Der steinerne Mönch vor der Geisterburg Hričov

Wo sonst nur königliche Adler horsten, auf einer Zinkenkrone von Felsen stand einst eine Burg, geringen Umfangs aber seltsamen Anblicks, fest, klar, trotzig, gleich jener Zeit und jenen Menschen. Nun ist sie verfallen, und mehr als drei Jahrhunderte währt schon die Sage: Hričov sei nur mehr der Aufenthaltsort böser Geister.

Fast zugleich mit dem jagellonischen Königsgeschlecht und mit der Festsetzung der Osmanen im Ungarischen Königsreich erlosch auch der Stamm der ursprünglichen Burgherren von Hričov: der Ritter von Lahar. Zuerst starben nacheinander vier Söhne des Burgherrn und dann der Burgherr selbst. Er hinterließ die Burg mit weitläufigen Gütern seiner Gemahlin. Das reiche Erbe lockte viele Freier. Sie wurden aber abgewiesen und drei Jahre blieb die trauernde Witwe jedem äußeren Andrang unzugänglich.

Der Witwe nächster Nachbar, Franz Thurzo, ehemals Bischof von Nitra, darauf einer der heftigsten Verfechter der Glaubensneuerung, Herr der Burg Lietava, verlor zu jener Zeit seine Gattin.

Der Witwe ansehnliche Güter grenzten überall mit dem reichen Besitztum von Thurzo, vermischten und durchkreuzten sich häufig. Thurzo wollte natürlich seine Güter mit denen der reichen Witwe verbinden und so begann er um die Witwe zu werben. Aber sie konnte sich nicht entscheiden, dem um mehrere Jahre jüngeren Thurzo seine Hand zu reichen, obwohl er ihr nicht unsympathisch war. Sie tat das Ärgste, etwas Halbes. Sie nahm Franz Thurzo, mit königlicher Bewilligung an Sohnes statt an und ernannte ihn, jedoch erst nach ihrem Tod und auf Widerruf, zum Erben ihres sämtlichen Vermögens. Auf diese Weise erhoffte sie sich in der eitlen Hoffnung, in dem jüngeren Manne, dem sie sich herzlich und gänzlich ergab, ein fortwährendes, immer gleiches Interesse als Geliebten sich zu erhalten und nie den rauen Eheherrn wahrzunehmen.

Wenn auch über Jahre hinaus, genoss die Witwe Lahar, Burgfrau von Hričov, eine kräftige Gesundheit, die durch ihre Neigung zu Thurzo neu aufzukeimen schien. Thurzo wurde aber seine Rolle lästig. Er entschloss sich zu einem frechen Schritt. Schon in der nächsten Nacht drang er, nur von zwei vertrauten Knechten begleitet, in das Gemach seiner Wohltäterin, nötigte sie, ihm zu einem finsteren und abgelegenen Kerker zu folgen.

Am nächsten Morgen kündigte er dem Schlossvolke sich als Herrn an, weil die Herrin in so tobenden Wahnsinn verfallen ist, dass sie zu ihrer und Anderer Sicherheit, nach des (erkauften) Arztes Vorschrift, in unzugänglicher Verwahrung gehalten werden müsse. Zugleich entließ er alle getreue Diener der unglücklichen Frau und besetzte die Burg mit seinen eigenen Leuten.

Die Gefangene befand sich in einem bejammernswerten Zustand, erfüllt auch vom Schmerz über den furchtbaren Undank des Geliebten. Tage, Wochen, Monate verflossen und sie ergab sich der Verzweiflung. Zuletzt stieß sie auch grässliche Flüche und Verwünschungen aus - gegen die Burg, um deren Besitz willen sie sich lebendig begraben sah und gegen ihren Peiniger. Der Gefangenwärter, der ihr karge Nahrung reichte, informierte Thurzo und auch die Burgleute darüber. Allmählich schienen böse Geister die Burg und den neuen Burgherrn aufzusuchen. In den unterirdischen Gewölben polterte es, ein seltsames Wimmern durchheulte die langen Gänge, drohende Gestalten rauschten durch die Gemächer mit einem Gefolge verzerrter Tier- und Menschengebilde bis zur Thurzos Bett.

Einst meldete man ihm einen, im Ruf der Heiligkeit stehenden Mönch, der sich nicht abweisen ließ. Thurzo ließ ihn kommen. Als der Mönch nun seine Donnerstimme erhob und ihn vor seiner Dienerschaft der Gräueltat anklagte, ließ ihn Thurzo unsanft aus der Burg weisen. Der Mönch harrte nun vor dem Tor, in Wind und Wetter geduldig. Da keine Drohung ihn vertrieb, ließ ihn Thurzo zum Hungertod in den sogenannten Moderturm schleppen. Es geschah; aber nun sah Turzo von seinen Fenstern einen der Felsblöcke der Burg sich zum Riesengebilde eines drohenden Mönches anzuwachsen. So oft er auch es zu zertrümmern befahl, er sah es jeden Morgen drohender wieder. Seine Diener verließen ihn Einer nach dem Anderen.

Dieser endlose Ring von Schrecknissen zertrümmerte Turzos Frevelmut. Er befahl, die Witwe in Freiheit zu setzen, sobald sie beschworen, sich nie zu rächen und ihn nie zu verklagen. Aber als ihr Kerker sich auftat, bedurfte sie keiner irdischen Gnade mehr.

Wie von Furien getrieben, eilte nun Turzo zu seiner Burg Lietawa aber auch dort fand er keine Ruhe.
Die Geister vertrieben von Hričov nach und nach alle Bewohner, und als nun kein Schuldiger und auch kein Unschuldiger mehr dort war, stand die Burg in der nächsten Nacht, ohne allen kündbaren Anlass, von allen Seiten zugleich in Flammen und verfiel in Trümmer und Schutt. Einige Mal wollte man die Burg wieder aufbauen, aber jede Baustelle stürzte wieder zusammen. Desto getreuer hält der Fels, der steinerne Mönch genannt, noch immer die Wache vor dem ehemaligen Eingang zur Burg.

Bearbeitet nach der Sage: Der steinerne Mönch vor der Geisterburg Hricso von Jana Judinyová. Quelle: Erzählungen, Sagen und Legenden aus Ungarns Vorzeit von Alois Freiherrn von Mednyánzsky. Pesth, herausgegeben bei Konrad Adolph Hartleben, 1828, S. 80 - 89.

E-Mail Zusendung von Jana Judinyová, Dezember 2025.