Die Sage von der Burg Beckov (Beckos Burg)

Im Tal des längsten slowakischen Flusses Waag herrschte einst Herr Ctibor, ein edler Pole, der am Hofe König Ludwig I. und seiner Tochter Maria hochgeschätzt war. Mit gewaltiger Faust beherrschte er die ihm untergebene Provinz und nannte sich einen Herrn der Waag, denn sein Gebiet erstreckte sich auf den beiden Ufern dieses Flusses.

Wie die Überlieferung berichtet, lagerte eines Tages der mächtige Herrscher Ctibor im Freien, einem ungeheuren Felsenkoloss gegenüber, umgeben von herrlich grünenden Bergen. Die Schar seiner Höflinge bemühte sich, ihn bestens zu unterhalten. Den größten Aufwand an Witz und guten Einfällen machte Becko, der Hofnarr. Gerade an diesem Tag vom Glück war er so sehr begünstigt, dass er sich öfter des Beifalls seines sonst ernsten und meist finsteren Machthabers erfreute. Den Hofnarren zu belohnen, erlaubte ihm Ctibor, sich eine Gunst zu erbitten. Becko trat heran und bat, der Herr möge eine Burg auf jenem Fels erbauen, und ihm zu eigen schenken. Da lachten die Höflinge, und einer meinte, der Narr habe die Gelegenheit versäumt, Unmögliches erbitternd, Nützliches zu erlangen. „Unmögliches?“ donnerte plötzlich der Woiwode Ctibor, „was ist meinem Machtgebot unmöglich, oder ist jemand da, der zweifelt? Und zu dem Narr Becko sagte er: „Mein kluger Narr, deine Bitte sei gewährt, in Jahresfrist ist die Burg erbaut. Und sie wird nach dir, nämlich Becko, benannt.“

Bald regte und bewegte sich eine Unzahl von Arbeitern und Leibeigenen rund um und auf dem Berg, zu verwirklichen, was kurz vorher als möglich nur dem Narren schien. Und da die Beschwerlichkeiten sich häuften, befahl Ctibor das Tal der Waag zu sperren, und jeden Vorüberziehenden anzuhalten, damit er arbeite acht Tage lang, bevor ihm vergönnt ist, seine Straße weiter zu ziehen. So gelang es, das rasch gesprochene Wort zu lösen, indem Ctibor bewies, dass ihm nichts unmöglich sei. Noch war des Jahres letzter Tag nicht zu Ende, stand die neue Burg herrlich zu Schutz und Trutz und des Lebens Annehmlichkeit gerüstet und versehen da, des Narren Namen führend und ihm huldigend. Aber zu groß war der Aufwand, um bloß eine Narrenburg gegründet zu haben. Herr Ctibor vertauschte mit Becko die Burg gegen reichliche Entschädigungen und erkor sie zu seinem Hauptsitz, obwohl er schon über dreißig Burgen und Festungen im Lande besaß.

Die Burg Beckov blieb Ctibor stets teuer, zu ihrer Verschönerung bot er italienische Künstler und Meister aller Art auf. Durch das weite Ungarn redete man von dieser Burg als von einem Weltwunder. Die Burg wurde auch deshalb ausersehen, die Vermählung Ctibors einzigen Sohnes mit Katarina, einziger Tochter eines Frankenwoiwoden, der Erbin eines ungeheuren Vermögens, zu feiern.

Groß waren die Vorbereitungen dazu, denn groß war die Anzahl, hoch der Rang der geladenen Gäste, und ein ganzes Jahr sollte das Fest dauern, bis das erste Enkelkind Ctibors das Licht der Welt erblickt. So geschah es auch, und Sang und Spiel, Turniere, Bankette und Gelage unterbrachen nicht.

Unter den wenigen Gegenständen, die sich der Zuneigung des finsteren Woiwode Ctibor, zu erfreuen hatten, stand keiner so hoch, wie ein Jagdhund von seltener Schönheit und Güte. Dagegen besaß er auch Untugenden eines Lieblings, die jedermann lästig waren, außer seinem Herrn. Einst hinkte Ctibors Hund zum Tische heulend und mit zerschmettertem Bein herein.

Ctibor fuhr von seinem Sitz mit einem Fluch auf: „Wer hat mir dies getan? Ich will, ich muss es wissen, furchtbar soll der Verruchte büßen.“ Da wurde ein alter Sklave herbeigeschleppt, der seit Jahren in der Küche diente. Beim Anfall Ctibors verwöhnten Hundes hatte er so einen unglücklichen Schlag geführt, dass dieser verletzt wurde. Sofort befahl Ctibor ihn von des Felsen schroffer Spitze bei der Burg herab zu schleudern in die entsetzliche Tiefe, und nicht Bitten und Flehen konnten den gealterten Mann vom grässlichen Tode retten.

Als die Schergen den Leibeigenen an den Rand des furchtbaren Abgrundes führten, erhob er in lautem Ruf die Stimme und forderte den Tyrannen binnen Jahresfrist vor das Gericht Gottes, dort zu verantworten den unmenschlichen Tod. Mit Hohn hatte Ctibor und seine hartherzige Gemahlin Dobrochna dies angehört.
Aber unschuldig vergossenes Blut schreit nie vergebens gegen Himmel um Rache. Am Jahrestag jener längst vergessenen Freveltat feierte der Burgherr ein großes Fest auf der Burg Beckov. Viele werte Gäste waren dabei. Das Mahl war durch feurige Weine gewürzt. Nach einer längeren Weile wollte sich Ctibor ausruhen. Unsicheren Schrittes wankte er dem Garten zu, ein kühles Plätzchen zu suchen, wo er pflegen möchte der Ruhe. Als er fest einschlief, beraubte ihn eine Natter des Gesichtes, der Schmerz steigerte bis zum Wahnsinn. Vergebens wollte er der schrecklichen entfliehen, mit festem Zahn hat sie ihr Opfer erfasst. Der Schmerz trieb Ctibor von einem Ort zum anderen, bis zu jener Felsenspitze, die von des Knechtes Blut gefärbt, nun plötzlich in frischem Rot erglühte.

Mit geflügeltem Schritt eilten Dobrochna und die Gäste dem Woiwoden nach, es war zu spät. Der Abgrund hat Ctibor schon verschlungen. Dobrochna wollte dem Gatten in die Tiefe folgen, und als man ihr dies verwehrte, endete sie an derselben Stelle mit dem Dolch ihre Verzweiflung und ihr Leben.

Dies ist die Sage vom gewaltigen Ctibor und seiner Burg Beckov, die in Trümmern liegt.

Bearbeitet nach der Sage:  Die Sagen vom Ctibor von Jana Judinyová. Quelle: Erzählungen, Sagen und Legenden aus Ungarns Vorzeit von Alois Freiherrn von Mednyánzsky. Pesth, herausgegeben bei Konrad Adolph Hartleben, 1828, S. 461-472.

E-Mail Zusendung von Jana Judinyová, September 2025.