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  Die Erinnerungen des Priesters Josef Daney
 

 

11. Brief

Vorbereitungen zum Tode. Abmarsch zum Erschießen. Unverhoffte Rettung. Unterredung mit General Baraguay d'Hilliers. Ritt ins Vinschgau. Ansprache in Schlanders. Unterwerfung des Vinschgaus. Fortdauern des Aufstandes in Passeier. Weigerung Hofers, sich zu unterwerfen. Zurechtweisung eines Volksaufwieglers. Bedenkliche Rolle Kolbs. Sieg der Bauern bei Brixen. Wiedererhebung des Pustertals. Endgültige Unterwerfung. Die Unterhaltung des französischen Heeres.

Freund! Wie ich Ihnen aber doch über jede Kleinigkeit Rechenschaft geben muss! Der General Vial war darum so rasend, weil Meran schon früher, nämlich während meiner Reise nach Villach, einen gewissen Chevalier und einen Bauern von Mais als Deputierte zu ihm nach Bozen geschickt hatte, welche ihm die Unterwerfung der Stadt und Gegend hinterbrachten. Diese behandelte Vial mit aller Achtung und entließ sie mit der Versicherung aller möglichen Schonung und Gnade. Allein als sie nach Meran zurückkamen, wurde daselbst schon wieder infolge der ersten Wortbrüchigkeit Hofers am 5. November der Landsturm aufgeboten. Diesem stellte sich der erwähnte Chevalier, der unter allen Tirolern am besten wusste, dass Österreich Friede gemacht, als Major an die Spitze und zog als solcher nach Terlan. Dies wusste Vial und wurde darüber so aufgebracht, dass er Meran in Brand zu stecken geschworen und dann seine Wut, weil ich zufällig der erste war, der von Meran wieder zu ihm kam, so unsanft gegen mich ausließ. — Zu meinen Originalaktenstücken kam ich auf folgende Weise. Es ersuchte mich einmal ein gewisser ehemaliger Sturmkommandant, ich möchte ihm seine Hausbücher und seine vielen verschiedenen Schriften durchsuchen und in Ordnung bringen. Nun, unter den letzteren fand ich die in der Geschichte angeschlossenen Belege und nahm sie, ohne dass er es wusste oder gemerkt hätte, zu mir.

Jetzt hören Sie, wie mir mein Bruder das Todesurteil brachte. „Nun, was bringst?" sagte ich, als er ins Zimmer trat, „was spricht der Sandwirt?" —Einige Minuten konnte er mir vor Weinen gar keine Antwort geben. Endlich sagte er schluchzend: „Der Sandwirt raset wie ein wildes Vieh, er schien mir ganz von Sinnen gekommen zu sein, Ihren Brief hat er, ohne zu lesen, zerrissen und mir die Stücke Papier ins Gesicht geworfen und gesagt: ,Geh' nur, sag dein Bruder, dem Spitzbuben Pfaff, dem Land- und Leutverrater, heunt noch laß ih ihm alls abnehmen und morgen laß ih ihn mit den andern Landsverratern niederschießen'. Ich habe", fuhr mein Bruder fort, „mit aufgehobenen Händen gebeten, er möchte Sie verhören"; allein Sandwirt habe ihm gesagt, „der Pfaff braucht kuan Verhör, wo ich vom Prinz Johann selber ein Brief hab, daß er in Anmarsch ist, itz gleich marschier, oder ih laß dih a noh einsperren", und so habe er ihn, als er noch einmal bitten wollte, zur Türe hinausgeworfen.

Weil ich nun an der Möglichkeit, erschossen zu werden, selbst nicht mehr zweifeln konnte und aus der Weltgeschichte wusste, dass nie eine, am allerwenigsten eine fehlschlagende Revolution ohne Bürgermord abgelaufen und zu Ende gebracht worden ist, so gab ich meinem Bruder auf der Stelle meine Brieftasche, meine Sackuhr und meine Geldbinde (ich hatte gerade damals mehrere hundert Gulden, meist in Gold, bei mir) und behielt für mich nur einige Dukaten nebst etlichen Gulden Silbergeld. Dann gab ich ihm den Auftrag, augenblicklich sich nach Hause zu begeben, dem Vater und der Mutter meinen letzten Handkuss und meinen letzten kindlichen Dank für die gegebene Erziehung und für alle empfangenen Wohltaten zu melden und ihnen zu sagen, dass sie sich, sobald die Franzosen vorrückten, in die Schweiz flüchten und unterdessen über mein Schicksal beruhigen sollten. Der baldige Ausgang der Geschichte werde es vor den Augen der ganzen Welt beweisen, dass ich als ein Opfer einer sinnlos wütenden Verzweiflung gefallen und unschuldig gestorben sei. Weinend nahm mein Bruder von mir Abschied und eilte noch in der Nacht, wie er mir nachhin erzählte, aus Passeier nach Vinschgau. Nachdem sich mein Bruder entfernt hatte, wollten sich meinem Geiste eine Menge finsterer Blicke in die Vergangenheit und Zukunft aufdringen, und ich versichere Sie, es fehlte wenig, so hätte ich meine Fassung und meinen Mut verloren. Endlich dachte ich mir: mit dem Bewusstsein, alle Menschen immer wie Brüder geliebt und einzig zum Nutzen und für das Wohl seines Vaterlandes gewirkt und gehandelt zu haben, von rebellischen Unholden unschuldig erschossen werden, ist ein rühmlicher, schneller Tod; ein rühmlicher, schneller Tod ist ein Glück, das nicht vielen bestimmt ist; die meisten Menschen müssen sich unter peinlichen Martern und Ängsten auf einem Krankenlager totröcheln, als schwarzen Herrn kann dir die ganze Welt nichts geben, was deine Seele an diesen Planeten fesseln könnte; sie kann dir aber auch nichts nehmen, als ein beschränktes Zwangsleben. Einmal muss es doch gestorben sein; also gute Nacht, Welt! Mit diesem kurzen Räsonnement war jeder trübe Gedanke verbannt, und ich wurde so munter, dass ich zu singen anfing und mir mehrere meiner Lieder, vorzüglich folgendes, mein Lieblingslied, das ich schon als Student gemacht habe, ein paarmal freudig herabtrillerte.

Torheit ist auf dieser Welt "Sterben ist des Menschen Ziel,
des Menschen ganzes Leben, das ihn mit Gott verbindet.
Toren sind's, die sich um Geld Lebenslust ist Kinderspiel,
und eitlen Ruhm bestreben; das wie ein Traum verschwindet;
drum lob ich mir auch nur den Mann, drum ist nur der ein großer Mann,
der Geld u. Ruhm verachten kann, der frisch und lustig sterben kann.
   
„Ein schneller Tod ist's größte Glück, ins düstre Grab versinket;
das dir hienieden winket, drum schau den blassen Sensenmann
weil mit ihm alles Missgeschick stets heiter, froh und freudig an."

Aber auch eine Torheit ist es, fiel mir auf einmal ein, mit leerem Magen sterben wollen. Daher ließ ich durch meine Wache die Kellnerin rufen und mir einen Braten, einen Salat und eine Halbe Wein bringen. Nachdem ich alles mit bestem Appetit verzehrt, legte ich mich auf einer Bank nieder und schlief ruhig, bis mich nach Mitternacht ein bewaffneter Bauer aufweckte und ins untere Wirtshaus hinabtransportierte. Daselbst wurde ich in einer kalten Kammer eingesperrt, wo ich die übrige Nacht zubringen musste. Mit Tagesanbruch führte man mich in die Zechstube, wo ich zu meinem größten Erstaunen den Herrn Major Sieberer antraf, der totenblass und jämmerlich zugerichtet hinter dem Ofen saß und ebenfalls vom Sandwirt zum Tode verurteilt war.

Hören Sie die Trauergeschichte dieses biederen, edlen Mannes. Herr Sieberer begab sich, wie ich Ihnen früher bemerket, von Sterzing nach Innsbruck, wo er von der kgl. baierischen Generalität mit aller Achtung und Auszeichnung aufgenommen und behandelt wurde. Von Innsbruck wollte er nach Hause reisen, bekam aber keine Erlaubnis dazu, sondern erhielt vielmehr den Auftrag, sich mit meiner Proklamation nach Oberinntal zu begeben, den dort stehenden Landsturm zu beruhigen und nach Hause zu weisen und von dort aus mich und den Hofer aufzusuchen und vereinigt mit uns dann die Ruhe im Vinschgau und Meran herzustellen und gänzlich zu befestigen. Als er in der Gegend von Pfunds auf die Vorposten der Bauern stieß, diesen die erwähnte Proklamation zeigte und sie über ihren unsinnig zwecklosen Widerstand belehren wollte, fielen sie wütend über ihn her, zogen ihn lange Zeit unter Schlägen und Stößen auf dem Boden herum und schleppten ihn endlich unter unerhörten Schimpfworten und Verwünschungen nach Pfunds. Von da wurde er durchs Vinschgau nach Passeier transportiert. Als er zum Hofer kam, fiel ihn dieser ganz wütend an, gab ihm alle möglichen Schand- und Spitzbubentitel, befahl, ihm seine Brieftasche und sein Geld zu nehmen und ihm sogar seine kais. kgl. Majorszeichen vom Rocke zu reißen. In Hofers Gegenwart wurden ihm die Kleider vom Leibe gerissen und sogar mehrere Nähte zertrennt. Endlich, als er sich gegen diese grausame widerrechtliche Behandlung beklagen und sich als kais. kgl. Stabsoffizier auf Se. Majestät den Kaiser berufen wollte, packte ihn Hofer bei der Brust, warf ihn zum Zimmer hinaus und befahl mit den Worten: „führt ihn außi af a Stuangand und schießt ihn nieder den Spitzbue", ihn zu erschießen. Doch hatten die Halunken, die den Hofer umgaben, ungeachtet sie mit Henkerslust den Herrn Major rein ausgeplündert haben und wie einen Übeltäter herumschleppten, doch nicht den Mut, das ihm geschöpfte Urteil zu vollziehen. Sie wollten ihn, weil wahrscheinlich keiner das Herz hatte, ihn zu erschießen, verhungern lassen. Daher warfen sie ihn, wenn ich mich noch recht erinnere, in einen Schweinstall, und erst von diesem führten sie ihn nach St. Martin, wo ich ihn, wie ich oben sagte, in einem unglaublich elenden Zustand antraf und wo er mir vor Schwäche sein Unglück kaum erzählen konnte. Mit diesen Worten schloss er seine Erzählung: „Freund! Ich werde bald sterben, den Schmerz des Hungers habe ich schon überstanden, ich fühle nur mehr eine gewisse Schwäche und einen Schwindel im Kopfe, sodass meine Augen das Licht nicht mehr recht ertragen wollen". — „Um Gottes willen!" sagte ich, „Freund, was muss ich hören!" — „So lange ich in Passeier bin", fuhr Herr Sieberer fort, „hat man mir, weil ich kein Geld habe, weder eine Suppe, weder einen Bissen Brot, noch einen Tropfen Wein gereicht". — Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, wollte ich in die Küche laufen. Ein Bauer wollte mich aufhalten, aber ich stieß ihn zurück mit den Worten: „Morden kannst du mich, Hund! unbarmherziger Teufel! Aber zurückhalten lasse ich mich nicht einen Augenblick, wo es die Rettung und Lebensfrist meines Freundes gilt." Ich war schon außer der Zimmertüre, als mich der Passeirer wieder zurückriß und mich nicht mehr hinausließ. Endlich sagte mir Herr Sieberer, dass er wahrscheinlich nur darum nichts zu essen bekommen habe, weil die Wirtsleute wissen, dass er kein Geld habe. Daher gab ich ihm heimlich einige Gulden Geld, und durch dieses und mit vielem Bitten bekam er endlich etwas zu essen und einen Wein, wodurch er sich bald wieder erholte.

Wir wussten nun beide nicht, was aus uns werden würde. Den ganzen Tag mussten wir den kleinen und großen Kindern zur Schau dienen; alle Augenblicke öffnete entweder ein altes Weib oder eine lose Dirne die Türe, gaffte uns höhnisch eine Weile an und sagte endlich im Weggehen: „Schlagt's a mal ab, die Landsverrater! Schießt's a mal nieder die Spitzbuben!" usw. Der Herr Sieberer war seiner überstandenen Leiden wegen sehr erschöpft und ziemlich niedergeschlagen, und ich hatte die größte Mühe, ihn einigermaßen aufzuheitern. Gegen den Abend trat auf einmal der Frühmesser von Walten, ein steinalter Mann, ins Zimmer, ging einigemal im selben auf und ab und wiederholte oft die Worte: „Ja schön Dreihundert, ich hab sie gesehen, einige Tausend sind's! Der ganze Berg ist blau! Wird schon aufkommen, wie man die Leute angelogen und betrogen hat. Lumpen, schlechte Kerls sinds, die das Volk so verführt haben." — Ich fragte ihn, ob die Franzosen kämen? — „Freilich," sagte er, „viele Tausend; sie ziehen schon über den Berg herab und können mit jeder Minute in St. Leonhard eintreffen." Er wollte noch weiter sprechen, allein ein Weibsbild, wahrscheinlich seine Köchin, wie ich aus dem mürrischen Gesichte und dem gebieterischen Tone, mit welchem sie ihm zu schweigen befahl, geschlossen habe, nahm ihn beim Rocke und führte ihn aus dem Zimmer. Im Hause hörten wir weinen und jammern, und auf der Gasse schrieen die Weiber, dass Gott erbarme: „Wir sind alle verloren!" Vom Fenster aus sah ich Vieh aus den Ställen treiben und Mütter mit ihren Säuglingen und Kindern davonlaufen. Indessen wurde es Nacht und im Hause so stille, als wenn sich schon alles geflüchtet hätte.

Auf einmal hörten wir wieder ein Gepolter, das immer näher und endlich in unser Zimmer kam. Der erste, der hereintrat, war ein Silberarbeiter von Sterzing, der zweite ein Bauer ebenfalls von Sterzing, beide waren Arrestanten und zum Tode verurteilt, der dritte war ein österreichischer Ranzionierter, der in der rechten Hand eine Muskete, in der linken ein Licht trug, das er auf den Tisch stellte, und der vierte endlich war ein Passeirer, ein junger Bursche, mit einem Stutzen bewaffnet. Der Silberarbeiter sagte kein Wort und hing sein totenblasses Gesicht bis auf die Brust hinab. Dagegen schimpfte und fluchte der Sterzinger Bauer ganz fürchterlich. Unter andern sagte er dem bewaffneten Passeirer diese Worte: „Jetzt kannst herschießen, wenn du dich getrauest, ein hast unschuldig niederg'schossen, blutiger Henker; ih bin ah unschuldig; beichtet han ih, Gott wuaß, daß ih unschuldig erschoss'n werd; ih bin schon g'richtet. Aber kim ih zu Gott Vater, ih will's ihm erst sag'n, was ös für Spitzbub'n seid, daß ös d' Leut erschießt ohne z' verhör'n. Wenn ih a Mörder oder a Straßenraber war, so müßt ma mih verhör'n; aber weil ös selber Raber seid, so schießts unschuldige Leut nieder. Wart nu, in der andern Welt werd schon aufkemmen, was ös für Lumpen seid! In der andern Welt will ih's mit enk Henker erst ausmachen!" — So schimpfte er ununterbrochen fort, bis ich ihn fragte, warum er denn zum Tod verurteilt sei? — „Ich mußte", erwiderte er mir, „auf Befehl des Herrn Landrichters von Sterzing den 1000 Franzosen, die gestern in St. Leonhard sind gefangen worden, über den Jaufen den Weg weisen, nun bin mit den Franzosen auch ich gefangen und deswegen zum Tod verurteilt worden". — „Und ich", sagte der Silberarbeiter, „mußte den Franzosen einen Brief nachtragen; eh' ich nach St. Leonhard kam, haben mich die Bauern gefangen und nun soll ich ebenfalls erschossen werden." — Auf einmal hatte sich, warum weiß ich nicht, der bewaffnete Passeirer entfernt. Der Ranzionierte wurde ebenfalls von einem andern Passeirer hinausgerufen, kam aber schnell wieder ins Zimmer zurück, nahm das Licht, hielt es mit sehr ernsthafter bedenklicher Miene jedem ein paar Minuten vor's Gesicht, als wenn er etwas, ich weiß nicht was besonderes aus unsern Augen hätte lesen wollen und sagte dann: „Allons, Marsch, meine Herr!" Ein unbewaffneter Passeirer, der uns nach Mittag verwachen musste, ging mit dem Lichte voraus.

Ich zweifelte nun um so weniger, dass wir außer dem Hause würden erschossen werden, als es mir auffallend war, dass man uns einem ranzionierten Soldaten übergeben hatte, und je rätselhafter mir das Weggehen des bewaffneten Passeirers und das Betragen des Ranzionierten schien. Daher nahm ich von Herrn Sieberer förmlichen Abschied. Freund! Dieser letzte Auftritt müsste für einen unparteiischen Zuseher höchst interessant gewesen sein. Herr Sieberer und ich küssten und umarmten uns zum letzten Male (wenigstens in unserer Meinung) brüderlich zärtlich. Ich sagte: „Bruder! Jenseits gibts Ruhe und Freuden!" — Herr Sieberer seufzte: „Freund, mein Weib und meine Kinder!" Der Silberarbeiter weinte und kratzte in den Haaren, und der Sterzinger Bauer schimpfte und fluchte noch immer ununterbrochen fort und schien sich einzig damit zu vertrösten, seinen Mördern beim himmlischen Vater einen Prozess anhängen zu können.

Außer dem Hause wurde das Licht ausgelöscht. Der Passeirer sagte, dass wir mit ihm gehen sollten, und ging voraus. Wir folgten einer hinter dem andern trotzig nach. Der vorletzte war ich, der letzte der Ranzionierte. Im Dorfe herrschte eine schauerliche Todesstille. Alles hatte sich schon in die Gebirge geflüchtet; auch wir wurden auf den Berg hinauf nach Steinhaus, einem zerfallenen Schlosse, der Wohnung des früher erwähnten Schwagers des Hofer, transportiert. Ungefähr auf dem halben Wege schrie der Ranzionierte, der nicht recht nachkommen wollte: „Halt, mein Herr!" Wir hielten; und als er uns näher gekommen, sagte er zu mir: „Meine Herr, ih kenn die Spißbue aus die G'sicht. (Schön, dachte ich mir, du fängst auch wieder tröstlich an.) Sie, meine Herr, nix Spißbue, ih hab sehen in der Wirtshaus, daß sie gute Mann aber Bauer ist nix nutz, ist schlechte Katholik — Herr! Ih bin gute Katholik; ih Irrländer. Irrländer ist fromme Christ; ih bin Manschester Weber, komm in die Kaiser Land. Handwerkbursch. Hab muß werd Soldat. Franzoß hat fang bei Regensburg. Ih nit bleib bei Franzoß. Komm von Schweiz ranzionier in die Land. Bauer hat gemacht, halt, geben Gewehr. Aber nit Montur, nit Schuh, nix Geld; ah das ist nit gut Soldat. Ih hab g'holf fangen gester die Franzoß; Bauer hat genommen alls, Sackuhr, Geld, viel Geld. Mir nix lassen. Das ist schlechte Katholik! Das ist Lump! Herr gib Sie mir Paßport und ander Montur! Ih marsch aus der Land wie Handwerkbursch. Der Land nit gut für mich. Ih gute Weber." — Sie können sich vorstellen, wie ich zu dieser Sprache die Augen und Ohren aufriß, und wie ich mich verwunderte, der Gefangene eines Irländers zu sein. — „Herr!" sagte ich ihm, „ich bin sein Gefangener und kann ihm daher nichts versprechen. Wenn er aber zu meiner Befreiung was beiträgt und ich erreiche mein väterliches Haus, so verspreche ich, ihm Kleider, Reisepass und so viel Geld zu geben, dass er fortkommen kann." — Wie er dies hörte, warf er seine Muskete über den Berg hinab und sagte: „Hab wohl glauben, Herr ist nit Spißbue — hat gesagt Bauer, Herr große Spißbue, Herr ist Franzoß, muß sterben, aber itz nimmer sterben, Bauer laufen alle fort. Ist kommen von der Berg viele Franzoß. Ih hab sehen die viele Franzoß, ganze Krieg ist verspiel. Ih kann nit sagen teutsch — Prinz Karl hat verspiel große Schlacht." — Nun erzählte er mir den Berg hinauf mit seiner Kaudersprache die mir längst bekannten Kriegsereignisse bei Regensburg, seine Gefangennehmung usw. und vorzüglich, was die Irländer für gute Katholiken wären.

Als wir nach Steinhaus kamen, trafen wir daselbst den schon mehrmal erwähnten Joseph Gufler, den Schwager des Sandwirts, an, der sich im Augenblicke unserer Ankunft mit seiner Familie in eine höhere Gebirgshütte hinauf flüchten wollte. Er war sehr erschrocken und sprach wie ein Verwirrter. Sein ganzes Benehmen verriet eine Art Verzweiflung. Ich erinnerte ihn, ohne dass ich wusste, dass er der Schwager des Hofer und des Volkshauptbetrügers war, an unser Zusammentreffen in dem Jaufenhause am 9. November und schilderte ihm die überlegt teuflische Bosheit jener Lumpen, die den Hofer zum neuen Aufstand gezwungen und das Volk mit so niederträchtig lügenhaften Nachrichten, als wären sogar die Österreicher im Anmarsche, betrogen haben, mit so einem lebhaften Nachdrucke, dass er meine Vernunfts- und Herzenssprache nicht länger aushielt, und mit der Bemerkung: „es drücke ihm beinahe das Herz ab", davonging und uns seine ganze Wohnung überließ. Auch der Passeirer, der uns nach Steinhaus vorausging, entfernte sich, und so waren wir nun gleichsam frei. Herr Sieberer und ich legten uns in den Kleidern auf ein Bett, das wir in einer Seitenkammer fanden, und die übrigen drei lagerten sich auf den Bänken.

Am 24. November verließen wir mit Tagesanbruch Steinhaus, unsern letzten Arrest, wenn ich es so nennen darf, und begaben uns wieder über den Berg hinab nach St. Martin, wo gleichzeitig mit uns die Avantgarde der Franzosen eintraf. Zuerst stießen wir auf einen Sergeanten, der ungefähr 30 Mann führte. Als er uns erblickte, ließ er auf uns anschlagen und schrie: „Halt!" Ich schrie ihm zu: „Wir sind Gefangene der Bauern und kommen aus dem Gefängnis." Weil er nun sah, dass wir nur wenige und unbewaffnet waren, so befahl er uns, näher zu kommen, und ließ uns zum General führen, der soeben mit der Kolonne gegen das Dorf anrückte. Es war General Barbou, der mich gleich erkannte, weil er mir auf meiner Reise nach Villach in Innichen mein Sevelinges'sches Zeugnis unterschrieben hat. Diesem und dem General Huard erzählte ich kurz unsere Geschichte. Der Silberarbeiter und der Bauer von Sterzing blieben in Passeier, warum weiß ich nicht, zurück. Der Herr Sieberer, ich und der Irländer gingen an der Seite der beiden Generale hinter der Avantgarde an der Spitze der Kolonne, die zwischen 6 und 7.000 Mann stark war 1), nach Meran. Durch ganz Passeier sahen wir, außer ein paar Weibsbildern in St. Martin, keine lebendige Seele. Ungehindert zogen wir bis zur Brücke von Riffian. Dort detachierte der General Barbou einige Kompanien nach Riffian mit dem Auftrage, daselbst bloß durchzumarschieren und bei Todesstrafe in kein Haus hineinzugehen. Wir marschierten der Bergstraße nach bis zum früher erwähnten sogenannten Finelebach vor, wo sich die über Riffian detachierte Mannschaft wieder mit

1) Daney hat die Stärke der Franzosen wohl um das Doppelte überschätzt. Siehe Hirn, S. 798.

uns vereinigte. Von da aus sahen wir, dass die ganze Anhöhe des Küchelbergs stark mit Truppen besetzt war. Weil aber das Wetter sehr trüb und nebelig war und die Mannschaft der Weinberge wegen nicht genau konnte gesehen werden und selbst die Perspektive keine Ansicht gewährte, so mussten wir das auf dem besagten Berge hin- und herziehende Volk um so mehr für Bauern halten, als es uns auffallend war, auf unserm ganzen Zuge durchs Passeier heraus keinen einzigen Passeirer gesehen zu haben. Daher nahm General Barbou die Tiroler Anichkarte, planisierte sie mit dem General Huard und ein paar Stabsoffizieren eine Weile durch und befahl endlich der ganzen Kolonne mit Ausschluss zweier Bataillone, die am besagten Bache stehen bleiben mussten, rechts den Berg zu ersteigen.

In der festen Voraussetzung, die Anhöhen des Berges seien von Bauern besetzt und es werde zu einem hitzigen Gefechte kommen, wurde folgender Plan entworfen. Die zwei Bataillone, die unten am Bache stehen bleiben mussten, sollten Halt machen, bis die übrige Kolonne eine gewisse Höhe würde erstiegen haben; dann sollten sie gegen Zenoberg vorrücken und erst vom besagten Berge sich wieder mit der übrigen Truppe in Verbindung setzen. Der General Huard aber sollte von der bestimmten Anhöhe mit ungefähr zwei Bataillonen sich rechts wenden und das Dorf und Schloss Tirol wegnehmen und besetzen und von dort aus den Bauern in die Flanke und im Rücken manövrieren, während sie General Barbou in der Front angreifen würde. Herr Sieberer und ich mussten beim General Barbou bleiben, der sich mit dem General Huard und einigen Offizieren an die Spitze der Truppen stellte. Nach gegebenem Kommando mussten wir gleichsam im Sturmschritt den Berg ersteigen. Einige Regimentszimmerleute mussten voraus und uns durch Stauden und Dörner den Weg bahnen. Alle Zäune und Weinberge, wo wir durchbrechen mussten, wurden niedergerissen. Wir hatten noch die bezeichnete Anhöhe nicht erstiegen, als uns schon eine starke Patrouille — Franzosen entgegen kam und uns ankündigte, dass General Baraguay d'Hilliers mit zwei Divisionen die Anhöhen des Berges und das Dorf Tirol besetzt halte.

Kein Mensch war froher, diese Nachricht zu hören, als ich. Nun, dachte ich mir, werden dem Volke endlich doch die Augen aufgehen und jetzt werden sich meine Landsleute wohl überzeugen, dass ich ihnen die Wahrheit gesagt und dass ich nichts als ihr Bestes gesucht habe. General Barbou, General Huard, einige Offiziere, Herr Sieberer und ich eilten voraus zum General Baraguay d'Hilliers. Die Truppen folgten uns nun langsam und gemächlich nach. Als ich zum soeben benannten General en chef kam und ihm kurz meine und des Herrn Sieberer Geschichte erzählte, brach er in eine förmliche Wut aus und sagte: „Monsieur l'abbé, mich freut es unendlich, Sie durch meine Truppen gerettet und die Meinung, die ich von Ihnen in Bruneck gefasst habe, durch Ihr edles Benehmen und Ihren standhaften Charakter bestätigt zu sehen. Allein das Betragen des Hofer und vorzüglich des infamen Kapuziners und eines gewissen Priesters aus Schlanders P... A..., von welch letzteren man mir in Meran erzählt hat, dass sie die Haupttriebfedern dieser unsinnigen Empörung wären, hat bereits alle meine Langmut und Geduld besiegt. Wenn die zwei letzteren in meine Hände geraten, werde ich sie beide hängen lassen. Vermöge der Verordnung des Vizekönigs vom 12. d. Mts. kann und darf ich keinen Rebellen, der mit Waffen in der Hand von meinen Truppen gefangen wird, mehr mit Nachsicht und Schonung behandeln. Ich habe sie dem Gesindel durch einen Adjutanten von mir von Bozen aus zugeschickt und die sich so nennenden Kommandanten von einem Oberst über das Verderben, das sie sich durch ferneren Widerstand zuziehen, gehörig belehren lassen. Allein alles Zureden war fruchtlos, ich musste mit Gewalt durchbrechen. Ich bin bisher mit beispielloser Schonung vorgegangen. Aber jetzt tritt Strenge an die Stelle der Gnade. Morgen rücke ich mit meinen Divisionen in Vinschgau ein und lasse von der Töll bis Nauders Dorf für Dorf niederbrennen." Unter mehreren fürchterlichen Drohungen (z. B. er werde seinen Divisionen freie Hand lassen) donnerte er mir auch diese Worte zu: „Ich weiß, dass Vinschgau die Gegend von Meran zum Aufstand gezwungen und wie sich das Gesindel von Vinschgau vor einigen Tagen in Meran betragen hat; aber ich werde diese Kanaillen mit Schrecken, Tod und Feuer zu den Gesetzen zurückführen." Ich bat um Schonung und Gnade und sagte ihm, dass er von den Meranern falsch sei berichtet worden, indem nämlich die Vinschgauer teils von Passeirern, teils von verschiedenen Flüchtlingen des Landes und hauptsächlich gerade von einigen stürmischen Lumpen aus der Meraner Gegend wären aufgefordert worden. Dem Hofer möchte er um so mehr Amnestie und Gnade angedeihen lassen, als ich ihm bestimmt versichern könnte, dass er alles, was er nach dem 8. d. Mts. unternommen, nur aus Zwang getan und dass ihn eben diese seine Zwangshandlung bereits um alle Besinnung gebracht habe. Der Kapuziner Joachim und der Priester P ... A ... zu Schlanders gehören zwar wohl unstreitig zu den Haupträdelsführern dieser letzten Empörung, allein sie seien beide nicht gefährlich, weil es einem wie dem andern an Kopf und Mut gebricht. Sie haben bereits ihre dummwütenden Rollen ausgespielt; daher bat ich Ihre Exzellenz auch für diese zwei Verzweifler um Gnade. „Der erstere handelte nur aus Verzweiflung, weil ihn kein Kloster mehr im ganzen Lande aufgenommen hat; und der zweite ist bloß ein geschäftiger Ränkemacher, den, ich versichere Ihre Exzellenz auf Ehre, schon von jeher kein vernünftiger Mann achtete und der eben darum keine seiner angezettelten Meutereien nach seinen Plänen auszuführen imstande ist, weil ihn überall seine langen Ohren daran hindern. Er stellte sich einzig aus dem Grunde an die Spitze des Pöbels, weil es für seine Eitelkeit eine unentbehrliche Nahrung ist, irgendein Kommando, wenigstens bei einer Dorfprozession, führen zu können. Ich bitte Ihre Exzellenz! Halten Sie nur noch 24 Stunden inne und geben Sie mir ein Pferd, dass ich nach Vinschgau reiten kann. Wenn ich glücklich Schlanders erreiche, so stehe ich Ihro Exzellenz gut, dass ich ganz Vinschgau beruhige." — „Nein," sagte er, „wollen Sie denn Ihr Leben noch einmal zwecklos aufs Spiel setzen? Es bleibt bei meinem Spruche."

Als ich sah, dass ich ihn von seinem gefassten Entschlüsse durch keine Vorstellungen und durch kein Bitten abbringen konnte, so fiel ich ihm zu Füßen und bat knieend und mit aufgehobenen Händen für Vinschgau um Schonung und Gnade, indem ich ihm versicherte, dass kein einziger wohlstehender, rechtlicher Mann an dem ganzen letzten Aufruhr freiwillig den geringsten Anteil genommen habe. Zum Beweise dieser meiner Beteuerung sagte ich ihm, dass die ehemaligen Kommandanten Johann Spiller und Johann Alber von Schlanders schon am 10. d. Mts. die Waffen niedergelegt und sich deswegen auch der größten Gefahr ausgesetzt haben, erschossen zu werden. Er befahl mir, aufzustehen; allein ich blieb so lange knieen und bat so dringend, bis er mir endlich sagte, er werde sich besinnen, ob er meinen Bitten entsprechen könne. „Wenigstens", sagte ich, „bitte ich Ihro Exzellenz, die Truppen für dermal nicht weiter als bis auf die Töll vorrücken zu lassen und den Befehl zu erteilen, dass nicht gebrannt und geplündert wird; denn der Schaden und das Elend würde einzig die unschuldigen Familienväter treffen, da doch die ganze Empörung nur die letzten Zuckungen der sterbenden Verzweiflung des vermögenlosen wütenden Gesindels und einiger stierartigen Rädelsführer sind." — Diese Gnade sicherte er mir endlich, nachdem ich nicht eher zu bitten aufgehört hatte, zu, und sagte mir, ich sollte heute in Meran ausruhen und morgen vor Mittag zu ihm kommen, bis dahin würde er gegen Vinschgau nichts unternehmen und dann werde er schon sehen, was zu tun wäre. — Nun gingen Herr Sieberer und ich nach Meran, wo wir bei meinem Freund, dem Herrn Schweiggl einkehrten und vor allem andern, weil wir, vorzüglich ich, voll Franziskuskäferchen 2) waren, die ich schon in der Stube des Thalguter von meiner Arrestgesellschaft geerbt hatte, die Wäsche wechselten. An diesem Tage als am 24. November stand noch der ganze Landsturm von Untervinschgau auf den Anhöhen der Töll, wohin er am Tage vorher berufen wurde.

2) Flöhe.

So sehr bereits Unordnung und Missmut unter den Männern eingerissen waren, ebenso sehr wurden nun die Weiber von einer vaterländischen Wut ergriffen, die sie soweit trieb, dass sie in Nauders sogar eine Kompanie Mägde aufstellten und aus ihnen Offiziere wählten. Eine gewisse Färberstochter wurde zur Hauptmannin und andere nach Verdienst ihrer Raserei zu Leutenantinnen ernannt. Das Sturmlaufen der baierischen Grenadiere hätte ich sehen mögen, wenn es darauf angekommen wäre, diese Nauderer Amazonen aus ihren Positionen zu werfen.

Am 25. November vor Mittag gingen Herr Sieberer und ich zum General Baraguay d'Hilliers. Herr Sieberer ließ sich einen Pass geben und reiste über Bozen nach Innsbruck, wozu ich ihm, soviel es meine Börse erlaubte, das nötige Geld gab. Ich wiederholte meine Bitten und Vorstellungen. Allein lange bat ich vergebens. Freund! Wenn ich je in meinem Leben mit Kraft und Nachdruck gesprochen und gebeten habe, so war es diesmal. Ich ließ nicht nach, mit aufgehobenen Händen zu bitten, bis mir der General endlich sagte: „Nun, wenn Sie sich ohne weiters für Ihre Landsleute opfern wollen, so will ich Ihnen ein Pferd geben und meiner Avantgarde, die schon vorgerückt ist, den Befehl nachschicken, dass sie nicht über die Töll vordringe." Der General schickte gleich einen seiner Herren Adjutanten nach der Töll, und ich setzte mich an den Tisch und schrieb folgende Proklamation:

„An
die Oberkeiten, Ausschüsse, und Respektiven Hauß- und Güter-Besitzer im Viertl Vintschgau!

Wie lange wollet Ihr Euch noch durch verführerische Eingebungen boshafter niederträchtiger Flüchtlinge bethören lassen! Wie lange wollet Ihr dem Rufe rechtlicher einsichtsvoller Männer, die nichts als das Wohl eures Landes und euere Rettung suchen, euere Ohren verschließen! Wollet Ihr nun (Es ist die letzte Gnade, die ich Euch anbiete) die Waffen zusammentragen und einliefern und meine Gefangenen herabschicken? Widrigenfalls soll Euch das Getümmel meiner Kanonen, und das Feuerprasseln eurer Hütten euere gegen alle Vernunft und euer eigenes Wohl verstopften Ohren öffnen! Ich biete Euch hiemit noch (aber das letzte mal) allgemeine Vergebung an. Alle Hauß- und Familien Väter haben bey ihren Häusern und Familien zu verbleiben. Der sich entfernet, wird als Rebell angesehen und als solcher bestraft werden, und sein ganzes Vermögen ist fiskalisch.

Hauptquartier Meran den 25ten 9br 1809.
Der General Lieutenant Oberkommandirender der Kaiserlich französischen Truppen in Tyrol
L. S. Cte. Baraguay d'Hilliers."

Sobald mir der General dies mein quousque tandem 3), welches ich ihm übersetzen musste, unterzeichnet und gesiegelt hatte, war mein erster Gang zu der im vorigen Briefe erwähnten Frau Wirtin, die, wie ich Ihnen früher erzählt habe, am 12. November dem Pöbel, der mich in ihrem Vorhause umringt hatte, von der Treppe herab zurief, man sollte mich erschlagen. Weil ich erfahren habe, dass sie ihre Kinder samt einem Wagen voll Bettzeug und Hausgeräte nach Vinschgau in die Flucht geschickt hatte und sehr darum bekümmert war, so hielt ich

3) Wollt Ihr wohl endlich!

es um so mehr für meine Pflicht, sie aus ihrem Kummer zu reißen, als ich es notwendig erachtete, sie über den wirklich mit Österreich abgeschlossenen Frieden zu belehren und ihr einen Begriff von der Denkart und Handlungsweise der Freidenker beizubringen. Als ich ihr sagte, dass ich mich heute noch nach Vinschgau begeben und daselbst vor allem ihre Kinder und ihren Plunder 4) in Schutz nehmen werde, fühlte sich die schreiende Xanthippe so beschämt, dass sie mir unter Tränen versprach, das Wort „Freidenker" in ihrem Leben nie mehr so mutwillig zu missbrauchen.

4) Dialektausdruck für Hausgeräte.

Erst am Abend bekam ich das versprochene Pferd. Es war schon Nacht, als ich von Meran abreiste. Auf der Töll traf ich den General Molard mit der französischen Avantgarde an. Dieser sagte mir, dass die Vinschgauer beim ersten Anblicke seiner Truppen stürmisch davongelaufen wären. Bei der Straßenecke am Anfange der Töll hätten einige seiner Offiziere ihre Hüte geschwungen und dies hätte meine Landsleute so erschreckt, dass er, weil er ihnen nicht über die Töll hinaus nachrücken durfte, keinen einzigen mehr zu sehen bekommen habe. Nachdem ich mich da beinahe eine Stunde aufgehalten und ihn sehr dringend gebeten hatte, Vinschgau, im Falle ich auch wirklich umgebracht würde, besonders aber das nächste Wirtshaus in Rabland zu verschonen und in seinen Schutz zu nehmen, und nachdem mir dies der General bei der Hand versprochen, setzte ich endlich getrost meinen Beruhigungsritt fort.

Die ganze Fläche von der Töll bis Rabland war so mit frisch gefallenem Schnee bedeckt, dass es mir nicht möglich war, genau die Straße aufzufinden. Als ich mitten auf derselben zu sein glaubte und einen ziemlich schnellen Trab fortritt, stürzte mein Pferd auf einmal in eine tiefe Wasserleitung, vulgo Wasserwaal, hinein. Das sonderbarste bei diesem Sturze war: das Pferd fiel mit dem Kopfe und dem Vorderleib so schnell in den Graben hinab, dass ich schon, ehe der ganze Gaul zusammenstürzte, aus dem Sattel und über den Kopf des Pferdes hinausgeworfen war. Mein Bucephalus hatte sich noch nicht aufgezappelt, stand ich schon wieder auf den Beinen. Dass mir nun dieser halsbrecherische Spaß nicht wiederholt begegnen möchte, ging ich den ganzen Weg bis Rabland zu Fuß.

Daselbst glaubte ich meinen Freund den Herrn Gstirner anzutreffen; allein er hatte schon sein Wirtshaus verlassen und sich mit Weib und Kind nach der Schweizer Grenze geflüchtet. Eben auf dieser seiner Flucht hat er zu Schlanders öffentlich auf dem Platze, als man ihn fragte, wie es gehe, die Eigenschaften, den Charakter der 3 Deptioncr, nämlich des Thoman Wellenzohn und des Peter Gruber, beide von Kortsch, und eines gewissen Georg Stocker von Vezzan, am kürzesten und am nachdrucksamsten geschildert, als er sagte: „Da sehet ihr, wie es gehet, wenn Ochsen und Lumpen das Kommando führen, so sieht sich der rechtliche Mann gezwungen, Haus und Hof zu verlassen". Diese drei lodenen Bengel, wovon keiner mehr als schlecht seinen Namen schreiben kann, hielten sich für so wichtig und schlugen ihre unsinnige Wut so teuer an, dass sie einmal bei einer Zusammenkunft, wie ich mir erzählen ließ, schon unter sich die vorzüglichsten Einkünfte des Landes teilten. „Mir", sagte der Wellenzohn, „muß der Kuaser die Salzpfann geb'n". — „Und ich", sagte der Gruber, „nimm s' Münzamt." — „Ja, was blieb denn nacher mir?" fragte der Stocker. — „Dir geb'n mier die Zoll", erwiderte der Wellenzohn.

Doch um wieder auf meine Geschichte zu kommen! Von Rabland ritt ich gestreckten Trabs nach Naturns. Daselbst ließ ich einige Männer zusammenrufen, um sie über ihre Lage und das Schicksal von Vinschgau, wenn sie von nun an ruhig blieben, zu beruhigen. Doch während ich auf dem öffentlichen Platze die Gründe auseinanderlegte, warum sie sich von nun an ruhig verhalten müssten, und ihnen sagte, dass wenigstens 20000 Franzosen in der Gegend von Meran wären, schrie auf einmal ein gewisser Schr ….r von Eyrs; „Mander! Glaubt dem französischen Pfaff nichts! In Meran sein nit mehr als 300 Franzosen. Morgen ruck'n mier wieder aus und schlag'n all‘s tot, was französisch ist!" Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, fing ich so wütend kraftvoll zu schreien, zu predigen und mitunter auch zu fluchen an, dass mich nicht nur allein die Männer, die mich umgaben, ersuchten, ich möchte mich eines so schlechten Kerls wegen nicht so sehr ereifern, sondern dass mich sogar der besagte Säufling um Verzeihung bat und mir versprach, ruhig nach Hause zu gehen.

Nachdem mir der Neuwirt zu Naturns versichert hatte, dass er es allen Haus- und Familienvätern sagen werde, dass ihnen, wenn sie ruhig zu Hause bleiben, die Franzosen nichts Leids tun werden, trabte ich nach Staben. Auch da hatte sich der Wirt schon geflüchtet. Einen einzigen Taglöhner traf ich noch an, der die Schlüssel zum ganzen Hause hatte. Dieser erzählte mir, wie stürmisch die Vinschgauer davongelaufen wären. Thoman Wellenzohn hätte zwar mehrere einige Zeit aufgehalten und, um ihnen Mut zu machen, ihnen den Wein massweise aus dem Keller getragen, und um Brot zu bekommen, sogar die Kästen erbrochen. Die Schlanderser und Kortscher hätten sich aber nur solange aufhalten lassen, bis sie genug getrunken hatten, dann hätten sie auf einmal Reißaus genommen und den Wellenzohn, ungeachtet er mit einer ungeheuren Stange sich in den Weg gestellt, zur Seite gestoßen. Er glaube nicht, sagte er, dass sie sich noch irgendwo aufstellen werden. — „Dies wünsche und hoffe ich", sagte ich, und ritt wieder vorwärts. — Als ich zum sogenannten Krebsbach, zwischen Tschars und Galsaun kam, sah ich mir einige bewaffnete Bauern entgegenkommen. Zwei ritten langsam auf Pferden voran. Ich hielt sie für eine Patrouille. Nun, dachte ich mir, ist guter Rat teuer, hic Rhodus, hic salta! Reite ich ihnen zu, so schießen oder schlagen sie mich vom Pferde herab. Kehre ich um, so rücken die französischen Divisionen vor, und dann wehe meinen Landsleuten. Plötzlich fiel mir ein: Schäme dich, du hast bisher noch jeder Gefahr getrotzt und jetzt, wo du bereits am Ziele deiner Bemühungen stehst, wo es die Rettung von Tausenden gilt, willst du verzagen? Kaum gedacht, spornte ich mein Pferd und ritt unter fürchterlichem Geschrei „Wer da? Verhaftet die Räuber!" gerade auf sie zu." Kaum hatten sie mich schreien gehört, galoppierten die beiden zu Pferd schon nach Galsaun zurück, und die übrigen liefen links und rechts von der Straße ins Moos hinein. Als ich auf den Platz hinkam, wo sie auseinandergelaufen, hielt ich an und rief sie in Vinschgauer Sprache zurück. Kaum hatte ich ihnen zugerufen: „Wiet Mander geht he, latt enk sag'n" erkannten sie mich schon und nahmen die Hüte ab. Als ich sie fragte, wo sie denn mit ihren Gewehren hingehen wollten, sagten sie mir, sie seien gesinnt, sich nach Schnals (ein Seitental) zu flüchten, weil man ihnen gesagt hätte, die Franzosen werden alles niederbrennen und umbringen. Ich gab ihnen mein Ehrenwort, dass keines von beiden geschehen wird, sobald sie den Franzosen keinen Widerstand mehr leisten, und befahl ihnen, nach Hause zu gehen und allen Leuten zu sagen, dass sie in ihren Häusern und bei ihren Familien bleiben sollen. Alle dankten mir herzlich für den ihnen gegebenen Trost und alle kehrten beruhigt nach Hause zurück.

Gerade um Mitternacht kam ich nach Kastelbell. Daselbst traf ich in der Wirtsstube einige Sandwirtsdragoner und mehrere Landstürmer an, die sich alle teils auf Bänken, teils auf Tischen und Strohsäcken gelagert hatten. Nur ein Schlanderser, ein gewisser Martin Werner, und ein Laaser saßen bei einem Tische. Als ich mit dem ersteren zu sprechen anfing und ihm unter anderm sagte, er solle sich nach Hause begeben, es kämen die Franzosen, sprang ein gewisser Schweizer, der beim Hofer bisher als Profoß diente und manchen unschuldigen Arrestanten schrecklich misshandelt und erst vor einigen Tagen in Passeier einen beinahe totgeprügelt hatte, vom Strohsacke auf und schrie: „Auf Kameraden! Sturmschlagen! Die Franzosen kommen!" Noch eh' er diese Worte ganz ausgesprochen hatte, habe ich ihm schon seinen Säbel entwunden. Mit der linken Hand packte ich ihn beim Kragen und mit der rechten setzte ich ihm den Säbel auf die Brust und schrie: „Schweig, Elender! und rühre dich nicht mehr von der Stelle oder ich stoße dich durch!" In diesem Augenblicke sprang der Kaminfeger von Schlanders, ein geborner Italiener, von seinem Strohsacke auf und fiel ganz wütend über den entwaffneten Flüchtling her. Mit dem ersten Streiche, den er ihm gab, hat er ihn schon zu Boden geschlagen und er würde ihm noch manche derbe Ohrfeige versetzt haben, wenn ich ihn davon nicht abgehalten hätte. Warum der Kaminfeger so rachgierig über diesen Lumpen herfiel? Es lag eine persönliche Misshandlung, die er früher von ihm erlitten hatte, zugrunde. Erst nachdem er mit aufgehobenen Händen um Verzeihung gebeten und wiederholt versprochen hatte, er wolle sich augenblicklich ruhig nach der Schweiz begeben, ließen wir ihn aufstehen. Nachdem ich ihm die Warnung gegeben, dass, wenn er sich innerhalb 24 Stunden noch innerhalb der Grenzen Tirols betreten lässt, ich ihn ohne Nachsicht werde arretieren und dem französischen General überliefern lassen, befahl ich ihm, auf der Stelle seine Reise anzutreten. Freund! Bei dieser Gelegenheit habe ich gesehen, was Entschlossenheit und der von einem reinen Bewusstsein begleitete Mut des rechtlichen Mannes selbst über eine Menge riesengroßer Schurken vermag. Von allen, die in der Stube waren, getraute sich kein einziger auch nur einen Laut von sich zu geben. Ich war aber auch in einer Stimmung, dass ich nichts mehr achtete und ganz bestimmt dem ersten, der es noch gewagt hätte das Wort „Sturm" auszusprechen, den Schädel würde gespaltet haben. — Nachdem ich gesehen, dass sich keiner auch nur den geringsten Widerspruch erlaubte, gab ich den Sandwirtsdragonern, denen schon der Hofer die Pferde abgenommen hatte, die Weisung, sich mit kommendem Tag bei mir in Schlanders zu stellen, wo ich ihnen als österreichischen Ranzionierten eine Marschroute bis zum General Baraguay d'Hilliers zu geben versprach, der sie dann weiter nach Österreich instradieren würde.

Nach dieser unbedeutenden Rauferei setzte ich mich aufs Pferd und trabte nach Schlanders. Erst später habe ich erfahren, dass, während ich mich mit dem Schweizer gebalgt habe, sich zwei liederliche Burschen aus der Stube geschlichen, außer dem Hause aufgestellt und mit gespannten Stutzen auf mich gepasst haben. Sie würden mich auch ganz bestimmt erschossen haben, wenn nicht zu meinem Glücke der schon mehrmal erwähnte Johann Alber, der in einem andern Hause übernachtete und von meiner Ankunft und Gefahr von einem rechtlichen Manne benachrichtigt wurde, mit noch einem guten Freunde herbeigeeilt wäre und die beiden Meuchelmörder mit Gewalt abgetrieben hätte. — Um 2 Uhr morgens kam ich nach Schlanders. Vor allem weckte ich meinen Bruder auf, der mich einige Minuten vor seinem Zimmerfenster rufen ließ, bis er mir endlich stöhnend antwortete und mich fragte, was mein Begehren wäre. Er hielt mich nämlich schon für tot und glaubte, ich sei ihm als Geist erschienen. Die Freude, die der junge Mensch äußerte, als er aus meiner gewöhnlichen polternden Sprache sich überzeugte, dass ich mit Leib und Seele vor dem Fenster stehe, kann ich Ihnen mit Worten nicht beschreiben. Während sich mein Bruder ankleidete, erzählte er mir, dass er von dem nämlichen Lumpen, der den Major Sieberer zu Pfunds so misshandelt und hernach zum Hofer transportiert hat, bloß aus dem Grunde, weil er gesagt habe, es werde sich bald zeigen, dass ich unschuldig sei erschossen worden, ebenfalls wäre misshandelt und arretiert worden, wenn ihn nicht der öfters erwähnte Johann Spiller gerettet hätte. Meine Eltern hatten sich schon nach der Schweiz geflüchtet und der Bruder hatte es ihnen erst bei der Abreise gesagt, dass ich vom Hofer zum Tod sei verurteilt worden.

Sobald der Bruder angekleidet war, schickte ich ihn zum soeben besagten Johann Spiller mit dem Auftrage, dass er ohne Verzug zu mir zum Schupferwirt, der damals Gemeindevorsteher war, kommen solle. Kaum hatte ich die Wirtsleute aufgeweckt, war der Spiller schon da und dankte dem Himmel für meine Rettung und Erhaltung. Nachdem ich ihm die Drohungen des Generals Baraguay d'Hilliers und meine Geschichte mit ihm auf dem Küchelberge eröffnet, und dessen Proklamation vorgelesen hatte, befahl ich ihm, allsogleich den ganzen Gerichtsausschuss zusammenzuberufen. Noch in der nämlichen Stunde schickte er in alle Gemeinden Eilboten aus, und ich setzte mich dann hinter einen Tisch und schrieb einigemal die erwähnte Proklamation ab. Die erste Abschrift schickte ich gleich durch reitende Ordonnanz nach Pfunds mit dem Auftrage an die dortigen Kommandanten, den Landsturm auf der Stelle zu entlassen. Dann schickte ich einen Boten zu Pferd meinen Eltern, dem Wirt zu Rabland und dem Wirt zu Staben nach, dass sie augenblicklich umkehren und sich nach Hause begeben sollen. Darauf schickte ich an alle Pfarrer des Gerichts Schlanders ebenfalls die Abschrift der besagten Proklamation mit dem Auftrage, sie, weil eben Sonntag war, nach der Predigt dem Volke von der Kanzel zu publizieren.

Obschon ich nichts als das Wohl meiner Landsleute suchte und bereits schon von mehreren rechtlichen Männern umgeben war, so wäre ich doch noch in diesem Wirtshause meuchelmörderisch umgebracht worden, wenn mich nicht teils eben die Männer, die mich umgaben, und teils ein bloßer Zufall gerettet hätte. Denn während ich in der Wirtsstube die Proklamation abschrieb und die erwähnten Aufträge erließ, hatten sich schon drei (ich will den gelindesten Ausdruck brauchen) stürmische Säuflinge in das Vorhaus geschlichen und daselbst in der Absicht, mich, sobald ich aus der Stube herausgehen würde, zu morden, versteckt. Aus Zufall wurden sie von der Kellnerin entdeckt und dann vom Spiller, von meinem Bruder, vom Wirte und von den beiden wackern jungen Männern Kaspar Blaas und Joseph Zingerle vertrieben. Zwei erschienen nicht mehr, aber der dritte S . . . T . . ., der nämliche Schurke, mit dem ich mich am 9. November im Schutzdeputationszimmer zu Meran raufen musste, und der von den beiden unmenschlich grausamen Misshandlungen des Herrn von Maurer die Hauptursache war, kehrte wieder zurück, stieg aufs Stubenfenster hinauf und wollte mich noch von da aus erschießen. Mein Glück war nur, dass er mich nicht treffen konnte, weil ich von dem riesengroßen Spiller, der gerade vor mir saß, ganz gedeckt war.

Um 8 Uhr morgens war schon der ganze Gerichtsausschuss versammelt. Schon aus den Gesichtern las ich die Furcht und den Schrecken, der jeden ergriffen hatte. Die meisten flüsterten mir zu, ich möchte in meiner Anrede ja die Lunge nicht sparen, indem die drei (ich bediene mich des Ausdruckes der Ausschussmänner) Deputionsstiere, wovon zwei gegenwärtig waren, vom Frieden noch immer nichts wissen wollten. Da ich ohnehin schon überzeugt war, dass man bei Bauern mit Vorstellungen nichts ausrichtet, wenn man sie nicht zusammen donnert, und da ich auch, wie Sie sich denken können, nicht in der sanftesten Stimmung war, so fing ich also zu sprechen an:

„Männer! Die mir in meinem Arreste gebrachten Nachrichten, dass die meisten unter euch schon seit mehreren Tagen nach Ruhe und gesetzlicher Ordnung seufzen, die Betrachtung, dass es, wie sich der Wirt von Rabland erst gestern öffentlich auf dem Platze ausdrückte, nur Ochsen und Lumpen waren, die aus niedrigsten Absichten durch ihre so lange fürgedauerte unsinnige Wut unabsehbares Elend und euren gänzlichen Untergang herbeizuführen suchten, und endlich ein innerer Drang, vor allem euch als meinen Landsleuten zu nützen, hat mich hieher in eure Mitte geführt. Ich habe zum Besten meines Vaterlandes viele und große Gefahren bestanden! Der Himmel, der mich aus allen glücklich, ich dürfte bald sagen, wunderbar gerettet hat, ist mein Zeuge, dass ich weder aus Eigennutz noch aus Ruhmsucht, mir in der Geschichte Tirols auch einen Platz zu verdienen, nur einen einzigen meiner Schritte getan habe. Die Ankunft des Herrn v. Roschmann am 13. des vorigen Monats belebte den bereits gesunkenen Mut der Tiroler mit neuer verjüngter Kraft und berechtigte zu den glänzendsten, aussichtsvollsten Hoffnungen. Der Mann, der des Volkes Zutrauen besaß, und auf welchen das gesamte Land seinen Willen und seine Kräfte übertrug, Hofer — das Vaterland — rief zu neuen Anstrengungen, zu neuen Taten auf. Damals waren wir noch ein herrlich kraftvoller Verein des gesamten Volkes und aller Stände und eine kriegerische Masse, die wiederholt ihre Unterdrücker besiegt und im Namen des Kaisers von Österreich mit beispielloser Tapferkeit um die Behauptung ihrer blutig errungenen Vorteile und um ihre verlorenen Rechte und Freiheiten focht. Der Ruf des Vaterlandes rief auch mich in den Wirbel unserer kriegerischen Großtaten. Mit Aufträgen und den ausgedehntesten Vollmachten unseres damaligen Oberkommandos versehen, stellte ich mich im vorigen Monate an die Spitze unserer Landesverteidiger. Edel und rein waren meine Absichten. Die mir erteilte, unumschränkte Vollmacht lautete dahin: bei allen Grenzkompanien, Oberkeiten und Dekanaten alle jene Vorkehrungen zu treffen, die durch brüderliche Eintracht und durch das Zusammenwirken der gesamten Kräfte die gute Sache, das allgemeine Wohl des Vaterlandes abzielen werden. Ein herrlicher Beruf! Ein Wirkungskreis, für den ich mich (ich sage es nicht aus Stolz, ihr kennt mich, nur der Ochs kennt seine Kräfte nicht) ganz geeignet und gewachsen fühlte. Solange wir im Namen des Kaisers handeln konnten, scheute ich weder Strapazen noch Gefahren. Entfernte Unfälle geboten Friede. Se. Majestät der Kaiser von Österreich ließ uns noch zeitig genug davon benachrichtigen und hat uns schon im vorigen Monate befohlen, die Waffen niederzulegen und uns nicht zwecklos aufzuopfern. Schon am 29. des vorigen Monats hatte sich Hofer das erste Mal unterworfen. Ungeachtet dessen mussten wir uns noch am Allerheiligen-Tag schlagen. Wie es dort zuging, ist euch ohnehin bekannt. An diesem unseligen Tage haben wir das erste Mal die uns im Frieden bedungene und zugesicherte Amnestie und Vergessenheit alles Vergangenen verwirket. Am 3. dieses hat sich Hofer wie ihr wisset, das zweite Mal unterworfen. Die Deputierten der Gerichte, auch die eurigen haben sich in dem Unterwerfungsakte im Namen des Volkes, weil sie dazu bevollmächtigt waren, unterschrieben. An diesem Tage hörte Hofers Kommando und meine ganze Vollmacht auf. Erst was von diesem Tage an geschah, verdient den Namen der Meuterei. Unsere früheren Anstrengungen waren ein frühgewagtes Spiel; hätten wir es gewonnen, so würden Völkerschaften und Nationen unsern Mut anstaunen und unsere Bemühungen als Großtaten eines hochherzigen, tapferen Volkes preisen, das die Fesseln seiner Zwingherren abgeschüttelt und durch beispiellose Opfer und auf Kosten seines Blutes sich seine verlorene Freiheit wieder errungen hat Der Erfolg hat leider unsere Unternehmungen nicht gekrönt. Nicht unsern früheren Machthabern, der Übermacht der französischen Heere mussten wir weichen. Kein Vernünftiger wird je wider den Strom zu schwimmen gedenken. Eine Handvoll Volk, das von allen Seiten umringt und aller Mittel entblößt ist, kann den Kampf mit 100 000 sieggewohnten Kriegern nicht bestehen. Die Vernunft gebot, da wir mit Gewalt der Waffen nichts mehr erzwingen konnten, den Weg der Klugheit einzuschlagen und uns und unser Schicksal in die Arme der Großmut des Kaisers der Franzosen und des Vizekönigs von Italien zu werfen. Mit unerwarteter Achtung hat der letztere mich und den Herrn Major Sieberer als Abgesandte der Kommandanten und der Deputierten des Landes zu Villach aufgenommen und behandelt. Ewig wird es mir ein angenehmes Bewusstsein bleiben, daselbst zum Besten meines Vaterlandes mit so einer nachdrucksamen Würde gesprochen zu haben, dass Se. Kais. Hoheit der Vizekönig nicht nur allein keinen Anstand, sondern ein Vergnügen darin fand, uns die verwirkte Amnestie zu erneuern. Hofer, von Auswürflingen unseres Volkes dazu gezwungen, wurde wortbrüchig und rief euch neuerdings zu den Waffen. Ihr folgt blindlings seinem Rufe, und kein einziger unter euch dachte an die schrecklichen Folgen eures zwecklosen Eifers, ja zwecklos würden noch Ströme von Menschenblut geflossen und selbst Bürgermord unvermeidlich gewesen sein, wenn nicht ich allen Strapazen und Gefahren trotzend, dem Hofer zugeeilt wäre, ihn eines bessern belehrt, das Land durch meine Proklamation vom 8. dieses Monats beruhigt, euch noch zu rechter Zeit zur Besinnung zurückgeführt und dadurch die Ehre unseres Nationalcharakters gerettet hätte. Was nachhin und bis auf den gestrigen Tag geschah, kann gottlob nicht mehr auf die Rechnung der Tiroler geschrieben werden. Hofer, der in der ganzen letzten unseligen Epoche leider ebenso wenig Kopf als Selbständigkeit bewiesen hat, wurde der Spielball einiger Flüchtlinge und Verzweifler, die ihn sogar zu morden drohten, wenn er zu ihren schändlichen Unternehmungen nicht seinen Namen und sein Insigl hergeliehen hätte. Dummköpfe, abgehauste Lumpen, sinnlose Schwärmer und heimat- und mittellose Tagediebe, deren es unter jedem Volke gibt, stellten sich an die Spitze des Gesindels und eurer Knechte. Von diesen wurdet auch ihr mit in den Strom gerissen; ihr tragt keine Schuld an der letzten Empörung. Daher enthalte ich mich der gerechten Klagen und Vorwürfe über die schimpfliche Behandlung, mit der ich von meinen Landsleuten von einem Gefängnisse zum andern bin herumgeschleppt worden. Ich habe jedem, sogar den Meuchelmördern, die mich erst heute noch in diesem Wirtshause ermorden wollten, von Herzen verziehen: weil ich wohl einsah, dass sie nicht wussten, was sie tun. Ja, sie wussten es nicht, dass ich zu ihrer und eurer Rettung gekommen bin, Landsleute! Der französische Obergeneral hat euch ehegestern Verderben und Tod geschworen. Brand und Plünderung war euch von der Töll bis Nauders beschlossen. Kniefällig und mit aufgehobenen Händen habe ich für euch um Schonung und Gnade gebeten. Ich habe sie erfleht; der französische General bietet euch noch, aber das letztemal, allgemeine Vergebung an. Hört!" — Hier las ich der Versammlung die obige Proklamation vor und fuhr also fort: — „Ich will hoffen, dass ihr euch die Bedingungen, unter welchen euch die gänzliche Vergessenheit alles Vergangenen angeboten ist, um so mehr schnell zu erfüllen bestreben werdet, als der französische General bei der geringsten Verzögerung eurer Unterwürfigkeit unerbittlich seine Drohungen wird in Erfüllung gehen lassen. Männer! Es ist hohe Zeit, dass ihr eure Augen öffnet, wenn ihr eure Wohnungen, euer Eigentum und euer Leben retten wollt. Jetzt ist der Augenblick vorhanden, wo sich die rechtlichen Männer vereinigen und das Übergewicht über das Gesindel, das nichts zu verlieren hat, behaupten müssen. Wer verzweifeln will, der gehe hinaus und hänge sich auf, ich will ihm selbst den Strick dazu bringen! Wenn ihr eure Rettung wünscht, so wählet unter euch einige Deputierte, die sich heute noch nach Meran begeben und bei dem französischen Kommandierenden eure friedlichen Gesinnungen und eure Unterwerfung anbringen."

Der ganze Ausschuss bat nun mich, ich möchte sie, da ich zu ihrem Besten schon so vieles getan, in dem letzten wichtigen Augenblicke, wo Vinschgaus Wohl oder Wehe einzig von meiner Verwendung und Vermittlung abhinge, nicht verlassen; sie wären zu allem bereit, nur getraue sich keiner die Sendung zum französischen General zu übernehmen, wenn ich mich nicht an ihre Spitze stellen würde. Ich versprach ihnen dies, aber nur unter der Bedingung, dass die Unterwerfung und die Vollmachten, welche den zu erwählenden Deputierten ausgestellt werden müssten, schriftlich verfasst und vom ganzen Ausschusse unterschrieben würden. Zu allem boten sie sich an, nur wollte sich noch immer keiner als Deputierter brauchen lassen, bis endlich der schon oft belobte Johann Alber vortrat und sagte: „Auf das Ehrenwort des geistlichen Herrn reite ich mit ihm, wohin er will. Wir haben wirklich höchste Zeit, die Augen zu öffnen. Meine Knechte haben mir erst vor einigen Tagen, wenn ich nicht dem Landsturm nachgezogen wäre, Haus und Hof in Brand zu stecken und mich zu erschießen gedroht." Diesem vorzüglich vernünftig rechtlichen Manne stimmten gleich der Johann Spiller, Joseph Schuster von Latsch und Herr Peter Perlinger von Tschengls bei und erboten sich, mich zum französischen General zu begleiten, wenn der Ausschuss den Thoman Wellenzohn als die Quintessenz des Unverstandes, weil er sich gleich nach meiner Rede davongeschlichen und folglich noch nichts Gutes im Schilde führte, ebenfalls zum Deputierten ernennen würde. Der gesamte Ausschuss hielt diese Ernennung selbst für um so notwendiger, als er bestimmt überzeugt war, dass, wenn nicht den drei sogenannten Deptionsochsen die Hörner gebrochen würden, die Ruhe und Ordnung nie als ganz gesichert angesehen werden könnte. Daher musste es sich der besagte Wellenzohn ohne weiteres gefallen lassen, mich und die übrigen Deputierten nach Meran zu begleiten. Den oben besagten Männern zog ich noch meinen Bruder und den Herrn Joseph Blaas und vom Gerichte Kastelbell den Herrn Richter v. Prack, den Gerichtskassier Martin Platter und den Simon Wetzinger bei.

Schnell hatte sich in ganz Vinschgau meine Ankunft zu Schlanders verbreitet. Die Lage von Vinschgau war sehr bedenklich und traurig. Von Süden her rückten die Franzosen an. Von der nördlichen Seite waren die Baiern bereits schon bis Pfunds vorgedrungen und freuten sich um so mehr, über das mittägliche schöne Vinschgau herzufallen, als sie bestimmt wussten, dass die Empörung gerade in Vinschgau und vorzüglich in Kortsch und Schlanders ihren Hauptsitz hatte, und je schwärzer die Vinschgauer sowohl von den Meranern bei den Franzosen als bei den Baiern von den Oberinntalern angeschrieben waren. Zudem hatten sich die meisten Flüchtlinge des Landes und die Haupträdelsführer des letzten Aufruhrs nach Vinschgau zurückgezogen. Was aber für Vinschgau die meisten Besorgnisse erregte, war, dass alle gefangenen Baiern, sehr viele Sachsen und die früher erwähnten 1000 Franzosen in den Dörfern und auf den Gebirgshöhen von Vinschgau verteilt lagen. Daher erließ ich vor allem andern an alle Gerichte die Weisung, auf der Stelle alle Gefangenen zu entlassen, sie, soviel als möglich, mit Schuhen zu versehen und nach Meran zu instradieren.

Nachdem der gesamte Ausschuss die Unterwerfung unterschrieben, traten wir unsere Reise nach Meran an und ritten noch am nämlichen Tage bis Rabland. Am 27. November vor Mittag kamen wir nach Meran, wo wir uns augenblicklich zum General Baraguay d'Hilliers begaben. Kaum hatte ich meine Unterwerfungsrede begonnen, nahm schon der General das Wort und hielt uns eine treffliche Rede über die Notwendigkeit des gesetzlichen Vereins und über das Elend eines Landes und einer Gegend, wo die rechtlichen Männer nicht das Übergewicht über den mittellosen Pöbel behaupten. Nachdem er seine Rede beendet und uns seinen Schutz und Gnade zugesichert hatte, gab er mir den Auftrag, den respektiven Deputierten seine Gesinnungen zu verdeutschen. Sobald dies geschehen, sagte er auf einmal: „Ist denn da aber nicht ein gewisser Thoma Wellenzohn, Georg Stocker und Peter Gruber?" — Ich sagte: „Exzellenz, die beiden letzteren sind nicht hier, aber der Wellenzohn steht dort" und deutete auf ihn hin. Nun wandte sich der General einzig zu diesem und donnerte ihn ganz fürchterlich an. Der dicksteife Wellenzohn, der zwar die Worte des Generals, der ihm und seiner Familie, wenn er sich von nun an noch die geringste stürmische Äußerung erlauben würde, Verderben und Tod drohte, nicht verstand, wohl aber merkte, dass dem General grimmiger Ernst war, fiel auf die Worte, die ihm einer aus der Versammlung zum Ohr sagte, nämlich wie: „Thoman, fall nieder und bitte um Gnade" plötzlich und mit beiden Knieen zugleich so erschütternd schwerfällig dem General zu Füßen und machte dabei eine so wehmütige Büßermiene, dass der General, um nicht lachen zu müssen, sich umdrehte und einige Minuten zum Fenster hinaussah. Die Stellungen, welche die übrigen Deputierten zu diesem „procumbebat humi bos" 6)

6) Der Ochs fiel zur Erde.

einnahmen, um nicht in ein lautes Lachen auszubrechen, als sie diesen Stangenhelden, vor welchem kurz vorher ganz Vinschgau zitterte, endlich auf dem Boden liegen sahen, kann ich Ihnen mit Worten nicht beschreiben. Herr v. Prack nahm sie in Zeichnung auf, und ich versichere Sie, ich habe nicht oft eine interessantere Gruppe gesehen. Einer hat sich in den Daumen, ein anderer in alle Finger zugleich gebissen. Dieser hielt sich den Hut vors Gesicht, ein anderer drehte sich um, ergriff ein Stück von seinem Kleide und nahm es zwischen die Zähne. Wieder ein anderer verdrehte die Augen, als wenn ihn die Gichter ergriffen hätten, und stellte sich, um nicht hell auflachen zu müssen, das jüngste Gericht und die Peinen der Hölle vor usw. Herr v. Prack gab sich ein obrigkeitlich ernsthaftes Ansehen, und ich beugte mich, um meinem steifen Landsmann wieder auf die Beine zu helfen.

Endlich wandte sich der General wieder um und sagte mir, ich solle mir für meine edlen Taten eine Gnade ausbitten. Nun bat ich — (o ich unerfahrener, gutherziger Narr) — Se. Exzellenz möchten in Vinschgau keine Franzosen, und wenn er mir diese Gnade nicht zusichern könnte, wenigstens keine Baiern einrücken lassen. Der General riss zu dieser meiner vielgewagten Bitte gewaltig die Augen auf und schlug mir sie anfangs rund ab. Weil ich aber durchaus nicht zu bitten nachließ und ihn im Namen aller übrigen Deputierten versicherte, dass wir alles mögliche tun würden, die bereits hergestellte Ruhe zu erhalten und zu befestigen, so versprach er mir endlich in Ansehung meiner rastlosen Bemühungen unter der Bedingung, dass sich jeder der Deputierten mit seinem Kopfe und Vermögen für die Handhabung der bürgerlichen Ordnung und die gewissenhafte Einlieferung der Waffen verpfänden musste, dass er weder Franzosen noch Baiern in Vinschgau werde einrücken lassen. Ich dankte dem General für diese außerordentliche Gnade mit den gefühlvollsten Ausdrücken und freute mich grenzenlos, meinen Landsleuten nützlich sein zu können. Im Verfolg der Geschichte werden Sie sehen, dass ich den Vinschgauern wesentlichen Nutzen verschafft habe, und doch, Freund, waren es gerade meine Gutherzigkeit und beispiellose Nächstenliebe, die mir den Hals gebrochen und mich in Lagen versetzt haben, die mich bis zur Verzweiflung hätten bringen müssen, wenn ich weniger Menschenkenntnis und feste Grundsätze und ein minder tröstliches Bewusstsein, in jedem Verhältnis ohne Eigennutz einzig zum Besten meiner Mitmenschen gehandelt zu haben, gehabt hätte. Zu seiner Zeit und an gehörigem Ort und Stelle werde ich Ihnen hierüber unglaubliche Dinge berichten.

Nachdem uns der General noch einmal seinen Schutz und seine Gnade zugesichert und mich infolge der mir soeben zugesagten Gnade den Deputierten als seinen Bevollmächtigten vorgestellt hatte, stellte er mir schriftlich meine Vollmachten und eine Weisung an den Kgl. baierischen Vorpostenkommandanten aus, vermöge welcher die Kgl. baierischen Truppen nicht über Pfunds vorrücken sollten, und schickte zugleich einen Offizier an seine Vorpostenkommandanten mit dem Auftrage, meine Firma, die ich ihm geben musste und die der Offizier mitnahm, in allen Vorfällen wie die seinige zu respektieren. Ich dankte ihm im Namen der übrigen für das mir geschenkte Zutrauen und ging mit einem seiner Adjutanten, die gefangenen Bauern zu befreien.

Auf meiner Rückreise nach Schlanders begegneten mir schon die gefangenen Baiern, Sachsen und Franzosen auf ihrem Zuge nach Meran. Sobald ich zu Schlanders angekommen, war mein erstes Geschäft, in jedem Dorfe die zur Erhaltung der Kommunikation zwischen der Kgl. baierischen und französischen Armee und zur schnellen Beförderung des Briefwechsels erforderlichen Ordonnanzen aufzustellen und dafür die Ortsvorsteher zu verpflichten. Zugleich schickte ich dem Kgl. baierischen Vorpostenkommandanten, der unterdessen schon bis Graun vorgerückt war, die erwähnte Weisung, der zufolge die Kgl. baierischen Truppen sich auch augenblicklich bis Nauders wieder zurückzogen. Am 28. November begab ich mich wieder nach Meran zum General, um von ihm bestimmte Verhaltungsregeln in bezug der Entwaffnung und der Einlieferung der Waffen zu erhalten. Am 29. wurde mir folgender Auftrag zugefertigt.

„An die Oberkeiten, Ausschüsse und Familienväter im Viertl Vinschgau!

Nachdem ihr endlich auf meine Aufforderung euer eigenes Wohl in Betracht gezogen, und aus euern Gerichtern und Gemeinden Bevollmächtigte zu mir abgesendet habet, um euere Unterwerfung und Einlieferung der Waffen anzukünden, so verkünde ich euch hiemit nochmal meinen Schutz und Gnade. Befehle aber in Hinsicht der Einlieferung der Waffen:

Daß 1tens jede Art Waffen ohne Ausnahme als sogenannte Scheibenbüchsen, Stutzen, Musketen, Karabiner, Flinten, Säbel, Degen, Hellebarden und Spiese und bloße Stützen oder Flinten Röhre etc. etc. bis an unten bestimmten Tagen in dem Hauptorte, wo die respektiven Oberkeiten wohnen, zusammengetragen und eingeliefert werden müssen.

2tens hat jeder respektive Pfarrer, Kurat und Seelsorgspriester und die von den Pfarrern bestimmten Kapuziner mit den Vorstehern der Gemeinden von Haus zu Haus bei strengster Verantwortung und Haftung ihrer eigenen Personen die Waffen abzufordern. Wer immer sein Gewehr sich auszuliefern weigert oder versteckt hält, ist alsogleich bei mir anzuzeigen. Ein solcher verwirket sein Leben, und der es weiß und nicht anzeigt, unterliegt der nämlichen Strafe, sowie der Anzeiger eine Belohnung erhält.

Jeder Gemeinde werden nach Verhältnis der Lage einige gute Gewehre zur inneren Sicherheit zurückgegeben werden. Die Zahlsbestimmung und Übergebung derselben geschieht vom Priester Jos. Daney von Schlanders. Die Empfangsscheine werden ebenfalls demselben ausgeliefert.

Das Gericht Kastelbell wird seine Gewehre am 2ten, die Gerichte Schlanders und Montani am 3ten, die Gerichte Glurns, Matsch und Marienberg am 4ten und das Gericht Naudersberg am 5ten künftigen Monats spätestens nach Meran einliefern. Aus eueren selbst wiederholt eingeschickten Standeslisten sind mir alle euere Gewehre bekannt. Meine Gnade und Nachsicht wird sich nach eurer Treue in Hinsicht der Auslieferung derselben messen.

Hauptquartier Meran den 29ten 9br 1809.
Der General Lieutenant Oberkommandierender
der k. französ. Truppen in Tirol.
Cte Baraguay d'Hilliers."

Durch den Eifer und die Tätigkeit der Priesterschaft und der Ortsvorsteher waren schnell einige Wagen voll Gewehre und Waffen jeder Art gesammelt. Jeder Gemeinde gab ich 12 bis 18 der besten Gewehre mit einem Sicherheitsscheine, in welchem ich die Bemerkung anführte, dass sie nicht mehr als Privat-, sondern als Gemeindeeigentum anzusehen seien, zurück. Die Gemeindevorsteher sowohl als die rechtlichen Familienväter, denen ich die Gewehre zurückgegeben, verpfändeten sich schriftlich mit ihren Personen und Vermögen, nie mehr von denselben einen ruhestörenden Gebrauch zu machen.

Von Vinschgau war nun bereits alle Sorge einer neuen Unruhe um so mehr entfernt, als sich jeder rechtliche Mann inniger an mich anschloss und überzeugt fühlte, dass alle meine Bemühungen einzig zum allgemeinen Wohl und Nutzen abzielten. Indessen sah es gleichzeitig noch in Passeier und vorzüglich in der Gegend von Brixen und Bruneken desto stürmischer aus. Durch die oben erwähnte Kolonne Franzosen, welche über den Jaufen nach St. Leonhard kam und sich mit den übrigen Truppen auf dem Küchelberge in Verbindung gesetzt hatte, waren die Passeirer zwar für einige Stunden verscheut, aber nichts weniger als beruhigt. Der vernünftigere Teil sehnte sich zwar wie alle übrigen rechtlichen Bewohner des Landes nach Ruhe und Ordnung, allein der weit größere Haufen der sieggewohnten Passeirer war einzig darauf gespannt, ob von Meran nicht bald wieder eine Kolonne Franzosen nach Passeier zurückkehren und das Tal besetzen würde. Anstatt, dass Baraguay d'Hilliers Truppen wieder nach Passeier zurückbeorderte, schickte er bloß den Auftrag dahin, dass das ganze Tal die Gewehre und Waffen nach Meran einliefern und die gesamte Priesterschaft sich daselbst vor ihm stellen solle. Dieser Befehl jagte sämtlichen Priestern einen panischen Schrecken ein. Indessen versammelten sie sich doch zu St. Leonhard und hielten einen förmlichen Staatsrat. Jeder hatte eine andere Meinung. Der einzige schon mehrmals erwähnte Pater Magnus Prieth stimmte dahin, man müsse in der gegenwärtigen Lage der Dinge um so mehr schnell den Befehlen des französischen Generals nachzukommen sich bestreben, als man sich durch ein längeres, furchtsames Zaudern unvermeidlich die Ungnade desselben zuziehen und je zweckloser man ihn nötigen würde, gegen Passeier die strengsten und folglich auch sehr kostspieligen Maßregeln zu ergreifen. Ungeachtet sich der ganze Klerus von Passeier von der Notwendigkeit der Beruhigung des Volkes leicht überzeugte, wollte es doch keiner von allen Priestern wagen, sich nach Meran zum französischen General zu begeben. Nur der besagte Pater Magnus Prieth hatte den Mut, dahin zu kommen. Zufällig traf er mich daselbst an und ersuchte mich, ihn beim französischen Kommandierenden aufzuführen. So gnädig er uns aufnahm, ebenso erbittert äußerte er sich gegen den ganzen Klerus von Passeier und vorzüglich gegen Hofer, welcher, wie er sagte, infolge der Aufträge des Vizekönigs bereits in die Acht erklärt sei und keiner Amnestie mehr teilhaft werden könne.

Sie können nicht glauben, wie mich diese Eröffnung des Generals erschütterte. Ich fing wieder, so sehr ich vermochte, für den Klerus von Passeier um Nachsicht und Schutz, und für den Hofer um Gnade und Erneuerung der Amnestie zu bitten an. Für den erstern ließ er sich nach verschiedenen Vorstellungen endlich geneigt stimmen. Allein vom Hofer wollte er nichts mehr hören. Wiederholt sagte er mir, ich bäte vergebens, zur Rettung des Hofers könne und wolle er nichts mehr tun. Doch je öfter und je ernsthafter er diese Worte wiederholte, desto inniger und nachdrucksamer fing ich zu bitten an. Kniefällig und mit aufgehobenen Händen bat ich so lange, bis er sich endlich erweichen ließ und mir versprach, den Hofer in Ansehung meiner in Schutz zu nehmen und ihm, wenn er sich ohne Verzug bei ihm stellen und Beweise seiner Unterwürfigkeit geben würde, von dem Vizekönig neuerlich die Amnestie zu erwirken. Doch mit der bloß mündlichen Versicherung war ich nicht zufrieden. Ich bat, er möchte sie dem anwesenden Pater Magnus schriftlich behändigen, damit dieser den Hofer desto leichter zur Annahme der ihm zugesicherten Gnade und zur geforderten Unterwerfung bereden könnte.

Nachdem dies geschehen, begab sich der Pater Magnus augenblicklich wieder nach Passeier und ich mich nach Schlanders zurück. Eh' wir uns trennten, ersuchte ich ihn, dem Hofer, wenn er vielleicht die ihm angebotene Amnestie nicht annehmen sollte, die nachdrucksamsten Vorstellungen zu machen, dass er sich wenigstens selbst retten und nach Österreich flüchten möchte. Allein Hofer nahm keinen Rat mehr an und bereitete sich, wie Sie bald sehen werden, sein Unglück und sein Verderben selbst zu.

Nachdem der Pater Magnus nach St. Leonhard gekommen, und sich daselbst neuerlich alle mögliche Mühe gegeben hatte, sowohl den Klerus als vorzüglich die Ortsvorsteher über die Notwendigkeit der schnellsten Unterwerfung und der Einlieferung der Waffen zu überzeugen, so wurde endlich der Entschluss gefasst, einige Priester und mehrere Bauern zum Hofer, der sich nach Pfandel, einem Gebirgshofe, geflüchtet hatte, abzuschicken und ihn durch diese über die missliche Lage von Passeier, über das verderblich Zwecklose eines ferneren Widerstandes und besonders über seine eigene Rettung belehren zu lassen. Herr v. Ampach, Pfarrer zu St. Leonhard, Herr Leonhard Rempp, der Beichtvater des Hofer, und der besagte Pater Magnus stellten sich an die Spitze der zu dieser Sendung erwählten Bauern. Als sie nach Pfandel kamen, mussten sie in dem Vorhause, eh' sie mit dem Hofer sprechen konnten, längere Zeit warten, weil er mit dem schon oft erwähnten zerlumpten Swet soeben vor einem Tische knieend im Rosenkranzbeten begriffen war. Die besagten Priester und Bauern zeigten sich ihm zwar wiederholt, allein er achtete auf keinen derselben und betete ununterbrochen fort. Nachdem der Rosenkranz beendet war, trat sein Beichtvater zu ihm und bat ihn, er möchte die anwesende Ausschussdeputation, seine besten Freunde, anhören. Hofer gab ihm keine Antwort, sondern fing anstatt dessen mit noch heftigerer Stimme neuerlich zu beten an. Nachdem er dem elenden Swet noch 15 Vaterunser zu Ehren verschiedener heiliger Kriegshelden, als des heiligen Martin, des heiligen Ritter Georg usw. usw. sehr eifrig vorgebetet und dieser sie ihm fleißig nachgeplappert hatte, stand er endlich auf, sah alle, vorzüglich den Pater Magnus, mit äußerst unwilligem und verächtlichem Blicke an und fragte sie verwirrt trotzig: „Was wollt ihr?" Herr v. Ampach eröffnete ihm mit priesterlicher Würde und Liebe die Absicht und den Zweck ihrer Sendung. Allein Hofer unterbrach ihn schnell und polterte ihm die Worte zu: „Was beschlossen ist, bleibt beschlossen, ich brauche euch alle nicht und gerade Sie", sagte er zum Pater Magnus, „unterstanden sich, zu einem französischen General nach Meran hinauszugehen, und schämen sich nicht, Gott, Religion, Land und Leute zu verraten; jetzt wohl müssen die Schafe den Hirten, und nicht mehr der Hirt die Schafe suchen" usw.

Auch der Pater Magnus suchte ihn mit aller Gelassenheit und Liebe zu belehren, Hofer aber hörte ihn nicht nur nicht an, sondern behandelte ihn schimpflich niedrig und sagte ihm die unerträglichsten Grobheiten, die der bescheidene Priester alle, ohne ein Wort zu erwidern, annahm. Als Hofer auf das Kruzifixbild hindeutete und mit höhnischer Miene den Pater Magnus fragte, ob er wisse, was der Gekreuzigte von den Priestern verlange, so ging dem guten Pater doch endlich die Geduld aus. Voll gerechten Eifers sagte er nun dem Hofer: „Ich bin nicht gekommen, mich über meine Pflichten von einem Samer (Pferde- oder Mauleseltreiber) belehren zu lassen. Das Evangelienbuch hat der Bischof mir und nicht Euch in die Hände gelegt. Was das Christentum von den Menschen fordert, habt Ihr von mir und nicht ich von Euch zu hören. Unsinnig genug vergleicht Ihr Euch auf die lächerlichste Art mit Samson, Josue und den übrigen Helden der Bibel und der Legende. Indessen, glaubt mir, werdet Ihr nichts mehr zusammenschlagen, noch weniger werden Euch die Planeten Folge leisten" usw. Je ernsthaftere Lehren der Pater Magnus dem Hofer ans Herz zu legen suchte und je bitterere Vorwürfe er ihm machte, desto mehr brach Hofer in Unwillen und Zorn, ja selbst in abergläubisch wahnsinnige Äußerungen aus und hieß am Ende die gesamte Deputation glattweg marschieren.

Die Deputierten begaben sich daher wieder nach St. Leonhard zurück und eröffneten dem Ausschusse, dass sie nichts ausgerichtet hätten. Nun wurde von neuem beraten, und erst nach Mitternacht wurde der gesamte Ausschuss schlüssig, die Waffen nach Meran einzuliefern. Zu diesem Ende wurde ein förmliches Unterwerfungsprotokoll verfasst und der Pater Magnus vom Ausschusse ersucht, sich mit kommendem Morgen damit wieder nach Meran zum französischen General zu begeben. Allein, als er seine Reise antreten wollte, war kein Protokoll mehr vorhanden. Furchtsame Achselträger hatten es indessen schon nach Pfandel getragen und dem Hofer übergeben, welcher es ohne viele Untersuchung zerriss und die Weisung nach St. Leonhard schickte, man solle die im Protokoll unterschriebenen Spitzbuben alle erschießen. Ungeachtet dessen wurden, soviel möglich war, die Waffen gesammelt und der Pater Magnus neuerlich gebeten, ohne Verzug nach Meran zu reiten und beim französischen General um eine Fristverlängerung anzuhalten. Augenblicklich begab sich der glücklich beredte, tätige Seelsorger, der sich rühmlichst um nichts als um das Wohl seiner Pfarruntergebenen beeiferte, nach Meran, erreichte dort seine Wünsche — musste aber, als er nach Mitternacht nach St. Leonhard zurückkam, zu seinem größten Schrecken und Erstaunen erfahren, dass bereits schon wieder in mehreren Orten Sturm geschlagen worden und sich schon mehrere hundert Burschen zusammengerottet, sich der gesammelten Gewehre bemächtigt und neuerlich die Franzosen anzugreifen beschlossen haben. Die vom Schwager des Hofer und von einem gewissen G . . . L . . . verführten Dummköpfe rückten wirklich bis Saltaus vor und schickten dem Pater Magnus folgenden Ausbruch ihrer stürmischen Verzweiflung zu:

„An Bader Magnuß durch Ordinaz in Blath.
Da man in Erfahrung gebracht, dassen der Bader magnus daß folgch alles awendig gemacht hat, so muß ich im sogen, daß so palt mir mit Godeß hilf den Feind were geschlagen hoben mir den sele verhaften, Kirchenraber, untreue hirten, reglionsschenter, teifelsdiener gewis bekemen und so behandeln werden, dassen er an God und nihmer mehr den Teifel denken wirth, den die falschen Judasprieder müssen gepeiniget, geschunden und gekreusigt, so wie die Schacher, und so sollens a die anderen Höllebriester erforen, wans nit palt katolisch werden, so es Teufelsbriestern wird mans net lang machen.

Geschrieben in Saltaus den 1. Dezember 1809.
von allen Gutdenkenden.'

Dieses in jeder Hinsicht originelle Aktenstückchen gibt Ihnen den sprechendsten Beweis, wie weit es kommt, wenn in einem Lande oder in einer Gegend das Gesindel die Oberhand hat. Unter den andern „Höllebriestern" konnte niemand als ich und der früher belobte unvergleichliche Kapuziner Guardian von Meran nebst seinen Ordensbrüdern verstanden werden, denn außer mir und den besagten Kapuzinern weiß ich keinen einzigen Priester in der ganzen Gegend, der zur so notwendigen Beruhigung des Volkes ungezwungen auch nur einen Schritt getan hätte: wohl aber könnte ich Ihnen so manches entgegengesetzte Geschichtchen erzählen, z. B. wie einer, den ich in meinem Leben nie beleidigt habe, in Meran das ohnehin rebellische Gesindel wider mich empörte und mich auf dem öffentlichen Platze als den Verräter des Vaterlandes ausschrie.

Doch um wieder auf die Geschichte zu kommen. Kaum hatte der General Baraguay d'Hilliers die Nachricht erhalten, dass die Passeirer wieder Sturm geschlagen, schickte er ohne Verzug den General Barbou mit mehreren tausend Mann nach Saltaus. Schon auf den ersten Anblick der Franzosen liefen die Passeirer davon und zogen sich in ihre Gebirgshütten und Täler zurück. Von nun an wurde auch in Passeier die Ruhe hergestellt und keinen Augenblick mehr gestört. Der besagte General blieb mit seiner ganzen Mannschaft längere Zeit in Passeier. Alle Gewehre und Waffen mussten unter Strafe des Totschießens eingeliefert werden. In alle Orte und Gegenden von ganz Passeier wurden ununterbrochen starke Patrouillen ausgeschickt, nur Platt blieb in Ansehung des edlen Benehmens des Pater Magnus gänzlich von allen französischen Besuchen befreit.

Der General Barbou wollte, weil er, als er über den Jaufen nach St. Leonhard kam, daselbst mehrere Blessierte und auch, wie man mir erzählte, einige tote Franzosen, welche sich die Passeirer nicht Zeit nahmen zu begraben, antraf, das ganze Dorf in Brand stecken lassen; was auch richtig geschehen wäre, wenn nicht der schon früher erwähnte Herr Karl Thurnwalder und sein Sohn den äußerst erbitterten General durch langes kniefälliges Bitten erweicht und von seinem gefassten Entschlüsse abgebracht hätten. In Passeier und in die Gegend von Meran sind die Franzosen mit bewaffneter Hand und mit Gewalt vorgedrungen, und den Meranern blieb kein anderes Mittel mehr übrig, als den Schutz und die Gnade des französischen Kommandierenden anzuflehen. In Vinschgau ist, wie Sie aus der früheren Erzählung gesehen, weder ein Franzose noch ein Baier eingerückt und folglich auch kein Schaden zugefügt worden. Auf der Töll wollten die Franzosen ein dem Franz Thalguter angehöriges Haus plündern; allein auch dies unterblieb, weil ich zum Glücke gerade dazukam, als sie einbrechen wollten, und sie daran verhinderte. Doch genug hiervon!

Frischmann hatte in Vinschgau, wie ich Ihnen schon früher bemerkt 6), bei den rechtlichen Männern und sogar beim Gesindel zu wenig Zutrauen, als dass sich noch irgendeiner von seiner heillos giftigen Wut hätte anstecken lassen, und zudem bildeten die Ortsvorsteher und Familienväter von Vinschgau mit mir bereits schon so einen überwiegend rechtlichen Verein, dass es von den mittellosen unruhigem Lumpen öffentlich keiner mehr wagen durfte, seine Stimme zu erheben: weswegen auch obiges stürmisches Hirngespinst in Latsch von einem rechtschaffenen Manne aufgefangen, unterschlagen und nicht mehr dem Thomas Wellenzohn, sondern mir zugeschickt wurde. Auch die beiden Volksaufwiegler, welche Hofer gleichzeitig nach Vinschgau geschickt hatte, um daselbst den Landsturm aufzubieten, fanden keinen bedeutenden Anhang mehr. Ein gewisser Wirt in Latsch schickte zwar einen Bauernburschen den Fuhrleuten, welche die vom Gerichte Schlanders und Montani eingelieferten Waffen und Gewehre nach Meran liefern mussten, nach, und gab ihm den Auftrag, die Wagen umzukehren und die Gewehre

6) Die Frischmannsche Proklamation ist hier fortgelassen worden.

eiligst zurück- oder wenigstens nicht weiter zu liefern. Allein ich fuhr selbst in Begleitung des schon oft belobten Johann Spiller den Gewehrwagen nach und vereitelte dadurch die verderblichen Absichten des stürmischen Latschers. Den beiden erwähnten Aufwieglern, die ich zufällig auch zu Gesicht bekam, gab ich eine ziemlich ernsthafte Weisung, sich in ähnlichen Geschäften ja für die Zukunft in Vinschgau nie mehr sehen zu lassen, wenn sie ihre Köpfe nicht aufs Spiel setzen wollten. In Staben begegnete ich dem hirnlos wütenden Frischmann, der sich in einer Chaise, wahrscheinlich in der Absicht, seiner oben angeführten Aufforderung durch seine persönliche Gegenwart mehr Gewicht zu geben, nach Schlanders führen ließ. Mitten im Dorfe hielt ich ihn an und fragte ihn, woher er käme und was er mitbringe? Folgende Worte waren seine Antwort: „Ich komme von Passeier; dort hat alles wieder zu den Waffen gegriffen. Was ist dies, dass man hier die Gewehre einliefert? Auf der Stelle müssen die Wagen umkehren; ich komme, eiligst den Landsturm aufzubieten, indem die Österreicher bereits mit starker Macht in Brunnecken eingerückt sind. Napoleons Heere sind ganz vernichtet und aufgerieben. Ganz Deutschland und Italien sind im Aufstand." Mit verbissenem Grimm und geheuchelt freundlicher Miene hörte ich diesen ganzen empörenden Unsinn gelassen an und fragte bloß, ob er sonst nichts mehr wisse? „Jawohl," sagte er, „aber ich habe nicht Zeit, mich aufzuhalten. Ich muss eilen, den Befehl zu erteilen, dass gleich aller Orten Sturm geschlagen wird. Mein Aufruf ist schon vorausgeschickt."

Sie können sich vorstellen, wie es in meinem Innersten gährte. Soviel ich mir Mühe gab, mich zu verstellen und meine gerechte Wut zu ersticken, war es mir doch nicht möglich, sie inne zu halten und länger zu schweigen. „Ja," sagte ich, „euer hirn- und heilloser Aufruf hat gottlob seine Bestimmung erreicht und ist zum größten Glücke in die rechten Hände gekommen. Rechtliche Männer haben ihn mir zugebracht, weil sie sich überzeugt haben, dass eure stürmische Wut und eure unverschämten Lügen noch manchen leichtgläubigen Schwärmer hätten betören und unheilbares Elend herbeiführen können. Frischmann! Ihr habt eure verzweifelnde Rolle ausgespielt! Macht eurem Unsinne ein Ende! Widrigenfalls zwingt ihr mich, rücksichtlich eurer Person Maßregeln zu ergreifen, die das allgemeine Wohl erheischen und die mir ebenso unlieb, als euch unangenehm sein müssten. 7) Ihr und das euch ähnliche Gesindel, das nur aus Eigennutz Unruhe und Empörung sucht, wird mir um so weniger mehr die Oberhand abgewinnen, als ich unverzüglich, wenn Vinschgau die geringste Widerspenstigkeit zeigt, oder auch nur die geringste Miene, sich neuerlich empören zu wollen, machen sollte, französische und baierische Regimenter werde einrücken lassen. Dann ist vor allen andern euer Kopf um so gewisser und ohne alle Möglichkeit einer Rettung verloren, je bestimmter ich euch versichern kann, dass ihr und euer ganzer vorzüglicher Anhang, den der französische General genau kennt, euer Leben einzig mir zu verdanken habt. Auf eure ebenso dumm als bübisch boshaft erdichteten Lügen erachte ich um so weniger etwas erwidern zu müssen, als sie schon darum kraftlos sind, weil Vinschgaus berüchtigtster Lügner sie auszustreuen gesandt ist. Jetzt habt ihr meine Meinung gehört! Zieht nun hin, wo ihr wollt! Verhaltet ihr euch ruhig, so versichere ich euch mit meinem Ehrenworte, dass euch kein Haar wird gekrümmt werden. Wollt ihr noch länger in eurer verderblichen Wut verharren, so werde auch ich mich nach eurem Betragen zu benehmen und Vorkehrungen zu treffen wissen, die alle eure stürmischen Pläne und alle eure heillosen Bemühungen vereiteln werden."

7) Einige Zeilen dieser Ansprache, die Daney mit Behagen ausspinnt, sind von uns gestrichen worden.

Nach dieser wohlmeinenden Warnung, die Frischmann ohne ein Wort zu erwidern und mit niedergeschlagenen Augen anhörte, setzte ich meine Reise nach Meran fort, und er begab sich nach Kortsch in seine Heimat, ohne, wie ich nachhin erfahren, auf dem ganzen Wege bis dahin ein einziges stürmisches Wort mehr gesprochen zu haben. — Wie es mir mit meinen Waffeneinlieferungen ergangen, werde ich Ihnen zu seiner Zeit erzählen. Obschon nun auch Vinschgau und Passeier beruhigt und wenigstens das Gesindel entwaffnet war, so gaben doch darum noch sehr viele erhitzte Köpfe und übelgesinnte Schwärmer ihre verruchten Absichten lange nicht und um so weniger auf, als man zuverlässig in Erfahrung gebracht, dass bei Brixen und im Pustertale den Franzosen noch immer der heftigste Widerstand geleistet wurde.

Da war es nämlich, wo der früher erwähnte niederträchtige Schandbube Joh. Nep. v. Kolb, sich immer noch Kais. Kgl. österreichischer Landesverteidigungs-Kommandant nennend, sein teuflisch boshaftes, unabsehbar verderbliches Unwesen trieb. Dieser ehrlose Schurke war es vorzüglich, der dem Hofer einen Boten nach dem andern über die Gebirge mit den Nachrichten, die Österreicher seien schon in Kärnten, in Sachsenburg, ins Pustertal eingerückt usw., ja sogar einen Brief, worin er des Erzherzogs Unterschrift nachahmte und den Hofer im Namen Sr. Majestät des Kaisers zur wütendsten Gegenwehr und Ausdauer aufforderte, zuschickte. So schändlich wurde der arme schwache Hofer und das leichtgläubige Volk betört, betrogen und zwecklos ins Elend und Verderben gestürzt. Kolb, dieser elende, mittellose, verschuldete Verzweifler bot, obschon er von dem mit Österreich abgeschlossenen Frieden schon lange genau unterrichtet war, alle möglichen Mittel auf, sich einen Anhang von einigen heimatlosen Flüchtlingen und abgehausten Lumpen zu suchen. Diesen fand er schnell und um so leichter, je größer auch die Anzahl der Unglücklichen war, die teils durch die unerschwinglichen Steuern und Abgaben, die man vor der Insurrektion der Regierung entrichten musste, und teils durch die während derselben erlittenen Brand- und Plünderungsschäden zum Bettelstab gebracht, elend und hilflos im Lande umherirrten. Was Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, wagen und unternehmen, lehrt die Geschichte der Zeiten. Von einem zahlreichen Haufen solcher teils unglücklicher Bettler, teils unruhiger kühner Waghalse umgeben, forderte Kolb unter den schrecklichsten Drohungen, alles zu verbrennen und zu verheeren, zuerst die Gegend und die Umgebungen von Brixen zur Wiederergreifung der Waffen und zur Empörung auf. Das arme kurzsichtige Volk, teils durch Kolbs fürchterlich schauerliche Drohungen erschreckt, teils durch seine teuflisch boshaft ersonnenen Lügen geblendet und verführt, ergriff die Waffen, rückte vor Brixen und forderte die vom General Baraguay d'Hilliers daselbst zurückgelassene ungefähr 1.000 Mann starke Garnison zur Übergabe auf. Die Franzosen verteidigten sich aufs hartnäckigste. Doch die Anzahl der Stürmer wurde stündlich größer und wuchs bald wieder zu einer Masse an, die imstande war, Brixen zu belagern. Dies verführerische Beispiel der Bauern von der Gegend und von den Gebirgen von Brixen und Kolbs in alle Gegenden und Täler mit den wütendsten Aufforderungen und den lügenhaftesten Vorspiegelungen ausgeschickten Aufwiegler vermochten auch das schon lange beruhigte Pustertal im Rücken der Franzosen wieder zu empören.

Auch im Pustertale erhob sich schnell eine Masse unglücklich verführter Bauern, vorzüglich aus dem Tale Taufers und von den Umgebungen von Brunnecken. Diese rückten zwar bis Brunnecken vor und hielten die darin befindlichen Franzosen ebenfalls einige Zeit belagert, wurden aber am Ende durch ein französisches Kavalleriemanöver fürchterlich in die Klemme getrieben und viele derselben niedergesäbelt. Was sich durch die Flucht rettete, blieb von nun an gern zu Hause.

Viel wichtiger und von viel schrecklichem Folgen konnte und sollte die infame Kolbiade werden. Kolb hatte durch seine niederträchtigen Aufwiegelungen bereits schon die ganze südliche Gebirgskette von Brixen über Ritten und Sarntal bis Passeier in Gärung gesetzt. Passeier hatte auch wirklich, wie Sie oben gesehen, in der sichern Hoffnung, Vinschgau würde sich auf den ersten Wink wieder erheben, neuerlich zu den Waffen gegriffen, musste sich aber, weil sich Vinschgau ruhig verhielt und standhaft alle ferneren unseligen Aufwiegelungen abwies und daher der früher erwähnte General Barbou mit mehrern tausend Mann nach Passeier konnte beordert werden, wenn es sich nicht seinen gänzlichen Untergang zuziehen wollte, ebenfalls zur Unterwerfung und Ruhe bequemen. Die minder wütigen und nicht gar so hirnlosen Bauern von Mölten, Jenesien, Sarntal, Ritten und der ganzen dortigen Gebirgskette blieben, weil sie sahen, daß Vinschgau sich ruhig verhielt und selbst Passeier bereits schon von den Franzosen besetzt war, ruhig zu Hause und ließen den ruchlosen Kolb im eigentlichen Sinne des Wortes in seinem Drecke stecken. Weil sich Baraguay d'Hilliers von der Ruhe Vinschgaus versichert hielt und meinem und dem von den Deputierten ihm gegebenen Worte traute und von Passeier ebenfalls nichts mehr zu besorgen hatte, schickte er ohne Verzug mehrere Bataillone über Bozen nach Brixen. Wütend griffen diese die vom Kolb teils verführte, teils grausam gezwungene Masse an; dadurch bekamen die in Brixen eingeschlossenen Truppen ebenfalls Luft. Das Gemetzel wurde bald allgemein. Die Bauern, von allen Seiten überfallen und überflügelt, wurden gezwungen, die Flucht zu ergreifen. Viele, die nicht durch die Flucht entkamen, wurden grausam gemordet, zusammengehauen und auf Bajonette gespießt, auch mehrere gefangen und nach Italien geschleppt. Die schönen Umgebungen von Brixen wurden ein Raub der Flammen. Das Elend, welches die teuflische Wut eines einzigen verbosten Schwärmers über die Gegend von Brixen brachte, war grenzenlos und spricht sich im nachstehenden Hirtenbriefe von Sr. Fürstbischöflichen Gnaden in Brixen so ziemlich klar und deutlich aus:

„Ehrwürdige Kuratgeistlichkeit meines gesamten Kirchensprengels.

Nachdem ich soviel Mal teils mittelbar durch mein Konsistorium, teils unmittelbar durch meine eigene Unterschrift die Diözesanschäflein durch ihre Seelenhirten zur Ruhe, Ordnung und Unterwürfigkeit mit oberhirtlicher Wärme und väterlicher Liebe ermahnt habe; so haben doch noch einige Gemeinden mehr den falschen Vorspieglungen und verführerischen Einlispelungen einiger Unruhe-Stifter und Schwärmer als meinen ihres Bischofs herzlichen Zusprüchen Gehör gegeben und wider alle Untertanspflichten Aufruhr und Widerstand erreget.

Die Folgen hievon sind die herzbrechenden noch rauchenden Brandstätten rings um Brixen herum, das erbärmliche Wimmern sovieler aller Habe, alles Obdaches, aller Lebensmittel beraubten Eltern und Kinder, Häusler und Dienstboten. Die hohe Generalität hat die Drohung wiederholt, daß jeder Ort, wo den kaiserlich französischen oder damit alliierten Truppen nur der mindeste Widerstand geleistet würde, mit Mord und Brand verheert werden solle.

Ich trage daher der ehrwürdigen Kuratgeistlichkeit ebenso dringend als väterlich abermal auf, ihren Gemeinden von den Kanzeln, im Beichtstuhle und bei jeder Gelegenheit ihre Gewissenspflicht warm an das Herz zu legen und zur Ruhe, Ordnung und Gehorsam zu ermahnen, von allem Widerstand nachdrücklichst abzuhalten und ihrem Gewissen vorzustellen, daß Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen den Landesherrn eine von Gott befohlene Pflicht sei, sie über alle die Gräuel, die aus dem ferneren Widerstand notwendig erfolgen, die strengste Verantwortung vor Gott und der Welt sich zuziehen und sich den Fluch und die Verwünschung der verunglückten Familien bis in die späte Nachwelt auf den Hals laden.

Gegeben in meiner Residenz in Brixen den 8ten Christmonats 1809.
Karl Franz, Fürstbischof."

Nun wurde endlich die Ruhe auch bei Brixen und im Pustertale, aber leider mit Gewalt erzwungen, nach und nach durch die Bemühungen der Priesterschaft und aller rechtlichen Männer immer mehr und mehr befestigt. Kolb und viele andere Rädelsführer dieser letzten verderblichen Empörung, nebst einer zahllosen Menge teils abgehauster, teils heimatloser Flüchtlinge, verließen das Land und flüchteten sich nach Österreich. Später begaben sich auch einige rechtliche und verdiente Männer dahin. Weil Baraguay d'Hilliers von Vinschgau und Passeier wiederholt die kräftigsten Beweise der Unterwürfigkeit erhielt und dieser zufolge ganz gegründet alle Besorgnisse eines neuen Aufstandes beseitigte, verlegte er nach einigem Aufenthalt zu Meran sein Hauptquartier nach Bozen zurück. Indessen blieben in Meran unter dem Kommando des Generals Huard starke Truppenabteilungen stehen. Freund! General Baraguay d'Hilliers war ein Ehrenmann, deren es vielleicht bei der ganzen französischen Armee nicht viele gab. Er und seine Adjutanten hatten viele Achtung und, ich dürfte bald sagen, eine gewisse Vorliebe für die Tiroler. Nachstehendes Schreiben, welches ich von seinem ersten Adjutanten erhielt, wird Ihnen beweisen, welch hohe Meinung die Franzosen von den Tirolern hatten. 8)

8) Wir geben den Brief in deutscher Übersetzung.

„Bozen, 9. Oktober 1809.

Mein lieber Abbé! Da es meine Absicht ist, über Andreas Hofer, der genug Lärm gemacht hat, so dass die ersten Nachrichten über sein Leben gierig gelesen werden, etwa 100 Seiten zu schreiben, richte ich an Sie die Bitte, mir alles mitzuteilen, was Sie von ihm wissen, sei es bevor er als Führer der bewaffneten Tiroler anerkannt wurde, sei es während er es gewesen ist; ebenfalls einige Anekdoten über seinen Sohn, den er, wie man sagt, den jungen Bonaparte nennt. Meine Absicht ist nicht, Hofer in einem häßlichen Lichte darzustellen, sondern im Gegenteil dem Tiroler Volke Achtung zu verschaffen, das ich lieber unter einer anderen Regierung sehe als unter der Baierns. Ich möchte die Hauptcharakterzüge der nach Hofer begeistertsten vier oder fünf Führer kennen lernen, die ihn umgaben. Ich möchte auch Sie eine schöne Rolle spielen lassen, sei es indem ich Sie mit Ihrer Erlaubnis nenne oder mit den Anfangsbuchstaben Ihres Namens und Sternchen bezeichne. Meine Notiz würde nur bis zum Augenblick der Friedens-Proklamation Hofers reichen; alle Seiten seiner Geschichte nach seinem Wortbruch als Mann und als Tiroler — mögen die Gewalttaten, die man ihn hat tun lassen, sein wie sie wollen — verdienen, zerrissen zu werden. Sie, der Sie Ihr Land so lieben, und der Sie dessen Geschichte zweifellos vollkommen kennen, würden mir eine große Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir die geheimen und offenbaren Ursachen des alten und beständigen Hasses der Tiroler gegen Bayern, die, glaube ich, zum drittenmale von letzterer Macht regiert werden, bezeichnen möchten. Ich werde mein Werk nicht der Presse übergeben, bevor ich es Ihnen vorgelegt habe, gewisse Partien mit Ihren Ratschlägen verbessert und andere nach Ihren Bemerkungen vergrößert habe. Indem ich das Leben Hofers, seine Pläne und seine Handlungen in einem edlen Lichte schildere, indem ich in den Tirolern die Vaterlandsliebe, den Mut und die Hochherzigkeit zeige, werde ich vielleicht sehr vielen Leuten die Augen öffnen, die dann endlich finden werden, daß sie mehr zu gewinnen haben, wenn man sie zufriedenstellt, als wenn man sie ärgert. Wird mein Zweck verfehlt sein? — Es hätte mich ungemein gefreut, wenn ich Sie genauer kennen gelernt hätte, Sie, den ich für einen bedeutend hervorragenderen Menschen ansehe, für einen sehr mutigen und sehr geschickten Menschen, der alle Federn des menschlichen Herzens spielen lassen kann, Sie endlich, den ich mit dem berühmten Kardinal von Retz vergleiche und dem nur ein größeres Theater fehlt, um größere Taten zu vollbringen.

Schreiben Sie mir, oder lassen Sie mir italienisch schreiben; in Erwartung Ihrer Antwort werde ich alles, was über Tirol und die Tiroler geschrieben worden ist, auf Deutsch lesen. Wenn Sie mir auch einige Details geben könnten über die Rolle, welche Österreich in allen euren Bewegungen gespielt hat, würden Sie mich sehr erfreuen. Rechnen Sie mich, Herr Abbé, unter die Zahl Ihrer ergebensten Freunde.

Der Oberstleutnant Adjutant Sr. Exc. des
Generals Baraguay d'Hilliers
Giubourg."

Es gab Männer im südlichen Tirol, welche sich das Wohlwollen und das Vertrauen des französischen Kommandierenden in einem hohen Grade zu erwerben wussten, und deren vorzügliches Bestreben einzig dahin zielte, ihm bei jeder Gelegenheit die Veranlassungen, welche die baierische Regierung zur Insurrektion gab, und den Charakter der Tiroler aus dem wahren Gesichtspunkte zu eröffnen. Aus folgender Proklamation 9) werden Sie sich überzeugen, dass selbst die Franzosen die letzte Empörung nicht mehr auf Rechnung der wahren Tiroler schrieben.

9) Proklamation Baraguay d'Hilliers aus Bozen den 9. Dez. 1809. Abgedr. bei Hormayr Bd. 2, S. 519ff.

Sobald alle Straßenkommunikation hergestellt und endlich auch das ganze südliche Tirol beruhigt war, setzte Baraguay d'Hilliers in Trient und in Brixen eine Administrationskommission nieder, welche den gesetzlichen Verein erst förmlich herstellte. Wie folgende diesen Gegenstand betreffende Verordnung 10) den Baiern ins Herz gegriffen und wehe getan hat, werde ich Ihnen bei einer andern Gelegenheit zeigen. Aus dieser Verordnung konnte man schon so ziemlich bestimmt entnehmen, dass es auf eine Teilung Tirols abgesehen war und dass den südlichen fruchtbareren Teil sich Frankreich zueignen werde. Selbst die Wünsche der Tiroler waren in dieser Hinsicht geteilt, und Frankreich und Baiern buhlte gleichsam um schriftliche Wunschesäusserungen und Stimmenmehrheit der Städte und der Gerichte. In Bozen setzte General Baraguay d'Hilliers eine Spezial-Distriktskommission nieder und gab ihr den Auftrag, an alle Städte des südlichen Tirols die Einladung zu erlassen, nach Mailand eine Deputation zu schicken, welche dem Vizekönig die Wünsche der Bürger und des Volkes eröffnen sollte. Die baierische Regierung, die den Spuk witterte und wohl einsah, wohin die ganze Geschichte zielte, schickte den Finanzrat Rapp durchs Oberinntal und Vinschgau nach Meran, um, wie ich mir sagen ließ, besagte Gegenden für Baiern zu stimmen. Allein die Mitglieder der Distriktskommission zu Bozen waren von dieser Sendung schon benachrichtigt und erließen an mich im Namen des französischen Oberkommandierenden die Weisung, dem besagten Finanzrat, sobald er nach Schlanders käme, zu bedeuten, dass er

10) Die Verordnung ist abgedruckt bei Hormayr, Bd. 2, S. 521 f.

vom Kais. Kgl. französischen Militär-Oberkommando bei der von Hochselben in Brixen niedergesetzten provisorischen Administrationskommission als Finanzrat ernannt sei und daher sich ohne Verzug nach Bozen zu begeben habe, wo er die nähern Beschlüsse und Weisungen erhalten würde. Als ich dem Finanzrat in Schlanders die mir zugeschlossene erwähnte Weisung eröffnete, riss er ganz sonderbar die Augen auf und begab sich, ohne lange zu verweilen, nach Bozen. Gleichzeitig bekam ich auch den Auftrag, in ganz Vinschgau eine sogenannte Viertelskonferenz auszuschreiben und die sich zu versammelnden Obrigkeiten und Gerichtsvorstände nach den Wünschen der Distriktskommission zu Bozen zu stimmen. Ich hatte zu diesem Zwecke noch besondere geheime Weisungen, derzufolge ich meinen Aufträgen auch pünktlichst nachkam. Da ich aus verschiedenen Gründen ohnehin schon für die italienische Regierung mehr als für die baierische eingenommen war, so suchte ich, obschon ich wohl einsah, dass man auf die Wünsche des Volkes nicht viele Rücksicht nehmen würde und dass wir, wenn diese auch genommen würde, doch immer nur Gerste um Hafer vertauschen würden, den Deputierten die Absichten der Distriktskommission zu Bozen mit vielem Eifer und Nachdruck ans Herz zu legen. Die Vinschgauer waren schon aus dem Grunde leicht für die italienische Regierung zu stimmen, weil Vinschgaus ganzer Wohlstand von dem Viehhandel, den es mit Italien treibt, abhängt. Ist Italien gesperrt, so kann Vinschgau sein Vieh nirgends absetzen. Die Wünsche der Vinschgauer wurden zu Protokoll gebracht und ich als Deputierter nach Mailand ernannt. Allein die ganze Sendung unterblieb und unsere törichten Staatsdebatten hatten weiter keine anderen Folgen, als dass ich mir dadurch so ziemlich meine unpolitische Nase verbrannt und mir den grimmigsten Hass der baierischen Regierung zugezogen habe. Denn die Baiern wurden nicht nur genau von meinen eifrigen Bemühungen unterrichtet, selbst die diesen Gegenstand betreffenden Akten kamen ihnen in die Hände. Warum sich die Distriktskommission zu Bozen so viele Mühe gab, das südliche Tirol von Baiern abzureißen, ist mir nie bestimmt zu erfahren gelungen. Verschieden waren die Gründe, die man sich erzählte. Der vorzüglichste mochte aber wohl der gewesen sein, dass es zu München gewisse verbannte Tiroler von großem Einflusse gab, die, wie ich mir erzählen ließ, bei der baierischen Regierung aus einem unversöhnlichen Privat- und Familienhass auf nichts weniger als auf den Sturz, ja sogar auf die Verbannung einiger der reichsten und angesehensten Bozener Familien antrugen. Es entspann sich hierüber mit Anfang des Jahres 1810 auch wirklich eine Art Federkrieg, welchem erst der öfters hochbelobte geistvolle Herr v. Giovanelli mit seinen geiselnden Gegenschriften ein Ende machte.

Nun wieder zum Faden der Geschichte. Da Vinschgau von allen Truppen frei blieb, traf es die armen Oberinntaler und die Gegend von Meran, desto schwerere Einquartierungs- und Verpflegungslasten zu tragen. Sie wissen, wie sich die Franzosen in ihren Kantonierungen bewirten und bedienen lassen. Unglaublich waren die Forderungen, welche die französischen Ober- und Unterkriegskommissäre fast tagtäglich machten. Ochsen, Korn, Hafer, Gerste, Wein, Branntwein, Heu und Stroh, alles musste in die von ihnen manipulierten Magazine geliefert werden. Wie diese Herren in und mit ihren Magazinen wirtschaften, ist leider weltkundig. Vinschgau musste zwar die Meraner, wie es nur billig war, mit Lieferungen unterstützen; allein, da ich einzig von dem Grundsatze ausging, Vinschgaus Bewohner so viel als möglich in jeder Hinsicht zu schonen, so machten alle die nach Meran gelieferten Lebensmittel von ganz Vinschgau nicht den zwanzigsten Teil von jenen aus, welche der Stadt Meran und ihren Umgebungen teils abgefordert, teils herausexequiert wurden. Folgende an mich erlassene Nota wird Ihnen beweisen, in welcher Klemme sich die Meraner manchmal befanden:

„Es ist grosser Mangel an Heu, Haber, Stroh, Vieh, und Getreid, und wenn heute oder Morgen von diesen Unterschieden (wie es so theuer versprochen worden) nichts geliefert wird, so weiß ich keine Aushilfe mehr, und die Stadt-Bewohner müssen nothwendig aller Habschaften beraubet werden. Ich bitte also um zweckmässige Verfügung.

Meran, am 23sten Xbr (Dezember) 1809. Buchmayr
Bürgermeisteramtsverwalter."

Nicht selten bekam ich an einem Tage mehrere dergleichen dringende Noten. Vorzüglich aber quälten mich die französischen Kriegskommissare mit ihrem: „Ich fordere Sie auf, bei Vorzeigen dieses Schreibens Korn, Hafer, Gerste, Rinder usw. an das Magazin in Meran abzuliefern."

Überhaupt habe ich in meinem Leben keine größere und kostspieligere Torheit gemacht, als die war, dass ich als Mittler Vinschgaus aufgetreten bin. Wenn ich, anstatt für Vinschgau um Schonung und Gnade zu bitten, vom General Baraguay d'Hilliers einen Pass verlangt und mich nach Österreich begeben hätte, würde mein Schicksal eine ganz andere Wendung genommen und ich in Wien so gut und wahrscheinlich noch besser als viele andere dahin geflüchtete Tiroler mein Unterkommen und meine Versorgung gefunden haben. So aber verwickelte ich mich aus Liebe zu meinen nächsten Landsleuten in tausenderlei schwierige Geschäfte, die mir am Ende die Zerrüttung meiner Finanzen und meine Freiheit kosteten und unvermeidlich den Hals würden gebrochen haben, wenn ich mich, nachdem ich meine über Vinschgau ausgeübte Vollmacht niedergelegt hatte, vor der Kgl. baierischen Regierung nicht über jeden meiner Schritte hätte ausweisen und rechtfertigen können.

Drei Monate leitete ich als Bevollmächtigter des französischen Militäroberkommandos die politischen, polizeilichen und militärischen Geschäfte von der Töll bis Nauders. Alle die besagten Gegenstände betreffenden höhern französischen Verordnungen, Befehle und Weisungen wurden unmittelbar mir zugeschickt und erst von mir den Obrigkeiten zur Nachachtung zugeschlossen. Für alles, sogar für jeden ins französische Magazin nach Meran gelieferten Strohhalm wurde in der Folge ich zur Rechenschaft gezogen, und wofür ich mich nicht mit amtlichen Quittungen ausweisen konnte, das musste ich aus meinem eigenen Beutel mit barem Gelde nach dem Kurrentpreis ersetzen. Weil ich nicht das, was gewöhnlich geschieht, sondern was geschehen soll, zur Richtschnur meiner Handlungen nahm und mich in meiner Unerfahrenheit schon einmal fest entschlossen hatte, einzig den Vinschgauern zu nützen und ihnen auch wirklich nicht nur ungeheure Schäden verhütet, sondern selbst wesentliche Vorteile zugewendet habe und dafür auf ihr schriftlich abgegebenes Wort und auf ihren Dank baute, so habe ich billig mein bisheriges trauriges Schicksal ausschließlich nur mir selbst zuzuschreiben, weil ich keine bessere Versicherung genommen und den nur zu wahren Satz „Undank und Verfolgung ist der Lohn für uneigennützig edle Taten" nicht gehörig beherzigt habe. Ja, obschon ich nichts als Vinschgaus Wohl und Glück suchte und dies zu erzwecken Tag und Nacht bei der grimmigsten Kälte und Witterung auf dem Wege sein musste, so ging doch einiger unsinnigen Tollköpfe blutdürstende Wut so weit, dass sie mir zweimal auf der Straße meuchelmörderisch nach dem Leben strebten. Bloß dem Zufalle, dass die auf mich im Dunkel der Nacht losgebrannten Schüsse nicht trafen, und vorzüglich den schnellen Füßen meines Pferdes verdanke ich meine Rettung.

Sie können nicht glauben, welche Reisen und Mühen es mich kostete, Vinschgaus Ruhe ohne irgendeine militärische Unterstützung zu sichern. Ein einzigmal sah ich mich aus mehreren Gründen gezwungen, 12 französische Reiter und einen Offizier durchs Vinschgau marschieren zu lassen. Unruhige übelgesinnte Köpfe suchten das Volk noch hin und wieder mit den unverschämtesten Lügen zu betören. Unter anderem trug sich einmal die Sage herum, die Franzosen wären bloß darum nicht in Vinschgau eingerückt, weil sie sich nicht getraut hätten, und wenn sie auch eingerückt wären, so hätte Vinschgau dabei keinen Schaden gehabt, indem sie überall alles bezahlten. Um nun meine Vinschgauer recht anschaulich zu überzeugen, dass sich die Franzosen überall hinbegeben, wohin sie beordert werden, und dass, wenn sich 13 Mann ganz Vinschgau durchzumarschieren getrauen, es einige Regimenter gewiss auch würden gewagt haben, verschrieb ich mir die besagten 13 Mann bloß als Musterkarte. Wie wenig Heil sie in den Ortschaften, wo man sie zu bewirten die Ehre hatte, brachten und wie schlecht sie ihre Zeche bezahlten, haben die Wirte, wo sie einquartiert waren, erfahren. Bloß in Schlanders hat ihre Verpflegung, obschon sie nicht den geringsten Exzess verüben durften, in 2 Tagen über 100 Gulden gekostet. Zu Burgeis, wohin ich sie schickte, aus dem dortigen Kgl. baierischen Rentamte einige hundert Star Getreide zu exequieren, haben sie unter anderem auf Kosten der Kgl. baierischen Rentamtskasse in der schnellsten Schnelligkeit 38 Gulden vermarendelt. 11) Nachdem ich meine kurzsichtigen Landsleute überzeugt hatte, was die Franzosen für teure Gäste sind, und dass sie mir auf jeden Wink zu Gebote stehen, habe ich sie wieder nach Meran zurückbeordert. Verschiedene boshafte Neuigkeitskrämer und die in Schlupfwinkeln gehaltenen Zusammenkünfte des Frischmann, eines gewissen höchst unbedeutenden Medizin-Doktorleins Florineth und mehrerer anderer elender Tröpfe, welche aus Verrücktheit ihres Gehirns, vorzüglich aber des

11) Zur Jause aufgebraucht.

schlechten Zustandes ihrer Finanzen wegen noch immer über einen neuen Aufstand brüteten, und zu diesem Zwecke die abgeschmacktesten, unsinnigsten Gerüchte verbreiteten, achtete ich um so weniger, je bestimmter ich wusste, dass sie beim Volke schon längst allen Glauben und Vertrauen verloren hatten. Erst nachdem sie es zu bunt machten und ihren Unsinn so weit trieben, dass mich mehrere rechtliche Männer um ihre Zurechtweisung ersuchten, ließ ich den Kapuziner, der ihr Chef war, und das besagte, armselige Doktorlein auf mein Zimmer berufen und belehrte sie in Gegenwart mehrerer Ortsvorsteher über den zwischen Österreich und Frankreich abgeschlossenen Frieden und den an die Tiroler von Sr. Majestät dem Kaiser von Österreich erlassenen Beruhigungsbefehl mit so einer nachdrucksamen Sanftmut, dass sie mir beide bei der Hand versprachen, für die Zukunft sich nicht mehr mit Empörungsplänen, sondern mit ihren Berufsgeschäften abgeben zu wollen. Den Frischmann ließ ich bloß an die Weisung, die ich ihm zu Staben gegeben, erinnern. Immer schlichen sich noch verschiedene Aufwiegler und Flüchtlinge im Lande, vorzüglich aber im Vinschgau herum.

Erst die plötzliche unerwartete Nachricht, der Sandwirt sei von den Franzosen auf einer Alpenhütte gefangen und bereits unter starker Bewachung nach Bozen geliefert worden, zerstäubte seinen verwirrt umherirrenden Anhang und sicherte die Ruhe von allen Seiten. Von wem Hofer verraten, wie er gefangen worden und was mit ihm ferner geschehen, werde ich Ihnen im nächsten Briefe berichten.

   
  Quelle: Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809, Erinnerungen des Priesters Josef Daney, Bearbeitet von Josef Steiner Innsbruck, Hamburg 1909
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
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