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  Die Kämpfe am Bergisel 1809, Teil 1
 

von Werner Köfler


Ursachen und Vorbereitungen des Tiroler Aufstandes

Lebendige Erinnerungen

Am 26. Dezember 1805 hatten sich zu Preßburg die Vorahnungen der Tiroler erfüllt. Der 8. und der 15. Artikel des Preßburger Friedens erklärten Tirol zur bayerischen Provinz.

Über der Vereinigung gerade dieser beiden Länder stand von allem Anfang an kein guter Stern. Es wäre müßig zu behaupten, dass die tirolischen Aversionen sich nur gegen den bayerischen Staat als Verbündeten Napoleons gerichtet hätten. Zu lebendig war noch die Erinnerung an den schrecklichen Einfall von 1703; dafür sorgten schon die zahlreichen Befreiungsdenkmäler im ganzen Land. Aber auch Ereignisse früherer Jahrhunderte belasteten die Geschichte dieser Nachbarschaft.

Bei einem größeren Teil der Bevölkerung erregte zudem der Verlust des geliebten Landesvaters schmerzliches Empfinden. Immerhin war man seit 1363 mit dem Hause Österreich verbunden gewesen. Insgesamt an die zweihundert Jahre hatte seither eine eigene tirolische Linie der Habsburger in Innsbruck residiert, und Kaiser Maximilian I. hatte gar die Stadt zum zentralen Punkt seines Großreiches auserkoren. Um Herrscher wie ihn oder Friedrich mit der leeren Tasche und Sigmund den Münzreichen, um Frauengestalten wie Philippine Welser und Claudia von Medici hatte das Volk einen Kranz von Geschichten und Legenden gewoben und sie in seiner Erinnerung glorifiziert. War dieses innige Band zum Herrscherhaus durch die Innenpolitik des Aufklärers Joseph II. auch gefährlich dünn geworden, so waren die Beschwichtigungstaktik eines Leopold II., der Ruf der Gutmütigkeit eines Franz II. und die persönliche Bindung eines Erzherzogs Johann geeignet genug, dieses Band wieder zu festigen.

Damit wären aber bereits zwei geistige Motive der späteren Ereignisse umrissen — an erster Stelle nicht deshalb, weil sie etwa am gravierendsten gewesen wären, sondern deshalb, weil sie im chronologischen Ablauf des Geschehens hier einzuordnen sind. Es werden schwerwiegendere Gründe aufzuzeigen sein, die in ihrer greifbaren Realität stärker in das Leben des einzelnen einzuwirken vermochten.


Die bayerische Wirtschafts- und Finanzpolitik

Nachdem es erzwungenermaßen von Österreich an Bayern abgetreten worden war, ergab sich für Tirol fast zwangsläufig eine wirtschaftliche Regression. Der tirolische Handel, der stets ein Zwischenhandel zwischen Italien und Süddeutschland gewesen war (Bozner Märkte!), erlahmte, und die Absatzmärkte in Österreich und Italien waren auf Grund des Napoleonischen Prohibitivsystems durch schwere Zölle nahezu gänzlich versperrt, was etwa in der Messingindustrie zu katastrophalen Folgen führte. Doch alles in allem waren dies Auswirkungen, die geradezu automatisch mit der Angliederung an den Bündnispartner Napoleons auftreten mussten.

Umso mehr aber erregten die finanzpolitischen Maßnahmen, die von der bayerischen Regierung selbst angeordnet wurden, die Bevölkerung. Indem sie vor allem an die landwirtschaftliche Existenz rührten — und Tirol bestand damals zu etwa neun Zehnteln aus bäuerlicher Bevölkerung! —, wurden sie mit zu den einschneidendsten. Noch im Jahre 1806 wurden die ersten Anordnungen getroffen, galt es doch aus der Neuerwerbung „jene Vorteile zu ziehen, welche den dafür gebrachten Opfern entsprechen", so der bayerische Geheime Staats- und Konferenzminister Montgelas in seinen „Denkwürdigkeiten". Unter der Begründung, dass das Land für das große dort stationierte Truppenkontingent selbst aufzukommen habe, wurde nach einigem Tauziehen um die Art der Steuereinhebung eine Kopfsteuer eingeführt. Größere Folgen zeitigte die bayerische Währungspolitik. Es war dies der zweite Schritt, den die bayerische Verwaltung noch im selben Jahre tat: Es wurde das minderwertige österreichische Papiergeld abgeschafft und seine Einlösung nach dem niedrigen Kurswert gegen bayerisches Silbergeld angeordnet. Das bedeutete, dass Kredite, die seit 1797 in österreichischem Papiergeld aufgenommen worden waren, nach ihrem Nennwert in Silber zurückgezahlt werden mussten. Es liegt auf der Hand, dass damit eine schwere Krise im ländlichen Kreditwesen heraufbeschworen wurde. Wenn auch noch niemals die wirtschaftlichen Auswirkungen der bayerischen Verwaltung in einer umfassenden Untersuchung dargestellt wurden, so fällt doch jedem, der mit besitzgeschichtlichen Arbeiten zu tun hat, die große Zahl der Konkurse in dieser Zeit auf.

Freilich war die Regelung des Valutawesens dringend notwendig gewesen. Der Wert des österreichischen Papierguldens schwankte täglich und wurde Gegenstand der Spekulation.

Vielfach und vielseitig waren noch andere Mittel und Wege, immer höhere Einnahmen aus dem besetzten Land herauszupressen. So wurden etwa die Gläubiger der Schwazer Kreditkasse, die seit der Theresianischen Zeit die Zentrale für die tirolischen Staatsgläubiger war, schwer geschädigt, da alle ab 1769 datierenden Schuldbriefe auf 54 und 50 Prozent ihres Nennwertes herabgesetzt wurden. Unter den verschiedensten Deckmänteln erhöhte man die Steuern und führte die Stempeltaxen ein. Großen Unwillen, ja helle Empörung verursachte die Unterstellung des Stiftungswesens unter staatliche Verwaltung bei gleichzeitiger Erhöhung des Darlehenszinses aus Stiftungsgeldern. Schon unter Joseph II. hatte eine ähnliche Maßnahme scharfen Widerspruch erfahren. Doch jetzt erhob sich ein Sturm der Entrüstung.

Wieder war in erster Linie das Landvolk betroffen, denn gerade die bäuerliche Bevölkerung schätzte diese Stiftungskapitalien besonders als eine schon seit Jahrhunderten bewährte Möglichkeit, billig und leicht Kredit zu erhalten. Unter der staatlichen Verwaltung war es nun nicht nur schwieriger, solchen zu bekommen, er war auch teurer. Zwar verordnete das Patent vom 30. September 1807 eine strenge Trennung zwischen Stiftungsgeldern und Staatsgeldern, doch das Misstrauen wuchs, befürchtete man doch, der Staat werde sich trotzdem an den Stiftungsgeldern vergreifen, um seinen aufgeblähten Beamtenapparat finanzieren zu können. Hinzu kam ein religiöses Moment: Man glaubte, die frommen Stiftungen der Vorfahren würden geschmälert werden — und damit deren Seelenheil sowie himmlische Belohnungen.

Tatsächlich war bereits die Verwaltung der Stiftungen den Kirchpröpsten entzogen und den bayerischen Staatsbeamten übertragen worden. Gleichzeitig kam auch das Gemeindevermögen unter strenge staatliche Aufsicht. Die nun geforderte Vorlage der Rechnungsausweise, die einzuholende staatliche Genehmigung bei Verfügungen über Gemeindegüter und dergleichen mehr machten gerade dort böses Blut, wo Eigennutz vor dem Gemeinwohl gestanden war. Doch es wäre ungerecht, wollte man hier von Einzelfällen auf die allgemeinen Verhältnisse schließen. Dagegen empfand man ganz allgemein und mit sicherem Instinkt: Der neue, absolutistische Staat war im Begriff, alle alten, traditionsreichen Institutionen zu zerschlagen. Die Gemeinde, eines der eindrucksvollsten Zeugnisse einer gutfunktionierenden Selbstverwaltung, war eine solche Institution, die gerade durch ihre Überschaubarkeit dem Volke umso bewusster war.


Die Aufhebung der Landesverfassung

Bereits 1806 wurde durch die Unterstellung ganz Tirols unter einen Generalkommissär (in der Person des vorherigen Hofkommissärs Graf Arco) nach dem Muster der übrigen bayerischen Provinzen mit der Demontage der alten Landesverfassung begonnen, mit der Aufhebung der landständischen Klöster und der Übertragung der Steuerverwaltung von den Ständen auf staatliche Organe beziehungsweise auf die bei den Landgerichten eingesetzten Rentämter fortgesetzt und mit der bayerischen Konstitution, datierend vom 1. Mai 1808, beendet. Mit der neuen Kreiseinteilung nach dem Beispiel des französischen Systems der Departements mit seiner in Tirol jeder Tradition entbehrenden Benennung nach Flüssen zerschlug man im Volke verwurzelte geschichtliche Gebilde. Aus den Höchstbesteuerten war eine Nationalrepräsentanz zu wählen, die lediglich das Recht der Gesetzeszustimmung hatte. Den Kreisversammlungen oblag im Wesentlichen die Wahl der Nationalrepräsentanten, eine Aufgabe, die die Regierung aber glänzend zu verschleppen verstand.

Der Name Tirol wurde gestrichen, der Inn-, der Eisack- und der Etschkreis traten an seine Stelle. Das Stammschloss Tirol wurde an einen Privaten verkauft — eine Handlung, die das Volk als sehr bezeichnend empfinden musste. Die Frage, ob die Aufhebung der Verfassung den Preßburger Frieden verletzt habe, wird von der Forschung seit den Erkenntnissen des Rechtshistorikers Voltelini in verneinendem Sinn beantwortet. Die Preßburger Bestimmung, dass Tirol mit denselben Prärogativen und Rechten an Bayern kommen solle und „non autrement" — nicht anders —, als Österreich es besaß, betrachtete man wegen der neuen Konstitution als von Bayern verletzt und leitete davon das Recht ab, Tirol zurückzuverlangen. Josef Freiherr von Hormayr hat diese Verletzung als Hauptursache des Aufstandes hingestellt, und von Erzherzog Johann wurde sie in seinem Aufruf eindeutig als Vertragsbruch deklariert. Dennoch wäre es nach den Ergebnissen der neueren Forschung übertrieben, wollte man dem Verfassungssturz eine führende Rolle unter den Ursachen zubilligen, die zur Erhebung führten — schon einfach deshalb, weil derlei politische Gegenstände den einfachen Mann kaum interessierten. Sicherlich schmerzten der „Verlust" des Stammschlosses, das Auslöschen des Namens Tirol und die Zerteilung in Kreise. Doch der Kleinbürger und der Bauer beschäftigten sich nicht mit Verfassungsfragen — und die Landtage hatten längst Seltenheitswert bekommen. Die Stände jedoch erhoben unter Berufung auf die schon erwähnte Stelle im Preßburger Frieden schärfsten Protest. Ihre Begründung wurde dann sofort von Hormayr aufgegriffen und zur offiziellen Meinung am Wiener Hof gemacht. Es erhebt sich überhaupt die Frage, ob dieser Gedanke nicht in den Wiener Kreisen selbst entstanden ist, eine Frage, die nicht mehr eindeutig zu beantworten ist. Im Übrigen erregte die Aufhebung der Verfassung verständlicherweise am meisten die Mitglieder der Landstände, die im Dienste der Landschaft, der Gemeinschaft der ständischen Vertreter, Stehenden und vor allem auch den landständischen Adel. In der breiten Volksmasse jedoch sorgte ein Heer von bayerischen Beamten für immer virulentere Stimmung. Besonders seit der Verfassungsänderung verfolgte man mit allem Nachdruck die Bürokratisierung. Eine Flut von Versetzungen und Pensionierungen brach über die österreichisch gesinnten Beamten, aber auch über Untüchtige herein. Die unzähligen neugeschaffenen Dienststellen wurden weitgehend mit Bayern besetzt. Daneben war in den unteren Diensträngen der österreichische Beamte, der über Nacht ein eifriger bayerischer Staatsdiener wurde, nicht selten. Denunziantentum und Blitzkarrieren traten in der für politische Umstürze typischen Häufigkeit auf.

Es verdient auch hervorgehoben zu werden, dass sich eine Anzahl bayerischer Richter so großes Ansehen und Vertrauen bei der Bevölkerung erwerben konnte, dass nach dem Einmarsch der Österreicher um deren Weiterverbleib im Amte ersucht wurde. Im Großen und Ganzen jedoch dominierte eine Schärfe, die so manche heute hochmodern zu nennende Maßnahme (beispielsweise die Kinderimpfungen und das Vorgehen gegen die Unzahl von Kurpfuschern) als verhasste Zwangsmaßnahme erscheinen ließ. Ein allem Neuen gegenüber angestammtes Misstrauen tat ein Übriges. Wenn aber so zweifelhafte Charaktere wie etwa Johann Theobald von Hofstetten oder Graf Max Nyss gar an die Spitze von Kreishauptmannschaften berufen wurden, wo sie sich mit ebenso kaltschnäuziger Härte wie skandalösem Privatleben hervortaten, so war dies sehr geeignet, das Volk in Weißglut zu bringen. Die Idee des Schwazer Kreishauptmannes Nyss, den Namen Kaiserbirne zu verbieten, weil er zu sehr an Österreich erinnern könnte, und diese ebenso altbewährte wie harmlose Tiroler Obstsorte in Königsbirne umzubenennen, oder sein Einfall, einen Ofen abtragen zu lassen, weil dessen Kacheln einen Adler zeigten, mögen den krankhaften Übereifer solcher Leute ausreichend charakterisieren.


Bayerns Kirchenpolitik

Am stärksten wirkte sich der autoritäre, von keinerlei Einfühlungsvermögen geleitete bayerische Bürokratismus auf dem Gebiete der kirchlichen Verordnungen aus. Seit dem Verbot der Christmette steigerte sich der Unwille von Jahr zu Jahr. Fast in jeder Anordnung begann man alsbald einen religionsfeindlichen Akt zu erblicken. Mit noch größerer Wucht als zu Zeiten eines Joseph II. prallte nun die Aufklärung gegen einen erzkonservativen Katholizismus. Kaum woanders hatte die Gegenreformation eine derart überschäumende barocke Religiosität hervorgebracht wie hier. Die „Lutherischen" waren längst zu Ungläubigen schlechthin avanciert, und dass über die mit anerkennenswerter Energie betriebene Pockenimpfung das Gerücht entstehen konnte, sie sei ein teuflisches Mittel dazu, das Luthertum einzuimpfen, zeigt die Bandbreite solcher Gedankengänge. Es steht außer Zweifel, dass gerade die bayerische Kulturpolitik und der damit verbundene Kulturkampf ganz starke Parallelen in der Zeit Maria Theresias und Josephs II. haben. Aber hatte damals die lässige österreichische Art der Verwaltung vieles gemildert und manches ad acta gelegt, so führte nun die bayerische Regierung mit starrköpfiger Konsequenz die Neuerungen durch. Dass Bayern gerade in dieser Zeit die Hochblüte der Aufklärung erlebte, ist dabei nachdrücklichst zu betonen.

Im Kirchenkonflikt kulminierte die antibayerische Gesinnung. Die Verhaftungen und Deportierungen von Priestern, die Landesverweisung von Bischöfen und die Vertreibung der geliebten Bettelmönche waren reichlich geeignet, im Denken des einfachen Volkes die Vorstellung einer rigorosen Christenverfolgung entstehen zu lassen.

Durch das Verbot von Kreuzgängen, Prozessionen, Wallfahrten, Wettersegen und Wetterläuten konnte man sich geradezu in seiner Existenz bedroht und den bösen Geistern schutzlos ausgesetzt fühlen. Diese Regierung war für den einfachen Mann zum Feind der Religion schlechthin geworden, und der Aufstand wider sie gewann den Charakter eines „heiligen Krieges". Ihr Vorgehen „gegen die Kirche" machte ihre Bekämpfung zu einer gottgewollten.

Dies war das Banner, das man über die vielen Gründe der Unzufriedenheit erhob. Wenn Marschall Lefebvre am 12. August 1809 an Napoleon berichtet, „diese wilden Tiroler steigen mit rasendem Geschrei ins Inntal hernieder, das Kruzifix an der Spitze, mit ihren Priestern, rasend wie Tiger", so ist dies zwar eine den Rückzug von Südtirol rechtfertigen wollende Übertreibung, dennoch wird in diesen Worten zwar ungewollt, aber sehr treffend das psychologische Moment des Aufstandes symbolisiert.

Die ganze kirchliche Konfliktsituation hat ihren Ursprung in der Anschauung einer vom aufgeklärten Absolutismus beseelten Regierung, dass sich die Kirche völlig dem staatlichen Interesse und der staatlichen Verfügungsgewalt zu unterstellen habe. Das besagt allerdings nicht, Bayern habe eine Nationalkirche zu installieren versucht! Die unentwegten Bemühungen um eine Verständigung mit der Kurie sprechen sehr dagegen. Lediglich von einer Unterordnung der bayerischen Bischöfe unter einen bayerischen Metropoliten ist die Rede.

Das staatliche Kirchenregiment hatte im Stammland bereits die Heranbildung des Klerus, die Säuberung der Liturgie von diversen kultischen Wucherungen, die Abschaffung von Feiertagen und eine Reihe von Klosteraufhebungen mit harter Konsequenz in die Hand genommen. Geradezu mit Feuereifer wurde diese Politik im neuerworbenen Territorium verfolgt. Unter dem an sich schon vielsagenden Titel „Kirchenpolizei" entfaltete sich eine zunehmend verhasste Regsamkeit der bayerischen Beamten, die sich in alles und jedes mischten und jedes kirchliche Fest und jedes religiöse Brauchtum unter dem Aspekt eines etwaigen volkswirtschaftlichen Schadens oder eines möglichen Unfugs genauestens sezierten und mit einem Verbot immer sehr schnell bei der Hand waren.

Das landesfürstliche Verordnungsrecht in kirchlichen Angelegenheiten gab bereits Ende des Jahres 1806 eine Kostprobe des Kommenden, als sieben Tage vor Weihnachten die Christmette verboten wurde. Eine Gottesdienstordnung und zahlreiche Mandate zur Beobachtung der aufgehobenen Feiertage folgten. Eine so liebgewordene, aus dem bäuerlichen Alltagsleben nicht wegzudenkende Beschäftigung wie das Rosenkranzgebet wurde als öffentliche Andacht strikt verboten. Die Heiligen Gräber, jene sinnenfrohen Staffagen barocker Frömmigkeit, wurden auf die Aufstellung des Sanktissimums am verhangenen Seitenaltar reduziert. Mit dem Einschreiten gegen Prozessionen traf man auch — gewollt oder ungewollt — die Kommunikationsmöglichkeit ganzer Talschaften, wie sie etwa eine sich über alle Filialkirchen erstreckende Pfarrprozession zu bieten vermochte. Die Worte des Kaplans Josef Daney aus Schlanders schildern trefflich die Situation, in der sich vor allem ein großer Teil des Kuratklerus damals befand: „Da wir sahen, dass die bayerische Gottesdienstordnung nichts Wesentliches an der Kirche änderte, ja manches zweckmäßiger machte, so befolgten wir sie genau. Aber wir machten uns beim Volk, welches so zäh an seinen Gebräuchen festhält, damit verdächtig, ja fast verächtlich. Wir bekamen Schimpf und Spott, als wir die Heiligen Gräber nicht errichteten und die Auferstehungsfeier auf den Ostersonntag verlegten. Man werfe uns nicht vor, wir hätten das Volk belehren sollen. Das wäre beim Gebirgsvolk ganz vergebens gewesen. Wir hatten schon genug zu tun, das Volk in Ruhe zu erhalten. Es wurde uns verboten, an den Sonntagen nach Fronleichnam die Evangelien auf dem Friedhof zu singen. Das war gewiss eine Kleinigkeit, und jeder Priester weiß, dass man für die Feldfrüchte ebenso gut in der Kirche beten kann. Wir belehrten darüber auch das Volk, aber je mehr wir redeten, umso mehr verloren wir das Vertrauen. Durch solche Verbote werden weder die Sitten auf dem Lande verbessert, noch werden die Finanzen für Staat und Kirche vermehrt. In München werden solche Gebräuche geduldet, wie es unsere Landsleute, die mit Obst dort handelten, selbst erzählten, nur in Tirol nicht: So räsonierte man auf allen Gassen. Selbst Gott Vater schien mit uns Priestern seinen Spaß zu treiben. Es gab selten schwerere Hochgewitter und richteten die Wildbäche solche Verwüstungen an wie gerade zu dieser Zeit, wo das Wetterläuten verboten war. Bei solchem Schaden wurde dann uns Priestern vom Bauern die Schuld gegeben, weil wir nicht läuten ließen. Vorurteile lassen sich nicht plötzlich vertilgen. Wenn man sich an den Gebräuchen des Volkes vergreift, so greift man ihm ins Auge."

Aus ganz anderem Holz geschnitzt waren die Bettelmönche. Sie waren viel inniger mit dem Volk verbunden und teilten auch weitgehend dessen Weltanschauung. Mit ihren Exorzismen und Benediktionen hatten sie sich auf ein Metier spezialisiert, das ihnen die Anhänglichkeit und Verehrung des einfachen Mannes sicherte. Sie waren es dann auch, von denen — am meisten verfolgt — keinerlei besänftigende Wirkung, sondern heftige Ermunterung zur Insurrektion ausging.

Unter dem Vorwand der Aufwiegelung des Volkes und Beteiligung an der Churer Agitation wurde dann im Jahre 1808 mit aller Schärfe vor allem gegen die Kapuziner vorgegangen. Nachdem ihre Aufhebung im Churer Sprengel beschlossen worden war, wurden mitten in der Nacht alle Patres aus dem Ordenshaus zu Meran auf Wagen verladen und zur Verteilung in andere Klöster abgeführt. Die Aufhebung weiterer Ordenshäuser folgte.

Verschiedene Maßnahmen der bayerischen Regierung beschworen insbesondere den Widerspruch der Bischöfe herauf, etwa in bezug auf ihre Ansprüche auf Besetzung der Pfründen. Wesentlich kompromissloser als die österreichische Regierung bestand man nun in den säkularisierten Hochstiften auf dem Patronatsrecht an allen Benefizien, die nicht bereits in einem Laienpatronat standen. Den Bischöfen wurde nur noch eine scheinbare Mitbestimmung eingeräumt; sie hatten nämlich einen Ternavorschlag zu machen, aus dem der Staat den Benefiziaten auswählen konnte, grundsätzlich jedoch gar nicht an den Vorschlag gebunden war. Auch die Regelung der Heranbildung des Klerus, wonach nur jene zu den höheren Weihen zugelassen werden durften, die an einer Staatsuniversität die Prüfungen abgelegt hatten, stieß bei den Bischöfen auf geharnischten Protest. Sie wandten sich an den Papst, dessen Breve (1. August 1807) beide Verordnungen ablehnte, eine Entscheidung, der gescheiterte Konkordatsverhandlungen mit Bayern vorausgegangen waren und an der die österreichische Staatskanzlei vielleicht nicht unbeteiligt war — zumindest rühmte sich dessen der österreichische Geschäftsträger in Rom —, was beim begreiflichen Interesse Österreichs an einer Verschärfung des Kirchenkonfliktes durchaus naheliegend wäre.

Der episkopale Widerstand fand im Churer Bischof Karl Rudolf Freiherr von Buol-Schauenstein mit seinem Mitkämpfer Gottfried Purtscher, dem Regens seines Seminars, einen unbeugsamen Führer. Die Bischöfe von Brixen und Trient teilten zwar die Meinung des Churer Bischofs, folgten aber nicht seinem Verhalten. Vor allem Karl Franz von Lodron, Bischof von Brixen, schlug den Weg des geringsten Widerstandes ein, und Emanuel Graf Thun, Bischof von Trient, ein Mann von mittelmäßigem Geist und Charakter, war prekärer weise der bayerischen Regierung für die Erlaubnis zur Rückkehr in sein Bistum verpflichtet. So musste sich ganz folgerichtig der Tiroler Anteil der Diözese Chur zum eigentlichen Brennpunkt des Kirchenkonfliktes entwickeln — auf der einen Seite der ultramontane Bischof, der so oder so den Verlust des tirolischen Bistumsanteiles zu befürchten hatte, und auf der anderen Seite der schärfste der Scharfmacher, Johann Theobald von Hofstetten, Kreishauptmann von Bruneck, dann königlicher Spezialkommissär in Kirchenangelegenheiten.

Am 24. Oktober 1807 erfolgte die Ausweisung der Bischöfe von Chur und Trient. Verhinderte Graf Thun durch Anerkennung des bayerischen Generalvikars ein Schisma, so scheute Bischof Buol keinen Augenblick davor zurück. Er ernannte gegen die von der Regierung eingesetzten Vikare Provikare und agitierte nun mit allen Mitteln von Graubünden aus gegen das bayerische Regime. Dessen hektische Gegenmaßnahmen gipfelten in der Verhaftung und Wegführung zahlreicher bischofstreuer Priester, in der Vertreibung der Benediktiner aus Marienberg und in der Deportierung der eifrigsten Anhänger des Bischofs, der Kapuziner. Damit verbunden war die Einsetzung zahlreicher aus Bayern berufener Priester — Schismatiker und Ketzer in den Augen des Volkes, die man zu meiden hatte!

Mit päpstlichem Breve vom 3. September 1808 wurde der Churer Anteil zum Bistum Brixen geschlagen. Doch der Konflikt zwischen einzelnen Gemeinden und von Bayern eingesetzten Priestern und die Empörung über die Vertreibung der eigenen Geistlichen fanden damit kein Ende.


Die Konskription
(mit einem Exkurs in die Geschichte der Tiroler Wehrverfassung)

In diese Zeit der höchsten Gärung fiel nun die Konskription. Um die Tragweite dieses bayerischen Entschlusses, aber auch die kommenden kriegerischen Ereignisse zu verstehen, bedarf es eines kurzen Rückblicks auf die Entwicklung der Tiroler Wehrverfassung. Ihr Ausgangspunkt ist im sogenannten Landlibell Kaiser Maximilians I. vom Jahre 1511 zu suchen. Dessen wichtigste Bestimmung lautete, dass das Aufgebot nur zur Verteidigung des Landes Tirol herangezogen werden durfte und nicht für auswärtige Kriege. Die Truppen waren von allen Ständen nach einem bestimmten Schlüssel zu stellen. Die Höhe des Aufgebots oder Zuzugs für das ganze Land wurde je nach Bedarf auf 5000, 10 000, 15 000 oder 20 000 Mann festgesetzt. Bei plötzlichem Feindeinbruch konnte allerdings der Zuzug des ganzen Landes zu lange dauern. Dann mussten bis zum Eintreffen der „Macht" oder des Zuzugs alle in den nächstbedrohten Gegenden, die nach ihrem Alter zur Wehr „geschickt" sind, auch aus der dienenden Schicht in den Städten und Landgerichten auf den Glockenstreich hin „zur Wehr auf sein". Diese Truppen bildeten den „Sturm".

Auf dieser Grundlage blieb die Wehrverfassung durch drei Jahrhunderte bestehen. Freilich wurden verschiedene neue Zuzugs- oder Wehrordnungen im Einvernehmen mit dem Landtag von einzelnen Landesfürsten erlassen, so etwa 1605 und 1704. Seit 1636 nannte man in Tirol den Zuzug die Landmiliz. Sie bestand aus Bürgern und Bauern, die in Listen oder Rollen verzeichnet und nur an Sonntagen zu Musterungen und fallweisen Exerzierübungen zusammengerufen wurden. Neben dieser Landmiliz bestand weiterhin die Institution des Landsturmes — in der Tiroler Wehrordnung von 1704 erstmals in dieser Wortverbindung genannt. Außer diesen beiden Organisationen erfreute sich das Schützenwesen einer reichen Tradition und wurde etwa seit 1700 ein wesentlicher Bestandteil des Tiroler Wehrwesens. Ausgehend von Stachel- oder Armbrust-, später Büchsen- oder Feuerschützengesellschaften mit eigenen Schützenmeistern und Statuten, nahmen diese Vereine sehr schnell eine große Entwicklung und bildeten bald den Kern de Zuzugs. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts stellte man aus den Scharf- und Scheibenschützen eigene Kompanien auf, die dann im Jahre 1703 neben den Landsturm auch entscheidend eingriffen. Die Zuzugsordnung von 1704 weiß sie dafür besonders hervorzuheben, und in der Neuordnung der gesamten Schießstände Tirols (1736) kommt die hochgradige Bedeutung zum Ausdruck, die ihnen vom Landesfürsten zugemessen wurde. Im Jahre 1741 wurden die Scharf- und Scheibenschützen ähnlich der Landmiliz nach den Landesvierteln in vier Regimenter gegliedert. Die Schützen mit ihrem handlichen Stutzen, der Freiwilligkeit des Beitritts und der freien Wahl ihrer Offiziere erfreuten sich viel größerer Beliebtheit als die Landmiliz.

Infolge der Franzosenkriege kamen 1799, 1802, 1804 und 1805 neue Wehrordnungen heraus. Im Wesentlichen beriefen sie sich alle auf das Landlibell von 1511. Die Ausrückungszeit der Milizkompanien wurde mit drei Monaten festgelegt. Die Zuzugspflicht wurde auf die „ganze steuerbare und die ganze hilfeleistende Klasse" (also Dienstleute, Knechte usw.) ausgedehnt. (Im Landlibell waren letztere lediglich zur Landsturmpflicht nominiert gewesen, kamen also früher nur als Ersatz für Bürger und Bauern zur Miliz.) Unter dem Einfluss der Französischen Revolution war nun die Gleichheit der Wehrpflicht für alle eingeführt. Die Milizpatente von 1802 und 1804 erregten den Widerwillen der Bevölkerung. Die Exerzierpflicht, die Ausrüstung (lange Armeegewehre) und insbesondere die festangestellten Milizoffiziere, von denen schärferer Drill befürchtet wurde und deren Besoldung durch eine neue Häusersteuer gedeckt wurde, erweckten alles eher als Sympathie. Die kaiserliche Verordnung von 1805 betraf den Landsturm. Die gesamte Bevölkerung vom 18. bis zum 60. Lebensjahr hatte — soweit sie nicht bereits der Landmiliz oder den Schützenkompanien eingegliedert war — daran teilzunehmen. Die Stürmer der einzelnen Gerichte sollten sich in Kompanien (nach dem alten Namen Rotten oder Scharen) zu je 120 bis 160 Mann sammeln, selbst ihre Anführer wählen und sich mit Waffen ausrüsten. Wo keine Feuerwaffen vorhanden waren, sollten Spieße, Morgensterne und Hacken einen Ersatz bilden. Der Landsturm hatte nur einige Tage unter Waffen zu stehen, dafür aber keinen Sold, sondern nur die Verpflegung zu erhalten. Versuche einer Konskription, also einer Aushebung zu langjährigem Militärdienst, hatte es schon unter Österreich gegeben. So versuchte etwa die Regierung unter Maria Theresia 1745 und 1770 das Tiroler Wehrwesen jenem der Gesamtmonarchie anzugleichen. Beidemal wies die Landschaft ein solches Ansinnen energisch zurück: Eine allgemeine Wehrpflicht gelte nur für das Landesaufgebot im Kriegsfalle, die Landmiliz diene als Vorbereitung, sei aber kein Militärdienst im Frieden — von Musterungen und gelegentlichen Aufmärschen abgesehen; die jungen Leute dürften nicht von der Feldarbeit abgezogen werden, und der Gebirgler sei überhaupt zum Exerzieren nicht geeignet. Die Regierung begnügte sich daraufhin damit, das stehende Landregiment durch Werbung und mit einem höheren Kostenbeitrag der Landstände auszugestalten.
Als Joseph II. die Konskription im Jahre 1786 ohne Rücksicht auf die Landstände auch in Tirol festlegte, stieß er auf schärfsten Protest. Ähnlich der bayerischen Aktion führte schon damals die allgemeine Militärpflicht als eine der verhasstesten innenpolitischen Maßnahmen hart an den Rand einer schweren Krise, und es zeigten sich bereits Symptome, die alle Züge eines Aufstandes trugen. Die großen außenpolitischen Schwierigkeiten haben Joseph II. in seinen letzten Lebensjahren sehr viel innenpolitische Energie entzogen, und sein Nachfolger hat die Konskription in Tirol nie mehr betrieben.

Was die Haltung Bayerns betrifft, so lässt sich nicht leugnen, dass man gerade in dieser Hinsicht zunächst größte Vorsicht walten ließ. Es ist augenscheinlich, dass erst die allgemeine hochbrisante Situation zu Beginn des Jahres 1809 mit den erhöhten militärischen Forderungen Napoleons an seine Bündnispartner Bayern zu diesem Schritt nötigte, über dessen Gefährlichkeit man sich ziemlich im klaren war. Man wusste schließlich nur zu gut, dass das Landlibell für die Tiroler noch immer die einzig gültige Maxime war. Man wusste, welche Mühe es die letzte österreichischen Herrscher gekostet hatte, ein Landregiment — ohnehin nur durch Werbung oder Strafstellung — aufzubauen, und man wusste, dass Joseph II. in der Konskription über Anfangsstadien nicht hinausgekommen war. So kennzeichnet die ersten Aktionen Bayerns große Zurückhaltung. Zunächst war die alte Wehrverfassung stillschweigend aufgehoben worden. 1807 wurde durch freie Werbung ein Bataillon Jäger aufgestellt, das sich im Jahre 1808 auf einem Marsch bis Weilheim bereits um dreihundert Mann (von rund achthundert Mann durch Desertion verringerte und dessen Kommandant mutmaßte, dass er wohl nur an die zweihundert Mann bis Augsburg bringen würde. Auch die Installierung einer Bürgerwehr für Städte und größere Märkte brachte zwiespältige Erfahrungen und hatte an sich ohnehin nur pseudomilitärischen Charakter.

Nun aber, Anfang 1809, begann man mit dem Rekrutierungsgeschäft. Es wurde in den meisten Fällen mit größter Schärfe vorgegangen. Die Regierung erkannt dass ein Aufstand kaum mehr möglich war, wenn die waffenfähige Jugend außer Landes gebracht wurde. Gerade dies aber musste auf österreichischer Seite schwerste Befürchtungen erregen. Es überrascht deshalb nicht, dass von dieser Seite die Tiroler Jugend zur Fahnenflucht förmlich ermutigt wurde. Erzherzog Johann forderte sie geradezu auf, ohne Gewalttätigkeiten in das Salzburgische oder nach Kärnten zu flüchten. Dort wurden dann eigene Werbekommandos für desertiere Tiroler Jäger aufgestellt. Tatsächlich war dann auch die Fahnenflucht ungemein groß. So stellten sich beispielsweise aus den Dörfern des Landgerichtes Innsbruck von 119 Einberufenen lediglich drei, die übrigen 116 wurden von den Eltern oder den Vormündern als entlaufen gemeldet — ins Gebirge oder nach Österreich. Weil die Stellung mit Gewalt versucht wurde, kam es zur Revolte. So fielen Mitte März in Predazzo im Fleimstal die ersten Schüsse. Ebenso kam es in Axams am 13. und 14. März zu offenen Kampfhandlungen zwischen der heimischen Bevölkerung und dem Militär. Die blamable Rolle, die dieses dabei spielte, sollte spät noch ihre Folgen haben. In Imst, im Stanzertal und in Pfunds wurden gefährliche Zusammenrottungen festgestellt.

Man begann allmählich zu erkennen, dass die Konskription kaum durchführbar sein würde und dass gerade die unmittelbare Nähe des Krieges gegen Österreich sie noch unmöglicher machte. Der Generalkreiskommissär des Eisackkreises, Georg von Aretin, äußerte dem König gegenüber mit Recht, jeder andere Zeitpunkt seit 1806 wäre für die Stellung günstiger gewesen. So kam es gegen Ende März einer königlichen Verordnung, die die Sistierung der Aushebung zum Inhalt hat Dieser Rückzieher dokumentierte die Ohnmacht der bayerischen Regierung. Der leitende bayerische Minister, Montgelas, definierte rückblickend die Folgen die für die Regierung recht schmählichen Ergebnisses der Konskription: „Die Truppen fanden sich durch den ergebnislosen Kampf mit Bauern gedemütigt, während die Bauern, stolz auf den geleisteten Widerstand, sich umso kräftiger fühlten, von nun an nichts mehr für unerreichbar hielten und von jeder ihrer Unternehmungen auf Erfolg hofften." Man wird also in der Militärstellung und der Reaktion darauf mit einigem Recht nicht nur eine wesentliche Ursache der antibayerischen Gesinnung erblicken dürfen, sondern auch eine weitgehend erfolgreiche „Generalprobe" des Aufstandes und — im Hinblick auf den Aufruf zur Fahnenflucht — der Einflussnahme seitens Österreichs.

 

Verbindungen zu Wien, Konkretisierung des Aufstandsplanes

Die zusehends erstarkende Kriegspartei in den Wiener Regierungskreisen erblickte hauptsächlich im Volkskrieg eine Chance für ein siegreiches Österreich. Das erwachende nationale Empfinden und die Unzufriedenheit weiter Kreise Deutschlands gaben zur Hoffnung Anlass, durch Unterstützung und Förderung dieser Strömungen Preußen an der Seite Österreichs in den Krieg ziehen zu sehen. Kontakte zur preußischen Patriotenpartei, zu den reichsfürstlichen, gräflichen und ritterlichen Familien in den ehemaligen österreichischen Vorlanden, zur aristokratisch-konservativen Partei in der Schweiz, sogar solche zu Italien waren geeignet, den großen Kreis der Napoleongegner zu sammeln.

Vom rein strategischen Standpunkt aus aber schien Tirol von entscheidender Bedeutung zu werden, konnte es doch die Verbindung zwischen den feindlichen Armeen in Deutschland und Italien versperren, mehr noch — von Tirol aus können Vorstöße gegen Norden und Süden den Rückzug des Feindes empfindlich stören. Zumindest aber konnte eine unbezwungene Gebirgsfestung im Rücken eines nach Österreich einmarschierenden Feindes gefährlich werden.

Die Beziehungen zwischen Tirol und Wien waren eigentlich nie abgebrochen. In den Wiener Theatern spielte man Tiroler Nationalstücke, Erzherzog Johann erbaute zu Schönbrunn für seine lieben Tiroler eigens ein Tirolerhaus, und in der Kaiserstadt war es Mode geworden, sich einen Haustiroler zu halten.
In weiten Kreisen der Tiroler Bevölkerung, vor allem auf dem Lande, hatte man seit Preßburg nie aufgehört, auf die „Heimkehr" zur Monarchie zu hoffen. Erzherzog Johann wurde zum Symbol der Wiedervereinigung. Geschäftliche, verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen zwischen hüben und drüben ermöglichten einen regen Verkehr. Schon 1806 fuhr eine Bauernabordnung nach Wien, um ihre Beschwerden über die bayerische Regierung zu deponieren.

Eine aktive Aufmunterung zur Verschwörung ging zuerst von Bischof Buol aus. Ende 1807 kam es vor allem im Burggrafenamt und im Vintschgau zu heimlichen Zusammenkünften. Dass dabei, wie dann bei der Erhebung selbst, den Wirten eine führende Rolle zukam, ist leicht verständlich, ermöglichte diesen doch ihr Beruf eine vielfältige Kontaktnahme mit den Unzufriedenen, ohne den Verdacht der bayerischen Spitzel zu erregen; andererseits waren neben den Bauern gerade die Wirte am meisten durch die Wirtschafts- und die Finanzpolitik der Regierung geschädigt. Ob Buol in Kontakt mit der Staatskanzlei agiert hat, lässt sich nicht klar feststellen, eine Verbindung über seinen Bruder, den Gesandten am Würzburger Hofe, wäre aber sehr denkbar.

Mit der Einrichtung regelmäßiger Korrespondenzen und Korrespondenzbüros (bereits 1806 eines in Klagenfurt) wurde jedenfalls eine direkte Verbindung zu Wien hergestellt und später förmlich zu einem regelmäßigen Kundschafts- und Spionagedienst ausgebaut. Als nun im Laufe des Jahres 1808 in Wien der Entschluss reifte, einen neuerlichen Krieg gegen Napoleon zu wagen, traten die österreichisch-tirolischen Verbindungen in ein neues Stadium. Tirol wurde in die Kriegsvorbereitungen einbezogen. Besonders maßgeblich hierfür wurden Erzherzog Johann und der aus angesehenem altem Tiroler Geschlecht stammende Josef Freiherr von Hormayr, Hofsekretär und supplierender Direktor des kaiserlichen Staatsarchivs, der innerhalb kurzer Zeit größtes Vertrauen beim Erzherzog erlangen konnte. Er verstand es ausgezeichnet, ihm in ebenso dringlichen wie liebedienerischen Phrasen die Rolle des großen Befreiers des geknechteten Volkes einzureden. „Eure Hoheit bleibt unser Pelajo in unserem Asturien, im norischen und karnischen Gebirg, das auch Dero Vorbild Ritter Teuerdank so sehr geliebt hat, aber mehr noch die blauen Felsen und schwarzen Wälder und das heitere Himmelsblau über dem Inn, der Drau und dem Eisack, an die ich nicht denken kann ohne Schmerz und Rachgier."

Anfang November konkretisierte der Erzherzog vor dem Kaiser seine Pläne, wie die Erhebung vorzubereiten wäre. Einerseits sollte ein verstärkter Spionagedienst über die Aktionen des Gegners unterrichten, andererseits sollte eine Kette von Agitatoren im Schneeballsystem das Volk so aufwiegeln, dass zugleich mit dem Einmarsch der kaiserlichen Truppen der Aufstand ausbräche. Wenn bei diesem Vortrag auch nie speziell ein Land genannt wurde, so meinte Johann doch in erster Linie Tirol, wie er später bekannte.
Um Neujahr war von kaiserlicher Seite endgültig der Entschluss zum Krieg gefasst. Ende Jänner kamen auf Einladung Erzherzog Johanns drei Tiroler Vertrauensmänner nach Wien: der Sandwirt Andreas Hofer, Peter Huber, Wirt in Bruneck, und der schon längere Zeit mit Wien in Verbindung stehende Kaffeesieder Nessing aus Bozen. Die Abgeordneten drängten auf baldigen Einmarsch der Österreicher, denn es seien gerade nur 2500 Mann zur Verteidigung in Tirol anwesend, deshalb sei wohl der günstigste Augenblick gekommen. Bald darauf langte auch eine Nordtiroler Dreier-Gesandtschaft ein, die vor allem die verfassungswidrige Konskription anprangerte, die gerade auf Hochtouren lief. Es wurde schon in anderem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die Desertionswelle vom Erzherzog begrüßt und gefördert wurde. Weitere Unterredungen mit Tiroler Abordnungen folgten. Hormayr hatte schon nach dem Besuch Hofers, Hubers und Nessings die Verhandlungsergebnisse schriftlich präzisiert; unter anderem sollte nun die Verständigung zwischen den Vertrauten nur noch mündlich erfolgen, Kirchen und Wirtshäuser seien als Kontaktorte zu bevorzugen, von der Geistlichkeit seien nur die Bettelmönche heranzuziehen, Vorräte für das österreichische Militär seien zu schaffen, feindliche Durchzüge durch Tirol zu vereiteln.

Die drei Vertrauensmänner betrieben nach ihrer Rückkehr eine rege Werbetätigkeit. Der Sandwirt Andreas Hofer trat dabei schon frühzeitig als einer der Unermüdlichsten auf. Im ganzen Land wusste er in kurzer Zeit Vertraute an sich zu binden. So überzog das Land bald ein dichtes Netz von Eingeweihten, die den Aufstand vorbereiteten.

Hormayr entfaltete nunmehr eine geradezu hektische publizistische Tätigkeit. Die Ereignisse in Spanien und Napoleons Bruch mit dem Papst lieferten ihm reichlich Stoff für seine antinapoleonische Propaganda. Er sorgte für die Massenverbreitung seiner Darstellung des spanischen Aufstandes und von Napoleons Korrespondenz mit dem Papst. Mit einer volkstümlichen Ausgabe der Geschichte der Vendée, des Schauplatzes der blutigen royalistischen Erhebung gegen die Französische Revolution, versuchte er in weiteste Leserkreise einzudringen. Sein Vorwort hierzu schildert eindringlich die Vorteile des Gebirgskrieges und die großen Chancen des Volkskrieges. Noch nachhaltigere Wirkung erwartete er sich von zündenden Aufrufen, und zwar in verschiedenen Ausgaben, solchen für Gebildete und solchen für jedermann, zum Teil anonym, um die Regierung nicht zu kompromittieren, zum Teil unter dem Namen des Erzherzogs. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass es in Wien einflussreiche Kreise gab, die in der Volksbewegung an sich eine Einschränkung der absoluten Staatsgewalt sahen, ein bedrohliches Anzeichen politischen Selbständigkeitsstrebens der Untertanen. Den Militärs, an ihrer Spitze Erzherzog Karl, war ein Kampf an der Seite eines Volksheeres grundsätzlich suspekt. Manche spätere Ereignisse erwiesen diese Haltung als nicht ganz ungerechtfertigt.


Bayerns Haltung

Wie war nun das Verhalten Bayerns gegenüber den Widerstandsvorbereitungen in Tirol?
Vorweg sei festgestellt, dass die seit Hormayr kolportierte Meinung, der Aufstand sei für die bayerische Regierung völlig unerwartet gekommen, in das Reich der Legende verwiesen werden muss. Nicht dass es auch nur einen einzigen Verräter unter den Verschworenen gegeben hätte, doch der Sturmzeichen gab es zu viele! Es hätte gar nicht so auffälliger Beweise bedurft wie etwa der Wallfahrten für einen Sieg der österreichischen Waffen. Schon bei der Reise König Maximilians I. Joseph nach Innsbruck im Mai 1808 hatte man die Gärung im Landvolk bemerkt. Zu Beginn des Jahres 1809 wurde es der Regierung zur Gewissheit, dass man am Vorabend folgenschwerer Ereignisse stand. Der französische Gesandte in München, Graf Otto, wusste von den geheimen Korrespondenzen zwischen Tirol und Österreich, der bayerische Gesandte in Wien, Freiherr von Rechberg, bestätigte die schlechten Nachrichten aus Tirol. Berichte aus Brixen meldeten die feindliche Stimmung in der Bevölkerung. Man erfuhr von den Deputationen nach Wien. Die Ereignisse rund um die Konskription waren ernste Alarmzeichen. Am 15. März wandte sich Otto mit einer Schilderung dieser Vorgänge und der allgemeinen Stimmung direkt an Napoleon.

So stellt sich also zu Recht die Frage. Welche Vorkehrungen unternahm die bayerische Regierung gegen die sich bildende Widerstandsbewegung? Die Antwort ist: Zumindest militärisch unternahm sie keine Vorkehrungen! Die Erklärung hierfür liegt in der völligen Abhängigkeit Bayerns von Napoleon. Und dieser glaubte nicht an einen Einmarsch der Österreicher in Tirol; auch war ihm Tirol in seinem militärischen Konzept zunächst ziemlich gleichgültig. Er wusste, die Entscheidung würde an der Donau fallen, und die bayerischen Truppen sollten einen Teil der Donauarmee bilden. Lediglich die tirolisch-bayerischen Grenzfesten, darunter besonders Kufstein, sollten gut besetzt werden. Den Ausbruch des Krieges hätte Napoleon gern bis Ende April hinausgeschoben. Ein rascher Vormarsch des Vizekönigs Eugene Beauharnais nach Klagenfurt hätte dann die Österreicher daran gehindert, in Tirol einzumarschieren. Falls der Einmarsch aber doch geschehen sollte, maß er ihm — wie der Ablauf des Krieges erweisen sollte, mit einiger Berechtigung — keine allzu große Bedeutung bei. „Lassen wir die Österreicher in Tirol machen, was sie wollen. Ich will mich in keinen Gebirgskrieg einlassen", beschloss Napoleon.

So konnte diese bayerische Untätigkeit, ein Diktat Napoleons also, von den Zeitgenossen als ein Zeichen der Unwissenheit gedeutet werden. So konnte die Legende entstehen, die Regierung sei vom Aufstand völlig überrascht worden.

Die erste Befreiung
Die bayerische Besatzung und der Einmarsch des Tiroler Korps


Der Ausbruch des Krieges erfolgte früher, als es Napoleon gewünscht hatte, und später, als es für Österreich günstig gewesen wäre (Vgl. zum Krieg von 1809 die Hefte 9 und 11 dieser Schriftenreihe). Es ist erstaunlich, mit welchen unklaren Vorstellungen Österreich in den Krieg ging. Man kann den maßgeblichen Kreisen alles andere als ein klares militärisches und politisches Konzept bescheinigen. Im letzten Augenblick noch war für die Hauptarmee der Angriffsplan geändert worden; nicht von Böhmen aus sollte nach Deutschland vorgedrungen werden, sondern man beschloss, an der Donau zu kämpfen. Der Krieg sollte mit der Hauptarmee unter dem Generalissimus Erzherzog Karl (190 000 Mann) in Deutschland und mit je einer Nebenarmee unter Erzherzog Johann (60 000 Mann) in Italien und unter Erzherzog Ferdinand d'Este (30 000 Mann) in Polen geführt werden. Tirol sollte durch eine Kräftegruppe der Armee Erzherzog Johanns besetzt werden und dann einerseits die Verbindung der in Deutschland stehenden Truppen Napoleons mit den italienischen verhindern, andererseits die Verbindung der Hauptarmee Erzherzog Karls mit Erzherzog Johann ermöglichen. Es sollte allerdings anders kommen: Die Niederlagen der Hauptarmee in Deutschland erzwangen deren Rückzug über Böhmen nach Wien, und Erzherzog Johann musste trotz Erfolgen in Italien zum Schutze Innerösterreichs gleichfalls den Rückzug antreten. In diese rückgängige Bewegung wurde das in Tirol operierende Korps hineingezogen und musste den strategisch notwendigen Anschluss an die innerösterreichische Armee suchen. In der Tiroler Bevölkerung entstand dann die Meinung, man hätte Tirol seinem Schicksal überlassen.

Doch zurück zum Beginn der militärischen Aktionen: Die unter dem Befehl des Generals Kinkel stehende Besatzung in Tirol bestand zu Beginn des Monats April aus zwei Bataillonen, einer Eskadron und drei Geschützen in Innsbruck, einem halben Bataillon im Raume Hall und Schwaz; ferner waren in Rattenberg und in Wörgl ein halbes und in Sterzing ein halbes Bataillon und ein Geschütz, in Brixen eineinhalb Bataillone, eine Eskadron und drei Geschütze, zusammen 3400 Mann und vier Geschütze. Eine wesentliche Verstärkung der Besatzung war trotz des Drängens von Seiten bayerischer Militärs nicht zu erreichen gewesen, doch gestattete Napoleon, dass die Truppen der Generale Bisson und Lemoine bei ihrem Durchzug von Italien nach Augsburg eventuell zur Niederschlagung eines Aufstandes eingesetzt werden dürften.

Von österreichischer Seite wurde zur Besetzung Tirols ein Teil des VIII. Armeekorps unter Feldmarschalleutnant Johann Gabriel Marquis Chasteler de Courcells bestimmt. Das Korps bestand aus der Brigade Generalmajor Fenner, der Brigade Generalmajor Marchal und aus vier Bataillonen Brucker und Judenburger Landwehr unter Oberst Auracher. Das ergab zusammen rund 10 000 Mann, davon 5000 Mann Linientruppen. Hinzu kamen an Linientruppen unter Oberstleutnant Taxis von Salzburg vier Kompanien und eine halbe Eskadron. Chasteler hatte sich bereits als ein Mann von hervorragenden militärischen Eigenschaften ausgewiesen. Er erfreute sich ausgezeichneter Landeskenntnisse und großer Beliebtheit bei der Bevölkerung. Was die Zuneigung des Volkes betrifft, so währte das Glück freilich nicht lange: Zahlreiche Missverständnisse und insbesondere die Unkenntnis der größeren militärischen Zusammenhänge, denen die Aktionen Chastelers unterworfen sein mussten, ließen die Gefühle des Volkes ins Gegenteil umschlagen.

Der Einmarsch der k. k. Truppen wurde auf den 9. April festgesetzt. Chasteler hatte den Befehl, durch das Pustertal nach Brixen vorzurücken und des weiteren den Brenner zu besetzen, die Verbindung mit der Donauarmee aufrechtzuerhalten und in späterer Folge die Operationen in Italien zu unterstützen. Um 9 Uhr wurde die Kärntner Grenze überschritten, und die Bevölkerung in Lienz bereitete der Vorhut einen jubelnden Empfang. Im Laufe des Tages darauf strömten immer mehr kampfesbegierige Bauern herbei, um beim Vormarsch der k. k. Truppen dabei zu sein.

Nach einiger Ratlosigkeit gegenüber diesen ungeordneten Bauernhaufen stellte Chasteler aus ihnen zwei mit Stutzen bewaffnete Kompanien auf, denen Truppenoffiziere beigestellt wurden.


Aufstand in ganz Tirol

In den darauffolgenden Tagen, genauer ab 11. April, überstürzten sich dann die Ereignisse. Überall im Lande brach der Aufstand los, Chastelers Truppen kamen trotz beschleunigten Marsches jeweils dann zu den Schauplätzen der Gefechte, wenn schon alles vorüber war. Freilich darf die moralische Wirkung allein durch das Wissen um die Anwesenheit der Österreicher nicht unterschätzt werden; die Vorgänge an der Ladritscher Brücke zeigen das sehr deutlich. Der in der Nachkriegsliteratur hauptsächlich von Tiroler Geschichtsschreibern immer wieder vorgebrachte Vorwurf, Chasteler sei nur sehr zögernd vorgerückt, wurde durch neueste Forschungen sehr entkräftet (Viktor Schemfil). Marschleistungen pro Tag von 20 km am 9. April, 30 km am 10. und 65 km am 12. sprechen doch klar dagegen.

Jedenfalls hätte er zum Entscheidungskampf um Innsbruck auch beim besten Willen nicht rechtzeitig einlangen können. Fest steht andererseits, dass die erste Befreiung Tirols allein vom bewaffneten Landvolk ohne jede militärische Hilfe des regulären Militärs erreicht wurde. Worin bestanden nun die einzelnen Aktionen?


Der bayerische Oberleutnant Weller, dem die militärische Führung im Pustertal oblag, zog sich bei Bekanntwerden des Einmarsches der Österreicher in das westliche Pustertal zurück. Um das Nachrücken der feindlichen Truppen zu erschweren, hätte am 10. April die Brücke bei Lorenzen zerstört werden sollen. In einer überraschenden Attacke konnten die herbei stürmenden Bauern dieses Vorhaben vereiteln. 12 Mann und ein Leutnant gerieten in Gefangenschaft, die flüchtende Kompanie wurde bis Mühlbach beschossen.

Der Kommandant der Garnison von Brixen, der auch Weller unterstand, Oberstleutnant Wreden, sah sich durch das Vorrücken der Österreicher und die Vorkommnisse im Pustertal genötigt, nach Norden abzurücken, um sich mit Kinkel in Innsbruck zu vereinen. Ähnlich wie Weller sah auch er sich vor die Aufgabe gestellt, den Vormarsch des Gegners durch den Abbruch einer Brücke aufzuhalten, und zwar der Ladritscher Brücke bei der heutigen Franzensfeste. Und wieder gelang es den Bauern, ihre Aufgabe, Flussübergänge für das einrückende österreichische Heer offenzuhalten, glänzend zu meistern. Die Leute von Rodeneck, Vintl, Mühlbach und aus dem Tale Schalders verteidigten hartnäckig die Brücke. Ein sehr kritischer Augenblick trat ein, als sich die erste französische Kolonne (2500 Mann) der Italienarmee näherte. Sie war auf dem Durchmarsch nach Deutschland. Unter dem Kommando General Bissons hatte man — von Verona kommend — am 9. April Bozen, am 10. Brixen passiert und näherte sich nun am 11. der Abzweigung in das Pustertal. Doch wie der Schrecken der Tiroler war auch die Hoffnung Wredens umsonst. Bisson, froh, dass wenigstens sein eigener Marschweg ziemlich unbehelligt blieb, setzte seinen Weg fort, ohne den Bayern an der Ladritscher Brücke zu Hilfe zu kommen. Diese erfreuliche Überraschung und das Auftauchen einiger von Chasteler in größter Eile vorausgesandter Jäger sowie 20 Reiter ließen die Bauern wieder mit neuer Kraft und Zuversicht auf die Bayern losstürmen. Auch Wreden glaubte das Tiroler Korps schon in unmittelbarer Nähe und setzte sich unverrichteter Dinge in der Nacht auf den 12. April in Richtung Sterzing ab.

Die zweite französische Kolonne unter Lemoine war inzwischen in Brixen angekommen. Auf die ungünstigen Nachrichten hin von den missglückten Unternehmungen bei der Ladritscher Brücke kehrte Lemoine auf der Stelle wieder um und wandte sich zurück nach Bozen.

Charakteristisch für die Tiroler Aktionen zur ersten Befreiung ist das gleichzeitig Losschlagen im ganzen Land, sowohl in Südtirol, als auch in Nordtirol. Darin liegt ein Gutteil ihres siegreichen Verlaufes begründet.
So ist am 11. April auch Sterzing zum Schauplatz eines Gefechtes geworden. Dort standen zwei bayerische Kompanien unter Major Speicher. Diese gefangen zunehmen und dann sich den vom Pustertal kommenden Österreichern anzuschließen, lautete ein Aufruf Andreas Hofers, der damit zum ersten mal als Kommandant auftrat. Am 10. April rückten seine Passeirer über den Jaufen. Im Morgengrauen des 11. April drangen die mit Stutzen und Knüppeln Bewaffneten in den nördlichen Stadtteil von Sterzing ein. Nach kurzem, erbittertem Straßenkampf entwich Speicher mit seinen 400 Mann gegen Süden und stellte seine Soldaten auf dem dortigen ebenen Feld (beim Sterzinger Moos) im Karree auf. Sein Geschütz feuerte unaufhörlich in Richtung auf die Stadt. Da näherten sich der feindlichen Kanone drei hochbeladene Heuwagen, auf und hinter ihnen die besten Scharfschützen; an den Deichseln zogen einige todesmutige Mägde. Mit dieser List wurde die Geschützmannschaft ausgeschaltet, und die unter dauerndem Sturmgeläute in Scharen herbei stürmenden Bauern bedrängten immer mehr Speichers Karree. Selbst bereits verwundet, musste er kapitulieren, nicht ahnend, dass Bissons Truppen schon so nahe waren.

Die Kämpfe um Innsbruck am 11. und 12. April

Wenn auch nicht in jenem hohen Maße wie die späteren Bergiselschlachten, waren die Kämpfe um Innsbruck am 11. und 12. April doch die entscheidenden. In Innsbruck rechnete die bayerische Besatzung mit dem baldigen Eintreffen des französischen Kontingents und wagte daraufhin am 10. April eine Strafexpedition nach Axams, wo man bei der Konskription im März eine so blamable Abfuhr erlitten hatte. Sogleich versammelte der Axamer Dorfwirt Georg Bucher fast hundert Männer um sich und versuchte den bayerischen Soldaten den Zugang zum Dorfe zu verwehren. Nach kurzem Schusswechsel musste er aber seine Unterlegenheit erkennen und zog sich mit seinen Leuten zurück, um den Rest des Tages und in der Nacht Hilfe herbeizuholen. Er und seine Leute eilten von Ort zu Ort, ins Sellraintal, ins Stubaital, in die Dörfer westlich und östlich von Innsbruck, um Kampfeswillige aufzurufen, sich in den waldigen Höhen zwischen Bergisel und Gallwiese zu versammeln.

Am Morgen des 11. April traf man in Innsbruck die ersten Maßnahmen; ganz offensichtlich unterschätzte man die Gefahr. Vier Kompanien unter Oberst Ditfurth wurden gegen das westliche Mittelgebirge, zwei Kompanien unter Major Zoller im Inntal in Richtung Zirl in Marsch gesetzt. Diese Befehle beweisen, dass man noch immer lediglich in der Axamer Gegend einen Unruheherd vermutete. Als erster musste Ditfurth erkennen, dass es sich um eine weit gefährlichere Bewegung handelte. Er fand den ganzen Waldrücken vom Bergisel westwärts besetzt, und seine Soldaten wurden auf allen Wegen, die zum Mittelgebirge hinaufführten, mit heftigem Feuer aus dem schützenden Gehölz empfangen. Jeder Versuch, bei der Gallwiese, am Hußlhof oder beim Hohlweg ober Wilten vorzudringen, scheiterte an der zahlenmäßigen Übermacht und an der guten Deckung der Bauern.

Ähnlich erfolglos verlief der 11. April für Major Zoller und seine Kompanien. Andreas Ennemoser, Kooperator zu Inzing, reagierte schnell: Mit 40 Mann riss er die Innbrücke bei Zirl ab, um zu verhindern, dass Zoller vom Westen her Ditfurth zu Hilfe kommen konnte. Sodann verschanzte er sich am Steilhang südlich des Inn. Die bayerischen Kompanien erwiesen sich daraufhin als sehr ungefährliche Gegner. Am linken Innufer stellten sie ihr Geschütz auf, mit dem in regelmäßigen Abständen auf die andere Seite geschossen wurde. Der überwiegende Teil der Soldaten entschied sich jedoch dafür, die Front in die Zirler Gasthäuser zu verlegen.

Ennemoser blieb dagegen nicht untätig. Es gelang ihm, in den Gemeinden flussaufwärts bis Telfs an die 600 Mann zusammenzutrommeln. Gegen Abend rückte er damit gegen Zirl vor. Die Bayern — völlig überrascht und durch ihre Nachmittagsbeschäftigung in ihrem ohnehin mäßigen Kampfgeist geschwächt — traten nach kurzem Feuerwechsel den Rückzug nach Innsbruck an. Dieser Erfolg ermunterte die Oberinntaler gewaltig, sie beschlossen beisammen zu bleiben und nach Innsbruck zu ziehen.

Dort waren die Truppen Ditfurths noch keinen Schritt weitergekommen. In der Nacht zum 12. April wurde die totale Umzingelung der Stadt erreicht. General Kinkel hat die Gefahr ganz offensichtlich immer noch unterschätzt. Es muss überraschen, dass er seine Truppen nicht in das Unterinntal abzog, sondern gewillt war, die Stadt zu halten. Diese Taktik fand später in Montgelas‘ „Denkwürdigkeiten" herbe Kritik: „Unsere in Innsbruck konzentrierten Truppen, welche sich dort auf die ungünstigste Weise in eine Stadt zusammengedrängt fanden, die von allen Seiten von Höhen beherrscht wird, in deren Besitz der Feind gelangt war, hätten vielleicht gerettet werden können, wenn man nach Rattenberg zurückwich und sich dort zu befestigen suchte. Ich kenne die Gründe nicht, welche damals verhinderten, dass dieses später wiederholt mit bestem Erfolg beobachtete Verfahren eingeschlagen wurde. Man schob in jener Zeit die Schuld daran auf die Unschlüssigkeit des Generals und das Ungestüm Ditfuths, eines zwar tapferen, tätigen und begabten Offiziers, welcher aber etwas zur Selbstüberschätzung neigte, auch noch nie in einer so schwierigen Lage sich befunden hatte. Sicher ist, dass auf keine Weise ein verderblicherer Plan hätte befolgt werden können, als wirklich geschah."

So lag in der Nacht zum 12. April angstvolle Erwartung über der Stadt. Der Kranz von Wachtfeuern auf den Höhen rund um Innsbruck verkündete nichts Gutes. Kinkel hatte Dispositionen getroffen: Zollers beide Kompanien hatten die Höttinger Seite, zwei weitere die Wiltener Seite und eine Kompanie die West- und Ostzugänge zu verteidigen. Der Rest der Truppen blieb mit Kinkel im Zentrum der Stadt als Reserve zurück. Doch diese Vorbereitungen waren nicht geeignet, die Einwohner der Stadt zu beruhigen.

Es war kein Geheimnis: Innsbruck, die Beamten- und Universitätsstadt, war ziemlich bayernfreundlich. Viele der bayerischen Neuerungen, die besonders im Landvolk große Erbitterung hervorriefen, hatte die Stadt weniger zu spüren bekommen, ganz abgesehen davon, dass hier eine konservative, allem Neuen misstrauisch begegnende Mentalität nicht so stark ausgeprägt war. Die Devalvation auf den jeweiligen Augsburger Wechselkurs richtete hier nicht solchen Schaden an, weil die Augsburger Kurszettel hier immer möglichst schnell publiziert wurden. Die Verfügung über die Währung der zurückzuzahlenden Kapitalschulden traf in erster Linie den verschuldeten Bauernstand. Auch der empfindliche Rückgang des Handels berührte Innsbruck kaum, hatte es als Handelsplatz doch nur regionale Bedeutung. Den bayerischen Kirchenkonflikt schließlich bekam die Stadt unter dem nachgiebigen Brixener Bischof wenig zu spüren. Hinzu trat ein auch zu anderen Zeiten bemerkbarer Mangel an Verständnis zwischen Stadt- und Landvolk. Die Anliegen der ländlichen Bevölkerung waren nicht jene eines mit der Aufklärung kokettierenden Bürgertums. So etwas wie den engagierten Kreis um die Giovanellis in Bozen hat es in Innsbruck nicht gegeben. Es ist bezeichnend, dass Andreas Hofer, der eifrigste Aufbieter, in Innsbruck auf eine Werbung, wie er sie sonst zu betreiben pflegte, verzichtete.

So griff die Angst vor dem kommenden Tag um sich. Noch in der Nacht versuchte Appellationsrat Dipauli in privater Initiative einen Weg der Verständigung. Er verfasste ein Schreiben an die Bauern, in dem er ihnen vorschlug, ihre Beschwerden anzuhören und mit ihnen zu verhandeln. Doch welche Verkennung: Auch falls der Bote noch rechtzeitig abgeschickt worden wäre, wer hätte das Schreiben beantworten können? Es gab kein verantwortliches Oberkommando, kein Hauptquartier, keine organisierten Schützenkompanien, jedoch rund 6000 Mann, die auf die Morgendämmerung warteten.

Sie konzentrierten sich vor allem auf dem nördlichen Mariahilfer-Plateau (hauptsächlich Oberinntaler und Höttinger), auf den Anhöhen zwischen Bergisel und Völs (besonders Axamer und Sellrainer) und ostwärts davon zwischen Sillbrücke und Egerdach.

Etwa um 5 Uhr morgens ging es los. Die Axamer und Sellrainer stürzten sich beim Ziegelofen unter dem Hußlhof auf die dortigen Kompanien. Nach einer Stunde Kampf wichen die Bayern gegen den Innrain zurück. Sofort wurden die langen Reihen Holzstöße der Hirnschen Holzhandlung zu beiden Seiten der Straße von den Angreifern ausgenützt. Ein Teil von diesen überholte in sicherer Deckung die zurückgehenden Soldaten und stellte sie mit einem Kugelregen aus allen Winkeln und Lücken des aufgestapelten Holzes. Nur wenige der Angegriffenen konnten in die Stadt entkommen. Vergebens versuchte Oberstleutnant Sbansky, mit einer Kompanie Hilfe zu bringen. Auch seine Soldaten gingen den Weg in die Gefangenschaft, er selbst kam ums Leben.

Diese Niederlage wirkte auf Kinkel niederschmetternd. Es wurde ihm klar, dass er auf verlorenem Posten stand. Er gab nun den immer dringlicheren Bitten des Stadtrates nach, mit den Bauern in Unterhandlungen zu treten. Eine eilig zusammengestellte Deputation sollte die Aufständischen gegen Gewährung des freien Abzugs für Militär und Beamtenschaft zur Einstellung der Kampfhandlungen bewegen und so die befürchtete Erstürmung und Plünderung der Stadt verhüten. Doch es war zu spät. Längst hatte man auf der Höttinger Seite die Kompanien Zollers, die sich schon in Zirl nicht gerade als Elitetruppen erwiesen hatten, ausgeschaltet. Daraufhin erfolgte der Ansturm gegen die Innbrücke. Diese war jedoch durch ein gut bedientes Geschütz armiert, zugleich richteten sich viele Gewehre aus der Innkaserne, der Ottoburg und dem Schlachthaus auf das gegenüberliegende Ufer. Das Gefecht kam für längere Zeit zum Stillstand. Vor einem von St. Nikolaus her ansprengenden Reitertrupp mussten sich die bäuerlichen Fußkämpfer schleunigst in die nächsten Häuser von Mariahilf und Hötting zurückziehen. Da erschien am Stadtturm die weiße Fahne. Kinkel hatte die Erlaubnis zu Verhandlungen erteilt. Die Zeit, die für die Aufstellung der Verhandlungskommission benötigt wurde, erschien den Bauern aber zu lange. Die kurze Kampfstille benützte der Metzger Klaus von Telfs mit einigen Kameraden, um zu überlegen, wie man die Brücke gewinnen könnte. Da fiel ihm die unter derselben geführte Brunnenleitung ein. Auf dem Boden kriechend gelangte der Trupp zum nördlichen Brückenkopf, krabbelte an den hölzernen Röhren bis zum anderen Brückenende und warf sich dort auf die Geschützmannschaft. Darauf stürmten die Scharen von der Höttinger Seite über die Brücke in die Stadt. Die Stadtkommission, der auch der General selbst unmittelbar folgte, war inzwischen bis zu den Lauben beim Goldenen Adler gekommen. Das Vordringen der Bauern ließ sie eiligst wieder umkehren. Nun gab es nichts mehr zu verhandeln. Unwiderstehlich schoben sich die Haufen vorwärts gegen die Herzog-Friedrich-Straße. General Kinkel, bereits ein alter, gebrechlicher Mann, zog sich in das Gebäude der Hauptwache zurück, an seiner Stelle kommandierte Oberst Ditfurth hoch zu Ross seine Mannschaft. Er formierte in der Neustadt ein fest geschlossenes Karree und vermochte damit die Bauern zunächst zum Stehen zu bringen. Auch gegen die vom Innrain her vordringenden Sellrainer, die vom Spitalsgebäude aus die Bayern hart bedrängten, konnte er sich zunächst noch halten.

Die entscheidende Wendung kam von der Südseite. Dort hatten die Stubaier und die Leute des Innsbrucker Mittelgebirges am Morgen vom Bergisel her den Angriff eröffnet. Zuerst glaubten sie leichtes Spiel zu haben. Sie stürmten ohne nennenswerten Widerstand durch Wilten hinunter bis zum Dorfplatz beim Oberrauch. Dort wurden sie von einer von Osten her einreitenden Dragoner-Schwadron überrascht und hart attackiert. Sie mussten unter Verlusten zum Bergisel zurückweichen.

Die Bayern setzten sich daraufhin im alten Friedhof bei der Wiltener Pfarrkirche fest, wo ihnen die Friedhofsmauer gute Deckung bot. Umso größer war die Überraschung, als sie ihre so vorteilhafte Stellung verließen (das ist wohl nur durch Munitionsmangel zu erklären). Nun konnten die Bauern ungehindert durch die Dorfstraße hinunterziehen. Bald war die Triumphpforte erreicht. Hier stießen sie auf das Karree Ditfurths. Ein größerer Teil der Stürmenden schlug sich seitwärts in die Gärten, besetzte in der Folge die Häuser der Maria-Theresien-Straße und schoss von diesen aus in das Karree hinein. Damit wurde die Situation für die Bayern, die bis dahin unbeweglich standgehalten hatten, höchst kritisch, bildeten sie doch für die Schützen ein sehr bequemes, gar nicht zu verfehlendes Ziel, während sie selbst dem Gegner so gut wie nichts anhaben konnten. Noch ritt Ditfurth, bereits mehrfach verwundet, unter den Seinen umher und rief seine Kommandos. Aber gerade auf ihn zielte man besonders genau, und von weiteren Kugeln getroffen sank er vom Pferd. Nun gab sich die Mannschaft gefangen. Einzelne kleine Abteilungen, die zum Hofgarten abrückten, wurden dort zur Waffenstreckung gezwungen. 120 Dragoner enteilten nach Hall und gerieten dort in die Hände der Mannschaft Speckbachers und Straubs. Um 10 Uhr vormittags war der Straßenkampf beendet. Die bayerische Garnison war gefangen genommen. Kinkel und einige seiner Offiziere mussten auf der Hauptwache den Bauern ihre Säbel übergeben.

Zu den siegestrunkenen Bauern gesellten sich gar bald ebenso viele Neugierige. Es kam zu hässlichen Ausschreitungen. Etwa in der Plünderung des Uffenheimerischen Geschäftes sah der Pöbel eine Revanche für die Wuchergeschäfte zur Zeit der Währungskrise und für das Ersteigern von Kirchenkleinodien aufgehobener Klöster, was vom gläubigen Volk damals geradezu als Sakrileg empfunden worden war.
Erst mit der Ankunft Martin Teimers — eines der frühesten Aktivisten des Widerstandes — mit seinen Oberinntalern kam etwas Ruhe in die aufgebrachten Massen. In einer geliehenen österreichischen Offiziersuniform konnte er eine Art Oberkommando an sich reißen und im Verein mit den in großer Zahl vorhandenen ordnungsliebenden Männern aus der Bauernschaft im Laufe des Nachmittags wieder normale Verhältnisse in der Stadt herstellen. Doch in der Nacht zum 13. April kam die alarmierende Nachricht, es nähere sich auf der Brennerstraße ein französisches Korps. Es war General Bisson, der in der Zwischenzeit gegen Innsbruck vorgerückt war. Einer der ersten, die sofort Maßnahmen ergriffen, war der Gangerwirt bei der Triumphpforte. Er verbarrikadierte mit Fuhrmannswagen und Brunnenrohren die Triumphpforte, dahinter aber wartete eine schussbereite Mannschaft.

Bisson erfuhr beim Kloster Wilten, was am Tag zuvor in Innsbruck geschehen war. Es war zu überraschend, als dass er den Berichten hätte Glauben schenken können. Eine Besprechung mit dem gefangen gehaltenen Kinkel belehrte ihn freilich eines Besseren. Unter dem Eindruck des Gespräches, vor allem aber der großen Massen kampfbereiter Bauern auf den Höhen rund um Innsbruck entschloss er sich zu bedingungsloser Kapitulation. 3500 Mann gingen in Gefangenschaft.

Am selben Tag wie der in Innsbruck schlug auch der Garnison in Hall die Stunde. Josef Speckbacher, „der Mann von Rinn" (nach dem Hof seiner Frau so genannt), hatte am 11. April seine Leute auf den Höhen des Paschberges östlich der Sill aufgestellt. Als es in diesem Abschnitt während des ganzen Tages kaum zu einer Feindberührung gekommen war, suchte Speckbacher ein ergiebigeres Betätigungsfeld. Er beschloss, die Haller Garnison auszuheben. Dazu zog er den größten Teil der Paschberger Besatzung ab und vergrößerte seine Mannschaft durch eifriges Aufbieten. Noch in der Nacht zum 12. April wurde die 80 Mann zählende Besatzung im Kloster Volders überrumpelt, und am Morgen darauf wurde — bei einem Einbruch in die Stadt von allen Seiten — die Haller Garnison zur Kapitulation gezwungen. Eine aus Innsbruck fliehende starke Kavalkade ergab sich am Eingang der Stadt. Auch in Hall hatte die Bürgerschaft nicht Partei ergriffen.

In Bozen überstürzten sich am 11., 12. und 13. April ebenfalls die Ereignisse. Noch am 11. April wurde die alte Merkantilverfassung endgültig aufgehoben und der Magistrat durch einen auf königliche Ernennung zusammengesetzten Stadtrat ersetzt. Am 12. April abends kehrte Lemoine mit 2300 Mann wieder nach Bozen zurück. Nach einer bangen Nacht marschierte er schon am frühen Morgen in Richtung Trient ab, um einen Zusammenstoß mit den auf der Vintschgauer Straße vorrückenden Tirolern zu vermeiden. Bald darauf war die Stadt bereits von den Bauern überflutet.

Am Ende dieser wenigen Tage waren 130 Offiziere und 8200 Mann gefangen genommen worden. Die siegreiche Erhebung fand im Schärdinger Manifest vom 18. April den kaiserlichen Dank. Bemerkenswert darin sind einmal die Hervorhebung eines Vertragsbruches, um das Einschreiten des einen Vertragspartners rechtlich zu sanktionieren, zum andern eine zumindest Unwissenheit verratende Passage von einer ganzen Armee und zum dritten ein kaum berechtigter Optimismus um die Wiedervereinigung mit Österreich:

„Meine lieben und getreuen Tyroler! Unter den Opfern, welche die widrigen Ereignisse im Jahre 1805 Mir abgenöthiget haben, war, wie Ich es laut verkündiget habe, und Ihr es ohnehin schon wißt, jenes, Mich von Euch zu trennen, Meinem Herzen das empfindlichste, denn stätts habe Ich an Euch gute, biedere, meinem Hause innigst ergebene Kinder, so wie Ihr an Mir einen Euch liebenden, um Euer Wohl wünschenden Vater erkannt.

Durch den Drang der Umstände zu der Trennung bemüssiget, war ich noch in dem letzten Augenblicke bedacht, Euch einen Beweis Meiner Zuneigung und Fürsorge dadurch zu geben, daß Ich die Aufrechthaltung Eurer Verfassung zu einer wesentlichen Bedingniß der Abtrettung machte, und es verursachte Mir ein schmerzliches Gefühl, Euch durch offenbare Verletzungen dieser feyerlich zugesicherten Bedingniß auch noch der Vortheile, die Ich Euch dadurch zuwenden wollte, beraubt zu sehen. Allein bey Meinem entschiedenen Hange, den Mir von der Vorsicht anvertrauten Völkern so lange als möglich die Segnungen des Friedens zu erhalten, konnte Ich damals über Euer Schicksal nur in Meinem Innern trauern. Durch endlose Anmaßungen des Urhebers unserer Trennung neuerdings in dif Nothwendigkeit gesetzt, das Schwerdt zu ergreifen, war es Mein erster Gedanke, die Kriegs-Operationen so einzuleiten, daß Ich wieder Euer Vater, Ihr Meine Kinder werdet. Eine Armee war zu Eurer Befreyung in Bewegung gesetzt. Aber ehe sie noch Unsere gemeinschaftlichen Feinde erreichen konnte, um den entscheidenden Schlag auszuführen, habt Ihr tapfere Männer es gethan und Mir so wie der ganzen Welt dadurch den kräftigsten Beweis gegeben, was Ihr zu unternehmen bereit seyd, um wieder ein Theil jener Monarchie zu werden, in welcher Ihr Jahrhunderte hindurch vergnügt und glücklich waret.

Ich bin durchdrungen von Euren Anstrengungen, Ich kenne Euren Werth. Gerne komme Ich also Eueren Wünschen entgegen, Euch stäts unter die besten, getreuesten Bewohner des Oesterreichischen Staates zu zählen, Alles anzuwenden, damit Euch das harte Loos, Meinem Herzen entrissen zu werden nie wieder treffe, wird Mein sorgfältigstes Bestreben seyn. Millionen, die lange Eure Brüder waren, und sich freuen werden, es nun wieder zu seyn, drücken das Siegel auf dieses Bestreben Ich zähle auf Euch, Ihr könnt auf Mich zählen, und mit göttlichem Beystande soll Oesterreich und Tyrol immer so vereiniget bleiben, wie es eine lange Reihe von Jahren hindurch vereiniget war.

Schärding den 18. April 1809. Franz."


Intermezzo

Unter dem Jubel der Bevölkerung rückte Chasteler am 16. April in Innsbruck ein. Drei Tage vorher hatte sich ähnliches im Unterinntal abgespielt. Oberstleutnant Paul Taxis war mit zwei Kompanien Devaux-Infanterie, zwei Kompanien Salzburger Jäger und einer halben Eskadron O'Reilly-Chevauxlegers von Salzburg her ins Zillertal entsandt worden, um sich im weiteren mit dem Tiroler Korps zu verbinden. Mit großer Freude wurde er in Schwaz empfangen. Unter Jubel und Glockengeläute wurde auch Oberstleutnant Reißenfels mit 900 Mann in Wörgl begrüßt.

Die folgenden Wochen waren zunächst ausgefüllt mit der Ordnung der militärischen und zivilen Verwaltung Tirols und der Sorge um die Sicherung der notwendigen Geld- und Verteidigungsmittel. Auf Anregung Hormayrs berief Chasteler ständische „Schutzdeputationen", und zwar eine permanente in Innsbruck, eine Zentraldeputation in Brixen und mehrere Filialdeputationen. Man knüpfte damit an frühere Zustände an, als die Landschaft noch einen wesentlichen Anteil an der Defension genommen hatte, und tat damit so, als ob die alte landständische Verfassung schon wieder hergestellt worden wäre.

Einen üblen Beigeschmack hat der Aufruf Chastelers an die Gerichte Hörtenberg und Petersberg im Oberinntal, an der Seite von Militärtruppen unter dem Freiherrn von Taxis (800 Mann und einige Reiter) Streifzüge nach Bayern zu unternehmen, dort Kontribution einzutreiben und eine Verbindung mit der Armee des Erzherzogs Karl aufzunehmen. Bei diesen Streifzügen kam man bis Benediktbeuern, und eine Minderheit ließ sich beschämende Exzesse zuschulden kommen.

In Tirol wurde die Zusammensetzung des Landsturmes nach den Bestimmungen von 1805 wieder in Kraft gesetzt. Zugleich wurden neue Mannschaften angeworben, denn die mangelnde Bezahlung hatte die Urlaubsfreudigkeit in den Kompanien stark erhöht. Die Werber zögerten nicht, sich manchmal einer bedenklichen Demagogie zu bedienen, wie zum Beispiel Teimer, der — überall mit Böllern und Triumphbögen als Sieger begrüßt — einer entsetzten Menge von beschlagnahmten Papieren zu erzählen pflegte, aus denen die Absicht Bayerns hervorgegangen sei, in allen Orten die Kirchen bis auf eine zu sperren, alle Beichtstühle bis auf einen umzuwerfen, alle Altäre bis auf einen abzutragen, alle Kelche bis auf einen zu konfiszieren. Und allenthalben erlebte er die Genugtuung, mit solchen Reden „die gute Stimmung erhöht" zu haben.

Zur selben Zeit betrieb Hormayr in eigener Verantwortung und im Gegensatz zu maßgeblichen Wiener Regierungskreisen eine gegen jedes Völkerrecht verstoßende brutale Verfolgung bayerischer Beamter. Die Säuberungsaktion, oft behaftet mit einem üblen Anschein des persönlichen Hasses und Neides, rechtfertigte der erst 28jährige Karrieremacher mit der Notwendigkeit der weiteren Verhetzung des Volkes. „Der Landmann darf kaum wieder zu sich selbst kommen, der Moment des Ausnüchterns, des Erwachens aus seiner Exaltation, des ihm von vielen Emissärs unaufhörlich eingeflüsterten Reflektierens über das, was er getan hat, was ihm bevorsteht, ob es besser sei umzukehren oder vorzugehen, für wahr! dieses wäre ein schrecklicher, der guten Sache verderblicher Moment!" Einer anderen Säuberungsaktion wandte sich Chasteler zu. Es galt, die noch im Lande befindlichen feindlichen Truppen zu vertreiben. Wenig Erfolg hatte er dabei in Kufstein. Er beorderte Oberstleutnant Reißenfels von Wörgl gegen das immer noch von Bayern besetzte Kufstein. Es schlossen sich im Laufe einiger Tage insgesamt zehn Schützenkompanien an. Die Blockade war jedoch vergebens. Wohl musste der tapfere Major Aicher die Stadt Kufstein am 24. April preisgeben, die Festung blieb aber in seiner Hand.

Mehr Erfolg war Chasteler in Südtirol beschieden. Den Truppen des Vizekönigs Eugene Beauharnais unter General Baraguay war es schon am 15. April gelungen, Trient zu besetzen. Chasteler entschloss sich sofort, gegen diese Truppen vorzugehen. Er überließ das Nordtiroler Kommando General Buol und griff mit den Generalen Fenner und Marchal im Verein mit dem Landsturm von Passeier, des Burggrafenamtes zu beiden Seiten der Etsch, vom untern Vintschgau und des Fleimstales am 23. April verschiedene Vorposten und Stellungen der Feinde an und konnte bereits am Abend Trient besetzen. Am Tag darauf entspann sich bei Volano ein äußerst hartes Gefecht, das bis zum Abend große Verluste auf beiden Seiten, aber keine Entscheidung brachte. Als Chasteler am darauffolgenden Morgen den Angriff neuerlich, beginnen wollte, war der Gegner bereits südwärts abgezogen.

(weiter zu Teil 2)

   
  Quelle: Werner Köfler, Die Kämpfe am Bergisel 1809, in: Militärhistorische Schriftenreihe, Herausgegeben von Heeresgeschichtlichen Museum (Militärwissenschaftliches Institut), Heft 20, Wien 1971.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.