ihn endlich, wie es im südlichen Tirol stehe? — In Bozen, sagte er mir, sind die Franzosen eingerückt; der ganze Landsturm steht in der dortigen Gegend und hat den Befehl, am 10. mit Tagesanbruch anzugreifen. — „In Gottes Namen," schrie ich nun auf, „lasset uns eilen und den Landsturm abberufen! Für jeden Blutstropfen, der noch vergossen wird, werden wir vor dem strengen Richterstuhl Gottes Rechenschaft geben müssen, weil wir die Lage des Vaterlandes kennen und bestimmt wissen und einsehen müssen, dass das Volk frevelhaft der zwecklosen Wut einiger Schurken geopfert wird."

„Hofer!" sagte Major Sieberer, „was nun geschieht, können Sie auf Ihre Seele nehmen, ich will von der ganzen Geschichte nichts mehr wissen. Wenn nicht der Herr Daney mit den französischen Generalen so zu sprechen gewusst hätte, weiß Gott was mit uns geschehen wäre." — „Itz macht mir nit lang Vorwürf," sagte Hofer, „ih han nit anderst könnt. Ih war selbst froh, wenn die G'schicht a mal ein End hätt. Itz geht nu, macht daß s' Volk huam ziecht, ih wuaß mir nit z' helfen. Tiet meintweg'n, was ös wollt, unser lieber Herrgott und die Mutter Gottes werd'n wohl all's recht mach'n." — Nun schickte ich vor allem zum damaligen Landrichter und ließ ihn ersuchen, er möchte mir 2 oder 3 Schreiber herschicken. Diese kamen und ich diktierte ihnen, dem Major Sieberer, dem Herrn Purtscher und dem früher erwähnten Sweth folgende Proklamation. 13)

13) Dieses Manifest Hofers, aus Sterzing, 8. Nov. 1809, kündet unzweideutig vollständige Unterwerfung an. Er berichtet, wie er im Einverständnisse mit vielen Abgeordneten des Landes Sieberer und Daney zum Vizekönig gesandt habe, dass diese heute zurückgekehrt und ein gnädiges Schreiben gebracht haben. Da nun wirklich am 14. Okt. Friede geschlossen wurde, so solle man sich in Gottes Willen ergeben und sich der Großmut Napoleons würdig machen usw. Abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 499 ff.

Freund! Wenn Sie in dieser den Schwung meiner Feder vermissen oder vielleicht gar manchen Grundsatz auffinden sollten, der nicht zu Ihrer Denkart passet, so bitte ich Sie bloß, meine damalige Lage zu berücksichtigen und zu berechnen, wie mir der Kopf schwindeln musste, da ich zu allen meinen unglaublichen Strapazen und Gefahren vom 16. Oktober bis auf oben ausgesetztes Datum, nämlich bis zum 8. November nie mehr aus meinen Kleidern gekommen bin. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass man dies schläfrige Diktatum in alle Zeitungen, sogar in den Moniteur einrücken würde, sonst hätte ich mich selbst hingesetzt und, da der Stoff so reichhaltig war, mir doch Mühe gegeben, etwas Rauschenderes zu erschaffen. Ich hatte es bloß für meine Landsleute geeignet und für diese, dachte ich mir, ist es lange gut genug. Die Positionen der feindlichen Armeen musste ich so angeben, weil, während ich diktierte, die Nachrichten so einliefen. Des Fürstbischofs erwähnte ich aus doppelter Rücksicht, erstens der Erklärung des Hofer dadurch mehr Gewicht zu geben und zweitens das, was ich von Sr. Hochfürstlich Gnaden in Villach dem Vizekönig sagte, damit öffentlich zu bestätigen.

Sobald mehrere Abschriften fertig und von Hofer unterschrieben und gesiegelt waren, schickte ich sie an alle Gerichte und in alle Täler des nördlichen Tirols aus. Den Major Sieberer ersuchte ich, sich mit einer zu den Landstürmern auf den Brenner und von dort nach Innsbruck zur kgl. baierischen Generalität zu begeben. Ich reiste ebenfalls noch am nämlichen Abend ab und begab mich in der Nacht über das Jaufengebirge nach Passeier, um früh genug nach Meran zu kommen, damit der Landsturm bei Bozen zu rechter Zeit noch abberufen werden konnte.

Doch ehe ich Ihnen meinen Abschied vom Hofer und die Gefahren dieser meiner nächtlichen Bergreise erzähle, muss ich Ihnen berichten, was sich während meiner Reise nach Villach in Tirol zugetragen hat. Erst in Sterzing nach meiner Ankunft von Villach habe ich erfahren, dass der französische General Vial von Trient heraus unsere Bauern, nachdem er ihnen vergeblich den Abschluss des Friedens eröffnet und sie zur Ruhe ermahnt hatte, am 24. Oktober von mehreren Seiten zugleich angreifen ließ. Es waren viele tausend Bauern und unter anderm auch 3 Kompanien vom Landgericht Schlanders mit einer beinahe vollständigen türkischen Musik. Die Franzosen, die zwei- oder dreimal schwächer waren als die Bauern, griffen diese mit einem heftigen Kanonen- und Haubitzenfeuer an. Die Bauern hielten es nicht lange aus. Die Schlanderser, welchen der Kommandant Eisenstecken irrig genug einen der gefährlichsten Posten anvertraut hatte, warfen sich, vorzüglich, wie man mir erzählt hat, die Bogenschüsse scheuend, hinter Mauern und Steinen auf dem Bauche nieder. Nur ein gewisser Kaspar Blaas, ein Wirtssohn und ein trefflicher Scheibenschütze, mein Bruder und Franz Tumler verteidigten sich mit wenigen Tapfern wie unerschrockene Helden. Der letztere wurde bei dieser Affäre schwer verwundet. Während der Kanonade überflügelten die Franzosen die Bauern auf mehreren Seiten. Die Vinschgauer waren die ersten, welche stürmisch die Flucht ergriffen, wodurch die anderen Kompanien in die Flanken genommen, geworfen und zerstreut wurden. Einige Bauern verloren bei diesem Angriffe das Leben, mehrere wurden verwundet, viele gefangen. Der ganze Landsturm lief, ohne dass ihn Eisenstecken mehr aufhalten konnte, schimpflich über Hals und Kopf davon. Die Franzosen benutzten die Verwirrung der Bauern und rückten bis Bozen vor. General Peyri kam wirklich über Gröden her, wurde aber auf dem sogenannten Kuntersweg von den Bauern schrecklich in die Mitte genommen und wäre bald gefangen worden. Er hatte schwere Not, sich nach Bozen durchzuschlagen. Seine ganze Bagage fiel den Bauern in die Hände.

Bei Innsbruck hat sich nach der Kanonade und der Erstürmung der Berg Isel- Schanzen nichts besonders Erhebliches mehr zugetragen. Nachdem wir aus den Schanzen geworfen waren, wurden die Bauern auf der Höttinger Seite und bei Kranebitten von der ganzen baierischen Armee stürmisch angegriffen und ebenso schnell wie wir aus ihren Positionen vertrieben. Auf der dortigen Seite soll die Verwirrung ebenso groß und die Flucht gerade so allgemein wie bei uns gewesen sein. Eine Kolonne Baiern rückte über Scharnitz und Seefeld heran; die Bauern retirierten nach Oberinntal. Die baierische Armee teilte sich. Eine stärkere Abteilung rückte über Zirl, welches in Brand gesteckt und zur Hälfte in Asche gelegt wurde, ins Oberinntal vor. Einige Detachements streiften bis Steinach und an den Brenner hin. Während das vorrückende kgl. baierische Militär von beiden Seiten noch einigen Widerstand fand, ließ der französische Divisionsgeneral Drouet in Innsbruck nachstehende Proklamation öffentlich durch den Druck bekannt machen. 14)

14) Der kommandierende Divis.-Gen. Drouet ermahnt unterm 3. Nov. 1809 die Bevölkerung zur Niederlegung der Waffen und bringt gleichzeitig den Auszug eines Briefes des Andreas Hofer aus Schönberg vom 29. Oktober, in welchem derselbe ihm ankündigt, dass er die offizielle Bestätigung des Friedens durch einen Kurier des Erzh. Johann erhalten und, um fernerem Blutvergießen Einhalt zu tun, allsogleich Deputierte zum Vizekönig gesandt habe. Abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 491 ff.

Meine Bemerkungen über das sonderbare Betragen Hofers, nachdem er dies Schreiben an den General Drouet erlassen, habe ich Ihnen schon im vorigen Briefe gemacht und bestätigen sich durch obige Proklamation. Dass Hofer allsogleich Deputierte zum Vizekönig von Italien abgeschickt habe und wer diese waren oder hätten sein sollen, ist mir ganz unbewusst. Aus dem, was sich später ereignete, vermute ich, sei die Sache so gewesen: Herr v. Roschmann, Herr v. Giovanelli usw. werden wahrscheinlich dem Hofer aufgetragen haben, aus oben angeführten Gründen eine Deputation zum Vizekönig zu schicken. Diese Herren reisten, nachdem sie zum Wohl des Vaterlandes noch auf die bestmöglichste Art hiermit gesorgt zu haben glaubten und vielleicht dem Hofer auch einige Konsequenz zugetraut hatten, von ihm ab, und die Abschickung der Deputation unterblieb, weil indessen der berüchtigte Gärber von Passeier verzückt wurde und dem Hofer seine Visionen von den mit Stutzen bewaffneten Engeln und Heiligen Gottes erzählte. Wie uns die Heiligen und Engel Gottes auf dem Berg Isel haben sitzen lassen und was darauf bis zum 3. November erfolgt ist, haben Sie gelesen. Gleich nach meiner Abreise von Steinach erließ Hofer, von wem dazu beraten, weiß ich nicht, folgende Kurrenda. 15)

15) Hofer gibt bekannt, dass Deputierte zum Vizekönig gesandt wurden und dass bis zu deren Rückkunft die Feindseligkeiten zwar eingestellt, jedoch die Posten aufs beste besetzt zu halten seien. Steinach, den 3. Nov. 1809. Abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 495. 266

Der Verfasser dieser Kurrenda musste notwendig Herr Purtscher sein, denn außer diesem umgab den Hofer kein Mensch mehr, der so viele Zeilen in Verbindung hätte schreiben können. Am 4. November erschien in Innsbruck öffentlich wieder nachstehende Proklamation. Besonders auffallend werden Sie das angeschlossene Unterwerfungsschreiben Hofers finden. 16)

16) Gen. Drouet fordert die Tiroler bei strengsten Strafen zur Niederlegung der Waffen auf, da auch Hofer sich bereits vollständig unterworfen habe. Gleichzeitig gibt er den Brief Hofers aus Steinach den 4. Nov. wieder, in welchem Hofer auf die den Deputierten vom Pustertale vom Vizekönig gemachten Versicherungen der Schonung Tirols die Unterwerfung anzeigte. Hofer unterzeichnet bereits: ,Obercommedant in Diroll gewöster.' Abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 493ff.

Wer unter den Deputierten vom Pustertale verstanden wird, kann ich Ihnen ebenfalls nicht enträtseln. Mir sind wenigstens keine auf meiner Reise nach Villach begegnet und vom Herrn Battig, den ich von Niederndorf mit dem früher erwähnten Berichte zum Hofer zurückgeschickt habe, kann auch nicht die Rede sein, denn er war am 4. November um 10 Uhr vormittags von mir noch nicht abgefertigt und hätte also am nämlichen Tage um ½ 8 Uhr abends unmöglich in Steinach eintreffen können. Wie sich Herr Battig meiner Aufträge entledigt und ob dem Hofer mein Bericht mit dem Beisatze des Generals Rusca ist vorgelegt worden, habe ich damals vergessen zu fragen und nachhin nur oberflächlich erfahren, dass er unterdrückt worden sei. Sei dem, wie ihm wolle, so entnehmen Sie doch aus obigem Briefe Hofers, dass er vom Frieden genau unterrichtet war und sich wiederholt förmlich unterworfen und sein gegebenes Wort gebrochen habe, je nachdem Menschen zu ihm kamen, die ihn für Ruhe und Unterwerfung oder für Aufruhr und ferneren Widerstand stimmten.

Dass Hofer am 5. November wieder den Landsturm aufgeboten und was sich demzufolge im Pustertale ereignet, habe ich Ihnen schon erzählt. Am 7. rückte der kgl. baierische Generalmajor v. Beckers mit dem 7. Linien-Inf.-Regiment, mit dem leichten Bat. Laroche, einer Eskadron Kavallerie und einer halben Batterie nach Steinach. Vor Matrei wurde er in beiden Flanken und in der Front von den Bauern mit einem lebhaften Feuer angegriffen. Die Anhöhen wurden von Matrei bis Steinach gestürmt, und die Bauern mussten sich bis auf den Brenner zurückziehen, von wo aus sie aber das Militär beinahe fortwährend beunruhigten, bis Major Sieberer sie mittels Hofers Proklamation vom 8. November und durch zweckmäßige Vorstellungen beruhigte und nach Hause schickte. Ebenfalls am 7. erließ der Fürstbischof von Brixen folgende Kurrenda. 17)

17) Das Rundschreiben aus Brixen, den 7. Nov. 1809 enthält die Aufforderung an die ehrwürdigen Amtsgehilfen, die Gläubigen vor zweckloser Widersetzung zu warnen. Abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 497 f.

Dass dieser Aufruf des Fürstbischofes nichts fruchtete, werden Sie aus meiner frühern Erzählung entnehmen. Am 8. November mit Tagesanbruch rückten die Franzosen gegen Mühlbach vor, und weil ihnen die Bauern den hartnäckigsten Widerstand leisteten, so kam es bald zu einem hitzigen, blutigen Gefechte, wobei, wie ich mir erzählen ließ, bei 800 Franzosen sollen geblieben sein. Dem General Rusca wurde bei dieser Affäre eine Kugel durch die Waden geschossen. Freund! Da hätte ich ihn schimpfen und fluchen hören mögen. Nach mehreren von den Bauern, die sich wie Verzweifelte schlugen, blutig abgeschlagenen Stürmen brachen die Franzosen endlich durch und rückten noch am Abend in Brixen ein. Nun war beinahe das ganze Land schon mit französischen und baierischen Truppen gleichsam überschwemmt. Mehrere Regimenter Franzosen wären von Villach noch ins Tirol beordert worden, wenn nicht ich den Vizekönig in Betracht der ihm überreichten Unterwerfungsschrift überzeugt hätte, dass die schon eingerückten hinreichten, die bereits hergestellte Ruhe zu begründen und zu befestigen. Mir lag vorzüglich nur mehr Bozen und die dortige Gegend am Herzen. Am 10. November mit Tagesanbruch sollten die Bauern, deren viele Tausende waren, daselbst, wie ich Ihnen oben erzählt habe, angreifen und am 8. abends war ich noch mit meiner Proklamation in Sterzing. Es war schon Nacht, als ich Hofer und seine Adjutanten verließ. Eh' ich von ihm abreiste, nahm ich ihn auf die Seite, gab ihm einen meiner mitgebrachten französischen Pässe und den bestimmten Auftrag, in der Nacht mir noch nachzufolgen, sich in Passeier versteckt zu halten, seinen verborgenen Aufenthalt von keinem Menschen als einzig von seinem Weibe wissen zu lassen und dieser mit strengstem Ernst zu befehlen, ihn ja niemand, wer es immer wäre, zu entdecken, bis ich nicht ihn selbst abhole oder ein Brief von mir kommen würde. Dem Herrn Purtscher gab ich ebenfalls die gemessenste Weisung, sich so schnell als möglich nach Hause zu begeben. Der Widdum Baumann vom Dorfe Tirol, der Rößlwirt von Schönna und der Oberdorner von Algund, drei rechtliche und sehr vernünftige Bauern versprachen mir auf die Hand, ruhig in ihre Heimat zurückzukehren.

Da ich nun in Sterzing alle nötigen Vorkehrungen getroffen zu haben glaubte, reiste ich um 7 Uhr abends daselbst ab. Ein Passeirer musste mir die Laterne vorantragen und den Weg weisen. Am Fuße des Jaufengebirges konnte ich das mitgenommene Pferd schon nicht mehr brauchen. Die Nacht war stockfinster und der Fußweg über den steilen Berg stark mit Eis bedeckt. Daher schickte ich es mit einem Bauern von Gasteig nach Sterzing zurück. Jetzt, Freund, denken Sie sich das Stück Mühe und Arbeit, nach so vielen unglaublichen Strapazen nun durch Schnee und Nebel bei einem düstern Laternenlichte das hohe Jaufengebirge ersteigen zu müssen! Bald glitschte ich zurück und fiel seitwärts an einen Stein oder Baum hin, bald tappte ich schlafend über den schmalen Weg hinaus, mehrmals erdrückte mich der Schlaf und warf mich vorwärts auf die Nase hin. Mehr als die Hälfte Weg musste mich mein rüstiger gutmütiger Wegweiser hinaufziehen. Gegen Mitternacht erreichten wir erst das sogenannte Jaufen-Wirtshaus. So ermüdet und so schläfrig war ich, dass mir, während ich die Suppe, die ich mir geben ließ, aß, der Löffel, und während ich sie bezahlen wollte, der Zwanziger entfiel. Weil es mir nicht mehr möglich war, weiter zu kommen, so legte ich mich hier auf eine Bank und befahl meinem Passeirer, mich nach 2 Stunden aufzuwecken. Der Passeirer weckte mich richtig, aber als ich aufstand, fiel ich wie ein Besoffener neben der Bank nieder. Indessen es half nichts, ich musste mich wieder zur Fortsetzung meiner Nachtreise bequemen. Erst um 5 Uhr morgens kam ich zum sogenannten Jaufenhause auf der Passeirer Gebirgsseite. Da traf ich mehrere Bauern und den Joseph Gufler (vulgo Steinhauser Josele), den Schwager des Hofer an. Diesem zeigte ich, weil er sich unter den übrigen etwas mehr Ansehen gab, Hofers Proklamation und machte ihm, weil er, als ich sie ihm vorlas, ganz besonders bedenklich das Gesicht verdrehte, lange Zeit die ernsthaftesten, wohlmeinendsten Vorstellungen. Damals wusste ich nicht, dass er der Schwager des Hofer ist, und er hat es mir auch nicht gesagt.

Nachdem mir alle versprochen, ruhig nach Hause zu gehen, setzte ich meine Reise wieder fort und kam gegen ½ 9 Uhr morgens nach St. Leonhard in Passeier, wo ich beim schon öfters erwähnten Wirt Holzknecht einkehrte. Dieser schien herzlich froh zu sein, dass des Vaterlandes und Hofers Angelegenheiten endlich so einen erwünschten Ausgang und so ein ruhiges Ende nähmen. Der Herr Pfarrer Ampach schrieb die Proklamation ab, und dem Herrn Holzknecht gab ich, wenn ich mich noch recht erinnere, einen der offenen französischen Pässe. Nachdem ich mich in St. Leonhard über anderthalb Stunden aufgehalten hatte, begab ich mich endlich zu Pferd, welches mir Holzknecht gab, nach Meran. Weil ich das Pferd des groben Gebirgsweges, vorzüglich aber meines drückenden Schlafes wegen nur den Schritt gehen lassen musste, so kam ich erst um 2 Uhr nachmittags dahin. Langsam ritt ich mitten durch das Bratwurststädtchen hinab zum Engelwirt. Noch eh' ich dahin kam, sah ich den Kommandanten Tschöll und übergab ihm meine Proklamation. Dieser ging schnellen Schrittes damit in das Gebäude, wo die sogenannte Schutzdeputation versammelt war. Auf der Gasse übergab ich der Wirtin mein Pferd und sagte dem Professor Jud und dem Herrn Hubel, Direktor der Normalschulen in Innsbruck, welche, vom Hofer in Innsbruck verhaftet, beim Engelwirt zu Meran in Arrest saßen und gerade zum Fenster heraus sahen, keine andere Silbe als die zwei Worte: „Brevi liberabimini" 18). Nachdem ich der Wirtin mein Pferd anempfohlen, ging ich schnell in das Schutzdeputationsgebäude zurück, um den respektiven Herren und Kommandanten über das Umständlichere meiner Reise nach Villach und über die bedrängte Lage des Vaterlandes gehörigen Aufschluss zu geben.

18) In Kurzem werdet Ihr befreit sein.

Augenblicklich hatte sich meine Ankunft im ganzen Städtchen verbreitet. Während ich einige Minuten im Hause des Herrn Schweiggl verweilte, liefen die Neuigkeitskrämer schon keuchend auf das besagte Gebäude zu. Als ich dahin kam, traf ich das Deputationszimmer schon voll Bauern, Bürger und Priester an, die über den Inhalt meiner vorliegenden Proklamation teils sich freuten, teils ihre Glossen machten. Ich trat nun in die Mitte und fing an, meine Sendungsware auszukramen; doch kaum hatte ich meine Erzählung begonnen, stürmten 4 Lumpen, mit Flinten bewaffnet, ins Zimmer und schrieen: „Was wollt ös Fried machen! Der Tausendsakera-Teufels-Pfaff!" S . . . T . . ., der vorzüglich mehr als die übrigen besoffen war, sprang gerade auf mich zu und polterte mich, indem er mir Faust und Gewehr vorschüttelte, also an: „Da legt man die Brief ab auf der Kommandantschaft und nit z'erst beim Jud, bei dem lutherischen Höllpfaff." — „Freund," sagte ich ganz gelassen, „warum kommt ihr bewaffnet und so stürmisch auf mich zu? Ihr seid betrunken, mit euch habe ich nichts zu tun. Ich habe das Schreiben, welches ich vom Sandwirt mitgebracht, schon eh' ich zum Engelwirtshaus kam, dem Herrn Kommandanten Tschöll übergeben und dass ich von der Gasse hinauf dem Professor Jud zwei Worte zugerufen, wird euch hoffentlich ebenso wenig angehen als beleidigt haben. Ihr habt hier in der Versammlung dieser Herren und rechtlichen Männer nichts zu tun, oder wenigstens sollt ihr mit einer andern Art kommen." — Nun ging das Geschrei erst recht an; S . . . T. . . wurde ganz rasend und fing an, unerhört zu schimpfen und zu fluchen. Die ersten, die sich, ohne ein Wort zu sagen, davonschlichen, waren die geistlichen Herren, unter andern einer, auf dessen Biedersinn, Verstand und Frömmigkeit und vorzüglich auf dessen persönliche Freundschaft ich alles gebaut und mein Leben verpfändet hätte. Freund, bei diesem Auftritte habe ich mich das erste Mal überzeugt, dass es Menschen geben kann, die ohngeachtet sie den Schein der Tugend und Heiligkeit für sich haben, kein Lot redliches, gutes Herz besitzen. Der Kommandant Tschöll und einige andere Herren folgten den Priestern nach, die letzten aus dem Zimmer und über die Treppen hinab waren die Bauern.

Während sich diese entfernten, wurde der Lärm immer heftiger und ich geriet, da meine gütigen Vorstellungen von den 4 besoffenen Poltergeistern nicht mehr gehört wurden, in eine förmliche Wut. Die 4 Trunkenbolde schrieen und stießen ihre Gewehre auf den Boden; ich brüllte, stampfte mit den Füßen und schlug nach Kräften mit den beiden Fäusten auf den Tisch. Die Kerls schimpften und drohten, jeden zu erschießen, der ihnen noch das Wort „Friede" aussprechen würde; ich schrie aus allen Kräften: „Friede ist, so wahr Gott im Himmel lebt!" und teufelte fürchterlich alle Gespenster der Hölle denjenigen auf den Hals, die sich noch länger unterstehen, mit höllischer Bosheit die friedlichen Gesinnungen und Wünsche aller rechtlichen Männer zu vereiteln; 3 dieser stürmischen Kameraden ergriffen auf mein wütendes Schreien die Flucht; nun hatte ich es bloß noch mit dem S . . . T . . ., einem zwar feigen, aber doch äußerst bissigen Untiere, aufzunehmen. Einige Minuten polterten wir uns wechselseitig und ohne Verbindung die Ohren voll. Endlich schrie er aus allen Kräften: „Du Tausend Sakraments-Teufls-Pfaff! Du bist a Freidenker, sonst hätt'st nie französisch g'lernt, kuan ehrlicher Mensch redt nit französisch, vor mier nit alle Heuen aschlag'n und all's derschieß'n, was französisch redt, werd's nit guet!  War die Kunst, ih schießet dih gleih nieder, du sakera Pfaff!" Bei diesen Worten stieß er sein Gewehr etwas gesenkt gegen mich gekehrt, so heftig auf den Boden, dass der Hahn des Schlosses sich losdrückte und Feuer gab; ob er geladen hatte oder nicht, weiß ich nicht; wenigstens ging es nicht los. Diese mörderische Handlung brachte mich nun ganz außer Fassung, vor Wut und Zorn schäumend packte ich den Galgenkerl am Genick, würgte ihn zur Türe hin und warf ihn samt seinem Gewehre ins Haus hinaus. Über seine Kameraden, die ihn verlassen hatten, schimpfend ging er endlich die Treppe hinab mit der Drohung, bald wieder mit mehreren zurückzukehren.

Ich ging zum Tische zurück, nahm meine Schriften zusammen und wollte soeben weggehen, als der sogenannte Sittner-Bauer, der schon vor dem Lärm bei der Versammlung war, ins Zimmer trat und mich bat, ich möchte um Gotteswillen nicht Hand abziehen und mich zum Besten des Landes noch ferner verwenden. Wie ich später erfahren, soll Herr Joseph Plangger, Kurat in Riffian, mir diesen Bauern, weil er den schauerlichen Lärm hörte, zu Hilfe geschickt haben. Auch Herr Tschöll, einige Bürger und mehrere Bauern kamen wieder ins Zimmer und baten mich dringendst, ich möchte doch mit der vorgewiesenen Proklamation auf die Vorposten reiten und den Landsturm abberufen. Auch dazu ließ ich mich noch bereden und versprach ihnen, noch vor dem Abend nach Terlan zu reiten. Auf einmal kam mein Freund Priester Wenter zu mir und bat mich durch alles mögliche, diesen Ritt nicht mehr zu machen, weil mich ein Bauer begleiten wolle, der sich schon mehrmals an Verworfenheit verschiedener Art und besonders an Wut und Grausamkeit bei den Misshandlungen, welche Herr v. Maurer erlitten, ausgezeichnet habe. Er stellte mir vor, dass ich mich der größten Gefahr aussetzen würde, meuchelmörderisch ums Leben zu kommen. Diesen wohlmeinenden Rat meines Freundes beherzigte ich und erklärte daher der Versammlung, dass, wenn ihr die Rettung und das Wohl ihrer Gegend am Herzen liege, zwei rechtschaffene, vertraute Männer den Landsturm abzuberufen sollen abgeschickt werden, indem ich mich aus wichtigen Gründen anders besonnen und unabänderlich entschlossen hätte, nach 2 Tagen und so vielen meist ganz schlaflosen Nächten einmal ein Hemd zu wechseln und eine Nacht auszuruhen. Dem Kommandanten Tschöll gab ich die Weisung, allsogleich eine offene Ordre nach Vinschgau zu erlassen, der zufolge die daselbst befindlichen Kriegsgefangenen unverzüglich freigegeben und nach Oberinntal instradiert werden sollen. Nachdem ich gesehen, dass die ganze Versammlung und vorzüglich Herr Tschöll sich alle mögliche Mühe gab, die gemessensten Vorkehrungen, wodurch der Landsturm mit Ordnung abberufen werden konnte, zu treffen, so entfernte ich mich und begab mich noch in der nämlichen Stunde — zu Bette. Freund, welche Kraft und Erquickung der Schlaf einem erschöpften Körper gibt, weiß nur derjenige, der so wie ich ein paar Dutzend Nächte durchgewacht hat. Ohne mich mehr umzuwenden, schlief ich den ganzen Abend und die ganze Nacht bis am andern Tag um 7 Uhr.

Kaum war ich erwacht, machte man mir schon die Anzeige, dass der Landsturm bereits in Meran eintreffe und sich ruhig nach Hause begebe. Nach Vinschgau hatte Herr Tschöll ebenfalls noch gestern am 9. November folgende offene Ordre erlassen:

„An sämtliche Gerichts Oberkeiten in Vinschgau.
Soeben ist der an Se. Majestät den Vizekönig von Italien nach Villach abgeordnete Deputierte, der Hochwürdige Herr Joseph Daney, hier angekommen und hat vermög des mitgebrachten Schreibens vom Herrn Andrä Hofer den zwischen Österreich und Frankreich abgeschlossenen Frieden und die zugesicherte Amnestie vollends und ungezweifelt bestätiget. Hol dieser Lage der Dinge und da bereits die Einleitung getroffen worden, daß sämtliche Kompanien vom Felde nach Hause zurückziehen, können die heute überschickten Kgl. baierischen Kriegsgefangenen unverzüglich ganz füglich und unbedenklich durch das Oberinntal nach Innsbruck geliefert werden.
Meran den 9. Nov. 1809.
Kommandantschaft, Joh. Valentin Tschöll."   L. S.

Nun endlich wurde Friede und Ruhe im ganzen Lande hergestellt. Dem Oberinntaler Landsturm wurde die Friedensproklamation von Innsbruck und von Meran aus zugeschickt. Ich freute mich unendlich, meinen Zweck erreicht und vorzüglich Bozen und die dortige Gegend gerettet zu haben. Der französische General Vial hätte sich in Bozen mit seinen verhältnismäßig gegen die Anzahl der Bauern wenigen Truppen bestimmt nicht halten können, weil am 10. die Kommunikation mit Brixen noch nicht hergestellt war. Im Augenblick, wo meine Proklamation auf die Vorposten der Bauern kam, waren diese schon aufgestellt, die Franzosen anzugreifen. Der Kommandant, Michael Mayr von Kastelbell, hatte auf der Seite von Sigmundskron die französischen Piqueter schon in der Nacht umgangen, in den Rücken genommen und soviel als aufgehoben. Sein Feldpater J ... T .... r bewies soeben, auf einem Steine predigend, mit stürmischer Beredsamkeit, dass in wenigen Stunden der Erfolg es zeigen werde, dass Tirol die gerechte Sache verteidige und unser Krieg ein heiliger Kampf für Gott und Religion sei — als ihm der Auftrag eröffnet wurde, eiligst die Vorposten einzuziehen und das Volk zur Ruhe und Unterwerfung zu belehren. Nachhin haben wir oft noch herzlich über die so plötzliche Erfüllung dieser Prophezeiung gelacht; besonders machte sich Herr v. Prack, Richter zu Kastelbell, den seine Gerichtsuntertanen aus besonderem Zutrauen zum — Korporal erwählt hatten und der als solcher knieend, wie er mir selbst erzählte, und mit verbissenem Lachen diese schmetternde Erfolgspredigt anhören musste, wiederholt darüber lustig. Bozen war schon bereits von dem ganzen Landsturm umringt und ich habe später zuverlässig erfahren, dass den Bauern die Erlaubnis gegeben wurde, die Stadt, wenn sie mit Sturm genommen werden sollte, zu plündern und 25 Herren, welche die Bauern auf einer Liste hatten, zu erschießen. Sie sehen, quale periculum fuit in mora. 19) Tröstlich beruhigt, meinem Vaterlande wesentlich genützt zu haben, dachte ich an keine künftigen Unruhen, noch weniger an einen neuen Aufstand mehr, und doch, Freund, fängt erst jetzt die Epoche des Unsinnes, der Wut und der Verzweiflung an. Im nächsten Briefe werde ich Ihnen Dinge erzählen, die man selbst in meinem Vaterlande nicht weiß und worüber Ihnen die Haare zu Berge stehen werden. Bis dahin leben Sie wohl.

19) Welche Gefahr bei Verzögerung drohte.

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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