SAGEN.at >> Dokumentation >> Andreas Hofer 1767 - 1810 >> Erinnerungen eines bayrischen Infanteristen über den Feldzug 1809

   
 
  Die Erinnerungen eines bayrischen Infanteristen über den Feldzug 1809
 

Von Dr. Hans Kramer

Meines Wissens gibt es nur wenige Erinnerungen von Teilnehmern des tirolischen Feldzuges 1809 aus dem bayrischen Heere. So wurden die Historiker selbst auf die recht kraus und naiv geschriebenen Erinnerungen eines einfachen Mannes aufmerksam, der als Gemeiner der bayrischen Infanterie im Jahre 1809 in Tirol war. Es blieb in meinem Gedächtnis haften, dass ich in meiner Jugend mit größtem Interesse einen Aufsatz über Deifl in einem Heft der längst verschwundenen Zeitschrift „Deutscher Hausschatz" (erschienen in Regensburg) las. Einer der feinsten bayrischen Historiker, Karl Theodor v. Heigel (1842—1915), hat es nicht unter seiner Würde gefunden, eine Abhandlung über Deifl zu schreiben (Geschichtliche Bilder und Skizzen, München 1897, S. 275 ff.). Der verdiente bayrische Kriegshistoriker Eugen v. Frauenholz hat hierauf das „Tagebuch" Deifls im Urtext mit unwesentlichen Kürzungen herausgegeben (München 1939). In den aufregenden Tagen des Kriegsbeginnes verschwand das wertvolle Buch, das vielleicht eine kleine Auflage hatte, rasch von der Bildfläche. Von den großen Historikern der Erhebung Tirols 1809 erwähnt Josef Hirn Deifl nur einmal, Voltelini nennt ihn nicht. Ich habe den Eindruck, dass das „Tagebuch" Deifls selbst heute noch in weiteren Kreisen Tirols ziemlich unbekannt ist. Deswegen erlaube ich mir, ein wenig darüber zu schreiben.

Josef Deifl wurde am 14. November 1790 in Neuessing bei Kelheim an der Donau geboren. Seit Februar 1809 diente er im kgl. bayrischen 5. Linien-Infanterieregiment „Graf Preysing" unter Oberst Baron Metzen, das in der Brigade des Generalmajors v. Siebein und in der Division des Generalleutnants Deroy eingeteilt war. Deifl machte den Feldzug von 1809 und den von 1812 in Russland mit. Im Jahre 1813 geriet er in der Festung Thorn in russische Gefangenschaft. Von den Russen 1814 entlassen, musste er noch im bayrischen Heer den Feldzug von 1815 gegen Frankreich mitmachen. Um die Wende 1815/16 konnte er endlich in seinen Heimatort zurückkehren. Er wurde Eisenschmelzer in einer Hammerschmiede in Neuessing und besaß ein kleines Anwesen. Deifl hat im Jahre 1825 Franziska Kremmler, die Tochter eines Küfnermeisters, geheiratet. Der alte Veteran ist nie zu Wohlstand gelangt. In seinem Alter, in dem wohl die Kräfte zum Beruf des Eisenschmelzers nicht mehr ausreichten, verfertigte er Stoffschuhe. Im Jahre 1863 war er unter den Veteranen, die König Ludwig I. von Bayern (damals schon ,,im Ruhestand"), überhaupt ein alter Freund der Tiroler, zur Teilnahme an der Einweihung der berühmten Befreiungshalle bei Kelheim eingeladen hat. Der Fürst zog Deifl in ein längeres Gespräch. Wie viele Erinnerungen an damals längst vergangene Kriegszeiten mögen wachgeworden sein! Der alte Soldat und Eisenschmelzer ist am 1. Mai 1864 in Landshut gestorben.

Deifl scheint im Leben nie etwas geschenkt worden zu sein. Er war ein braver einfacher Mann aus dem Volke. Frauenholz schreibt: „Er ist keine bäuerliche Idealgestalt Ganghoferscher Prägung. Viel stärker gleicht er den derben und wirklichkeitsnahen niederbayrischen Bauern, wie sie Ludwig Thoma gezeichnet hat." Deifl war vor allem gut bayrisch, in zweiter Linie aber auch gut deutsch gesinnt. Napoleon wurde von ihm als eine Art apokalyptisches Tier betrachtet. Die Franzosen konnte er wegen der Überheblichkeit ihrer Generale und Offiziere nicht leiden. Sie taten ja immer so, als ob französische Truppen dort sicher gesiegt hätten, wo bayrische Soldaten geschlagen worden sind. Deifl hat den beschämenden Umstand deutlich erkannt, dass das bayrische Heer ein mit Undank und geringster Anerkennung belohnter Diener der französischen Hauptarmee war.

Deifl hatte keine Landsknechtsnatur, die Freude am Kriege hatte. Er dürfte ein Durchschnittssoldat gewesen sein, der aber bestrebt war, seine Pflicht zu tun. Wenn ihn Erschöpfung oder Angst übermannten und er so handelte, wie es ihm selbst nicht mehr soldatisch zu sein schien, dann war es ihm nicht gleichgültig, sondern er bekam so etwas wie militärische Gewissensbisse. Der berühmte deutsche „kategorische Imperativ" im Herzen eines einfachen bayrischen Infanteristen. Nach vielen bösen Erlebnissen hatte er von Soldatendienst und Kriegen mehr als genug. Sein „Tagebuch" sollte abschrecken. Am Schlusse heißt es: „Alles, was da geschriben ist, war zugunsten des Ewigen Fridens!"

Frauenholz nennt die im Heeresarchiv München liegende historische Quelle ein „Tagebuch". Sie dürfte aber kein Buch mit täglich eingetragenen Notizen sein, also kein Tagebuch im engeren Sinne des Wortes, sondern es dürften später geschriebene Erinnerungen (Memoiren) sein. Der Text der Quelle ist recht naiv, der Stil kraus, die Orthographie oft haarsträubend. Deifl zeigt aber immerhin geistigen Ehrgeiz. Denn wie viele aus seinem damals sozial tiefen Stande sowohl in der Truppe als auch im zivil-ländlichen Leben schrieben sonst Erinnerungen?

Die Taten unserer Tiroler Schützen und Landstürmer sollen im folgenden nicht verkleinert werden. Deifl gehörte zur Division Deroys, die sich unter dessen Einfluss viel besser betrug als die Division des Generals v. Wrede. So kann man Deifl und seinen Kameraden, wenigstens nach dem Tagebuch, keine ausgesprochenen Schandtaten vorwerfen. Man muss die Lage des bayrischen Soldaten immerhin zu verstehen suchen. Heigel sucht ihn zu entschuldigen. Der Bayer hatte oft in Tirol einen unfassbaren, manchmal sogar unsichtbaren Gegner vor sich, der ihn beschoss und verfolgte. Schließlich geriet der bayrische Soldat in Verzweiflung, wurde wild — und ein Bayer kann ordentlich wild werden — und wurde auf dem Vormarsch oder auf dem Rückzug unbarmherzig. Dies soll nicht entschuldigt werden. Anderseits erfasste hier und da selbst die berühmt tapferen bayrischen Soldaten ein panischer Schrecken.

Vom spanischen Feldzug abgesehen, war der tirolische Kriegsschauplatz für unsere Feinde wohl der härteste weit und breit. Der bayrische Soldat fürchtete die ständige Gefahr von einer Anhöhe herab, aus einem undurchdringlich erscheinenden Wald, aus dem Hinterhalt. Für ihn war Tirol ein unheimliches Land. Die Strapazen waren hart. Hier und da wurden große oder rasche Marschleistungen gefordert. Die Uniformen wurden immer abgerissener. In der Division Deroys — zum Unterschied von der Wredes — scheint es nicht üblich gewesen zu sein, dem Feind, also dem Tiroler, den letzten Raum und den letzten Bissen wegzunehmen, damit die Truppe reichlich befriedigt werde. Das Land konnte so viele Menschen — eigene Schützenmassen aus anderen Teilen des Landes, österreichische und feindliche Truppen — nicht auf einmal verpflegen. So fanden gerade später einmarschierende Soldaten schon alles ausgeplündert und aufgegessen vor. Ihre Verpflegung war schlecht oder sie litten durch etliche Zeit Hunger. Die Quartiere waren zum Teil schlecht. Die bayrische Intendantur und die Quartiermacher scheinen, zumindest in Tirol, nicht existiert oder arg versagt zu haben. Es wurde alles dem einzelnen Kompanieführer (Hauptmann) oder Feldwebel überlassen. Viel kam da wohl auf den Geist des nächsten Generals an. Unter Deroy herrschte noch immer eine gewisse Zucht, unter Wrede oft Zügellosigkeit. Der Sold genügte nicht. Deifl schreibt: Ein Vorgesetzter sagte zu ihnen: „Schreibt an Eure Eltern oder Anverwandte, damit sie euch Leinwand und etwas Geld schüken möchten . . . Arme Eltern, Ihr habt es wirklich gethan. Abgaben über Abgaben, Kriegslasten über Kriegslasten, den verrissenen Söhnen Geld und Muntur nachgeschickt! Das heißt echt Gut und Blut dem Vaterland hinopfern. Das haben die meisten armen Väter und Mütter ihrem Körper entziehen müssen. Die Welt lohnt sie nicht, nur der Echtdenkende kann ihnen danken für ihre Dultsamkeit und Tausend und Tausend Thränen."

Deifl zog also im Mai 1809 mit der Division Deroy in Tirol ein. Noch waren alle zuversichtlich. „Friedlich wird dort (bei Kufstein) gehauset, alle Weinkeller werden aufgesprengt . . . Alles war muthvoll, jedermann war fröhlich. Es halte durch die Thäler wie aus einem Mund: „Es lebe Maximilian Joseph!" Später kam es allerdings anders:

„Kugeln saussen, Flammen braussen,
Kammerathen stürzen blutend hin,
Ich nicht zitter dem Gewitter,
Betäubt mir auch keinen Sinn."

Deifl bestätigt das, was schon Josef Hirn (Tirols Erhebung, S. 410, Anm. 1) nach einer anderen Quelle berichtete: „Dort an der Ziller Brük werden 9, sage neun, Tyroller aufgehängt, wegen der Frage, ob sie Bairisch werden wollen. Antwort: Nein, lieber Kaiserlich sterben als Bairisch werden. Sodann werden sie aufgehängt in denen dort stehenden Erlenbäumen. Ein K. B. Kanonier erfüllt die Exikution auf Befehl." Aber Deifl gibt die Schuld an diesem Befehl dem französischen General Drouet d'Erlon. Er zog dann merkwürdig unberührt durch das verwüstete Unterinntal den Truppen Wredes nach, die allen Schaden angerichtet hatten. Die Bergiselschlacht vom 29. Mai hat er mitgemacht. Hierauf kam der Rückzug durchs Unterinntal. In der Nacht verbirgt sich ein bayrischer Trupp. „Es glükt uns 5 Mann ohne großen Anstand dahin (zu entkommen, darunter auch Deifl). Die überigen 36 Mann wurden selbe Nacht noch gefangen im Gebirg, weil Jakob Schwarzmeier den Husten nicht halten konnte."

Zu Ende Juli marschierte die Division Deroy wieder in Tirol ein, darunter der Soldat Deifl. Jetzt fängt auch er zu plündern an (im Zillertal): „Jammerte Weiber kommen auf allen Seiten herbey, die Soldaten blindern ihre Habe. Nicht zu bewundern, bisher haben wir beynah noch kein Brot gefaßt. Die Natur behauptet seyn recht." Sie gelangen nach Innsbruck. Nach Deifl wurden viele Wagenladungen von Waffen, die die Tiroler nach der Verordnung abgeliefert haben, nach Innsbruck gebracht. Ein Teil der Waffen wird in den Inn geworfen. Die Bayern freuen sich darüber, dass nun wohl aller Widerstand aufhören werde. „Aha, jezt diesmall wird ihnen anders, weil sie den Gewalt sehen." Als sie kurz darauf in die Kämpfe im Oberinntal verwickelt wurden, wurden sie eines anderen belehrt. „Da sahen wir, daß die Tyroller noch Waffen haben."

Deifl kam bis in die Gegend von Imst und machte dann einen schrecklichen Rückzug über Telfs nach Innsbruck mit. Jene Kämpfe müssen ärger gewesen sein, als es da und dort aufscheint. Das würde für die Oberinntaler sprechen, von denen manchmal gesagt wird, dass ihre Beteiligung nicht so groß gewesen sein soll. Die Oberländer konnten auch recht schlau sein, aber unser Deifl ging ihnen nicht in die Falle. Es muss in Imst gewesen sein. „Als die Gasse wieder enger wurde, da standen Tyroller links, schußfrei, und sagten zu mir, ich sollte rechts zu dem Hofthor hineinlaufen, und dann komm ich bälder zu den meinigen. Ich ließ mich aber nicht irre machen und lief der Gasse nach — und komm zu den meinigen. Die hätten mich angeführt! Nach einem halben Jahr erfrage ich alles: . . . Diejenigen, welchen sie den Weg rechts zu dem Hofthürl hinauß gezeigt haben, die waren alle gefangen, denn in dem Hof konnten sie nicht mehr auß . . . und dann schleppen sie sie in die tiefen Keller." Auf diesem Rückzug hatte Deifl ein kleines Unglück: „Ich laufe auch, aber es bricht der Knopf von der Unterhosen ... ich muß dieselbe heraufmachen und festbinden, also habe ich die Arirgard (Nachhut), den Spiz, niemand war hinter mir als Tyroller, ich laufe." Schließlich brach er zusammen: „Vor Zierl wird gelagert, ich aber werf jezt mein Karakter (= Mut) nieder, oder er fällt mir hinweg vor lauter Mattigkeit, denn es wird jezt beynahe 42 Stunden, daß nichts über mein Herz kommt als Wasser. Ich lege mich in einen Gethreid-Acker ganz für mich und denk mir etwas. Es werden Namen abgerufen vom Feldwebel auf Biquet, aber niemand war noch da, nur einer, auch mein Nam wird gerufen. Auch dieser nicht, rief der Feldwebel Vogel. Ich höre es, aber zu elend zum Aufstehen. Früh morgen eh der Tag anbrach, kam Frost in mich, ich stehe auf und melde mich, als käme ich erst nach."

Nun kam es zur Bergiselschlacht vom 13. August. „Den 13 ten d. M. versammeln sich die Tyroller auf dem Berg Isel, ja, unendlich viel, auch ville Weibspersonen mit Stuzen sahen wir. Österreicher ville, aber doch solche, die da zurückgeblieben sind, denn der Generall (Buol) war damals schon abgezogen. Wir sagten zueinander: Gute Nacht, Schnepf, wie gehts uns morgen? Ja, den andern Tag bis 9 Uhr war der Berg Isel roth von Deutschem Baiern-Blut . . . Noch einmall wird Befehl gegeben zum Sturm, wir sind schon wieder anmarschiert am Fuße des Berges, unser Hauptmann an der Spitze war schon in der Hize. Er sagt: Den ersten, der austritt, stich ich den Degen durch. Wann ich austritt oder ein anderer Ofizier, so stecht mir das Bajonet durch den Leib . . . Aber das Schüßen, Lermen, Schreien, Laufen von den Tirollern, das läßt sich nicht beschreiben. . . . Der Marschall Le Feber ließ unser Bataillon aufstellen und eine Karee vormieren und schimpfte die ganze Deutsche Nation auf das Schmählichste. Als wenn wir es mit den Insurgenten hielten, kommt es heraus. Unser Oberstleutnant v. Schmäher sagt ihm entgegen, daß wir uns überall wohl gehalten haben, als bei Abendsberg, Ekmühl (im April 1809, Niederbayern) und dgl., nicht nur wohl gehalten, sondern ausgezeichnet. Marschall Le Feber sagt entgegen: Still sein. Tod schießen lasse ich Sie. Ich Junger Braußkopf hebe mein Gewehr, denn mein Junges Blut wallt auf. Es kommt mir wider bessere Gedanken. Später sagt der nähmliche Marschall: Wenn es nicht Baiern gewesen wären, so war ich selbst nicht mehr aus dem Tiroll gekommen." Am Abend und in der Nacht bilden die Bayern am Fuße der Anhöhen ein Spalier von Vorposten. Sie sind dort dem Beschuß der Tiroler ausgesetzt. „Ich (Deifl) und alle sezten uns schräg auf unsere Tornister, Kasket (Kopfbedeckung) verkehrt auf den Kopf und glaubten, es sei besser. Aber es wird eim ganz anders, wenn man hinsizen mus wie ein armer Sünder auf das Schaffot, der jeden Augenblik den Todesstreich erwartet. Ville gehen ab, werden aber wieder zurük komantiert. Ich behaupte meinen Karakter (= Mut) und blieb auf meinem Schaffot sizen. Nun fiel mir was bey. Ich hörte einmall von einem alten Katholischen Soldaten sagen, wenn einer das ,Gegrüßt seist du, Königin' bettet, so soll ihn keine Kugel treffen. Ich kann es aber schön sauber nicht, habs auch nie beten gehört." In der Nacht vom 14. auf den 15. August trat die feindliche Armee den Rückzug an.

Um den 20. Oktober marschierten bayrische Truppen, darunter wieder Deifl, in Tirol ein. Er kam auf längere Zeit ins Zillertal. Im allgemeinen trat Ruhe in Nordtirol ein. Deifl verließ mit seiner Truppe um den 1. Mai 1810 unser Land.

Mit einigen Bemerkungen Deifls kann ich einzelne Züge der Geschichte der Erhebung Tirols 1809 nur streifen.

An den Äußerungen des einfachen Infanteristen Deifl ersehen wir, wie sozusagen die bayrische Propaganda ihren Soldaten das Verhältnis Bayerns zu Tirol erklärte. Einzelne Feststellungen während des Feldzuges schienen nur den Soldaten die Propaganda zu bestätigen. Deifl schreibt: „Das Tyroll, unser Nachbarsland, deutsch bis über den Brenner und Etsch, war öfter schon bairisch. Sein rauhes Gebirg ist uns allen bekannt. Daß es noch Winkeln gibt hoch auf dem Gebirg, wo die Menschheit noch stark in der Rohheit war, das hab ich selbst erfahren." Die Gegend von Kelheim südwestlich von Regensburg, wo Deifl wohnte, ist allerdings fruchtbarer. Deifl berichtet weiter: „Die Holzknechte und Bergknappen, Köhler, Fabrikarbeiter und d. gl. ärmere Menschen (in Tirol) sind eben nicht gar gut daran, darum lieben sie Unruh und Revolution." In den Augen Deifls waren die Tiroler als Aufständische gegen Bayern „Verräter", darunter auch Hofer und „Bruder Kabuziner", also wohl Haspinger. Der Grund der Erhebung lag nach Deifl in folgendem: „Ihr alter Landesherr schickte ihnen 15.000 Mann Militär, Geld, daß jeder gemeine Schütz täglich einen Gulden bekommen soll, und so brachten sie 80.000 Mann Schützen zusammen, und alles war lebendig, Altes und Junges." Das Abflauen der Erhebung war nach Deifl bald erklärt: „Der Gulden wird ihnen (den Tirolern) nicht lang ausbezahlt, Österreich wird geschlagen, und Groß-Britanien schoß kein Geld nicht mehr vor. So bekommen sie nur mehr 15 Kreuzer, zuletzt nichts mehr." Jeder Kenner der Geschichte der Erhebung weiß, was daran alles falsch ist.

Während der Kämpfe konnte das Verhältnis zwischen Tirolern und Bayern nur das der Erbitterung sein. Nie setzt aber Deifl die Tapferkeit der Tiroler herunter. Einiges haben wir schon bei der Schilderung der Bergiselschlacht vom 13. August gehört. Ein anderes Mal schreibt er: „Den sie waren unbeweglich auf allen Seiten der Bergen. Auf einmal hören wir von der ferne Schüsen, dann Schreien, Jodeln, Liedeln, so als ging die Erde unter." „Als (sie, die Tiroler) einmall bey Innsbruk auf dem Berg Isel . . . immer geschrien haben: Boar Vak (Schwein), Boar Vak, zu zu zu, tru lulu etc., und dann Liedlen: Der boarische Kini, der Hungerleider, der Kirchenausrauber, der Vakentreiber, da kan ich mich nicht anders rächen, als ich zog den Sebel und haue alle Kohlköpf, türkischen Weizen, blühenden Stämme etc. weit umher nieder auf dem Feld, ja, wenn mich nicht die Tyroller Kugeln abgekiehlt häten, ich würde einen grosen Schaden angerichtet haben." Die Tiroler sangen auch nach Deifl: „Der Herzog von Danzig (Lefebvre), der war a so gschwanzig, dem Boarscht (großer Bart = Andreas Hofer) seine List, hoata a net al gwist (= gewußt)."

Einmal besprechen die Kameraden Deifls, was sie mit Andreas Hofer machen würden, wenn er ihnen in die Hände fallen würde, wobei der kauzige Humor der Bayern doch wieder zum Vorschein kommt: „Jetzt sagt einer um den andern ein mörderisch Urteil über Sandwirt Andre Hofer. Wenn er in unsre Hände fällt, so wollt einer ihn zerstükeln, der eine beyn Füßen aufhängen, ein anderer verbrennen etc. Und ich (Deifl) sage: Nein, i det ihm nix zuleid. Ich ließ ihm ein schönes Zimmer zubereiten und sehr gut einheizen und mehrere Tonnen Herring dazu hinein und nichts zum Trinken. Alle: Ja! Das ist das rechte, das soll er haben. Ein leeres Gesprech! Samt dem Elend wird jetzt doch gelacht."

Beim Einmarsch im Oktober gab es folgende Szene: „Unser Oberstleutnant von Schweher versprach uns das Blündern, so wie nur ein einziger Schuß fällt. Er sagt aber zugleich, daß es nicht so werden wird, denn es sind ehrenbrave Leuth hier, denn ich erkenne es sehr gut von 1805 her, da ich lang hier war. Aber kaum angelangt auf den Höhen (in der Umgebung von Wörgl), so krachts von seiten der Schützen aus Tyroll, nun hieß es von den Unseren: Eia! Ein ehrenbraver Mann hat geschossen. Schon wieder einer, und so geht es fort und fort. Endlich dreht sich der Herr Oberstleutnant um und sagt: Seids grad wie die alten Weiber! Wenns einmal was habt, laßt es nicht mehr ausgehen. Er wird heftig ausgelacht."

Die Tiroler wussten zwischen den einzelnen bayrischen Divisionen genau zu unterscheiden. Die Wredes war verhaßt und gefürchtet, die Deroys geachtet. Ein Tiroler Wirt in der Gegend von Schwaz sagte im Mai: „Für euch hoama allen Reschpekt, Ihr seid von Dirwa (Deroy) seinen. Der Herr General (wohl Siebein) geht schweigent zurük. Er kehrt noch mal um und sagt zu dem Wirt, er sollte zu Flauß gehen mit seinen Leuthen. Es geschieht nichts. Nein, sagt der Wirtt, ich überlasse euch das Hauß einige Tage, dann wenn Ihr hinausgejagt seid, zieh ich wieder ein. Also, sagt der Herr General, der Sieg sey für euch gewiß? Allerdings. Herr General geht ab." Ein Tiroler Wirt hatte also mitten im Elend von Schwaz und Umgebung um den 15. Mai herum, vor den Bergiselschlachten von 25. und 29. Mai, eine solche Siegeszuversicht.

Meine bayrischen Kameraden in der deutschen Wehrmacht des zweiten Weltkrieges sagten immer von sich: „Wir sind rau, aber herzlich." An dieses Wort erinnert man sich bei manchen Schilderungen Deifls. Er und seine Kameraden kamen während des Feldzuges mehrmals in den Hof eines gewissen Wiesinger Bauern in der Nähe von Kufstein. Man wurde immer besser miteinander bekannt. Da entwickelte sich nun zwischen den Bayern und den Tirolern ein derber und rauer, lustiger und doch herzlicher, fast freundschaftlicher Verkehr. Es ist möglich, dass man sich dort bei aller politischen Feindschaft besser verstand, weil ja die Kufsteiner Gegend früher lang unter Bayern gestanden ist und die Bevölkerung dies- und jenseits der Grenze von Kiefersfelden sehr ähnlich ist.

Zumindest in der Division Deroys,. die viel besser als die Wredes war, war der Geist der Truppe nicht schlecht. Der alte General Deroy muss eine edle Persönlichkeit gewesen sein. Deifl schreibt: „G. L. Deroy war über den Inn mit einigen Regementern (um den 15. Mai). Er schükte Ortenanzen und ließ den G. L. Wrede melden, er solle nicht so sträng sein, sondern milter. Der 80-zigjährige Deroy steht schon mit einem Fuß im Grabe, sagen die Soldaten." (Deroy war damals 67 Jahre alt.) In der Nähe von Kufstein stand eine kleine Kirche, wo am Sonntag eine Feldmesse für die bayrischen Soldaten gehalten wurde. Deifl schreibt: „Ich vergesse nie und nimmer mehr, wie der alte Herr G. E. Deroy beynah zu jeder Rotte, die zur Kirchenthür hineinmarschiert, sagte, Beten, beten, wieder beten!"

Deifl lobte auch den Oberst seines Regiments Baron Hetzen sehr: „Er war ein herrlicher Mann. . Er besuchte die gemeinen Soldaten in ihrem armen Gezelt, fragt nach, wie es steht und geht. "Wenn geklagt wird, verschafft er Hülf; wo es möglich zu thun ist, gab es Tabak, Raucher oder Schnupfer, und (gabs) kein Geld, so spendete er nicht weniger als einen ein Zwanziger. Er war recht." Nach Deifl gab sich Metzen am 24. Dezember 1809 durch einen Schuss aus seiner Pistole selbst den Tod.

Die Härte des Soldatenlebens hat Deifl voll und ganz empfunden. Er schreibt z. B. vom Feldzug in Tirol: „Der Himmel weiß es, was das ist, Kamerathen verlassen müssen, die da blutent, tod oder blessiert da liegen auf der Straße und jammernd bitten, um Gottes willen ihnen mitzuhelfen. Ja, es geschah oft, daß die, welche gerne helfen möchten, auch gefangen wurden, oder gar tod oder blessiert ..." Vom endgültigen Ausmarsch aus Tirol berichtet Deifl schließlich: „Wir waren alle so verrissen, daß sich ein jeder schämte, beym Tag in seine Heimat zu gehen. Die Muntur kommt so hart an, nicht einmal das Nothwendige. Wir armen Soldaten sind zu bedauern: Kein Geld, kein Muntur, oft kein Brot, wo nicht Quatier. Alles war leer, doch nicht ohne unsere Ehr." Die gesamte Kriegsbeute Deifls 1809 war „eine Schatull voll gederrter Weichsel und ein geschriebenes Gebetbuch." Nach dem Tiroler Feldzug zieht Deifl die Lehre: „Schröklich war der Krieg für jedermann. Darum wünscht sich nur niemand einen Krieg."

Mit dieser versöhnlichen Tendenz, in der sich Tiroler und Bayern am Ende des Jahres 1809 einig gewesen sein mögen, wollen wir schließen.

Und noch eines: In den Marmorboden der Befreiungshalle von Kelheim, in deren Nähe der alte Deifl wohnte und an deren Einweihung er noch teilnahm, hat König Ludwig I. von Bayern die Worte einfügen lassen: „Möchten die Teutschen nie vergessen, was den Befreiungskampf notwendig machte, und wodurch sie gesiegt!" Zum Befreiungskampf gehörte als ruhmvoller Vorläufer wesentlich die Erhebung Tirols 1809, und die „Teutschen", wie Ludwig sie immer nannte, haben durch Mannestugenden gesiegt, die gerade u. a. die Tiroler 1809 vor ihrem Volk und vor aller Welt zeigten. Von 1813 an haben ja auch die Bayern gegen Napoleon und sein Reich gekämpft, und so finden wir auch hier ein versöhnliches Ende innerhalb des deutschen Volksraumes.

Vgl. Kurt Uebe, Der Stimmungsumschwung in der bayrischen Armee gegenüber den Franzosen 1806 - 1812, Münchner histor. Abhandlungen 2. Reihe, 12. Heft, München 1939, S. 44 ff.

   
  Quelle: Dr. Hans Kramer, Die Erinnerungen eines bayrischen Infanteristen über den Feldzug 1809, in: Tiroler Heimatblätter, 34. Jahrgang, Heft 4/6 1959, S. 65 - 70.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.