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  Andreas Speckbacher
 

von Rudolf Granichstaedten-Czerva

Am 31. März 1869 gab es in Innsbrucks Kunstkreisen großes Aufsehen. Im Landtagssaal hatte der 34jährige Tiroler Maler Franz Defregger ein großes Bild ausgestellt, das seither in hunderttausend Reproduktionen den Weg über die ganze Welt genommen hat; „Josef Speckbacher und sein Sohn Anderl". Mit diesem Bild, dessen nähere Beschreibung wir uns wohl ersparen können, hat Defregger nicht nur sich und dem Vater Speckbacher, sondern auch dem „Anderl" ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Durch dieses Bild wurde Anderl eigentlich erst berühmt.

Anderl Speckbacher
Anderl Speckbacher

Am 26. Februar 1798 erblickte Andreas als Sohn des Josef Speckbacher und der Marie Schmiderer im Vaterhaus zu Judenstein bei Rinn das Licht der Welt und wurde zu Ehren des Namenspatrones der Kirche von Judenstein, „Andreas" getauft. Der kurze und mangelhafte Schulunterricht interessierte den aufgeweckten Knaben, in dessen Adern das kriegerische Blut des Vaters rollte, weit weniger als das Tun und Treiben der Schützen, die in Vaters Hof aus- und eingingen. Am 29. Mai 1809, mitten im mörderischesten Kartätschenfeuer, bei der Haller Brücke durchzuckte den unerschrockenen Haudegen Josef Speckbacher, den Anführer der Kolonne, gewaltiger Schreck. Im wilden Kampfgemenge erblickte er plötzlich den kleinen, elfjährigen Anderl neben sich, den das Waffengetöse aus dem nahen Heimatsorte an die Seite des Vaters gelockt hatte. Vom geängstigten Vater rasch aus der Gefechtslinie gebracht, machte sich der kecke Knabe dadurch verdient, dass er die feindlichen Kugeln mit den bloßen Händchen aus dem Erdboden grub. Der Vater gebot nach der Schlacht dem Söhnchen, daheim bei der Mutter zu bleiben und ihr im Hauswesen zu helfen.

Am 22. September 1809 hielt eben Speckbacher in seinem Standquartier zu St. Johann in Tirol im Bären-Wirtshaus einen Kriegsrat ab, als er durchs Fenster hinter der Musik einer Unterinntaler Schützenkompagnie einen bewaffneten Knaben sah. Es war Anderl! Die gute Mutter hatte den abenteuerlustigen Buben auf eine entfernt entlegene Alm geschickt, doch bald wusste sich der Junge der Aufsicht zu entziehen und schloss sich im August einer Schützenkolonne an. Man steckte den Burschen, den bald alle liebgewannen, in einen Schützenanzug, gab ihm, da er barfuß lief, gute Schuhe, dazu einen grünen Hut mit der obligaten Schützenfeder. So ausgerüstet zog Anderl hochbeglückt mit den „großen" Schützen und marschierte am 22. September in St. Johann bei Kitzbühel ein, wo er zu dem erstaunten, halb erbosten, halb erfreuten Vater geführt wurde (Defreggers Bild). Nach einer strengen Rüge nahm der Vater den Buben zu sich, der nun in der Nähe des Vaters alle Fährlichkeiten und Beschwerden der Märsche und Gefechte bestehen musste. Auch die steilen und unwegsamen Berge, so bei Unken und Lofer, musste der Bub ersteigen trotz Kälte und Schnee, Wind und Wetter.

An einem Besuch, den Speckbacher dem P. Haspinger am 29. September in Hallein abstattete, nahm auch Anderl teil, besichtigte in Berchtesgaben das Salzbergwerk und machte dann einen Ausflug nach dem herrlichen Königssee. In St. Bartholomä (am Königssee) schrieb Anderl folgende Verse in das Fremdenbuch: „Andreas Speckbacher heiß ich des Kommandanten Sohn; ein Knabe von elf Jahren, schießen kann ich, die Bayern Habens wohl erfahren."

Als Waffe benützte Anderl ein richtiges Gewehr. Bei seinem Besuch am 22. September im Bären-Wirtshaus sah er an einem Hirschgeweih ein schönes Gewehr hängen. Der gutherzige Bärenwirt, Sebastian Wishofer (geb. 1744, gest. 1816) schenkte den Stutzen dem kecken Buben, der sich hocherfreut sofort an die Untersuchung des Schlosses machte. Unter dem Gelächter der umsitzenden Schützen versuchte er, aber vergebens, das schwere Radschloss aufzuziehen; einige Tage später kam er aber triumphierend zum Vater und zeigte ihm, wie der Waffenschmied nach seinen Angaben eine Vorrichtung angebracht hatte, die es ihm ermöglichte, leicht das Schloss zu öffnen.

Bei Melleck wars, am 17. Oktober 1809, da wird bei tapfere Speckbacher von allen Seiten zugleich angegriffen. Wie ein Rasender kämpfte der reckenhafte Mann Brust gegen Brust, es war mehr ein Raufen und Ringen, als ein regelrechter Kampf. Er unterliegt der Übermacht und muss sich in einem nahen Felsen vor den feindlichen Bayern retten. Und Anderl? Der war im Gefecht verschwunden. Noch will das im Innersten getroffene Vaterherz das Teuerste, das er hat, befreien, es war zu spät. Die Bayern hatten ihn gefangen und fortgeschleppt.

Die schadenfrohen Feinde redeten dem Anderl ein, der Vater sei tot und zeigten ihm als Beweis hierfür die von Speckbacher im Kampf verlorenen und von den Bayern erbeuteten Kleidungsstücke. Mantel und Hut, sowie den schönen Säbel. Resigniert folgt Anderl mit seinen gefangenen Leidensgenossen nach Landshut, wo man ihn internierte. Der bayerische König Max Josef erfuhr von seinem Mut und ließ ihn zu sich nach München kommen. Auf Anderls schüchterne Frage, ob man ihn auch umbringen werde, beruhigte ihn der König und befahl, ihn in das königlich bayerische Erziehungsinstitut in München zu bringen (November 1910), wo er auf Kosten der königlichen Privatkasse als königlicher Pensionär erzogen wurde.

Es liegt eine ungeheure Ironie des Schicksals darin, dass gerade der Mann, den Josef Speckbacher als den Herrscher der Bayern durch fast neun Jahre (1805 bis 1813) auf das heftigste bekämpfte, ihm dies durch eine ausgezeichnete Erziehung seines Sohnes dankte. Der Institutsdirektor P. Benedikt Holland nahm sich des aufgeweckten Knaben besonders an, ebenso der Kriegsminister Graf v. Triva. Anderl lernte Deutsch, Lateinisch, Musik und Zeichnen. Siebenmal war Anderl der Erste in seiner Klasse und erhielt für Zeichnungen öfters Preise. Im vierten Schuljahr lernte Anderl auch Italienisch und Französisch, Mappierung und Kalligraphie.

Im August 1816 nach fünf Schuljahren, verließ Anderl das bayerische Institut. König Max Josef wollte den Jungen auch noch als Pate, zur Firmung führen, aber Anteil war schon gefirmt. Der König hatte wirklich in großherzigster Weise wie ein Vater für Anderl gesorgt, was dieser auch in dankerfüllten Briefen in seine Heimat anerkannte. Anderl kam nach siebenjähriger Abwesenheit wieder ins Vaterhaus, feierte mit seinem Vater ein herzliches Wiedersehen, war von August 1816 bis 1. November 1817 Salinen-Praktikant in Hall und zog dann als überzähliger stipendierter Bergwesens-Praktikant (ab 1. November 1817 bis 1820) in die Bergakademie in Schemnitz (Ungarn), diente in Bergwerken in Ungarn und Steiermark als Praktikant, wirkte dann als Beamter in Pillersee, Kössen, Brixlegg, Achenrain und Jenbach (1824) stets zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten.

Im Jahre 1828 heiratete er Aloisia Mayr (geb. in Schwaz am 21. Jänner 1800, gest. in Schwaz am 2. April 1855), Tochter des Bergrates Michael Mayr (Jenbach), die ihm am 10. September 1833 ein Söhnlein schenkte, das Anderl, zu Ehren seines Wohltäters, Max Josef nottaufte. Das Kind starb aber kurz nach der Geburt. Von den beiden Töchtern Anderls, Louise (geb. 11. Juni 1830, gest. 21. September 1893) und EmiIie (geb. 10. Oktober 1831 in Jenbach, gest. 5. Dezember 1912 in Innsbruck) blieb erstere unvermählt, letztere heiratete den Irrenanstalt-Direktor in Hall, Dr. Josef Stolz (geb. 1811, gest. 8. Februar 1877). Aus dieser Ehe sprossen Josef Stolz (geb. 24. Mai 1860, gest. als Student der Medizin 30. April 1882) und Louise (geb. 1. Oktober 1862).

Anderl starb als Jenbacher k. k. Bergwerks- und Hüttenverwalter in Hall am 25. März 1834, 36 Jahre alt, vierzehn Jahre nach seines Vaters Tod (28. März 1820) und zwölf Jahre vor seiner Mutter (gest. 8. Jänner 1846). Wenig bekannt ist, dass das Christus-Bild, zu dem am 13. Juli 1890 in der Scharnitz enthüllten Denkmal von der Hand Anderls stammt und von dessen Tochter Louise gestiftet wurde.

Während Josef Speckbacher auch noch nach seinem Tod durch Übertragung seiner Gebeine (28. Juni 1858) in die Hofkirche zu Innsbruck geehrt wurde, hat man den Anderl ganz vergessen. Der zu früh verstorbene Bildhauer Ludwig Penz hat ihn zwar auf dem (am 28. Juni 1908 enthüllten) Speckbacher-Denkmal in Hall an der Seite des Vaters dargestellt, aber sein Leichnam ruht nach wie vor auf dem alten Sankt Nikolaus-Friedhof in Hall, einunddreißig Schritte links vom Eingang. Ein Granitstein mit zwei Nägellöchern „schmückt" sein Grab. Das Epitaph selbst mit der Inschrift hat man 1909 an der Pfarrkirche neben der Grabtafel seines Vaters, an der südwestlichen Mauer der Südwestecke der Kirche angebracht.

 

Grabmal Andrä Speckbacher © Dietrich Feil
Grabmal Andrä Speckbacher
Hall in Tirol, Pfarrkirche St. Nikolaus, südliche Außenwand
Grabmal der Kinder des Freiheitskämpfers Joseph Speckbacher
"Nicht der Erden Tage Zahl
Bewerthet dieses Leben,
Nur der Thaten Werth und Zahl
Lohnt uns einstens ewig Leben.
Zur Erinnerung an die beiden Kinder
des Landesschützen Majors Josef Speckbacher

Andrä Speckbacher
K. K. Berg- und Hüttenverwalter zu Jenbach
...

Anna Speckbacher
..."

Anmerkung D. Feil: Etwas ungerecht wird man finden, daß der einleitende Vers über die Vorzüge des kurzen, verdienstreichen Lebens ganz gut für Andrä Speckbacher, aber kaum für seine 88jährig verstorbene Schwester paßt...
© Dietrich Feil, 2007

 

 

Andrä Speckbacher als Berg- und Hüttenverwalter © Dietrich Feil
Hall in Tirol, Pfarrkirche St. Nikolaus, südliche Außenwand
Andrä Speckbacher als Berg- und Hüttenverwalter
(Detail seines Grabmals)
© Dietrich Feil 2007

 

Epitaph für Joseph Speckbacher © Dietrich Feil

Hall in Tirol, Pfarrkirche St. Nikolaus, südliche Außenwand
Epitaph für Joseph Speckbacher (+ 1820)
Inschrift:

"Im Kampfe wild doch menschlich
auch
im Frieden still und den
Gesetzen treu
war er als Krieger,
Unterthan, und Mensch
der Ehre wie der
Liebe werth.

Joseph Speckbacher, Tiroler Landesschützen Mayor
geboren zu Gnadenwald am 13. Juli 1767
gestorben zu Hall am 28. März 1820
am 28. Juni 1858 wurden die Gebeine nach Innsbruck
in die Hofkirche übertragen."
© Dietrich Feil 2007

 

rabstein der Landesschützenmajors-Witwe Maria Speckbacher geb. Schmiderer © Dietrich Feil
Hall in Tirol, Pfarrkirche St. Nikolaus, südliche Außenwand
Grabstein der Landesschützenmajors-Witwe Maria Speckbacher geb. Schmiderer (+ 1846)
Inschrift:

Hier ruhet
die wohlgeborne Landesschützenmajors-
Witwe Frau
Maria Speckbacher
geb. Schmiderer
welche nach empfangenen h. Sterbsakramen
ten am 8. Jänner 1846 um 7 Uhr Abends
in ihrem 83. Jahresalter zu Hall ver-
storben ist.

Sie ruhe in Frieden.

Sie hatte bei Jedermann einen guten
Namen denn sie fürchtete Gott sehr und
Niemand war, der etwas böses von ihr redete.

Judith .. (?; zugrunde liegt Jdt. 8, 8)
© Dietrich Feil 2007

   
  Quelle: Granichstaedten-Czerva Rudolf, Andreas Hofers alte Garde, Innsbruck 1932, S. 388 - 392.
 

Rechtschreibung behutsam angepasst.
© digitale Version www.SAGEN.at, Wolfgang Morscher 2009.