Die Burg Smolenice und ihr guter Geist
Es lebte einmal ein mächtiger Kastellan, der auf der Burg Smolenice (Smoleniz) in den Karpaten lebte und sie verwaltete. Er hieß Smolk und war groß, kräftig und von harter Natur. Niemand, weder von seiner Dienerschaft, noch von den Bewohnern des nahegelegenen Städtchens Smolenice, konnte einmal ein Lächeln auf seinem Gesicht sehen. Beim geringsten Anzeichen von Unzufriedenheit sprühten sprichwörtlich Blitze aus seinen schwarzen Augen. Grausam und stolz war der Kastellan Smolk. Besonders Bauern unterdrückte er gnadenlos und sekkierte sie oft unnötig. Hin und wieder hatte er eine bessere Laune und dann veranstaltete er verschiedene Feiern, zu denen er eine Zigeunerkapelle aus Smolenice oder andere Musikanten und diverse Gaukler einzuladen pflegte. Doch was nützte es, wenn diese Feiern nur seinen Kameraden und Freunden vorbehalten waren? Die Bauern zitterten vor ihm und verbeugten sich vor ihm tief. Und nicht ohne guten Grund, denn Smolk ließ seinen Unmut alle jene deutlich fühlen, die sich ihm nicht unterwarfen.
Doch unter diesen fügsamen Bauern gab es einen selbstbewussten, fähigen Mann, der die Ungerechtigkeiten, die dem Volk getan wurden, nicht länger schweigend hinnehmen konnte. Sein Name war Juraj. Er war mächtig und auch ganz fesch. Doch was nützte es ihm, wenn er arm war? Als Smolks Willkür die erträglichen Grenzen überschritt, ermutigte er seine Landsleute wenigstens wörtlich. Aber oft rügte er sie auch wegen ihrer Unterwürfigkeit und ihres übertriebenen Gehorsams gegenüber dem Kastellan. Juraj pflegte seinen Landsleuten zu sagen: „Warum habt ihr solche Angst? Was kann der Kastellan euch denn antun, wenn ihr eure Pflicht erfüllt habt?“ Und er sprach ihnen noch weitere ermutigende Worte zu. Unter den Bauern fand sich aber ein „Judas“. Einmal, nach so einer Lektion von Juraj berichtete dieser Mann dem Kastellan von Jurajs Reden. Smolk brauchte auch sonst nicht viel, um wütend zu werden. Nachdem er die Rede des verräterischen Bauern gehört hatte, verhärtete sich sein schwarzes Gesicht, und er beschloss sofort, sich an dem trotzigen Juraj zu rächen. Er ersann sogleich einen teuflischen Plan, um ihn zu bestrafen.
Kurz darauf rief der Kastellan den Bauern Juraj zu sich und befahl ihm: „Hol diesen doppelt versiegelten Brief nach Prešporok (das heutige Bratislava) zum Onkel unseres Herrn und bring mir noch vor dem Einbruch der Dunkelheit eine Antwort von ihm. Wenn du dich verspätest, findest du deine Unterkunft im tiefsten Kerker dieser Burg und du wirst ihn nie lebend verlassen.“
Der arme Juraj! Er nahm den Brief, verabschiedete sich von seiner Familie mit den Worten, dies sei das letzte Mal, dass er sie sehe, und machte sich zu Fuß auf den Weg. Er schritt flott, bis er zu einem Kreuz am Wegesrand kam. Dort kniete er im Staub nieder und betete um Hilfe. Dann setzte er seinen Weg fort. Plötzlich hörte er hinter sich ein Gebrause, als ob sich ein Sturm zu ihm näherte. Er drehte sich um und sah einen Wagen, der aus einer Staubwolke auf ihn zukam. Der Wagen war von drei prächtigen schwarzen Pferden gezogen. Gelenkt wurde er von einem alten, grauen Kutscher mit freundlichem Gesicht. Der Wagen hielt neben Juraj an, und der Kutscher fragte ihn, wohin er gehe. Der Bursche sagte ihm direkt, was für eine Pflicht er habe.
„Du hast Glück, mein Lieber, auch ich fahre nach Prešporok. Steig schnell in die Kutsche ein, wir werden zusammenfahren. Bis es dunkel wird, sind wir wieder zurück in Smolenice“, versicherte ihm der Kutscher. Juraj zweifelte zwar an seinen Worten, war aber dessen bewusst, dass er nichts zu verlieren hatte. Zu Fuß würde ihm die Reise nach Prešporok mindestens drei Tage dauern, und genauso lange zurück. Also stieg er ein. Kaum eingestiegen, peitschte der Kutscher über die Pferde, und Juraj musste sich mit beiden Händen am Rand der Kutsche festhalten, um nicht herauszufallen. Staubwolken hüllten sie ein, und der Wind blies ihnen in den Rücken und so trieb sie voran. Juraj kam vom schnellen Galopp fast außer Atem, aber dann schlief er schnell ein. Plötzlich klopfte ihm der Kutscher an der Schulter, dem Jungen schien es, er hätte kaum die Augen geschlossen, und sagte:
„Hier sind wir, Juraj! Siehst du die Tore von Prešporok? Steig aus, erledige, was du zu erledigen hast und halte dich nirgendwo auf. Auch ich erledige hier meine Sachen. Dann komm hierher zurück, ich werde da auf dich warten, und wir fahren gleich nach Smolenice zurück.“
Juraj eilte in die Stadt. Er nahm weder die hohen, prächtigen Gebäude, noch die Parks, noch die Straßen oder die elegant gekleideten Damen, die durch sie flanierten, wahr. Er lenkte seine Schritte direkt zum Palast des Onkels des Burgherrn von Smolenice. Dort übergab er ihm den Brief des Kastellans. Dann nahm er die Antwort entgegen und schon machte sich auf den Rückweg. Er verließ die Stadt und ging zu dem Ort, wo er sich vom alten Kutscher verabschiedet hatte. Nach einer kurzen Weile tauchte die ihm bekannte Kutsche hinter seinem Rücken auf. Juraj stieg ein, und das Gespann setzte sich wie zuvor in Bewegung. Die Pferde trugen stolz ihre Köpfe, und von Zeit zu Zeit sprühten Funken aus ihren Mähnen. Juraj staunte darüber, weil er solche Pferde noch nie gesehen hatte. Er wunderte sich auch darüber, warum der alte Mann nur drei Pferde angespannt hatte und fragte danach. Der alte Kutscher antwortete nur kurz: „Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet, werde ich vier Pferde haben.“
Bald schlief Juraj wieder schnell ein, kein Wunder, er hatte so viel gesehen und erlebt. Er erwachte erst, als er den Knall der Peitsche hörte. Und schon standen sie vor dem Tor der Burg Smolenice. Juraj bedankte sich höflich beim Kutscher und eilte zum Kastellan, um ihm die Antwort auf seinen Brief zu geben. Als der Kastellan Juraj sah, erstarrte er. Er war noch mehr überrascht, als Juraj ihm die Antwort übergab.
„Hier ist etwas nicht in Ordnung“, sagte er, „dass du so schnell zurückgekehrt bist. Du musst mit Teufel und Hölle verbunden sein.“
„Herr Kastellan!“, wagte Juraj zu widersprechen. „Der Himmel hat mir geholfen, und Gott selbst hat mich vor der Rache gerettet, die Sie für mich geplant hatten!“
„Alles vergebens!“, sagte der Kastellan. „Du hast meinen Befehl nicht richtig ausgeführt. Sieh, die Sonne ist bereits hinter den Bergen untergegangen. Jetzt wird dir auch deine himmlische Hilfe nicht mehr helfen. Du wirst der Strafe, die dich erwartet, nicht entgehen!“
In diesem Augenblick drangen feurige Strahlen der untergehenden Sonne durch die Fenster des Zimmers, in dem dieses Gespräch stattfand. Sie trafen auch den Kastellan, der plötzlich tot zu Boden fiel. Ein unterirdisches Grollen und Beben erschütterten die Burg, und draußen brach ein furchtbarer Sturm los.
Juraj wurde stark von Furcht ergriffen. Eine Art übernatürliche Kraft zog ihn zum Fenster. Auf dem Rasen vor der Burg sah er seinen Wohltäter, den alten, grauhaarigen Kutscher, der bereits vier Pferde angespannt hatte. Mit einem schnellen Schwung schwippte er seine Peitsche über die Pferdeköpfe. Im Nu flog das gesamte Gespann über die Lederbrücke zum nahegelegenen Hügel Veterlink und verschwand in den Wolken darüber.
Juraj wurde zum Bürgermeister von Smolenice gewählt und bis zu seinem Tode verteidigte er gerecht die Interessen seiner Landsleute.
Geschrieben von Jana Judinyová.
E-Mail Zusendung von Jana Judinyová, Dezember 2025.